Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

3 AS neu 200

ISBN 978-3-7418-5475-0
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at)wolschner.de

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche Wirklichkeits-Konstruktion im „Jahrhundert des Auges“

3 VR neu 200

ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at) wolschner.de

Neue Wissensordnung der Physik? Science Fiction!

Über das ordnende Denken der neuzeitlichen Physik
und seine mystische Nutzung in der Welt der
Science Fiction”-Phantasien

2-2016

Orale Sprache benennt und sortiert die Wahrnehmung nach praktischen Bedürfnissen. Schriftsprache kann Wahrnehmungs-Objekte nach Kriterien gruppieren, die der praktischen Lebenserfahrung des Sprechenden widersprechen. Die Sprache kann Begriffe konstruieren, denen keine greifbaren Dinge entsprechen. Schriftsprachliche Formulierungen können sich verselbstständigen und Beziehungen knüpfen unabhängig von der anschaulichen Gegenständlichkeit. 

So sehr auch Metaphern in ihre Begriffsbildungen und „Gesetze“ eingegangen sind - die modernen Naturwissenschaften sind ein Kind des Denkens in abstrakten Worten und Zeichen. Noch Johann Wolfgang von Goethe versuchte in seinen Studien zur Farbenlehre, das Sehen von Farbe als Bild-Wahrnehmung zu begreifen und sammelte dafür kulturgeschichtliche Details zur Bedeutung und Wertigkeit einzelner Farben. Seine Studien gehören nicht zur Erfolgsgeschichte der Naturwissenschaften. Unsere heutige Erkenntnis über das Farb-Sehen und alle praktischen Folgerungen basieren auf einem anderen Zugang, bei dem zunächst die physikalische Natur des Sonnenlichts und die Funktion der Augen-Linsen analysiert wurden. Als „Wort-Fetischisten“ abstrahieren Naturwissenschaftler vom Gesamt-Bild einer Erscheinung und ordnen die Natur nach ihren Begriffen, die wie eine „Brille auf der Nase" (Ludwig Wittgenstein) zwischen ihnen und der Realität stehen. Und die Physik entscheidet, welche Ausschnitte der physischen Realität sie untersucht – schon die Atmosphäre einer Kathedrale ist kein Thema für die Physik.

Die natürliche Lebensumwelt mit ihren Bedeutungen ist nicht die Welt der Physik. Der Der geometrische Raum ist eine reine Abstraktion, eine Fiktion der Geometer. Man kann ihn nicht sehen, man kann ihn sich nur vorstellen, wenn man ihn auf ein Blatt Papier malt. Der Raum ordnet die Umwelt nach drei senkrecht zueinander stehenden Achsen, für die Wahrnehmung der Lebenwesen gibt es solche willkürlichen Raumwinkel nicht. Schräg kann genauso gut sein. Für das Umweltraum-Empfinden der Lebewesen ist die Polarität von oben und unten wesentlich, unten ist die feste Oberfläche der Erde und oben das Licht, leichte Gegenstände fliegen nach oben, schwere fallen nach unten. Und für den Lebensumwelt-Raum ist die Richtung entscheidend, von der die Sonne aufgeht. Und die, in der sie untergeht.

Bewegungen in diesem Umweltraum sind schwerfällig und kosten Kraft. Die einfachen Gesetze der Bewegungsmechanik gelten nicht in dieser Welt, sie gelten für die ideale Himmelsmechanik. Ereignisse auf der Erde beginnen und enden abrupt. Entscheidend für die Gegenstände in der Lebensumwelt sind nicht ihre Körpern, sondern ihre Oberflächen. Diese Oberflächen verändern sich fließend, sie dehnen sich, können gequetscht werden, gebogen oder gebrochen werden.

In der Welt der Physik gibt es unendlich kleine und unendlich große Phänomene, Atome und Galaxien. Keines dieser Extreme hat Bedeutung für die Lebensumwelt der Lebewesen auf der Erde. Die Sinnesorgane der Lebewesen sind nicht in der Lage, Atome oder Galaxien wahrzunehmen. Leben findet in einem „Mesokosmos“ schmaler Bandbreiten statt, das größte Lebewesen ist wenige Meter groß, das kleinste vielleicht ein Bruchteil eines Millimeters. Die Masse eines Lebewesens liegt zwischen Milligramm und Kilogramm. Die Umwelt von Lebewesen ist etwas anderes als die Konstruktion der physikalischen Welt.  

