Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Kultur der Erzählung

Wofür braucht der Mensch das symbolische Zeichenhanden?
1. Das normale alltagsweltliche Handeln kommt ohne Sinn aus.
2. Die Kultur des Erzählens stellt eine Kulturtechnik des Umgangs mit Nichtwissen dar.
3. Allzu große Konsequenz bei der Produktion von ‚Sinn’ wäre zeitraubend
und würde die Systemstabilisierung teuer machen

nach: Albrecht Koschorke, Wahrheit und Erfindung,
Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie (2012)

„Es ist ein Mythos der klassischen Kommunikationstheorien, dass man vor allem deshalb kommuniziert, um ein Informationsgefälle zu über-winden.“ Dies ist die provozierende These der Erzähl-Theorie des Literaturwissenschaftlers Albrecht Koschorke. Schon in Alltagsgesprächen, so der Literaturwissenschaftler, ermögliche das Erzählen es gerade durch seine großen Lücken und phantasievolle Lückenschließungen, „Kommunikation fortzusetzen, ohne dass diese durch einen Überfluss an unverarbeitbarer Information blockiert wird. Was für die Alltagskommunikation gelte, so Koschorke, gelte auch für die kulturelle Selbstverständigung: Kulturen „träumen und dichten sich eher, als dass sie sich denken. Auf dieser Stufe wird unentscheidbar, was Wahrheit und was Erfindung ist.“ Sie versorgen die Gesellschaft mit Sinn.

Der Alltag kommt ohne „Sinn“ aus

Der menschliche Geist assoziiert dabei Sinn keineswegs zu allen seinen Lebensaktivitäten, im Gegenteil. Das normale alltagsweltliche Handeln kommt ohne Sinn aus: „Sinn, verstanden als Zweckbestimmung und Rechtfertigung des Daseins, ist keine Voraussetzung dafür, zu leben - und gut zu leben. Lust, Genuss, organisches Wohlgefühl, Liebe, Befriedigung von Trieben haben keine ursprüngliche Referenz auf Sinn.“ Auch kulturelle Tätigkeiten wie Musik, Rhythmus oder Sprachklang sind rationalen Sinn-Kriterien nicht zugänglich.

Meist kommt das Alltagsleben aus mit einigermaßen plausiblen Vermutungen. Im zivilen Umgang „tut man so, als ob man sich verstünde“. Einevon vielen informellen Verhaltensregeln geschützte Konsensfiktion“ reicht aus als Basis der Kommunikation. Erst bei einer erheblichen Irritation wird die Sinnfrage aufgeworfen und erfordert besondere Aufmerksamkeit.

In der Kulturtheorie wird seit den Arbeiten von Walter Fisher aus den 1980er Jahren vom Menschen als homo narrans erzählt. Der vernunftbegabte und sprechende Mensch bezieht sich auf seine Umwelt und auf sich selbst durch Beobachtung und rationale Erwägung, aber er verbindet Wahrnehmungen erzählerisch zu „glaubhaften Geschichten“. Menschen „weben sich ihr Bild der Welt aus Erzählungen zusammen“, sie sind im Grunde „storytelling animals“ (Alasdair Macintyre).

Große Worte, leere Worte - Horizontbegriffe“

Große Erzählungen, die gesellschaftliche Integration schaffen, heften sich oft an einzelne Worte, an Begriffe wie Sinn, Gott, an Wertbegriffe wie Freiheit und Gerechtigkeit.
Ehre
ist ein emotional hoch besetzter Begriff, mit dem jeder etwas anderes meint und meinen darf. Gegen den Verweis auf die „Ehre“ ist daher kein argumentatives Kraut gewachsen, Ehre schmiedet zusammen und rechtfertigt (fast) jede Gewalt gegen Außenstehende. Dass „Ehre“ im Zweifelsfall auch getauscht werden kann, je nach Kultur auch gegen Geldsummen oder gegen Frauen – etwa im Afghanistan des 21. Jahrhunderts -, zeigt, wie relativ die so absolut klingende Ehre ist.

Solche begrifflichen Kategorien sind interpretationsfähig, Koschorke nennt sie „Horizontbegriffe“, weil sie etwas Unbestimmtes haben, Hoffnungen und Wertvorstellungen bündeln, Erwartungen mit Vertrauen aufladen, es sind „semantische Brückenköpfe in das reflexiv Unerfassbare hinein“. Mit solchen Begriffen werden Erzählungen aufgerufen, sie haben große integrative Funktion für den gesellschaftlichem Zusammenhalt, weil sie einen gefühlten Konsens schaffen, wenn  sich „Kontrahenten in der Akklamation desselben Wortes treffen können“. Auch die großen Proklamationen der europäischen Aufklärung sind Sätze solchen Typs. „Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, dass alle Menschen gleich erschaffen wurden, dass sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind“, heißt es in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von Amerika von 1776. Ihrer gefühlten Gütigkeit tat es,  zunächst jedenfalls, keinen Abbruch, dass die Vereinigten Staaten von Amerika Sklavenhalter als Menschen betrachtete und Sklaven eher wie die Tiere ausschloss von den „unveräußerlichen“ Rechten.

