Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Visuelle Kultur, Euro-Zentrismus und Islam

Über die Geschichte der Medien in den nicht-europäischen Kulturregionen
insbesondere in den Ländern Klein-Eurasiens 
(1)

2015

Was machen Medien mit Menschen? Menschen nutzen (neue) Medien – sie sind aber dabei nicht frei. Neue technische Medien werden in tradierte Kultur eingefügt, aber sie mobilisieren gleichzeitig Bedürfnisse -  durch neue Medien kann der Rahmen einer tradierten Kultur gesprengt und revolutioniert werden. Die Konfrontation des osmanischen, den Balkan und die arabische Welt umfassenden Kulturraumes „Kleineurasien“ mit der westeuropäischen Medien-Entwicklung bietet Beispiele für das Wechselspiel von Menschen und (neuen) Medien. 

„Maria TV“, ein 2012 gegründeter ägyptischer Fernsehsender von voll verschleierten Frauen (für voll verschleierte Frauen) war ein Beispiel dafür, wie neue Medientechniken in eine tradierte Kultur eingefügt werden sollten.
Die weiblichen Rachegeister ebenso, die die in die japanischen Horrorfilme bevölkern und Anknüpfungspunkte an die literarische Tradition der rächenden Frauen-Seelen bieten.

Selfie auf der Hadsch
2015: Selfie-Fieber auf der Hadsch

Es scheint, als sei das einzige Ziel des Hadsch, Erinnerungsfotos zu machen anstatt zu beten”, wetterte der Gelehrte Scheich Abdul Rassak al-Badr in der saudi-arabischen Tageszeitung Arab News. Er habe Muslime gesehen, die nur so täten als würden sie beten - in Wahrheit hätten sie vor dem Sonnenuntergang posiert.
Und dann kommen sie nach Hause und sagen: Schaut, da war ich am Berge Arafat!”
Auch der saudi-arabische Prediger Scheich Assim al-Hakim kritisierte die Selfie-Obsession der Pilger als Eitelkeit. Prophet Mohammed habe nach einer Überlieferung gesagt, er wünsche sich den Hadsch ohne jegliche Prahlerei.
Wer Selfies und Videos von sich macht, widersetzt sich dem
Wunsch unseres Propheten.”
Der ehemalige Grossmufti von Ägypten,
Ali Guma, beschimpfte die
Selfie-Mode als
Clownerie”.

Die Geschichte der Medien in den nicht-europäischen Kulturregionen zeigt aber insgesamt einen Prozess der visuellen Kolonialisierung. Insbesondere die islamische Kultur hat erbitterten Widerstand geleistet gegen die Modernisierung des Blicks. Aber Widerstand ist zwecklos, so scheint es. „Maria-TV“ will die islamische Frau bewahren vor den unzüchtigen Bildern der elektronischen Zeitalters – am Ende wird man feststellen, dass Maria-TV dich nur Brücken gebaut hat in die neue Welt und den wachsenden Hunger nach Bildern nicht sättigen kann.

Bild-Verehrung im Alten Orient

Die Kultur des Alten Orients war nicht immer an-ikonisch. Ausgrabungen etwa aus Jericho zeigen, dass dort –rund 7000 Jahre v.u.Z. – die Schädelknochen von Ahnen präpariert und im Haus aufgestellt wurden, damit sie in der Familie präsent sein können. Die Statue „belebte“ sich, wenn sie geweiht und verehrt wurde und Nachfahren mit ihr rituell kommunizierten.

Auch die Inschriften auf klassischen Grabsteinen reden zu den Menschen, die sie lesen. In der griechischen Philosophie, etwa bei Platon, werden die Einwände gegen die beseelte Auffassung von Bild-Skulpturen formuliert.
Die Seele sei unsichtbar, erklärte Platon, und könne nicht abgebildet werden. Das Bild sei nur eine handwerkliche Nachahmung, der keinerlei Kraft innewohne. Diese Profanisierung der Bild-Skulturen war eine Voraussetzung für die Entwicklung ästhetischer Kriterien für Kunst – die griechische Plastik sollte vollkommen schön sein.

