Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

 Joshua Meyrowitz oder:
Wie das Fernsehen die Gesellschaft
des 20. Jahrhunderts verändert

2010

Massenmedien stellen für die Mitglieder einer Gesellschaft einen gemeinsamen „Erfahrungsraum” her, der weit über individuelle Erlebnishorizonte hinausgreift.
Das Fernsehen strukturiert seit den 50-er Jahren des 20. Jahrhunderts das häusliche Leben neu und ermöglicht dem Einzelnen eine Teilhabe an sozialen Situationen, die ihm bis dahin verschlossen waren.

In einer Gesellschaft von „flexiblen Menschen“, die am Tage acht lang Stunden beliebig wechselnden Jobs nachgehen und darin kaum noch Identität finden können, bekommt das mediale Erleben am Feierabend - vor dem Bildschirm - große Bedeutung.

Media Events sind die Höhepunkte des Feierabends, sie lassen an wichtigen und emotional verdichteten Ereignissen teilhaben  - und stellen das in den Aufmerksamkeits-Schatten, was man acht Stunden lang war.

Joshua Meyrowitz, Medientheoretiker von der Universität New Hampshire, hat die Veränderung der Gesellschaft durch das Fernsehen in den 1980-er Jahren unter Bezugnahme auf Marshall McLuhan und den Soziologen Irving Goffman analysiert.

Die These seines Hauptwerkes „No Sense of Place" (1985): „Die elektronischen Medien beeinflussen uns also nicht nur durch ihren Inhalt, sondern auch dadurch, dass sie die ‘Situations-Geographie’ unseres Lebens entscheidend verändern.” Die elektronischen Medien führen zu einer Auflösung der räumlichen Verortung der sozialen Kommunikation.
Meyrowitz bezieht sich auf die Rollentheorie des Soziologen Irving Goffmann.  Soziales Verhalten wird danach durch das (in der Sozialisation erworbene) Wissen über ein situationsadäquates” Verhalten strukturiert. Welche Rollen kann man schon kennen, wenn man bei einem Schuster aufgewachsen ist? Handwerker-Gesellen mussten wandern, um Erfahrungen zu machen. „Stadtluft macht frei“ bedeutet Jahrhunderte lang: Die Stadt schafft die Freiheit, zwischen bekannten Rollen zu wählen und zu wechseln.
Traditionell definierte der physische Ort auch den „sozialen Ort” des Selbst-Bewusstseins und des Handelns. Der Raum war eindeutig bestimmt, und es gab Räume, zu denen nur bestimmte Personen Zugang haben, in denen daher spezifische Verhaltensnormen gültig sind. Auch die Anwesenheit anderer Personen bestimmt den sozialen Ort: Menschen verhalten sich anders, wenn sie wissen, wer ihnen zuhört, wer ihnen zusieht oder wer sie nicht sehen und hören kann. „Der Priester”, „der Richter”, „der Lehrer” sind kommunikative Rollenkonzepte, die traditionell an Räume gebunden waren. „Wir alle spielen Theater" sagt Goffman, Rollen schaffen Sicherheit für die Erwartungs-Haltung, ohne ein solches „Theater-Spiel" wäre soziales Leben nicht denkbar. Authentisch und „wahrhaftig” ist soziales Verhalten, wenn es dem erwarteten Rollenspiel entspricht. Als „falsch” wird ein Individuum empfunden, wenn deutlich wird, dass sich die unterschiedlichen Rollen, die es an unterschiedlichen Orten spielt, allzu sehr (moralisch) widersprechen.

Elektronische Medien, insbesondere das Fernsehen, lösen die noch aus den Zeiten der Buchkultur als so selbstverständlich und „normal” empfundene Strukturierung sozialer Räume auf. „Wo man ist, hat heute wenig damit zu tun, wer man ist; denn der Ort, an dem man sich befindet, hat nur wenig damit zu tun, was man weiß und erfährt“, schreibt Meyrowitz - als hätte er in den 1980er Jahren schon die Kultur des Lebens mit dem Handy vorausgesehen. Der soziale Ort („place”) bestimmt nicht mehr den Zugang zu Informationswelten. Das Fernsehen als wichtigstes elektronisches Medium, das uns mehr als drei Stunden pro Tag und damit fast die Hälfte der Freizeit in seinen Bann zieht, erweitert es die erfahrbare Umwelt, es löst die Begrenztheit des physischen Ortes auf. „Wenn wir per Telefon, Radio, Fernsehen oder Computer miteinander kommunizieren, hat der Ort, an dem wir uns physisch befinden, nichts mehr damit zu tun, wo und wer wir – sozial gesehen – sind.“ (Meyrowitz)