„Im Guten wie im Schlechten hängt der Normalbetrieb von Gesellschaften davon ab, dass sie mit der Vielzahl ihrer potentiellen inneren Widersprüche ein Auskommen suchen, indem sie es damitnicht so genau nehmen’.“

Große Worte erscheinen in gewisser Weise als „leere Worte“, als ein „Versprechen von Fülle“, als Appellationsbegriffe. Das große Pathos überwölbt den sozialen Dissens mit einem unbestimmten allgemeingültigen Konsens. Die höchsten Werte im moralischen und politischen Diskurs zeigen, wenn sie konkret in Anspruch genommen werden sollen, ihre Unverbindlichkeit. Sie können im großen Bogen Enthusiasmus organisieren - gerade weil sie „Spielraum für abweichende Interpretationen gewähren“ und in der jeweiligen Situation „ihr konkreter Sinn fortwährend changiert“. Mythen, Religionen, Theorien, große Gesetzgebungswerke und große Dichtungen „ziehen die Arbeit einer unendlichen Deutung auf sich und stiften damit auch ein Band zwischen den Generationen.“ Ganz anders als streng historisches oder begriffliches Denken kann die Erzählung „unbesorgt und geschmeidig“ eine Vielzahl möglicher Ungereimtheiten oder innerer Widersprüche verdauen.
Die gedankliche Unschärfe steigert geradezu die Wirksamkeit des Begriffes: Natürlich ist das Vaterland kein definiertes Territorium. Erst das Defizit an Rationalität erlaubt die Definition von Kriegszielen.
Gesellschaften brauchen, so scheint es, für ihren Zusammenhalt gerade die Mehrdeutigkeiten der großen Geschichten, die innere Bindungswirkung haben.

Große Erzählungen werden als fiktive Zukunftserwartungen Teil der täglichen Handlungsmotivation. Sie erlauben es, die Gegenwart im Vorgriff auf eine ungewisse, nur gedankliche Zukünftigkeit hin zu interpretieren. Zukunftsfiktionen geben aktuellen Ungewissheiten einen festen (gedanklichen) Rahmen. Die Aussicht auf belohnende und oder strafende Gerechtigkeit versöhnt mit Ungewissheiten - beim Geld wie in der Liebe. Nicht nur das Geldsystem funktioniert auf der Grundlage des Glaubens an den Wert von Zeichen in zukünftigen Transaktionen, auch die soziale Integration und der Gefühlshaushalt des einzelnen Menschen kommt ohne den Faktor „Z“ kaum aus.

Erzählungen als Glaubenssysteme

Es ist kein Zufall, dass die wirkungsmächtigsten Erzählungen der Geschichte sich als Glaubenssysteme organisieren. Wobei jeder Gläubige verschiedene getrennte Wirklichkeiten bewohnt: Sein Alltagsverstand sagt ihm, „dass die Sphäre seines Glaubens eine Sonderwelt ist, deren Wahrheitsbehauptungen und Imperative nicht im ‚eigentlichen’, das heißt in diesem Fall: realistischen Sinn aufgefasst werden dürfen.“ Da gelten andere Gesetze, sagt man. „Code switching“ gehört zur mentalen Überlebensausstattung des homo sapiens. Für die eigene Sippe gilt die Moral, nicht für „Fremde“.

In den großen Ritualen zelebriert eine Kultur ihre unantastbaren, „heiligen“ Erzählungen. Der Wirkung eines religiösen Rituals tut der Gedanke keinen Abbruch, dass die Werkzeuge vorgezeigt werden können, die diese Illusion zustande bringen und dass die Götter und ihre Bildnisse von Menschen gemacht wurden.

Religiöser Eifer und Augenzwinkern, ein „Schlingern zwischen Skepsis und Suggestion“ gehen gut zusammen.  Naiver Volksglaube, „kritische Gläubigkeit“ des Gelehrten und „globaler Skeptizismus“ können in einem Individuum friedlich nebeneinander koexistieren. „Die Koexistenz widersprüchlicher Wahrheiten in ein und demselben Kopf (ist) eine universale Tatsache", schrieb Paul Veyne in seinem Essay über die Frage, ob die Griechen an ihre Götter wirklich glaubten. 

Man schenkt dem Glauben eines anderen Glauben. Gerade von Glaubens- Überzeugungen geht eine Konsenserwartung aus, Glaube sucht den Effekt eines zustimmenden Verhaltens, weil er die kritische Hinterfragung von außen schwer aushält. Wer die geistige Bannmeile nicht respektiert, wer Schweigebarrieren durchbricht, produziert Verlegenheit – und im Extremfall einen Skandal.

