Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Paulus,
 Erfinder des Christus-Theologie

Über das Verhältnis von jüdischer Jesus-Tradition und paulischer Christus-Mythologie

1-2013

Schon Goethe hat es geahnt, der protestantische Theologe Adolf von Harnack hat es fachkundig erforscht, Friedrich Nietzsche hat es 1881 in der ihm eigenen drastischen Weise zusammengefasst: „Erfinder der Christenheit" war nicht Jesus, sondern Paulus. Während Harnack noch versuchte, die Ergebnisse der Leben-Jesu-Forschung irgendwie in seinen Glauben zu integrieren, ist der jüdische Religionshistoriker Hyam Maccoby (1924-2004) frei von solchen Rücksichtnahmen. Er hat den Unterschied zwischen der jüdischen Gedankenwelt eines im dörflichen Galiläa umherziehenden Predigers und den Konstruktionen des griechisch gebildeten und im griechisch-römischen Kulturkreis missionierenden Paulus sehr detailliert nachgezeichnet. Es stellt sich die Frage, warum nicht der jüdische Wanderprediger zum Begründer einer Weltreligion wurde, sondern der griechische Missionar.

Paulus interessierte sich in überraschender Weise nicht für den historischen Jesus.
Nicht einmal der älteste Brief des Paulus an die heidenchristliche Gemeinde von Thessalonich, dem heutigen Thessaloniki, der vermutlich im Jahr 50 verfasst wurde und somit älter als alle Evangelien ist, enthält eine Information oder Betrachtung über das Leben Jesu. Kein Wort über die Problematik des Verrats von Judas Iskariot, nichts über das leere Grab oder andere bedeutsame Begebenheiten, die später in den Evangelien erzählt wurden.

Auffallend ist auch das Desinteresse an Maria. Wenn Paulus oder die von ihm betreuten christlichen Gemeinden sie wirklich – wie die Kirche es vierhundert Jahre später auf dem Konzil von Ephesus (431) festlegte - als „Gottesgebärerin” betrachtet hätte, dann müsste es von ihr in seinen Briefen Spuren geben, insbesondere auch in den Briefen an die Epheser, wo Maria nach späteren Legenden bis zu ihren Tode gelebt haben soll.
„Nur ein toter Jesus war für ihn ein guter Jesus", schrieb Rudolf Augstein in seinem Jesus-Buch über Paulus.

Mit seiner Christus-Interpretation machte Paulus aus der Bewegung der jüdischen Jesus-Anhänger eine religiöse Bewegung, die sich an die gesamte griechisch geprägte Welt richtete. Paulus brachte die Askese ins Christentum, er hielt den Leib für den Sitz der Sünde: „Ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde", schrieb er den Korinthern. (1. Kor 9,27) 

Jesus selbst kann nicht als Begründer des Christentums betrachtet werden”, so hat Hyam Maccoby (in: Der heilige Henker) die Befunde der historischen Jesus-Forschung zusammengefasst. Jesus habe sich „als gläubiger und praktizierender Jude” verstanden, „für den alleine die Hebräische Bibel das Wort Gottes war.”

Die frühe Kirche von Jerusalem

Die frühen Anhänger von Jesus verhielten sich denn auch unter der Anleitung von Jüngern Jesu und des Jesus-Bruders Jakobus wie fromme Juden. Sie waren „täglich und stets beieinander einmütig im Tempel“ (Apg. 2,46) Ihre jüdischen Traditionen waren weder von einer „Abendmahlsfeier“ noch von dem Tauf-Ritus verdrängt - die Beschneidung war Aufnahme-Ritual in die Kreise der Gläubigen. Sie verehrten Jesus als jüdischen Messias, nicht als gott-gleichen Erlöser. Die Apostelgeschichte erzählt in vielen Facetten den Streit zwischen den ursprünglichen jüdischen Jesus-Anhängern und dem Heiden-Missionar Paulus, der Jesus nicht kennen gelernt hatte. Maria, die spätere „Gottesmutter“, spielte keine Rolle bei den Nazarenern in Jerusalem. Die Ältesten der Nazarener, unter ihnen die früheren Jünger Jesu, zitierten Paulus sogar wegen seiner abweichenden Lehren nach Jerusalem und zwangen ihn zur einer Unterwerfungsgeste unter die Thora und zum traditionellen jüdischen Opfer. (Apg 21, 17-26). Sie betrachteten offensichtlich den Tod Jesu nicht Ersatz für die traditionellen Sühneopfer; noch im „Brief des Jakobus“ (vermutlich von Jakobus-Anhängern geschrieben), heißt es gut jüdisch: „So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selbst.“ Luther mochte diesen Brief nicht, obwohl er (spät) in den Kanon der Heiligen Schrift aufgenommen worden war, und stellte ihn in seiner Luther-Bibel nach hinten. 