Das emotionale, aggressive Bildnisverbot (L) in der jüdischen Tradition, im Christentum und im Islam zeigt, dass ihre Verfechter davon ausgingen, dass Bilder sich so verhalten können, als würden sie über eine Seele verfügen und als besäßen sie die Macht, Menschen zu beeinflussen und zu „binden“.  (L) Da sollten konkurrierende Götter ausgeschaltet werden. 
Auch die Schriftreligionen sind dabei ohne Visualisierungspraktiken nicht ausgekommen.

Die griechisch-römische Antike ist von Statuen geradezu bevölkert gewesen. Auch Konstantinopel wurde 324–330 von dem Begründer des „christlichen“ Staatskaisertums im Sinne der bilderfreundlichen Antike zur Residenz ausgebaut. Statuen waren „Massenmedium“ und verkündeten politische, religiöse und soziale Botschaften. In der überdimensionalen Kaiserstatue feierte sich der übernatürlicher Herrscher. Die Zerstörung von Kaiserstatuen hatte eine hohe symbolische Bedeutung.
Der Einfluss des eigentlich ikonoklastischen frühen Christentums, das anfangs ja den Kaiserkult verweigert hatte, kam erst in der Zerfallsphase des römischen Reiches zum Tragen. Die dargestellten Kaiser verloren ihre Gesichtszüge. An die Stelle der griechisch geprägten antiken Kultur trat die christlich geprägte Kultur der Einsiedler und Mönche. (L) An der christlichen Religion lag es jedenfalls nicht, wenn im Mittelalter die ersten Anzeichen für eine Renaissance im Kulturbereich des lateinischen, westlichen Europas auftauchten.

Kalligrafie und Buchdruck im an-ikonischen Islam

In der arabisch-islamische Kultur erfreut sich das Auge an der visuellen Schönheit der Schriftbilder. Schrift beruhte auf einer geometrischen Ordnung. Dem Wort Allahs, also dem Koran, sollte eine hoch entwickelte Kunst der Kalligrafie gerecht werden. Nach Auffassung des arabischen Gelehrten Alhazen (um 1000) musste die Schrift genauso geometrisch zu sein wie ein Ornament, der Schöpfer habe darin das Bausystem der Welt verschlüsselt. Erst durch seine Geometrie erhalte das Ornament wie auch die Schrift Bedeutung. Die Botschaft der Ornament-Schrift muss entziffert werden, das setzte eine kulturelle Einübung voraus – und sichert machtpolitische Privilegien der Gelehrten. Das Tabu figürlicher Darstellung und die Ablehnung der Dreidimensionalität kennzeichnet die Tradition der islamisch-osmanischen Kunst.

Anders als das lateinische Europa hat sich die islamische Welt lange Zeit der neuen Buchdruck-Technik widersetzt. Sultan Bajasid II. untersagte 1483 die Errichtung von Druckereien unter Todesstrafe. Jüdischen Flüchtlingen aus Spanien gestattete er derweil den Druck von ihren Büchern – ausgeschlossen waren Bücher in arabischer Sprache und Schrift.
Erst drei Jahrhunderte nach der Erfindung Gutenbergs, 1727, erlaubte Sultan Achmed III. in seinem Herrschaftsbereich den Buchdruck. Nach dem theologischen Gutachten religiöser Autoritäten durften säkulare Werke gedruckt werden, nicht aber theologische Überlieferung. „Der Koran selbst wird gar nicht erwähnt“, bemerkt Michael Mitterauer -  so selbstverständlich schien das offenbar.
Ogier Ghislain de Busbecq, ein gebildeter niederländischer Adeliger, der viele Jahre im Osmanischen Reich verbracht hat, wies schon im 16. Jahrhundert darauf hin, dass es bei den „Türken“ ein großes Interesse gab, militärische Erfindungen aus dem westlichen christlichen Kulturbereich zu übernehmen, etwa Kanonen oder Musketen. Zwei ausnahmen gebe es: den Buchdruck und die öffentlichen Uhren. Uhren würden, so Bisbecq, die Autorität
der Muezzine und ihrer traditionellen Riten untergraben.