Deshalb werden Glaubensysteme im Zweifelsfall durch Rituale geschützt. Bestimmte Worte dürfen nicht gesagt, bestimmte Gedanken müssen gebeichtet werden oder – modern - dürfen nicht öffentlich geäußert werden. Eine Nationalfahne zu verbrennen ist etwas anderes als ein bedrucktes Tuch zu verbrennen. „Die starke Form erlaubt es, vom unsicheren Sinnbezug des Geschehens abzusehen.“

Ein Beispiel für solche Rituale ist der Gottesdienst. In der Sonntagspredigt können „alle moralischen, karitativen, humanitären Defizite, die sich durch die Pfadabhängigkeit menschlichen Verhaltens und Denkens innerhalb der verschiedenen Alltagsrationalitäten ergeben, beim Namen genannt und rituell beklagt werden.“ 

Gottes Schöpfung - gut und sündig

Der Erzählungskern der biblischen Schöpfungsgeschichte würde, bei Lichte der irdischen Vernunft betrachtet, zu einem Sammelsurium von trivialen, mitunter offen absurden Aussagen zusammenschmelzen, scheinbar leichte Beute für Ideologiekritiker. Aber die Kritik von großen Erzählungen ist von einer auffallenden Wirkungslosigkeit gekennzeichnet.

So heißt es im Buch Genesis nach jedem Tag der Schöpfung: „Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte; und siehe da, es war sehr gut“. Im übernächsten Kapitel des ersten Buches Moses wird in diese klare Erzählung die Schlange hineingeschmuggelt: Die Sündenfallgeschichte zeigt, dass da offenbar nicht alles gut war. „Durch diese Lücke findet Satan als Gegenmacht Einlass in die monotheistische Welt, und damit gewinnt die Paradoxie des biblischen Weltentwurfs, die in der guten Schöpfung eines einzigen allmächtigen Gottes gleichwohl einen Platz für das Gegenprinzip des Bösen einräumt“. Zwei Geschichten werden verwoben, die von dem allmächtigen guten Gott und die von dem  unvermeidlichen Bösen in der Welt.  Erst diese unklare, ambivalente Doppelstruktur ermöglicht es, in dieser Geschichte Erklärungsmuster zu suchen für die Ambivalenzen des menschlichen Lebens. Das Böse ist in der Welt und doch von der Allmacht Gottes umschlossen, der Mensch ist Gottes Ebenbild und doch frei, das göttliche Gebot zu übertreten. „Die ‚fortdauernde Restunruhe’ dieser paradoxen poetischen Vorgabe ermöglicht ein erfinderisches Weiterspinnen und ist wesentlich für ihre kulturelle Bedeutung über Jahrtausende.“ In religiösen Glaubenssystemen werden paradoxe Aussagen der „Unbegreiflichkeit Gottes“ zugeschrieben und durch das Attribut des Heiligen der menschlichen Vernunft entzogen.

Das Sündigwerden des Menschen ist so als unlösbares Dilemma angelegt, das jedes Bemühen um Erlösung scheitern lässt – oder eben in die Hand der höheren, unverständlichen Macht legt. Diese Doppelstruktur findet in der christlichen Fortschreibung der jüdischen Heilserzählung nicht nur in dem Sühneopfer-Tod des Gottessohnes ein neues Motiv. Es bestimmt auch die im neutestamentarischen Kanon noch kaum entfaltete Erzählung von Maria, die zwei Formen von Weiblichkeit mythisch ausschmückt. Maria, die Mutter Jesu und gleichzeitig Jungfrau, ist die Gegenfigur zur sündigen Eva. Sie ist sexuell unberührt und gleichzeitig ganz erotisch-mütterlich, wenn sie in der Bildtradition der Heiligen Familie das Kind in den Armen wiegt. Gerade weil diese beiden entgegen gesetzten Anforderungen an das weibliche Rollenmuster sich nicht miteinander in Einklang bringen lassen, sind sie das Muster für unendliche Ausschmückungen und geben Interpretations-Folien ab für jede Schattierung des weiblichen Verhaltens.

Das „labile Fließgleichgewicht“ der Erzählung

Erzählen ist eine „sprachlich elaborierte Form sozialen Verhandelns“. Wer fest an seine Wahrheit glaubt, kann nicht verhandeln. Verhandelbar sind Überzeugungen nur, wenn beweglich und relativ sind, denn im Moment der Verhandlung muss die Wahrheitsfrage aufgeweicht werden. Erzählungen können nur integrativ wirken, wenn sie offen sind für die jeweiligen Umstände, für „Macht-Verhältnisse und Interessen, für pragmatische und performative Aspekte, für Improvisationsnotwendigkeiten in Gestalt von Teilrückzügen und Koalitionsbildungen“.