Den Verfassern der Apostelgeschichte war deutlich, dass der historische Jesus nicht die jüdischen Gesetze relativiert hat. In der Geschichte vom Hauptmann Kornelius   geht da darum, dass der hungrige Petrus bei dem Nicht-Juden Kornelius fürstlich bewirtet werden soll, was nach den jüdischen Vorschriften streng verboten war. Wie rechtfertigt die Apostelgeschichte den Traditions-Bruch? In der Geschichte wird das Problem nicht durch ein Jesus-Wort gelöst, sondern der Autor erzählt von einer „Verzückung“ des Petrus, einer Sonderoffenbarung: Petrus „geriet in Verzückung und sah den Himmel aufgetan und etwas wie ein großes leinenen Tuch herabkommen, an vier Zipfeln  niedergelassen auf die Erde“ (Apg. 10, 11)  Petrus schildert sein Problem: „Ich habe noch nie etwas Verbotenes oder Unreines gegessen.“ Und die Stimme Gottes verkündet: „Was Gott rein gemacht hat, das nenne du nicht verboten.“ Und das „wurde wieder hinaufgenommen gen Himmel.“ Petrus braucht eine besondere Offenbarung, weil dies offenbar von Jesus so nicht „offenbart“ wurde.

Maccoby kommt in seiner Analyse der Auseinandersetzung zwischen Paulus und der Jerusalemer „Nazarener“-Gemeinde zu dem Schluss: „Wenn Jakobus, Jesu eigener Bruder, genauso wie die Apostel, die ja mit Jesus zusammen gelebt und gekämpft haben, offensichtlich niemals etwas von den Lehren des späteren Christentums gehört hatte – der Abschaffung der Thora und der Erhebung Jesu zum Gott – oder von den zentralen Ritualen, der Eucharistie und der Taufe“ (im christlichen Sinn des Wortes), dann sei doch die Schlussfolgerung zwingend, dass „Jesus selber auch nichts davon gewusst hat“. (Maccoby in: Der Mythenschmied)

Der protestantische Theologe Rudolf Bultmann hat vor diesem Hintergrund die Auffassung formuliert, christlicher Glaube könne sich nicht auf den historischen Jesus beziehen, sondern nur auf die mythologischen Geschichten vom Auferstandenen.

Die alttestamentlichen Geschichten und das Gewitter der griechischen Mythos-Kritik

Die Verschiedenheit der Denkweisen hat Kurt Flasch in seinem Buch „Eva und Adam – Wandlungen eines Mythos” (2004) herausgearbeitet. Die griechischen Philosophen, so schreibt er unter Hinweis auf Werner Jägers Buch „Theologie der frühen griechischen Denker“ (1953), haben „Kriterien dafür aufgestellt, was sich für einen Gott schickt und was nicht.“ Noch Homer hatte Dinge von den Göttern erzählt, die für die klassischen griechischen Philosophen nicht zu einer Gottheit passen. „Es schickte sich nicht, dass ein Gott im Garten spazieren ging, dass er töpferte und Felle zurechtschnitt.“ (Flasch) Es war mit dem Begriff des ‚wahren‘ Gottes unvereinbar, wenn die Erkenntnis von Gut und Böse als sein Privileg eifersüchtig verteidigte und den menschlichen Erkenntniswillen brutal bestrafte. Dass Gott den Seelenodem seinem Menschen in die Nase blies, erschien als eine geradezu kindliche Vorstellung. Eine sprechende Schlange kam in Märchen vor, nicht in der Vorstellung von der Natur. Die Bildung Evas aus einer Rippe war genauso wenig als ‚historischen‘ Vorgang zu begreifen wie Gottes Spaziergang im Garten.
Über die alttestamentlichen Geschichten kam die griechische Mythos-Kritik wie ein Gewitter. „Was mit dem Konzept des ‚wahren‘, des philosophisch-erhabenen Gottes unvereinbar war, das musste bildlich oder allegorisch gedeutet werden. Von da an zeigte der gute Ausleger, dass etwas anderes (allo) gemeint war, als was im Text stand. Berichtete Moses, dass Gott den Erdenstoff in die Hände nahm und daraus den Leib Adams formte, dann erklärte der Kommentator, das sei ‚bildlich‘ gemeint und wolle sagen, Gott habe sich mit besonderer Intensität dieser Arbeit gewidmet. Durch die Schriften von Philos und des Origenes lernte der lateinische Westen die alten Urgeschichten schon in ‚gereinigter‘, in allegorisierender Auslegung lesen. (…) Gott war ‚Geist‘, und was heißt hieß, lernte man bei Platon und Aristoteles, später bei Plotin; der ‚Lebensodem‘ in Adams Nase war zur ‚Seele‘ geworden, und was ‚Seele‘ hieß, erfuhr man bei Platon und Aristoteles, später auch bei Plotin, bei Avicenna und Averroes. Gott ist ‚Geist‘, das las man dann auch bei Johannes. Die geschichtliche Differenz zu Genesis 2, 4-3 … wurde in intensiver Kommentararbeit beseitigt.“ (nach: Kurt Flasch, , 2004)