Dass die Sprach-Worte dem Denken neue Dimensionen eröffnen, zeigen insbesondere die physikalischen Begriffe, mit denen das „Rauschen“ der Natur auf „erkennbare“ Zusammenhänge hin zerlegt wird. Dass sich eine Kutsche nur vorwärts bewegt, wenn (Pferde-)Kräfte wirken, entspricht dem Alltagsverstand. Der neue physikalische Kraft-Begriff klammerte die Reibung aus – ohne Krafteinwirkung würde die Kutsche sich dann gleichförmig wie ein Stern bewegen. Jedermann kann sehen, dass die Sonne um die Erde kreist – Johannes Kepler behauptete das Gegenteil.

Klar definierte Begriffe der Schriftsprache, abstrakte Modelle prägen das naturwissenschaftliche Wirklichkeits-Bewusstsein neu, wie zum Beispiel an der Geschichte der Kosmologie deutlich wird: Die Kreisform war wegen ihrer Einfachheit und Unteilbarkeit ein faszinierendes Denkmodell von eleganter Einfachheit und großer Verführungskraft. So stellten sich die Denker der Antike die Welt als von einem kreisförmigen Horizont umschlossene Fläche vor, über der sich der halbkugelige Himmel wölbt. Diese Weltsicht befriedigt den nach verständlicher Form suchenden Verstand so sehr, dass wahrnehmbare Erfahrungen es dagegen schwer haben. Noch Galileo Galilei verteidigte die einfache Form des Kreises als diejenige, die  göttlich sei und daher die Wahrnehmungsweise der Natur prägen müsse, gegen Keplers abweichende Messergebnisse. 

Modelle und Analogien, die einfach sind, haben immer eine hohe Plausibilität für den menschlichen Verstand. Noch im 17. Jahrhundert hat der Florentiner Astronom Francesco Sizi gegen Galileis Entdeckung der Jupitermonde folgendermaßen argumentiert: „Der menschliche Kopf hat sieben Fenster, zwei Nasenlöcher, zwei Augen, zwei Ohren und einen Mund; so gibt es auch im Himmel zwei günstige Sterne, zwei ungünstige, zwei Leuchten und den allein unentschiedenen und anteilslosen Merkur. Daraus und aus vielen anderen ähnlichen Naturerscheinungen, die aufzuzählen zu langwierig wäre, etwa den sieben Metallen usw., schließen wir, daß die Zahl der Planeten notwendigerweise sieben ist. . . Außerdem haben schon die Juden und andere alte Nationen, wie auch die modernen Europäer, die Einteilung der Woche in sieben Tage eingeführt und diese nach den sieben Planeten benannt. Wenn wir jetzt die Zahl der Planeten erhöhen, bricht dies ganze System zusammen.“

Feuer ist für Lebewesen ein gleichermaßen bedrohliches wie faszinierendes Phänomen. Es ist von derart gewaltiger Bedeutung, dass die menschliche Phantasie nach einem Verursacher sucht, einem göttlichen Willen. In ihrer Suche nach einfachen Erklärungen verstanden die alten Griechen das Feuer als ein „Element“ in einem System anderer Elemente (Luft, Wasser, Erde), als einen Urstoff, nicht als ein Ereignis. Die heutige naturwissenschaftliche Definition, nach der Feuer eine chemische Reaktion zwischen Sauerstoff und einem anderen Material ist, bei der Energie (Wärme und Licht) freigesetzt wird, macht das Feuer kalkulierbar, in kleineren Dimensionen auch beherrschbar. Aber sie blendet die Bedeutungshorizonte aus, die das naturgewaltige Feuer für die menschliche Umwelt-Wahrnehmung und die Bedeutung des beherrschten Feuers für das menschliche Leben haben.