Mehrdeutigkeiten und Unbestimmtheiten liegen also im Interesse des kulturellen Kompromisses, sie halten den  Kommunikationsraum elastisch. „Gesellschaftliches Wissen stellt sich als eine überaus heterogene Landschaft von Machtfeldern dar, auf die gleichzeitig verschiedenartigste Kräfte einwirken.“ Ein Gesamtsystem kann nur stabil sein, wenn es sich in einem „labilen Fließgleichgewicht“ befindet.

Erzählungen haben dabei eine große Beharrungskraft – oft über ihre „Kernlaufzeit“ hinaus. Die jüdisch-christlichen Erzählmuster leben in vielen Narrativen der „Moderne“ fort. Offenbar gibt es für den menschlichen Geist einen „horro vacui“, er erlaubt keine Lücke im Gewebe der Geschichten. Wer eine Geschichte entkräften will, muss eine andere Geschichte als Ersatz zu bieten haben. Erfolgreich scheinen vor allem solche neuen Erzählungen zu ein, die bestimmte Kern-Elemente der alten in sich aufnehmen.

Wortkünste – semiotische Grundlagen der Erzähltheorie

Unterhaltung ist eine Lustquelle. Sie kann angesichts von Ängsten beschwichtigen, Sinn stiften, ablenken von schmerzhaften Realitäten. „Im Sprachgebrauch erfahren sich Menschen als über alle Widerstände gesellige und kooperierende Wesen“. Durch Sprache überschreitet der Mensch die phänomenale Welt, der sprachlich erzeugte Sinn schwebt geradezu über den Dingen, Sprache ergänzt die gestischen Signale um einen Austausch mit akustischen Zeichen. Wenn sich Menschen in der Welt bewegen, bewegen sie sich gleichzeitig in Zeichensystemen und Diskursen.

Menschen haben offenbar das Bedürfnis, durch „Geschichten“ – sei es in religiöser, mythischer Form oder in „vernünftiger“ Form wissenschaftlicher Theoreme - ihre Lebenswirklichkeit in einen für sie plausiblen Gesamtzusammenhang zu stellen. Offenbar erträgt der menschliche Geist es nicht, sich seine Existenz als vergänglich geformtes Stück Erde, als Zufall ohne tieferen Sinn-Bezug vorzustellen. Erzählungen liefern für den Menschen unerlässliche symbolische Orientierung. „Das Erzählen ist ein immer provisorisches Zeichenhandeln, das fluide Gebilde von schwankender Akzeptanz und sozialer Durchdringungstiefe hervorbringt.“

Die Kultur der Erzählung ist also weit mehr als Zeitvertreib, mit ihr organisieren Menschen sich mentale Sicherheiten, bearbeiten Schrecken und körperliche Schmerzen. Sie bieten Regelbindung und  Vergemeinschaftung an in einem oft festlichen Kontext, der das Gemeinschaft stiftende Denken mit einem kollektiven körperlichen und ästhetischen Lustgefühl verbindet.

Die Erzählung ist gleichzeitig ein Raum für das spielerische Erproben von möglichen Sinn-Konstruktionen. Das Erzählen mischt Spiel und Ernst, Phantasie und Realität. Auch ‚ernste’ Beschäftigungen sind in rituelle, spielerische Formen eingebettet und finden auf „Spielplätzen“ statt: Politische Bühnen, das Gericht oder etwa die Börse sind solche Plätze. Selbst Religionen inszenieren ihren heiligen Ernst in magischen Zeremonien, wobei den meisten Teilnehmern an den Zauberritualen wie etwa dem Abendmahl bei aller frommen Ernsthaftigkeit doch auch das skeptisch Gefühl, dass hier nachgespielt wird, nicht fremd ist.  „In dem Begriff Spiel selbst“, schrieb Johan Huizinga, „wird die Einheit und Untrennbarkeit von Glauben und Nichtglauben, die Verbindung von heiligem Ernst mit Anstellerei und „Spaß’ am besten begriffen.“

Im praktischen Alltagsleben gilt es als krankhaft, wenn ein Mensch nicht klar unterscheiden kann zwischen dem, was ist, und dem, was nicht ist. In der Sphäre der allgemeinen Orientierung über die kulturelle Lebenswelt gelten solche harten Kriterien nicht. Die griechische Philosophie hat den Prozess der Wahrheitsfindung revolutioniert und zwischen Mythos und Logos unterschieden. „Der Mythos, die Gesamtheit der überlieferten Geschichten von Göttern, Ahnen und Helden und der darin enthaltenen Weltdeutungen, fand Zuflucht in der Dichtung und bildenden Kunst.“  Die Kunst erlaubt den Umgang mit Stoffen von zweifelhaftem Wahrheitswert, aus dem wirklichen Leben werden sie als „Aberglauben“ verstoßen.