Ein Amalgam aus jüdischer Tradition, griechischen Mythen und gnostischen Gedanken

Erst aus einer Verbindung der tradierten jüdischen Vorstellungen vom „Messias“ mit gnostischen Ideen eines „Erlösers” und Elementen der in den Mysterienkulten der griechisch-römischen Welt verbreiteten Vorstellungen eines sterbenden und wiederauferstehenden Gottes entstand Jahrzehnte nach Jesu Tod der erste Entwurf einer eigenständigen christlichen Religion – formuliert insbesondere durch Paulus.

Von diesem griechisch gebildeten Paulus aus Tarsos stammen dreizehn, bzw. vierzehn Briefe des später als Kanon definierten Neuen Testaments (die Autorenschaft des Hebräerbriefes ist umstritten), also ein Drittel der Heiligen Schrift (NT) des Christentums.

„Wie jeder andere erfolglose Messias wurde Jesus von den Juden schnell vergessen“, schreibt Maccoby, „außer von einer Handvoll seiner ergebenen Anhänger, die sich über sein heroisches Versagen mit dem Glauben hinwegtrösteten, er sei noch am Leben.“ Diese jüdischen Jesus-Anhänger aber (die Nazarener), „betrachteten ihn nicht als göttliche Gestalt, sondern als einen menschlichen Messias, den Gott wie Lazarus wieder zum Leben erweckt hatte, in Vorwegnahme der Auferstehung aller Toten, die allen Menschen prophezeit worden war, die es verdienten. Die Nazarener betrachteten … sich selbst als Juden, hielten sich an die jüdischen Gesetze und besuchten die jüdischen Synagogen und den Tempel.“

Paulus interpretierte die Auferstehung Jesu in einem vollkommen anderen Kontext.  Er war in Tarsus, einer großen hellenistischen Metropole in Kleinasien, aufgewachsen, ihm waren die Mysterienkulte geläufig und das Geheimwissen der Gnostiker. Die griechisch-römischen Kulte waren öffentliche Systeme zu beachtender Regeln und Riten, auch im Judentum drehte sich alles um die Beachtung der Thora-Gesetze, dagegen wurde in den Mysterien-Kulten schon eine Entwicklung hin zu privaten religiösen Überzeugungen deutlich, die individualisierten Bedürfnissen entsprachen.

Paulus hatte „für die Geschichte des Urchristentums" eine  „epochemachende Bedeutung", formulierte schon Harnack: „Paulus ist es gewesen, der die christliche Religion aus dem Judentum herausgeführt hat" und der „das Evangelium aus dem Orient, wo es auch später niemals recht hat gedeihen können, in den Occident verpflanzt worden ist." Er, „der geborene Jude und erzogene Pharisäer”, habe dem Evangelium „die Sprache verliehen, so dass es nicht nur den Griechen, sondern den Menschen verständlich wurde und mit dem gesamten geistigen Kapitale, welches in der Geschichte erarbeitet war, nun in Verbindung trat." Bewundernd wertete der gläubige Christ Harnack um die Jahrhundertwende: „Welche Einsicht, Zuversicht und Kraft gehörte dazu, um die neue Religion ihrem mütterlichen Boden zu entreißen und auf einen ganz neuen zu verpflanzen." Die „Verkündigung" von Paulus habe „sich von der ursprünglichen Predigt in wichtigen Stücken entfernt" und „einen Umsturz der Religion Israels bedeutet". Es habe sich gezeigt, was Kern und was Schale sei, so Harnack: „Schale war die ganze jüdische Bedingtheit der Predigt Jesu."