Die Verbindung des Virtuellen zum Irdischen wird im Phänomen des Blitzes todernst. Bis weit ins 17. Jahrhundert war klar, dass es sich bei diesem Furcht erregenden Spektakel am Himmel um eine Botschaft Gottes handeln musste: Wen er traf, der war bestraft. Eine magische Realität, die in den Alltag hineinschlug. Jedes Kind heute weiß, dass der Blitz „irgendetwas mit Strom“ ist. Aber schon die Frage, was Strom sei, führt aufs quantentheoretische Glatteis. Mithilfe der Schriftkultur haben sich Naturkundler und Tüftler im 18. Jahrhundert überlegt, wie sie sich die magisch erscheinenden elektrisch-magnetischen Phänomene erklären  sollen. Man postulierte, dass es zwei „Fluide“ geben müsse, das Effluvium und das Affluvium, die wie Wasser von einem Körper auf einen anderen strömen könnten. „Strom" ist ein begriffliches Konstrukt aus einem mehr oder weniger magischen Kontext, die Wasser-Metapher ruft sinnlich vorstellbare Bilder auf für unvorstellbare Prozesse.

Die Weltbildvoraussetzung für die Durchdringung von Technik und Naturwissenschaft, die sich seit dem 17. Jahrhundert ausbreitete, lag in einem theistischen Glauben an die Ordnung natürlicher Phänomene. Die These, das die Natur klaren Gesetzen folge und dass diese Gesetze in der Sprache der Mathematik geschrieben und also beschreibbar sein müssten, war aber eine philosophische These, die sich nur durch die Beschreibung reibungsloser Vorgänge am Sternenhimmel illustrieren ließ. Insbesondere die Objekte der Chemie oder der Biologie, alles, was lebte, war viel zu komplex, um im 18. oder 19. Jahrhundert dem Postulat mathematischer Gesetzmäßigkeit unterworfen werden zu können. Die Einheit der Natur konnte nur mit dem Verweis auf die Allmacht des göttlichen Mathematikers begründet werden. Die Erklärungsversuche der Tüftler und Naturkundler bewegten sich in diesem theistischen Horizont.

Dabei war die Brille, durch die der Mensch der europäischen Neuzeit die Natur wahrnehmen wollte, ein ordnendes Denken mit konstruierten Begriffen, klar umschriebenen Typen und scharfen Unterscheidung des Entweder-Oder. Der Schweizer Anatom, Physiologe und Dichter Albrecht von Haller hat das im 18. Jahrhundert bei der staunenden Betrachtung der Vielfalt der Natur erkannt und so formuliert: „Natura in reticulum sua genera connexit, non in catenam: homines non possunt nisi catenam sequi, cum non plura simul possint sermone exponere.“ (Die Natur verknüpft ihre Gattungen in einem Netzwerk, nicht in einer Kette; die Menschen hingegen können nur einer Kette folgen, da sie in ihrer Rede nicht mehrere Dinge zugleich vorbringen können.) 

Inzwischen ist die Physik an einem Punkt angelangt, wo klar ist: Sie kann die Geheimnisse der Natur nicht erklären. Physiker vermessen heute „schwarze Löcher“ und „Oh-My-God-Teilchen", aber  niemand weiß, was das sein soll.

emc2Nach Einsteins allgemeiner Relativitätstheorie ist klar, dass die Schwerkraft den Raum krümmt und Licht ablenkt – bitte was? „Als Gravitationswellen bezeichnet man Wellen in der Raumzeit, die den Raum mit Lichtgeschwindigkeit durchqueren und ihn dabei stauchen und strecken“, erklärt uns Wikipedia. Jeder weiß, dass es weh tut, wenn der Stein auf den Fuß fällt, aber was Schwerkraft ist, weiß niemand. Quantenteilchen zeigen eine „spukhafte Fernwirkung", spottete schon Einstein. An die Stelle der Schöpfungsgeschichten ist die Hypothese eines „Urknalls“ getreten, aber hilft uns das weiter? Wir wissen inzwischen, dass die Galaxien zu ihren Rändern hin immer schneller rotieren wie gigantische Karussells. Aber es wirken keine Fliehkräfte – gibt es eine „Dunkle Masse“, die nicht leuchtet, kein Licht reflektiert, nur die geheimnisvolle Gravitationskraft ausströmt? Nach den mathematischen Berechnungen müsste so etwas 23 Prozent des Universums ausmachen. Am Anfang der neuzeitlichen Physik stand die Erfahrung, dass der Alltagsverstand die Naturphänomene nicht berechenbar macht, und die Behauptung, dass die abstrakte Mathematik die „Sprache der Natur“ sei. Die mathematische Naturberechnung erweist sich als andere Technik des menschlichen Verstandes, die sicherlich vieles berechenbarer macht als Mythologie, Astrologie und Allchemie. Sie ist ein kognitives Instrument, aber „Sprache der Natur“ ist sie nicht. Und sie befriedigt das kognitive Wissens-Bedürfnis nicht. Die Phantasiereisen der „virtuellen Realität“ bauen die abstrakten, den menschlichen Alltagsverstand übersteigenden naturwissenschaftlichen Modelle mühelos ein. Sie dokumentieren das Bedürfnis, das, was technisch möglich ist, bei weitem zu überflügeln. 