Aber der Drang, die Welt erzählerisch zu modellieren, hält sich nicht an diese Grenzziehung. Überall, wo menschliches Selbstverständnis erklärt werden soll, haben Erzählungen eine große Bedeutung. Verhaltensweisen, Selbstdefinitionen und dadurch vermittelt auch Objektwahrnehmungen richten sich an Erzählvorlagen aus. Wobei einerseits die Vieldeutigkeit einer Erzählung eine Voraussetzung ihrer Suggestivkraft und ihrer Bedeutung ist - Erzählungen nutzen gleichzeitig gern das einfache Schema von gut und schlecht, schwarz und weiß, sie reduzieren Komplexität und erleichtern damit die Orientierung.

Erzählungskerne kristallisieren oft in einzelnen Begriffen. Solche Begriffe bilden einen „sprachlichen Stabilitätskern“, der das Gemeinsame aus unterschiedlichen Phänomenen herauszudestillieren verspricht. Begriffen sind also nicht die klaren und eindeutigen Elementarformen des Denkens. „Ein Begriff muss vieldeutig bleiben, um ein Begriff sein zu können. … Ein Wort wird zum Begriff, wenn die Fülle eines politisch-sozialen Bedeutungs- und Erfahrungszusammenhanges, in dem und für den ein Wort gebraucht wird, insgesamt in das eine Wort eingeht“, sagt Reinhart Koselleck und erläutert das an dem Wort Staat:
„Ein Begriff bündelt die Vielfalt geschichtlicher Erfahrung und eine Summe von theoretischen und praktischen Sachbezügen in einem Zusammenhang, der als solcher nur durch den Begriff gegeben ist und wirklich erfahrbar wird." Die Analyse von Begriffen gleicht daher der Ausgrabung einer archäologischen Stätte. Begriffe intervenieren in die Welt, sie ordnen für die Wahrnehmung den Blick auf die verwirrende Vielfalt der Dinge – so wie die Vorstellung, dass es schwarze und weiße Menschen gibt, die Vielfalt der Hautfarben zu sortieren hilft. Völker konstruieren in Erzählungen ihre Geschichte wie Menschen ihre Biografie.

„In Gestalt von Narrativen kann sich ursprünglich frei Erfundenes im kollektiven Bewusstsein sedimentieren und zu einer harten sozialen Tatsache werden; narrative Elemente sickern in den Sprachschatz von Gesellschaften ein; dort verfestigen sie sich im Lauf der Zeit zu lexikalischen Wendungen, zu Sprech- und damit Denkweisen, zu Begriffen und sogar Dingwörtern.“  Eine Sprache ist ein Zeichensystem, das interne Verknüpfungen erlaubt, „ohne dass jeder sprachlichen Operation ein Korrelat in der außersprachlichen Wirklichkeit“  zukommen muss. Sprache ist ein „Darstellungsmittel, mit deren Hilfe man die Welt ordnen und sich über außersprachliche Gegebenheiten verständigen kann“, sprachliche Zeichen beziehen sich auf Weltsachverhalte, haben aber gleichzeitig ihre eigene innere Logik. Erst das macht einen symbolischen Weltzugang, der mehr ist als die Menge der bezeichneten Gegenstände, möglich. Die sprachlich beschriebene empirische Welt ist gleichzeitig das Erzeugnis einer selektierenden Aufmerksamkeit.

Medien haben als Kommunikationskanäle eine spezifische Eigengesetzlichkeit, sie selektieren den Signalfluss, unterwerfen ihn ihren Formen und Ausbreitungs-Bedingungen und lenken ihn damit nicht nur, sondern strukturieren das, was als „Information“ gelten soll.

Jede Sprachkultur hat ihre Signalwörter, Begriffe, denen in Sinngefügen eine Schlüsselrolle zukommt. „Auf der elementarsten Ebene besteht der Mechanismus der Begriffsbildung darin, sprachlichen Abstand zur Erfahrungswelt zu gewinnen. Begriffe schaffen Distanz von dem, was sie bezeichnen. Sie benennen Klassen von potentiell unzählbaren Zuständen und Phänomenen, ohne dass sie jemals zu einem empirischen Gegenstand in seiner vor Augen stehenden Einzigkeit vordringen. Ein Begriff ist ein der Zeit enthobenes Allgemeines, das die veränderlichen Gegebenheiten in der Sphäre der Phänomene außer Betracht lässt. Gerade in dieser Nichtübereinstimmung liegt seine ordnende Kraft. So kann er den Strom von Eindrücken arretieren, sie einem Raster von Unterscheidungen und Identitäten unterwerfen und an Erwartungen des Wiedererkennens gewöhnen.“ 

Begriffe sind insofern die elementaren Bestandteile kognitiver Schemata. Sie sind mehrdeutig und binden wechselnde Inhalte an ein Wort. Sie sind die „Institutionen des Gedankenvolkes“ (Gehlen), sie liefern geistige Schemata, mit denen Einzelwahrnehmungen in eine verallgemeinerbare Struktur eingebaut werden können.