Der Religionsforscher Maccoby nimmt diesen Faden kritisch auf. „In den Paulusbriefen finden wir den Ausdruck der von ihm geschaffenen Synthese, die charakteristisch für das Christentum geblieben ist.“ (Maccoby)  Paulus unterscheidet im Sinne der Gnostiker zwischen dem „geistigen“ Menschen und dem „natürlichen“ Menschen, er benutzt für die kosmischen Mächte des Bösen die Begriffe „Reich“, „Kraft“ und „Macht“. Für einen jüdisch gebildeten Menschen geradezu widersinnig sind auch bestimmte Details, etwa wenn Paulus darauf beharrt, dass die Thora nicht von Gott an Moses übergeben wurde, sondern von einem „Engel“. Das erinnert mehr an den „Demiurgen“, die untergeordnete Figur des gnostischen Höchsten Gottes.

Das Gedankensystem, in das Paulus die Geschichte von der Kreuzigung einfügt – und er interessiert sich für Jesus nur als den Gekreuzigten – war also „in seinem Kern von den Mysterienreligionen abgeleitet. (...) Immer wenn Paulus über die Wirksamkeit der Kreuzigung  als eines Opfervorgangs schreibt, gebraucht er die Sprache der Mysterienreligionen.” (Maccoby)
Schon Harnack hatte erkannt, dass „der Begriff der 'Erlösung' ...  gar nicht so ohne weiteres in die Predigt Jesu eingestellt werden kann." In dieses Gerüst integrierte Paulus eine archaische Interpretation des Opfertodes. Der Opfertod habe, so Harnack, „offenbar einem religiösen Bedürfnisse entsprochen", das „in dem Tode Christi seine Befriedigung und darum sein Ende gefunden hat".

Die ältesten Christen lebten dagegen in der Erwartung der nahen Wiederkunft Christi.Diese Hoffnung war ein außerordentlich starkes Motiv, weltliche Dinge, Leid und Freud dieser Erde, gering zu achten.

Auch im Hinblick auf den Begriff des „Erlösers” ist der Bruch zwischen dem christlichen und dem jüdischen Verständnis auffallend. Das Judentum kennt nicht das Opfer einer übernatürlichen bzw. göttlichen Gestalt im Tauschvorgang gegen Erlösung. „Erlösung“ bezieht sich zudem auf eine physische oder politische Befreiung. Moses ist „Erlöser”, weil er die Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft befreite. Für das Christentum bedeutet „Erlösung“ dagegen Rettung vor dem ewigen Tod oder der Hölle. Die jüdische Vorstellung von „Auferstehung der Toten“ bezog sich nicht auf eine Unsterblichkeit der Seele, sondern auf die Auferstehung des Körpers. Dies wird noch in den Berichten der Evangelien um das leere Grab deutlich – ganz selbstverständlich geht es da um den Körper.

Auch der Ritus der Taufe ist erst Jahrzehnte nach Jesu Tod geformt worden. Aus der Formulierung des Matthäus-Evangeliums „Gehet hin in alle Welt …“ lässt sich schließen, dass dies kein Jesus-Zitat sein kann: Der historische Jesus hatte nicht „alle Welt“ im Kopf. Das gilt genauso für die trinitarische Formel „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Selbst für die Zeit der Abfassung des Matthäus-Evangeliums, um 70 nach Chr., wäre diese Formel verwunderlich – mit großer Wahrscheinlichkeit ist sie eine spätere Einfügung in die Abschriften. 

Aus den Mysterienkulten übernahm Paulus auch das Ritual des Abendmahls als  Teilhabe am Blut und Leib Christi: Im Jahre 56 erklärt er den Korinthern in seinem Brief den Sinn dieses Sakramentes (1. Kor. 11). Die Gemeinde dort praktizierte im überkommenen Sinne ein gemeinschaftliches Mahl, an dem vor allem die Armen Interesse hatten. Paulus wies sie barsch zurecht: „Wer Hunger hat, soll zu Hause essen.“ Im Mithras- und Attiskult kamen solche Gemeinschaftsmähler vor, bei denen die Speisen mystisch den Körper und das Blut des geopferten Gottes darstellen sollten. Erzählungen von Tod und Auferstehung von Gottheiten waren in den archaischen Kulten verbunden mit den Zyklen des Ackerbaus: Gott starb im Interesse einer guten Ernte und „kehrte ins Leben zurück” als Ritus, um „das Wunder der Wiederbelebung der Felder im Frühling” zu feiern.