Während die Printmedien nur – gemessen an der oralen Kommunikationskultur – zusätzliche abgetrennte Informationswelten schufen, die von jeweils bestimmten Zielgruppen genutzt wurden, integriert das Fernsehen prinzipiell alle Informationswelten. Die physische Präsenz an einem bestimmten Ort entscheidet nicht mehr über den Zugang zu einer speziellen Wirklichkeit. Elektronische Medien schaffen die Möglichkeit, an sozialen Situationen teilzunehmen, ohne physisch anwesend zu sein.

Die Schriftsprache codiert die Informationen, die Fachsprachen ganz besonders – Bücher „versammeln“ Leser-Gemeinden, Fachbücher sind unlesbar für alle, die nicht vom Fach sind.  Die Bild-Sprache ist demgegenüber allen zugänglich.
Im Gegensatz zum Buch basiert Fernsehen auf einem Code, der für alle sozialen Rollen gleichermaßen verständlich ist und durch seine Visualität und Oralität eine Nähe zur Alltagskommunikation aufweist.

Frauen bekamen Zugang zu dem ehemals weitgehend abgeschlossenen Informationsnetz der Männer. Jedem Fernsehzuschauer sind dieselben Diskussionen über Ehe, Unfruchtbarkeit, Scheidung, Wechseljahre, Kindesmissbrauch, Alter, Krankheit, Tod offen zugänglich - typisch männliche und typisch weibliche Redeweisen darüber sind für das andere Geschlecht kein Geheimnis mehr.
Und das Fernsehen löst die Grenzen der Altersgruppen auf. Fernseh-Filme „zeigen den Kindern, wie sich Eltern verhalten, wenn sie nicht mit ihren Kindern zusammen sind“. Der Weisheits-Vorsprung, den alte Menschen traditionell hatten und der ihren Anspruch auf Respekt begründet, verschwindet in der Fernsehgesellschaft - es bleibt, dass sie nicht mehr so fit sind.

Meyrowitz thematisiert die Wirkungen des Mediums Fernsehen an drei Strängen:
- tradierte, an physische Orte gebundene Gruppenzugehörigkeiten lösen sich auf,
- Sozialisations-Stadien vermischen sich und

- Hierarchien werden eingeebnet.

Fernsehen verändert das Individuum, weil es seine sozialen Bezüge  unwichtiger macht. Gleichzeitig erscheinen Fremde, die regelmäßig im Fernsehen auftreten, wie gute Freunde. Hintergrundinformationen über Rollenverhalten wird durchsichtig. Es gibt auch global kaum noch verschiedenen Informationswelten getrennter sozialer Gruppen.
Traditionellerweise wird in der Sozialisation der Zugang zur Information der Gruppe kontrolliert. Die elektronische Medien erlauben keine Kontrolle mehr: Das Fernsehen versammelt die ganze Familie. Es reißt Mauern zwischen separaten Kulturen nieder - zwischen Männlichkeit und Weiblichkeit, Kindheit und Erwachsensein.

1 Idealisierte Männerwelt, häusliche Frauenwelt?

Das Fernsehen führt zur „Vermischung männlicher und weiblicher Informationssysteme“.
Feministinnen wurden lange auch von der Mehrheit der Frauen in früheren Jahrzehnten abgelehnt. Bis in die 1960er Jahre war „Feministin” eher ein Schimpfwort gewesen – wie Blaustrumpf. Die feministischen Schriftstellerinnen waren außergewöhnliche Frauen und gaben nicht die Empfindungen der Durchschnittsfrauen ihrer Zeit wieder.
Die Vorkämpferinnen der Wahlrechtsbewegung wollten nicht „Gleichberechtigung“, sondern ihren besonderen Status anerkannt bekommen. Das Stimmrecht für Frauen veränderte bei seiner Einführung die Mehrheitsverhältnisse nicht, die Stimme der Frauen orientierte sich weitgehend an der Stimme der (ihrer) Männer.