Institutionen, so Arnold Gehlen, schaffen die Vorstellung von verfestigten Gewohnheiten und entlasten damit das Verhalten von der dauernden Frage nach subjektiven Motiven und den Details des Moments. „Erst die formale Verfestigung und Schematisierung von Gewohnheiten, eingespielten Abläufen und schließlich von sozialen Einrichtungen aller Art macht diese zeitinvariant und damit in großem Stil ‘wiederverwendbar’.“ Institutionen sind „eine der großartigsten Kultureigenschaften“ (Gehlen), strukturieren die Erwartung und schaffen somit soziale Stabilität. Sie sind geradezu Bollwerke auch die chaotischen Potentiale der Subjektivität.

Begriffe sind die Institutionen der symbolischen Welt. Begriffliches Denken entlastet den kognitiven Apparat, Begriffe weisen über das unmittelbar Gegenwärtige hinaus, bieten Schemata für Unvorhergesehenes und befreien von der Gefahr, „in der Irritation durch Reize zu ersticken oder zu zerflattern“. (Hans Blumenberg) Begriffen haben etwas von kognitiver Prävention. 

Der Paradefall dieser kognitiven Institutionalisierung ist für Blumenberg der Mythos: Ursprünglich und ganz wesentlich befreit er von Furcht, seine Rituale werden zu Zeremonien des sozialen Zusammenhaltes mit allen Elementen von Lust und Lebensfreude, in den Riten der alten Mythen entwickelten sich die ersten Formen von kultiviertem ästhetischem Reiz.

Heiße und kalte Zeichensysteme

„Heiße“ Zeichensysteme nennt Koschorke solche, die einen starken Einfluss des Benennens auf das Benannte ausüben. Ein Beispiel wäre der Zeichenverkehr an der Börse. Eine schlechte Nachricht kann das, worüber berichtet wird, schlecht werden lassen. Die Nachricht von Finanzproblemen hat auch für ein florierendes Unternehmen erhebliche negative Folgen.

Ein Beispiel für „kalte“ Zeichen wären Steine. Sie werden durch sprachliche Repräsentationen möglicherweise klassifiziert, können eckig oder rund sein, die Benennung hat aber kaum Rückwirkungen auf die Objekte. „Kalte“ Zeichenordnungen finden sich oft bei der Benennung außerkultureller Objekte, Bezeichnungen sozialer Prozesse sind Eingriffe und insofern „heiß“. Aber auch Zeichensystem zur Beschreibung kultureller Phänomene habe neben der „Sozialdimension des Zeichengebrauchs“ in aller Regel auch in irgendeiner Form eine „Sachdimension“.

Das „in Worte fassen“ ist eine spezifische, selektive Form der Mitteilung von Wissen. Bei akustisch-musikalischen Eindrücken, bei Geschmacks- oder Geruchs-Empfindungen wird die Armut der Sprache ganz deutlich. Wenn wir uns ein genaues Bild machen können über einen Text, dann liegt das daran, dass wie die Unzulänglichkeiten und Lücken der Worte auffüllen mit eigenen Erfahrungen und eigenem Vorwissen. „Um jeden ausgesprochenen Satz breitet sich ein Hof von Ahnungen aus, die in die unterschiedlichsten Körper-, Sinnes- und  Gedächtnisregionen hinausdeuten.“ Sprachmuster sind „mentale Konstrukte, die aus einer unendlichen Flut von Sinnesdaten relevante Informationen herauspräparieren“.

Alltagskommunikation funktioniert so nach der Art der Gerüchte. Ungewisse Nachrichten werde kombiniert in einer Weise, die eine aufregende Geschichte entstehen lässt; diese Geschichte muss auf die Weltsicht der Zuhörer passen, denn Gerüchte verbreiten sich wie ein Lauffeuer, wenn sie auf die Bereitschaft treffen, der Geschichte einen bestimmten Sinn abzugewinnen. Gerüchte stellen Wahrscheinlichkeiten her und bestätigen sie. In der Gerüchtekommunikation verselbständigt sich die „Sozialdimension des kommunizierten Wissens auf Kosten seiner Sachdimension“. 

Erzählmuster dienen der inneren Kolonisierung

„Erzählung“, Narrative sind wesentliche Elemente in Wissensordnungen, soziale Übereinkünfte. Sie können „am Ende ihrer Laufzeit zu einem Hirngespinst ihrer Erfinder und Gläubigen zurückschrumpfen“. Aber erst mit wachsendem kulturellem Abstand werden aus großen Erzählungen „Episoden eines fernen und befremdlichen Denkens“ wie die „fremden Götter, die ihre Macht verloren haben“ und nur noch Kulturarchäologen faszinieren oder vom Kulturtourismus vermarktet werden. In ihrer Substanz erscheinen sie dann lächerlich armselig - wie uns die mittelalterlichen Gottesbeweise.