Die Vorstellung, Jesus sei als Gottes Sohn durch eine wunderbare Zeugung zur Welt gekommen, klingt für jüdische Ohren sehr fremd. „Sie stammt aus dem Polytheismus und ist im Alten Orient und im Hellenismus weit verbreitet", wusste schon Hans Conzelmann in seinem „Grundriß der Theologie des Neuen Testaments" (mit Andreas Lindemann 1986/(6)1997). Außerhalb der jüdischen Traditionen gab es solche Geschichten, in denen Götter mit Menschen verkehrten, etwa bei den ägyptischen Pharaonen. Der makedonische König Alexander der Große, der römische Kaiser Augustus und die griechischen Philosophen Pythagoras und Plato etwa verdanken ihre Existenz göttlicher Zeugungskraft. Auch in der Bibel gibt es eine Geschichte, in der Gott selbst mit eigener Manneskraft als Zeuger eingriff: „Und der Herr suchte Sara heim, wie er gesagt hatte, und tat an ihr, wie er geredet hatte. Und Sara ward schwanger und gebar dem Abraham in seinem Alter einen Sohn." (1. Mose/Gen. 21,1-2)

Auffallend ist, dass schon in den Mysterienkulten die dann für das Christentum typische anti-fleischliche Einstellung hervortritt. Die Gnostiker, deren Einflüsse im paulinischen Christentum deutlich werden, radikalisierten die Desexualisierung: Sie kannten wie die Mystenenreligionen die Idee der Erlösung durch Tod und Auferstehung eines Gottes, die Erlösung wurde auf die geschlechtslose Seele bezogen, der geschlechtliche Leib war eine Verkörperung der Sünde - wie bei Paulus. An die Korinter schrieb er: „Ich bezwinge meinen Leib und zähme ihn, damit ich nicht andern predige und selbst verwerflich werde." (1. Kor 9,27).

Der Gott Attis, der Liebhaber der Göttin Kybele, wurde jedes Frühjahr durch ein Bildnis dargestellt, das an eine Kiefer gehängt wurde. In einer älteren Version des Mythos machte sein Blut die Felder fruchtbar. Paulus kam aus eben jener Region, in der die Kulte des Attis und der Kybele beheimatet waren. Die Gestalt der Isis mit  Horus, dargestellt als Mutter mit dem göttlichen Kind in einer Szenerie mit Krippe oder Kuhstall, war ein Vorläufer der Figur der Jungfrau Maria im späteren Christentum. „Die ekstatische Sentimentalität der Isis-Verehrung war eine Art Reaktionsbildung auf die Kapitulation männlicher Überlegenheit”, schreibt Maccoby.
 

Paulus zeigt sich übrigens in seinen Schriften als ebenso gnadenloser und autoritärer Interpret der neuen Religion wie er vorher als „Saulus” für die Verfolgung der Jesus-Anhänger zuständig war: So drohte er etwa im 1. Brief an die Korinther (16,22): „Wenn jemand den Herrn nicht lieb hat, der sei verflucht." Im Hebräer-Brief heißt es (9,22): „Ohne Blutvergießen geschieht keine Vergebung."
Von ihm stammt das heute noch geflügelte Wort: „Und da wir bei euch waren, geboten wir euch solches, daß, so jemand nicht will arbeiten, der soll auch nicht essen." (2. Thess 3,10 nach der Lutherbibel 1545) 
Jesus hatte noch von den Vögeln geschwärmt, die nicht säen und nicht ernten und trotzdem von Gott genährt werden.

 

    Lit:

    Hyam Maccoby: Der heilige Henker. Die Menschenopfer und das Vermächtnis der Schuld (1999)
    Hyam Maccoby:
    Der Mythenschmied: Paulus und die Erfindung des Christentums (2007)
    Adolf von Harnack
    , Das Wesen des Christentums. nach seinen Vorlesungen 1899/1900, 2. Auflage 1929
                 
    http://de.wikisource.org/wiki/Das_Wesen_des_Christentums/Zehnte_Vorlesung
    Kurt
    Flasch, Eva und Adam – Wandlungen eines Mythos  (2004)

 