Der Gründer der erster Druckerei für den Druck mit arabischen Lettern im Osmanischen Reich in Istanbul (1729) war Ibrahim Müteferrika, ein Mann ungarischer Abstammung. 1732 druckte er ein Buch, das er selbst geschrieben hat und das 1769 in der französischen Übersetzung als „Traité de la tactique“ erschien – der Text sollte den Osmanen erklären, warum die Christen ihnen militärisch überlegen waren. Die Schrift drängt auf Reformen in der osmanischen Verwaltung und beim Militär. 1741 musste der Betrieb geschlossen werden - wegen der Auflage, dass keine Bücher religiösen Inhalts gedruckt werden dürften. Die frühen Druckereien im westlichen Europa hätten ohne geschäftliche Erfolge mit religiösen Druckwerken auch nicht überlebt.

Die Ablehnung der neuen Druck-Technik war dabei keineswegs eine generelle Ablehnung von Büchern. Mit der Herstellung von Hadernpapier seit Beginn des 9. Jahrhunderts setzte im islamischen Raum eine Blüte des arabischen Schrifttums ein. Bis weit ins 16. Jahrhundert übertraf die osmanische Buchproduktion die im christlichen Westen. Bis heute finden sich in den Bibliotheken von Teheran, Istanbul oder Kairo große Bestände handgeschriebener Bücher.

Vom europäischen Holzschnitt blieb der islamische Kulturraum völlig unberührt. Der chinesische Blockdruck war im islamischen Kulturraum bekannt, den Beschreibstoff Papier übernahm man problemlos. Aber die ostasiatische Drucktechnik der Xylographie, die seit dem 14. Jahrhundert Anwendung in Europa fand, hatte keine Auswirkungen auf die islamische Buchproduktion. Im 19. Jahrhundert verbreitete dann aber die neue Drucktechnik der Lithographie sehr rasch - von Marokko bis Afghanistan und Persien. 1828 wurde er erstmals der Koran von Muslimen so vervielfältigt. Offenbar wurde dann das Verbot neuer Vervielfältigungstechniken als Mangel empfunden, religiöse Vorbehalte wurden ausgeräumt mit dem Hinweis, dass bei der Lithographie die Schrift von Kalligraphen gestaltet werden muss. Von dem anderen Argument gegen den Gutenbergschen Buchdruck, dass nämlich nach den Vorschriften des Korans selbst das Wort Gottes nur mit dem Schreibrohr verbreitet werden durfte, war im 19. Jahrhundert keine Rede mehr. Erst im Jahre 1874 wurde erlaubt, den Koran mit der Gutenberg-Technik mechanisch zu vervielfältigen.

