Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Texte zur  Kommunikation
von Religion

 

Augustinus - der letzte antike Philosoph
und die neue (christliche) Logik des Schreckens

9-2012

Augustinus von Thagaste (354-430) ist einer der „großen“ lateinischen Kirchenlehrer der Spätantike. Von 395 bis zu seinem Tod 430 war er Bischof im nordafrikanischen Hippo Regius.  Er ist einer der einflussreichsten philosophierenden Theologen der christlichen Spätantike  und gilt bis heute als „Kirchenvater“.
Der Altphilologe Johannes Geffcken nennt ihn den „letzten ganz großen Philosophen des Altertums und zugleich einer neuen Weltanschauung Schöpfer". Augustinus ist einer der philosophischen Totengräber der Antike: Für ihn ist Philosophie eine “außerchristliche” Realität, ein fremdes Gut, und christlicher Glaube wird zur wahren Philosophie. Der Glaube geht für ihn der Erkenntnis voraus. Wo die Vernunft an der Suche nach Sinn scheitert, beginnt der Glaube, Insofern knüpft er an Tertullians „credo quia absurdum" an. 
Seine Bekenntnisse „sind ein burleskes Werk, in dem Augustinus in einer larmoyanten Mischung aus Gebet, Mutter-Sohn-Reflexion, Selbstbeweinung, Eigenbezichtigung, stupend-tiefsinniger und affektiv aufgeladener Frömmigkeit ein persönliches Glaubensbekenntnis zelebriert, das inhaltlich auf weiten Strecken infantile Züge aufweist“, fasst Rolf Bergmeier polemisch-kritisch zusammen.

„Beseelt von der biblischen Botschaft“ führt Augustinus Gott, Ewigkeit, Schöpfung, Moses, Adam und Eva als geschichtliche Tatsachen ein und argumentiert mit ihnen gegen überkommenes griechisches Wissen. Zum Beispiel:
- Zeit und Raum können nicht ewig sein, weil ja nur Gott ewig ist (Bekenntnisse 11,1-2).
- Vor der Schöpfung hat Gott nichts gemacht, denn da gab es ja noch keine Zeit (11,14).
- Frauen behalten nach der Auferstehung zwar ihre Geschlechtlichkeit bei, aber „die weibliche Geschlechtlichkeit" ist „über Beilager und Geburt" erhaben (Gottesstaat 22,17).
- Geschlechtlicher Verkehr ist für Augustinus „an sich Sünde“.   (http://www.unifr.ch/bkv/kapitel2258-20.htm)
- Augustinus formuliert den christlichen Antisemitismus unmissverständlich: „In euren Vätern habt ihr Christus getötet.“ Er nennt Juden ausdrücklich „Mörder“.
- Augustinus rechtfertigt Bücherverbrennungen, Enteignungen und die Zerstörung von Tempelanlagen (Retractiones).

- Augustinus wettert gegen die Theater: „Schaustellungen von Schändlichkeiten und Freistätten der Nichtswürdigkeit" sind Theater für ihn, er spricht von „Fäulnis und Pest der Seelen", „Verruchtheit" und „Unzucht", „wollüstigem Aberwitz".

Augustinus und die Sprache

Augustinus, der konvertierte Rhetorik-Lehrer, ist der intellektuelle Totengräber der klassischen Bildung. Mit großer Leidenschaft verdammt er die Freuden des Körpers und der Sinne und seine eigene Sexualität, den Begriff der sündigen concupiscentia wendet er gleichzeitig auf das Wissen an. Rhetorik bedient nur den Marktplatz der Geschwätzigkeit, und die concupiscentia aurium, Ohrengeilheit - neben der fleischlichen Lust verdammt Augustinus den Wissens-Durst:
„Außer der Begierlichkeit des Fleisches, die allen sinnlichen Freuungen und Genüssen zugrunde liegt ... wohnt in der Seele noch eine andere Art von Begier. Durch die gleichen Sinne des Leibes will sie zwar nicht im Fleische ihre Lust haben, aber durch das Mittel des Fleisches Erfahrungen machen: sie bemäntelt ihren hohlen Fürwitz mit dem Namen Erkenntnis und Wissenschaft. Da sie auf dem Erkenntnistrieb beruht und zum Erkennen an erster Stelle unter den Sinnen die Augen da sind, ist sie durch göttlichen Ausspruch Begierlichkeit der Augen genannt worden.“

(Praeter enim concupiscentiam carnis, quae inest in delectatione omnium sensuum et voluptatum ... 
inest animae per eosdem sensus corporis quaedam
non se oblectandi in carne, sed experiendi per carnem vana et curiosa cupiditas nomine cognitionis et scientiae palliata. Quae quoniam in appetitu noscendi est, oculi autem sunt ad noscendum in sensibus principes, concupiscentia oculorum  eloquio divino adpellata est.
 Conf. X, 35)