In allen menschlichen Gesellschaften sind Normen, ihre Geltungsweise und Geltungsgrenzen und nicht zuletzt die Sanktionierung von Übertretungen ein unerschöpfliches Erzähl-Thema. Das Wechselspiel von befriedigter Erwartung und Überraschung schafft den Spannungsbogen der Erzählung, Unsicherheit und gar Angstlust speist das Vergnügen beim Zuhören. In den Abweichungen wird die Belastbarkeit von Normen erprobt.

In den meisten Erzählungen geht es um gut und böse, das Gute liegt beim Erzähler und der von ihm entworfenen Wir-Gemeinschaft. Es wäre „ein gravierender Verstoß gegen die Erzählökonomie, ließe man eine Lichtgestalt einen unvorbereiteten, gleichgültigen Tod sterben.“

Nach einem klassischen Erzählmuster überschreitet der Held die Grenze des Gewöhnlichen, er findet Mitstreiter, Helfer und Bewunderer. Dann taucht der Widersacher auf, würde der Held einfach besiegt, wäre das unbefriedigend. Zumindest moralisch muss er als Sieger hervorgehen, besser noch: Er überwindet den Widersacher und verhilft dem Guten zum Sieg. Stirbt der Held des „Wir“ endgültig, dann kann es sich nur um einen Opfertod handeln, der um der Gemeinschaft der Lebenden willen notwendig ist. In der Jesus-Geschichte kombinieren sich diese beiden Erzählkerne durch den Kreuzestod, der unbefriedigend bliebe, wenn nicht die Auferstehung folgend würde. Nach demselben Muster sind die „Helden“ in Fantasy-Geschichten unbesiegbar: Obwohl sie durchaus besiegt werden, stehen sie immer wieder auf und können weiter kämpfen.

Auch in modernen Ausformulierungen gibt es den archaischen Akt der Tötung des Bösen, diese Tötung darf durchaus brutal sein. Die Rebellenromantik kennt verschiedene Spielarten dieses Plot-Schemas. Der Rebell zieht Bewunderung auf sich, in ihm kristallisieren sich Träume eines ganz anderen Lebens, er kann am Ende aber meist der mächtigen irdischen Strafgewalt nicht entrinnen. So rechtfertigt die Erzählung das resignative Sich-Abfinden mit dem gegebenen Zustand. 
Die Muster des erzählerischen Spiels an den Grenzen der Norm gelten auch für Liebesgeschichten. Wenn sie mit einem tragischen Tod enden, dann ist es meist der Tod der Frau. 

Erzählungen dienen der Binnenkommunikation, sie operieren daher streng mit der Alternative „wir“ und „sie“ aus der sicht des „wir“. In den Geschichten gibt es Griechen und „Barbaren“, Christen und „Heiden“, Zivilisierte und „Wilde“, Menschen und „Untermenschen“. Diejenigen, die nicht zur eigenen Gemeinschaft gehören, werden ohne Ich-Position dargestellt. Ein Angriff auf die Wir-Gruppe ist immer unbegreiflich, böse, niederträchtig. Bei der „Behandlung sensibler, stark affektiv besetzter Themen ist es nachgerade ein Tabu, die gegnerische Position mit einer nachvollziehbaren Eigensicht auszustatten.“ Solche Erzählungen dienen der „inneren Kolonisierung im Bereich der jeweiligen Wir-Formation.“

Redundanz sichert einen unterstellten oder tatsächlichen Konsens ab. Die Redundanz kann geradezu zeremoniell eingebunden sein – nicht nur in religiösen Feiern, auch in ganz profanen.

Dass Gerichtsbarkeit nicht nur Streit schlichtet, sondern für Recht und Gerechtigkeit sorgt, wird durch die Roben der Richter und beschwörende Worte wie „im Namen des Volkes“ unterstrichen. Im Mittelalter musste eine Kerze brennen, um das Gerichtsverfahren mit höheren Mächten rituell zu verbinden. Solche Rituale können so stark sein, dass real empfundene Ungerechtigkeit und Ohnmacht gelindert und erträglich interpretiert wird, in gewissen Grenzen jedenfalls. Erzählungen von einer ausgleichenden Gerechtigkeit und Sühne im Jenseits können die reale Gerichts-Macht ergänzend legitimieren.

Ist das Ritual schlecht inszeniert oder die Zumutung seiner Rechtsprechung zu stark, dann breiten sich Erzählungen über korrupte Richter aus, die die symbolische Macht der Gerechtigkeits-Institutionen retten.

Erzählungen als Instrumente der Macht

„Die Aufrechterhaltung von Macht ist kostspielig, weil sie der Gegenkraft des Raumes abgerungen werden muss - weil Straßen gebaut und instand gehalten, Botensysteme etabliert, militärische Stützpunkte errichtet, lokale Eliten willfährig gemacht und Ressourcen weiträumig umverteilt werden müssen.“

„In der Konsolidierungsphase eines Imperiums, die mit Bezug auf das beginnende römische Kaiserreich als augusteische Schwelle bezeichnet wird, gewinnt ideologische Integration gegenüber rein militärischen Zwangsmaßnahmen an Bedeutung.“  Der nüchterne Grund dafür ist, „dass die Beherrschungskosten gesenkt werden müssen“; vor allem ideologische Macht ist „im Vergleich zu militärischer Macht viel preiswerter zu generieren“  und über große Entfernungen hinweg zu verbreiten.  Die Römer nannten das „Verwandlung von potestas in auctoritas, von Macht in Autorität.