Technisch wäre die arabische Schrift kein Problem für den Gutenberg-Druckstöcke gewesen – schon 1505 wurde in Granada eine Einführung in die arabische Sprache gedruckt, 1514 in Venedig ein Gebetbuch. Und Widerstand der Kopisten gab es auch anderswo: in Paris und auch in Moskau, wo der von Iwan IV. 1553 eingerichtete Druckhof von Kopisten gestürmt und zerstört wurde.
Mitterauer schließt aus diesen Beobachtungen, dass die vierhundertjährige Verzögerung der Durchsetzung der neuen Drucktechnik im orientalisch-islamischen Raum auf rein religiöse Motive zurückzuführen sei. Dagegen spricht allerdings der von ihm selbst vorgebrachte Vergleich mit der jüdischen Debatte um die Druck-Technik:
I
n jüdischen Kreisen wurde die Typographie mit großer Begeisterung aufgenommen. Abraham Conat, ein Jude, eröffnete schon 1475 in Mantua eine Druckerei und schwärmte von der neuen Kunst als „Schreiben mit tausend Federn ohne Wunder". Im jüdischen Kultus blieben Druckwerke allerdings ausgeschlossen. Die jüdischen religionsgelehrten rechtfertigten diese pragmatische Differenz mit dem Hinweis, dass Gottes Botschaft auf den Gesetzestafeln „eingraviert" worden sei, war „Gottes Schrift auf den Gesetzestafeln". Handschriftliche Bücher wie gedruckte Bücher wurden nicht als „eingraviert“ interpretiert und konkurrierten damit nicht mit der göttlichen Schrift-Produktion. Theologische Debatten können offenbar durchaus flexibel sein – bei den gebildeten und an Bücherwissen interessierten Juden bestand offenbar ein großes (auch kommerzielles) Interesse an der neuen Technik.

Muslimische und auch die die jüdische Bevölkerung in Kleineurasien war auch skeptisch gegenüber figürlichen Repräsentationen, die zur Popularisierung der Druckwerke im westlichen Europa schon im 16. Jahrhundert wesentlich beigetragen hatten. Die Unterschiedlichkeit der Entwicklung liegt vermutlich in den sozioökonomischen Rahmenbedingungen der Region begründet, insbesondere in der fehlenden Entwicklung eines städtischen Handwerks, später der geringen Niveaus der Industrialisierung. Nur vor diesem Hintergrund konnten die religiösen Autoritäten ihre Traditionen bis ins 19. Jahrhundert gegen Neuerungen abschotten. Die Gesellschaften waren patriarchalisch und tributär strukturiert, d.h. selbst in den Städten wohnten die religiösen Gruppen in ihren jeweiligen Wohnvierteln und hatten ihre spezifischen Institutionen.
Auch wenn sich im 19. Jahrhundert die Drucktechnik im Osmanischen Reich durchsetzte, hielt sich der kulturelle Bedarf in Grenzen. Noch heute ist die Zahl der gedruckten arabischen Bücher auffallend gering im Verhältnis zur arabischen Bevölkerung – das gilt insbesondere auch für die Bereiche säkularen Wissens
. Auch die Presselandschaft hat keine der europäischen, amerikanischen oder asiatischen Mediengeschichte vergleichbare Entwicklung im 20. Jahrhundert genommen – in vielfältiger Weise ist in der arabische Welt ein direkter Übergang von oral geprägten Kommunikationsformen zur elektronischen Technik zu registrieren.

Welche Macht den Neuerungen innewohnt, habe vor allem die osmanischen Militärs früh anerkannt. Die Technik des perspektivischen Zeichnens wurde im 18. Jahrhundert in den militärischen Ausbildungsprogrammen eingeführt und erst später in die künstlerische Ausbildung integriert.  Die Telegrafie erlaubte verschlüsselten Informationsfluss. 1854 war in Australien die erste Telegrafenlinie der Welt zwischen Melbourne und Port Melbourne errichtet worden, praktisch zeitgleich - 1855 - wurde die erste Telegrafenlinie im Osmanischen Reich während des Krimkriegs (1853–1856) errichtet.

Bilder und Fotografie im Okzident 

Mit der Technik, mit Ölfarben auf eine Leinwand zu malen, war in der westlichen Welt im 15. Jahrhundert eine Kultur der Bilder aufgeblüht.

Botticelli Primavera 1470

 

Sandro Botticelli 
malte um 1480 
für die Herrscher von Florenz, die Medici, 
ein großformatiges „Primavera“-Bild, 
die Natur nicht als Ordnung Gottes,
sondern als Ort der Lüste –
als habe er die Naturphilosophie des Lukrez
illustrieren wollen,
dessen
De rerum natura seit seiner Wiederentdeckung in Fulda 1417
das neue Denken inspiriert hatte.
 