Die naturwissenschaftlichen Erklärungen entmystifizieren die alten Transzendenz-Erzählungen unverfügbarer Mächte des Lebens. Dies ist ein für den einzelnen Menschen äußerst unbefriedigender Zustand: Er sieht sich der Möglichkeit beraubt, die transzendenten Mächte durch Opfer, gute Taten oder Gebete anzurufen und damit möglicherweise verfügbar zu machen, d.h. mit den transzendenten Mächten zu handeln. Moderne religiöse Anti-Bewegungen gegen diese Entmystifizierung verzichten auf den Versuch, die alten religiösen Transzendenz-Erzählungen mit der Verstandes-Kultur der Aufklärung in Einklang zu bringen. Neue religiöse Bewegungen der Moderne sind als Transzendenz-Kulturen offensiv und selbstbewusst irrational, sie verehren geradezu trotzig ihre schlichte „Heilige Schrift"-Ikone gegen die anstrengende geistige Übermacht der Schriftkultur.

Die Science-Fiction-Phantasien verwandeln die phantastischen Möglichkeiten der modernen Technik und die unverständlichen Erklärungsmodelle der Naturwissenschaften in Spielzeug für den Hobby-Keller selbst gebastelter virtueller Realitäten. Da kann sich das mentale Bedürfnis nach transzendenten Geschichten in aller kindischen Unschuld munter austoben wie eine neue quasi-religiöse Phantasie.  Wenn sich in Filmen wie „Matrix“ physische und virtuelle Realität zu mischen scheinen, dann sind das nur weitergesponnene Visualisierungen entsprechender Texte über Computertechnik. Die Roboter rasen mit „Lichtgeschwindigkeit“ durch das All - der Begriff dafür ist entlehnt aus der Physik, einem Kunstprodukt einer nur schriftlich  denk- und nachvollziehbaren Wissenschaft, keiner leiblichen Wahr-nehmung zugänglich. Eigentlich meint „mit  Lichtgeschwindigkeit“ aber nur die sinnliche Empfindung von „superschnell“. In den phantastischen Filmen und Computerspielen des 21. Jahrhunderts kämpfen edle Ritter mit teuflisch-archaischen Naturgewalten und Maschinen-Phantasien. Neu ist visuelle Darstellungstechnik, nicht der Kern der Erzählungen. Die Produzenten der „virtual reality“ knüpfen an Bekanntes und Bewährtes an, Gladiatoren, Monster, außerirdische Halbgötter, „Elefanten“ aus Metall, Gut gegen Böse – und spinnen es mit neuzeitlichen Technik-Phantasien aus. Alte Geschichten werden in neuem Star-Wars-Design auf die Leinwand gebracht. „Frankenstein“ ist eine Kreation des Romans von Mary Shelley, veröffentlicht im Jahre 1818, die janusköpfige Figur des Dr. Jekyll und Mr. Hyde stammt aus Robert Louis Stevensons Roman von 1886.

Wenn die existentielle Angst, vernichtet zu werden, im Götterhimmel keine Mitspieler mehr findet, spielt die menschliche Phantasie mit Asteroiden und Außerirdischen.