Typisch für diese gesellschaftliche Konstellation 1949 ist noch die Diskussion um die Formulierung „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“ in Art.3 Absatz 2 des Grundgesetzes: Vier Abgeordnete des Bundestages, Elisabeth Selber (SPD), Friederike Nadig (SPD), Helene Weber (CDU), Helene Wessel (Zentrum) gelten als „Mütter des Grundgesetzes“, weil sie diesen Passus im GG durchgesetzt haben. Die Kampagne wurde von Lobby-Vertreterinnen und Gewerkschaften unterstützt, hatte aber keine erkennbare gesellschaftliche Bewegung ausgelöst. Die Männer-Mehrheit im Bundestag konnte die Umsetzung der Gleichberechtigung im Bürgerlichen Recht zehn Jahre lang verschleppen.

In einer sehr kurzen Zeitspane, innerhalb von kaum zwanzig Jahren – in Deutschland zwischen 1960 und 1980 - hat sich das Rollenschema in der gesamten westlichen zivilisierten Welt verändert. „Wie konnte solch eine revolutionäre Veränderung im sozialen Bewusstsein in so kurzer Zeit stattfinden?“ fragt Meyrowitz. Und „was hat diesen Wandel – nach einer Weile - auch für so viele Männer als sinnvoll erscheinen lassen“? Auf diese Frage gibt es in der klassischen Frauenbewegungs-Literatur keine Antwort.

„Traditionell waren Männer in der Lage, an fast alle Orte zu gehen, die Frauen aufsuchen konnten, aber Frauen waren umgekehrt meist nicht in der Lage, die Orte aufzusuchen, an denen Männer sich aufhielten“ (Ärzte, Priester) Ihr differenziertes Rollenverhalten ermöglichte ihnen ein „vielschichtiges soziales Ich“. Die Welt war in „häuslich“ und „öffentlich“ geteilt. Mädchen fanden ihre Vorbilder als Rollenmodell vor allem in der Familie – andere Wirklichkeiten konnten nur durch „Expeditionen ins Ungewisse“ erschlossen werden.

Meyrowitz: „Trotz seiner sexistischen Inhalte hebt das Fernsehen ... die Trennung in männliche und weibliche Welten auf verschiedene Weise auf: Es vermischt die traditionell getrennten Informationssysteme der Geschlechter.” Die überkommenen Unterschiede zwischen den männlichen und weiblichen Rollen wurden immer wieder bestätigt, weil Frauen zu Hause isoliert waren, abgeschnitten von den Informationen der (Männer-)Welt, und weil sie ihre eigenen kommunikativen Netze pflegten. Das Fernsehen bringt die Domänen der Männer-Welt in den Haushalt. „Die elektronischen Medien, besonders das Fernsehen, haben die Trennungslinien zwischen der männlichen und weiblichen Welt beseitigt – und damit das, was die traditionellen Vorstellungen von Weiblichkeit aufrechterhielt.“

2 Verschwinden der Kindheit

Kinder „verstehen“ Erwachsenen-Sendungen. Kinder sehen den Schutzmann im TV oft in jämmerlicher Gestalt. Vor dem Fernseher gibt es keine Intimität mehr: Scheidung, Mord, Streit, dumme Autoritäten, korrupte Polizisten – alle Rollen sind besetzt und werden alltäglich vorgespielt. Ein Kind hat bis zu seinem 18. Lebensjahr rund 5.000 Fernsehtage hinter sich und also zwischen 10.000 und 50.000 Morde und Gewaltakten gesehen, sagt Manfred Spitzer (in: „Vorsicht Bildschirm”).
Das Fernsehen hat nicht mehr, wie Bücher es haben, einen eingebauten Zensor: Ein 16-Jähriger würde sich kein Buch über Säuglingspflege kaufen, aber eine Sendung hat er sehen. Er erhält Hintergrundinformationen über „fremdes” Rollenverhalten.
Und es gibt auch keine Sphären unbeobachteten Verhaltens mehr. Ein Kind, das ein „verbotenes“ Buch über Sexualität durchgeblättert hat, redet nicht darüber – es weiß nicht, ob die Eltern wissen, dass es das gesehen hat. Wenn die Eltern es wissen, reden sie auch nicht: Sie wissen nicht, ob das Kind weiß, dass die Eltern wissen, dass es das gelesen hat. Eltern müssten wissen, dass das Kind weiß, dass sie es wissen, dass es das Buch gelesen hat, um Kommunikation zu ermöglichen. Vor dem Fernseher wissen alle alles.