Tizian Venus

 

 

 

 

 

 

 

Tizian (Tiziano Vecellio)
feierte mit seiner
„Venus von Urbino“ (1538)
 geradezu die Farbe und das lebendige Fleisch.
Auch seine lustvollen Gemälde demonstrieren die Überwältigung des Verstandes durch die suggestive Kraft der Bilder.

 

Lucas Cranach (1472–1553), ein Freund Luthers, schuf Porträts von Luther und seiner Ehefrau, genauso aber viele polemische Drucke, die das einfache Leben Jesu mit dem der Pracht und Herrlichkeit des Papstes verglichen – klassische Propaganda-Bilder, mit denen Martin Luther direkt mit dem „gemeinen Volk“ kommunizierte. Bilddrucke waren die visuelle Attraktion der reformatorischen Flugschriften, im 18. Jahrhundert waren Periodika, die Bilder integrieren konnten, besonders erfolgreich, zum Beispiel das Journal des Luxus und der Moden  (Link). In der Kunst der Bilder steckte ein großes kommerzielles Potential.

Die Fotografie konnte im „lateinischen” Europa im 19. Jahrhundert also auf eine lange Tradition visueller Erfahrungen und des visuellen Vergnügen aufbauen. Sie war ein neues Spektakel in einer Zeit, die schon voller visueller Angebote war.
Und es dauerte wenige Jahrzehnte, sie zu popularisieren: 1895 produzierte der Unternehmer George Eastman, der Gründer von Kodak,  täglich etwa 600 Kameras. Das Marketing richtete sich zusehends an Frauen, um den Markt für Kodak-Fotoalben anzukurbeln. 1899 erschien Die Woche als Deutschlands erste Foto-bebilderte Wochenzeitschrift. Die Berliner Illustrirte Zeitung zog 1901 bald nach, die sich insbesondere an Arbeiter richtete. Bis 1910 war der Kauf von Postkarten zu einem Massenvergnügen geworden.
Der Elsässer Geschäftsmann Albert Kahn unternahm 1908/09 eine Weltreise, auf der er 2.000 Meter Film belichtete. Fotografen und Kameraleute sammelten für ihn in 72.000 Bilder und 170.000 Meter Filmstreifen, mit denen er ein „Archiv des Planeten“ über die kulturellen Gebräuche der Menschheit seiner Zeit aufbauen wollte.

Fotografie im Orient

Während im orthodoxen Russland die Fotografie Anfang des 19. Jahrhunderts mit großer Begeisterung aufgenommen wurden und sofort russische Künstler nach Paris reisten, um die neue Technik mit eigenen Augen zu sehen, traf die neue Technik der Fotografie die visuelle Kultur im osmanischen Kulturbereich vollkommen unvorbereitet. Es hatte keine Tradition der Kunst der Skulpturen, der Ölmalerei oder der Druckbilder gegeben. Als in Kairo 1835 ein Monument in Erinnerung an den 1798 in Kairo ermordeten Adjutanten Napoleons in Ägypten, Joseph Sulkowski, aufgestellt wurde, attackierten erboste Massen attackierten die Statue. Für die Mehrheit der islamischen Bevölkerung war die Fotografie unverständlich und wurde als ein Verstoß gegen die religiösen Vorschriften verstanden. Sie beschäftigte bis zum Ersten Weltkrieg allenfalls die säkularen Eliten.
Osmanische Sultane zum Beispiel lehnten die Fotografie nicht ab, förderten sie sogar. 1836 hatte es der osmanische Sultan Mahmud II. gewagt, sein Porträt in einer Istanbuler Kaserne halböffentlich anbringen zu lassen. Die Veröffentlichung des Sultansporträts war eine Sensation. 1839 verkündete sein Nachfolger Abdülmecid I. (1839–1861), das er eine Neuordnung des Osmanischen Reichs nach europäischem Muster einleiten wolle. Sultan Abdülhamid II. (1876–1909) fotografierte sogar selbst.