    Nachbemerkung:
    Udo Schnelle, Paulus. Leben und Denken (2003)
    Dieses Lehrbuch des Hallenser Theologen ist das christliche Gegenstück zu den Analysen von Maccoby. Der Frage, was der griechisch gebildete Paulus dem jüdischen Prediger Jesus hinzufügen musste, kann er nicht ausklammern, am Ende ist diese Frage für Schnelle aber nicht wesentlich:  „Für das sachgemäße theologische und historische Verständnis der Bibel gilt nach Paulus: Gottes Wort im Menschenwort”, schreibt er in seinem online-Text über „Die Entstehung und der Inhalt des Neuen Testaments“
    (
    http://www.theologie-online.uni-goettingen.de/nt/schnelle.htm)
    „Paulus musste konstruieren, rationalisieren und spekulieren, um argumentativ nicht völlig aus der Bahn geworfen zu werden“, heißt es in seinem Buch (S. 390), an einer Stelle, wo es um das zentrale Verhältnis zwischen Juden-Glauben und neuem Christen-Glauben geht. Schnelle sieht das Motiv von Paulus sehr nüchtern: „Der Erfolg seiner beschneidungsfreien Heidenmission stellte Paulus vor enorme Probleme“ (S. 438), da gebe es „nachträglichen Rationalisierungen“. Bei dem, was Paulus da formuliert habe, gebe es offene Fragen, schließt der Theologe, diese Fragen seien auch heute noch offen: „Sie können nicht beantwortet werden, weil allein Gott die Antwort weiß.“ 
    Wo der Glaube beginnt, muss für gläubige Wissenschaftler wie Udo Schnelle offenbar die kritische Vernunft zurückstecken!

    Ein verblüffend offenes Beispiel für den vollkommen unkritischen Umgang mit der griechischen Umwandlung der Botschaft des galiläischen Jesus bietet der Münchener Professor für orthodoxe Theologie (1994-2005), Theodor Nikolaou in seinem Aufsatz über „Die griechisch-christliche Kultur und die Einheit der Kirche“.
    Dass es zu einer „inneren Begegnung und engen Verbindung der hellenistischen Geistes- und Kulturwelt mit der Botschaft Christi“ gekommen“ sei und „die griechisch-christliche Kultur“ entstand, sei „ein unleugbares geistes- und kulturgeschichtliches Faktum“, erklärt er. „Die Universalität des Christentums ist ohne die Verbreitung und Vorleistung des Hellenismus kaum vorstellbar.” 
    In der Feststellung einer „Hellenisierung" des Christentums liegt für ihn aber keine Kritik: “Denn der Hellenismus bedeutet nicht nur Verbreitung des griechischen Geistes und Denkens unter vielen Völkern und Vereinheitlichung der damaligen Welt und Kultur, sondern ist auch die geistige Brücke, über die die edelsten Früchte des menschlichen Geistes in die einzige wahre Religion, das Christentum, hinübergerettet wurden. Dadurch wurde der Hellenismus eine Art Nervensystem des Christentums, das zu seiner weltweiten geschichtlichen Verwirklichung beigetragen hat und weiterhin beiträgt.“
    Unverträglichkeiten zwischen Elemente des Hellenismus und Jesus-Botschaften, die nicht in das Christentum integrieren werden konnten und die vernichtet und verbrannt wurden, scheint es für Nikolaou nicht gegeben zu haben.
    Dem Einwand von Adolf von Harnack, dass damit die Lehre des Jesus von Nazareth verfälscht wurde, hält Nikolaou die „Glaubensüberzeugung“ entgegen, „daß die Kirche als geschichtlicher Organismus, der vom Heiligen Geist geleitet wird, ihr Leben berechtigterweise in organischer Einheit mit ihrer Umgebung des Judentums und des Griechentums zu entfalten hatte“. Die „Festlegung des trinitarischen und des christologischen Dogmas durch die Alte Kirche“ stellen für Nikolaou „einmalige und für alle Zeiten verbindliche Vorgänge im Leben der Kirche dar“.
    Die Auseinandersetzung verschiedener Strömungen im Christentum, die gewaltsame Unterdrückung von als „häretisch“ abgestempelten Auffassungen, all das hat es für Nikolaou nicht gegeben: „Das altkirchliche Dogma ist im wahren Sinne des Wortes ökumenisch. Es ist ökumenisch nicht nur, weil es die Universalität der christlichen Botschaft gesichert hat, sondern auch und vor allem, weil es in der damaligen Ökumene von allen Christen als verbindlich angesehen und erlebt wurde und dadurch die Einheit der Kirche weitestgehend gewährleistet hat.

        (Theodor
    Nikolaou: Die griechisch-christliche Kultur und die Einheit der Kirche,
         in: Kirchen im Kontext unterschiedlicher Kulturen  Hg. von K.Ch. Felmy u.a. (1991)