3 Fernsehen ermöglicht „Single-Gesellschaft”

Nach alten Theorien wirkt direkte Kommunikation wie ein „Pilzgeflecht“ unter der Erde. Bezugsgruppen bestimmen, welche Signale aufgenommen und wie sie verarbeitet werden. Katz/Lazarsfeld gehen davon aus, dass es themenspezifische „Meinungsführer“ gibt in jeder Gruppe. Entscheidend wäre dann: Sind die Meinungsführer innovative Menschen oder die traditionellen Autoritäten?

Was wird aus den Cliquen-spezifischen Meinungsführern, wenn die Gruppen-Verortungen der Menschen sich auflösen? Neue elektronische Medien ermöglichen neue „virtuelle“ Gruppenbildungen, virtuelle Meinungsführer. Der aus seiner Dorfgemeinschaft „Ausgestoßene“ im Mittelalter war verbannt, der Einzelgänger war noch im 19. Jahrhundert eine unmögliche Existenz. Das elektronische Medium schafft neue „Gemeinden“, neue zwischenmenschliche Verbindungen, die para-sozialen Beziehungen sind oft weniger „anstrengend” als die mit wirklichen Menschen.
Rational sind sich Medienrezipienten sehr wohl bewusst, dass die Bilder von fernen Erdteilen und die Liebesgeschichten auf dem Bildschirm nur mediale Bilder sind. Aber die Bildschirm-Geschichten gehen nicht nur nahe, weil sie „nahe” im Wohnbereich stattfinden. Kaum jemand möchte ernsthaft mit King Kong in einem Raum sein, aber auf dem Bildschirm üben King-Kong-Filme großen Reiz aus. Das Bildschirm-Erleben wird spontan, emotional und unbewusst ähnlich wie wirkliches Erleben verarbeitet, denn “die emotionale Aufarbeitung eingehender Stimuli erfolgt jedoch zum großen Teil durch Mechanismen, die evolutionär nicht für eine Unterscheidung zwischen real gegebenen und repräsentationalen Reizquellen ausgelegt sind” (Matthias Uhl).

In einer virtuellen Gemeinschaft mit para-sozialen Beziehungen empfindet sich auch ein als „Single“ lebender Mensch nicht „allein” - ohne elektronische Verbindungen wäre die Single-Gesellschaft kaum denkbar. Menschen benutzen den Fernseher und das Handy, um nicht allein  zu sein.

4 Fernsehen verändert die Politik

Auch in den demokratischen Gesellschaften des beginnenden 20. Jahrhunderts war es normal, dass die Wähler die Politik den Politikern überlassen. Denn Politiker hatten Zugang zu besonderen Informationen und bezogen daraus ihren besonderen Status. Demokratie war für Max Weber eine Form der Auswahl der Führer. Kommunisten hatten ihre Führer, Gewerkschaften hatten Führer, politischer Meinungsstreit war ein Streit der Führer, die um die Zustimmung der Massen” rangen.

Durch das Fernsehen potenzierte sich das Wissen, dass jedermann – und jede Frau - über Politik und Politiker haben konnte. So detailliert und vielseitig waren Menschen noch nie über ihre politisch Verantwortlichen informiert.
Je mehr darüber bekannt ist, was ein Repräsentant von Macht tut und was er nicht tut und nicht weiß, desto weniger legitim erscheint sein Anspruch auf Autorität. Das Fernsehen leuchtet auch die Hintergründe aus, beteiligt seine Zuschauer schon in der Vorbereitung von Entscheidungen an den Debatten und enthüllt vertrauliche Absprachen. Die Zeitungen zogen seit den 1970-er Jahren nach.
So detailliert und vielseitig waren Menschen noch nie über ihre politisch Verantwortlichen informiert.
Je mehr darüber bekannt ist, was ein Repräsentant von Macht tut und was er nicht tut und nicht weiß, desto weniger legitim erscheint sein Anspruch auf Autorität. 

Anti-Autoritäres Verhalten wird erst möglich, wenn „das Hintergrund-Verhalten unserer Autoritätspersonen“ enthüllt ist. Meyrowitz sagt: Die Explosion des kulturellen Konfliktes seit der der Mitte der 1960er Jahre passierte, als die erste Generation, die vor Eintritt in die Schule (diesem Tempel der Bildung) schon das Fernsehen hatte, erwachsen wurde. Diese Generation verwarf die tradierten Rollen für Alt und Jung, für Frauen und Männer, für Autoritäten und gewöhnliche Bürger. So ist die politischen Krawalle auf der Straße ganz stark auch ein Ergebnis der neuen Medien-Kultur. Denn die 1968’er Protestgeneration war die erste, die Einblick in den Hintergrund des Bühnenverhaltens der Politik hatte.