Fotojournalismus setzte sich erst durch, als die Militärs als Propaganda-Instrument in den Balkankriegen 1912/13 entdeckt wurde. Sie gaben eine „Illustrierte Kriegschronik“ heraus. Die Kriegsfotografie war von den Militärs im Detail geregelt. Fotografie sollte als sinnlich wahrnehmbare, „wahre“ Informationen das Kriegsgeschehen dokumentieren – auch in Zeitungen. Die Fotografie bekam im Weltkrieges die Aufgabe, Massensterben und Massengräber zu dokumentieren und sie einer breiten Öffentlichkeit zu präsentieren.

Das Aufkommen der privaten Fotografie hatte im Osmanischen Reich aber auch zu einer Zirkulation von Frauenporträts geführt und das führte zu einer Regulierung: Schon 1900 hatte ein Osmanisches Dekret die Einfuhr und den Verkauf von Bildern untersagt, die den Namen Gottes und Mohammeds tragen. Verboten waren Bilder der Kaaba oder anderer Objekte Mekkas, Bilder muslimischer Gebäude und Zeremonien sowie Porträts von muslimischen Frauen.
Grundsätzlich lehnten die islamischen Gelehrten die Fotografie aber nicht ab, sondern entwickelten eine theologische Rechtfertigungs-Lehre: Das fotografische Bild galt lediglich als ein Zeichen und nicht als eine handwerkliche Schöpfung. Die auf einem Foto abgebildeten Dinge hätten keine Seele. Foto und bewegte Bilder bestärkten die Macht Gottes als Schöpfer und wetteifern nicht mit ihm.
1910 konnte so ein von einem Muslim geführtes Fotostudio in Istanbul  eröffnet werden, das erste im Osmanischen Reich. Die Fotoapparate erzeugten nicht nur mechanisch reproduzierbare, sondern vor allem säkulare Bilder. Die nationalen Märkte für die Hochzeits-, Porträt- und Familienfotos der heimischen Eliten waren aber zumindest bis zum Ersten Weltkrieg nicht selbsttragend. Von sich selbst ein fotografisches Bild anfertigen zu lassen, war offenbar nur wenigen ein Bedürfnis.

Als Resultat der osmanischen Katastrophe im Ersten Weltkrieg gerieten die meisten arabischen Staaten unter französische und englische Kolonialherrschaft, ihnen wurde die Europäisierung aufgezwungen.

Märtyrer Hussein bei einer Aschura-Prozession in Shiraz  Die politischen Bilderwelten der Kunst im öffentlichen Raumes von Teheran, zum
  Beispiel, zeigt, wie alle Versuche, die Tradition in die Moderne zu integrieren,
  zu naiver Kunst führt und am Ende doch nur die Überlegenheit der westlichen
  visuellen Kultur dokumentiert.

 

 

 

 

 

 

 

    Märtyrer Hussein bei einer Aschura-Prozession in Shiraz
    Foto: Charlotte Wiedemann

 

Anfänge der Filmkultur in Klein-Eurasien

Auch für die  Filmkultur gab es nur wenige mediale Anknüpfungspunkte. Das Theater, das sich im lateinischen Europa gegen den Widerstand der christlichen Kirche im 16. jahrhundert durchsetzen konnte, wurde in den Städten des Osmanischen Reichs um 1900 populär. Aber die Bildkultur der Fotografie hatte den Boden für den Film bereitet, schon 1895 waren erste Postkarten von dem Österreicher Max Fruchtermann auf den Istanbuler Markt gebracht worden.