Wahrheit ist nur zu erfahren durch die Worte Gottes, und die hört der Gläubige nicht durch irgendeine Sprache, sondern im Herzen – „ohne das Werkzeug von Mund und Zunge, ohne Silbengetön“. In den „Kammern des Herzens“ sieht Augustinus den wahren „Tempel des Geistes“.
Durch die Zeichen der Sprache könne der Mensch nichts lernen, lehrt Augustinus in seiner Schrift
De Maestro (388), durch sein Aussprechen bezeichnen könne der Mensch nur Dinge, die er schon erkannt hat.
Das christliche Denken im Sinne des Kirchenvaters Augustinus beerdigt insofern die Antike. Die Sprache hat für ihn weder Erkenntnisfunktion noch eine legitime Kommunikationsfunktion, durch die Versenkung in den eigenen Innenraum des Herzens wird der Mensch Christ und findet die Wahrheit der Gottesoffenbarung.

Der Kirchenvater „übermalt reine Glaubensbekenntnisse mit scheinbar Rationalem“ (Bergmeier). Auch stilistisch setzt sich Augustinus deutlich von klassischem Philosophieren ab, wenn er seine Gedanken mit Gebeten und Bibelauszügen unterlegt. Seine „Philosophie“ ist Gottes-Phantasie und nicht Bemühen um vernünftige Erkenntnisse.
Geradezu abenteuerlich ist, was Augustinus alles über das Schicksal der Seele nach dem Tode weiß: „Während der Zeit jedoch zwischen dem Tode des Menschen und seiner letzten Auferstehung befinden sich die Seelen an verborgenen Aufenthaltsorten, je nachdem eine der Ruhe oder der Strafe würdig ist, d.h. je nach dem, was sie sich während ihres Lebens im Fleische verdient hat."
  (in seiner Schrift: Enchiridion, 29. Kapitel: Fegfeuer, Himmel und Hölle, http://www.unifr.ch/bkv/kapitel2258-28.htm)

Der Mensch besitzt keinen sittlichen Wert, ist sündhafte Elendsmasse (massa peccati): In seiner Schrift „Ad Simplicianum“ (396) entwickelt Augustinus die Lehre von der Erbsünde aus der falschen Übersetzung einer Textstelle des Römerbriefes (5,12), wo er das Lateinische „in quo omnes peccaverunt“ fälschlich auf Adam (in quo) bezieht anstatt korrekt mit „weil alle sündigten“ zu übersetzen, wie aus dem griechischen Text des Alten Testamentes hervorgeht.
An die Stelle eines (griechischen) Denkens, in dessen Zentrum der Mensch, sein irdisches Leben und seine Schönheit stehen, tritt mit der Theorie von der Erbsünde bei Augustinus eine Verklärung von Elend und Unterdrückung, also eine Rechtfertigung der Entmündigung der Menschen. Schönheit und Glück werden auf den Jüngsten Tag projiziert und wird nur denen versprochen, die sich der Kirche unterwerfen.
In einem Brief an Macedonius formuliert Augustinus:  „Jene aber, die in diesem trübseligen Leben, in diesem sterblichen Leibe, unter dieser Last des verweslichen Fleisches die Urheber ihrer Glückseligkeit und gleichsam deren Schöpfer sein wollen - meinen sie doch, sie aus eigenen Kräften erlangen zu können und gleichsam schon zu besitzen, ohne sie von jener Tugendquelle zu erbitten und zu hoffen -, konnten von Gott nichts merken, da er dem Stolze widersteht.“ Augustinus verlangt von den Gläubigen den Verzicht auf den eigenen Willen, Ausdauer im Gehorsam, Offenbarung aller bösen Gedanken und Taten in der Beichte. Gläubige Menschen reden nicht ungefragt, lassen sich nicht leicht und nicht gern zum Lachen bringen, sprechen wenig und nicht laut. Sie zeigen ihre Demut durch geneigtes Haupt und gesenkten Blick auch in ihrer Körperhaltung. Denn für Augustinus kann die wahre Autorität ist nur die göttliche sein und die vermittelt sich durch die katholische Kirche und ihre Tradition.

Augustinus und der Krieg

Für Augustinus folgt aus der Allmacht Gottes, dass es auf Erden keinen Krieg gegen Gottes Willen geben kann. Krieg kann nicht per se schlecht sein -  Christen dürfen daher auch für heidnische oder ungerechte Herrscher kämpfen, denn alle Macht auf Erden werde von Gott verliehen (neque enim habet in eos quisquam ullam potestatem, nisi cui data fuerit desuper). Das gilt erst recht in jedem Krieg, der in Gottes Namen geführt wird, da dieser niemals etwas Böses befehlen kann (quem male aliquid iubere non posse). An der Gerechtigkeit solcher Kriege darf man nicht zweifeln (dubitare fas non est).