Das politikwissenschaftlichen Modell von repräsentativer Demokratie geht davon aus, dass das Volk nur Repräsentanten wählen kann, die dann die Führer wählen. Die Politikberichterstattung in den Zeitungen ist bis in die 50-er Jahre von diesem Bild geprägt - berichtet wird, was die politischen Führer sagen und entscheiden. Das gilt für die kommunistische Arbeiterzeitung wie für die konservativen Zeitungen.

Elektronischen Medien „unterminieren das ganze System abgestufter Hierarchie und delegierter Autorität“. (Meyrowitz)  Menschen mit hohem Status verlieren die Kontrolle über die Informationen. „Das Fernsehen entmystifiziert nicht nur die Orte, die tatsächlich gezeigt werden, sondern erzeugt auch ein neues Gefühl für die Zugänglichkeit und Offenheit aller Orte.“ Das muss zur Enttäuschung über Autoritätsfiguren führen: Die Meinungen über Politiker, auch über die „eigenen” Meinungsführer, sind in der Fernsehgesellschaft denkbar schlecht.

Die mediale Teilhabe an Politik macht die „Repräsentanten” zu tendenziell überflüssigen Figuren. Die Exekutive muss ihre Entscheidungen längst in erster Linie gegenüber „den Medien” rechtfertigen, also den Fernsehzuschauern, erst in zweiter Linie gegenüber den Repräsentanten in der Legislative und den Verbänden. Oft sitzen die Volksvertreter vor der Glotze, um mitzubekommen, was „ihre” Regierung entscheidet oder wie sie Entscheidungen begründet. Die parlamentarische Debatte wird zum Wiederholungs-Ritual von Diskussionen, die über die Medien längst erschöpfend geführt worden sind. Politik wird fernsehgerecht (mediengerecht) inszeniert.
Die Etikettierung der Medien als vierter Gewalt” geht auf eine idealtypische Institutionenlehre  zurück, nach der sich Politik in der Demokratie im Spiel der drei Gewalten (Legislative, Exekutive, Judikative) vollzieht, das Volk alle vier Jahre sein Wahlrecht ausübt und ansonsten nur zuschauen darf. In der politischen Wirklichkeit sind Medien nicht „vierte” Gewalt neben der Legislative, sondern lösen die Legitimationsmuster der Legislative auf - weil sie einen permanenten und direkten Bezug zu dem demokratischen Souverän haben. Die Regierenden verdanken ihre Position nicht den Abgeordneten, sondern die Abgeordneten verdanken ihre Position den im Wahlkampf medial erfolgreichen Spitzenkandidaten.
Medien bekommen eine Scharnier-Funktion: Sie erklären dem Wahlvolk, was die Politik tut. Sie erklären den Politikern, was das Volk (über sie) denkt.

Was wird aus der Macht in dieser Gesellschaft? Wenn demnächst die vernetzten Multimedia-Menschen am Bildschirm per Knopfdruck jeden Abend quasi per Volksabstimmung mitentscheiden können, welcher Star die Wette gewonnen hat, wer die beste Figur macht und welcher Kommissar den Mörder jagen soll, dann wird kaum noch einzusehen sein, warum politische Entscheidungen nur alle vier Jahre durch die Form eines typografisch hergestellten Blattes, das in einen Wahl-Kasten geworfen wird, möglich sein soll.

Joshua Meyrowitz, Die Fernsehgesellschaft. Wirklichkeit und Identität im Medienzeitalter (1987)
Originaltitel: No sense of place. The Impact of Electronic Media on Social Behavior (1985)

 

    siehe auch die Texte
    Die politische Elite zwischen P€öbel und Zivilgesellschaft - Demokratie und Medien im 20. Jh.  M-G-Link
    Die Anfänge der westdeutschen Fernseh-Demokratie  M-G-Link
    Fernseh-Alltag: Zur Integration von Fernsehen und in den Alltag und
        des Alltags in die neue Fernseh-Medienkultur  
    M-G-Link
    TV-Realität: Fern-sehen, Dabei-sein - Fernsehen als Erweiterungsraum der Lebensrealität M-G-Link
    Sehen der Moderne - Neue Bilder in der neuen Medienkultur
     
    M-G-Link