Die Jungtürkische Revolution entdeckte im Jahre 1908 die propagandistische Wirkung des neuen Mediums Film. Eine Serie an Postkarten und Filmen über die Revolution von 1908 und über die gescheiterte Konterrevolution von 1909 entstand, in Istanbul eröffnete der erste Kinosaal in Istanbul.
Die serbische Armee richtete 1914 eine Filmabteilung zu Propaganda- und Wochenschauzwecken ein.
Gegen das Medium Film gab es keine grundsätzlichen Einwände mehr – seine Rechtfertigung argumentierte damit, der Film sei im Grunde nur eine Serie von Fotografien bei größerer Geschwindigkeit und die Film-Effekte also  optische Täuschung. Die Theologen der Kairoer Al-Azhar-Universität protestierten nur, als 1927 ein ägyptischer Schauspieler die Rolle des Propheten spielen wollte. Größeren Streit gab es um die Frage, ob Frauen der Kinobesuch ermöglicht werden sollte. Cowboy-Filme wurden als weniger verletzend empfunden als französische Liebesfilme, die etwa in Ägypten von der französischen Kolonialbehörde favorisiert wurden. 

Das elektronische Zeitalter: Fernsehen, Smartphone

Das Fernsehen wurde Mitte des 20. Jahrhunderts mit ähnlichem Enthusiasmus wie im Westen aufgenommen. In den Fernseh-Satellitenprogrammen gibt es Talkshows, Musikvideos. Das Fernsehen wird auch zur Verbreitung von Reden benutzt – in Gestalt der muslimischen Fernseh-Prediger. Überhaupt scheint der Anteil gefilmter Rede (von Männern) in klassischen arabischen Fernsehprogrammen größer als  bei ihren amerikanischen und europäischen Vorbildern.

Im wahhabitischen Saudi-Arabien stieß das Fernsehen zunächst auf erbitterten Widerstand der Geistlichkeit. Erst 1965 wurde es erlaubt – auch, weil die Eröffnung von Kinos drohte. Frauen oder kleine Mädchen in Kindersendungen durften anfänglich nicht gezeigt werden; die Fernsehbilder sind einer strengen religiösen Kontrolle unterworfen.
Das führt zu Kontroversen über die alten „Frauenfragen“: Darf weibliches Haupthaar gezeigt werden? Dürfen Frauen, für die lange ein  Bühnenverbot bestand, in Filmen auftreten und wenn ja mit welcher Kleider-Ordnung? Dürfen Frauen als Modelle für die Malerei oder als fotografische Objekte „benutzt“ werden?
Erst im Jahre 2006 wurde in Saudi-Arabien das Fotografieren im privaten und öffentlichen Bereich offiziell erlaubt. Zuvor war es vor allem von Jugendlichen geübte illegale Praxis. Um das Fotografier-verbot aufrechtzuerhalten, hatte das Regime 2002 Mobiltelefone mit Kamerafunktion verboten. Das war aber nicht mehr durchsetzbar. Smartphones waren beliebt als Medium der Kontaktanbahnung – als eine Technik der Umgehung der Traditionen der arrangierten Heirat.  Wie in anderen Kultur-Regionen der globalisierten Welt dienen private Handys auch zur Aufrechterhaltung der Kommunikation zwischen Familienangehörigen.

Im „Arabischen Frühling“ wurde erstmals der politische Sprengsatz der neuen Kommunikationstechnologie entdeckt. In Kulturen, in denen kaum eine Tradition der Printmedien existiert und die Fernsehprogramme staatlich kontrolliert sind, erwiesen sich Facebook und Twitter als schwer kontrollierbare Kommunikationsform der „einfachen jungen Leute“, von deren Dynamik die herrschenden Eliten überrascht und überfordert waren. Das schnelle Ende des „Arabischen Frühlings“ zeigte allerdings auch, dass es keine in der Bevölkerung verankerte demokratische Kultur gab. Ordnungsmächte sind neben den Militärs und den Familienclans vor allem die religiösen Führer, die miteinander rivalisieren und bei Bedarf auch Bündnisse eingehen.