„Was, in der Tat, ist denn überhaupt so falsch am Krieg? Dass Menschen sterben, die ohnehin irgendwann sterben werden, damit jene, die überleben, Frieden finden können? Ein Feigling mag darüber jammern, aber gläubige Menschen nicht [...]. Niemand darf jemals die Berechtigung eines Krieges bezweifeln, der in Gottes Namen befohlen wird, denn selbst das, was aus menschlicher Gier entsteht, kann weder den unkorrumpierbaren Gott noch seinen Heiligen etwas anhaben. Gott befiehlt Krieg, um den Stolz der Sterblichen auszutreiben, zu zerschmettern und zu unterwerfen. Krieg zu erdulden ist eine Probe für die Geduld der Gläubigen, um sie zu erniedrigen und seine väterlichen Zurechtweisungen anzunehmen. Denn niemand besitzt Macht über andere, wenn er sie nicht vom Himmel erhalten hat. Alle Gewalt wird nur auf Gottes Befehl oder mit seiner Erlaubnis ausgeübt. Und so kann ein Mann gerecht für die Ordnung kämpfen, selbst wenn er unter einem ungläubigen Herrscher dient. Was immer er tut, ist entweder eindeutig nicht gegen Gottes Vorschrift oder zumindest nicht eindeutig dagegen. Selbst wenn das Geben eines Befehls den Herrscher schuldig machen sollte, ist der Soldat, der ihm gehorcht, unschuldig. Wieviel unschuldiger muss da ein Mann sein, der einen Krieg führt, der von Gott befohlen wurde, der ja niemals etwas Falsches befehlen kann, wie jeder weiß, der ihm dient?“ (1)

Urteile über Augustinus

Für Kurt Flasch, der Augustinus „Ad Simplicianum“ herausgegeben und übersetzt hat, formuliert der Kirchenvater hier eine inhumane „Logik des Schreckens“ an der Schwelle zum christlichen Abendland. Flasch nennt Augustinus einen  „Klassiker der christlichen Intoleranz“, der aus der göttlichen Didaktik des Quälens eine kirchliche und familiäre ableitet.
Karl Jaspers urteilt: Es sind in Augustin Züge von Inhumanität, die man zu leicht übersieht.”

Rolf Bergmeier: „Augustinus ist eine vermutlich psychisch kranke, tragische Figur, zugleich die prägende Gestalt einer aus dem Ruder laufenden Religion. Er markiert in persona eine epochale Wende in der Geschichte des Denkens und der Kultur. Seine Lehre ist ein kolossaler, halluzinatorischer Fiebertraum und seine Fata Morgana ist nicht weniger extravagant, weil sie religiös genannt wird. Dass solche Wahnvorstellungen ungebremst zum Mittelpunkt der christlichen Lehre werden durften, dass diese Lehre fast zweitausend Jahre die Herzen der Menschen vergiften und die Sinne der Fürsten vernebeln durfte, ist Schuld der christlichen Kirche, die aus diesem Katastrophen-Szenarium gewaltige Vorteile ziehen wird.“
 

    Literatur:
    Rolf Bergmeier: Schatten über Europa - Der Untergang der antiken Kultur (Achaffenburg 2011)
    Kurt Flasch: Logik des Schreckens - Augustinus von Hippo: De diversis quaestionibus ad Simplicianum (1995)
    Kurt Flasch: Augustinus, Einführung in sein Denken (2. Aufl., 1994)

    (1) Im lateinischen Original: Quid enim culpatur in bello? An quia moriuntur quandoque morituri, ut domentur in pace victuri? Hoc reprehendere timidorum est, non religiosorum [...]. 75. Bellum autem quod gerendum Deo auctore suscipitur, recte suscipi, dubitare fas non est, vel ad terrendam, vel ad obterendam, vel ad subiugandam mortalium superbiam: quando ne illud quidem quod humana cupiditate geritur, non solum incorruptibili Deo, sed nec sanctis eius obesse aliquid potest; quibus potius ad exercendam patientiam, et ad humiliandam animam, ferendamque paternam disciplinam etiam prodesse invenitur. Neque enim habet in eos quisquam ullam potestatem, nisi cui data fuerit desuper. Non est enim potestas nisi a Deo, sive iubente, sive sinente. Cum ergo vir iustus, si forte sub rege homine etiam sacrilego militet, recte poscit illo iubente bellare civicae pacis ordinem servans; cui quod iubetur, vel non esse contra Dei praeceptum certum est, vel utrum sit, certum non est, ita ut fortasse reum regem faciat iniquitas imperandi, innocentem autem militem ostendat ordo serviendi: quanto magis in administratione bellorum innocentissime diversatur, qui Deo iubente belligerat, quem male aliquid iubere non posse, nemo qui ei servit ignorat.”
    Augustin. Contra Faust. 22,74 f. Zitiert nach: J. Migne: Sancti Aurelii Augustini, Hipponensis episcopi, opera omnia (Patrologia Latina Band 42)