Solche symbolischen kulturellen Institutionen strukturieren auch das  Rechtssystem und die Politik und damit das Machtgefüge des gesellschaftlichen Zusammenhaltes. Erst diese symbolischen Institutionen machen aus einer Ansammlung von Menschen eine Gemeinschaft: „Wo Menschen leben, gehen Vorfindliches und Erfundenes die vielfältigsten Verbindungen ein, und es sind gerade diese erfundenen zwischenmenschlichen Wesenheiten, die soziale Komplexität möglich machen.“

Der Sinn in der Erzählung

Individuen modellieren mit großen biografischen Geschichten ihre Einzigartigkeit, Gruppen errichten soziale Barrieren und festigen sich damit gleichzeitig als Gruppe, ganze Wissenssysteme sondern sich über spezifische Codes ab, um sich durch Exklusivität auszuzeichnen.
Menschliche Wahrnehmung „rastert die Überfülle einströmender Sinneseindrücke gemäß erlernten und durch Wiederholung verfestigen Strukturmustern“. Wie in Erzählungen werden die Details „durch Suggestion von Kausalität zu einer probeweise motivierten Handlungsfolge“ verbunden. Denn „Sinn ist bequem“, er stiftet Ordnung und hilft, „Wahrnehmungen mit Erwartungen abzugleichen und kognitive Irritationen entweder zu meiden oder zu überwinden.“ Der gestiftete Sinn hilft, „die Aufmerksamkeit zu entlasten, die durch gestörte Erwartungen unlustvoll gebunden“ würde. Es reicht dabei, wenn die Sache nur einigermaßen plausibel erscheint.
Allzu große Konsequenz bei der Produktion von ‚Sinn’ wäre zeitraubend und würde die Systemstabilisierung teuer machen.

„Ein beträchtlicher argumentativer Aufwand wäre nötig (und nie wirklich erfolgreich), um das System gegen Verwerfungen an seinen Rändern abzudichten.“ Normalerweise wird das Rauschen an den Rändern daher toleriert. „Wo immer Kommunikation stattfindet, ist sie von einem dunklen Saum der Nichtkommunikation, des stillschweigenden Auf-sich-beruhen-Lassens umschlossen.“

Koschorke erläutert dies am Beispiel kollektiver sakraler Handlungen. In deren Zentrum steht ein stark reglementiertes, theologisch durchdachtes und sinnbeladenes Geschehen. „In der heiligen Verrichtung trägt sich ja die Begegnung der Gemeinde mit dem Göttlichen zu“, organisiert und inszeniert „von einem inneren Kreis privilegierter Gläubiger umgeben, die mit der gepflegten Semantik des Sakralen vertraut sind und sich entsprechend verhalten (mitsprechen, mitsingen, mittanzen, oder auch das Tun der Priester fachmännisch observieren).“

Um dieses Zentrum herum gruppieren sich die normalen Gläubigen – mit unterschiedlichen Niveaus von Aufmerksamkeit und Verständnis für die Details der heiligen Handlung. Die „Unruhe des Profanen“ nimmt mit dem räumlichen Abstand zum Zentrum zu: „Geschwätz, Kichern, spöttische Bemerkungen, Langeweile, Schlaf, notorische Unrast, Kommen und Gehen.“ Die Peripherie bleibt auf das Zentrum bezogen, ist aber durch zunehmendes „Rauschen“ charakterisiert. 
Die Organisatoren sakraler Handlungen nehmen diese Ränder der Aufmerksamkeit nicht nur in Kauf, sie organisieren sie geradezu. „Sinnsysteme werden auf diesem Weg überhaupt erst von einer größeren Menge angeeignet und in deren kollektiven Bestand übernommen.“ Hohe Ansprüche an die Teilnehmer der Zeremonie wirken sozial exklusiv. Das Angebot, ein gottgefälliges Leben im Glauben zu führen, führt eben direkt ins Kloster. Wenn ein Sinnsystem größere Reichweite haben will, muss es die Zerstreuung an seinen Rändern zulassen. „Auf Dauer wird kein Sinnsystem sozialen Erfolg haben, das nicht die Möglichkeit von Teilhabe auf unterschiedlichen Artikulations- und Energiestufen bereitstellt.“ Sinnsysteme, die nur eine bedingungslose Teilhabeform zulassen, werden gesellschaftlich als „Fanatisierung“ interpretiert, bewundert -  und abgelehnt.

Für die Versorgung mit Sinn hält sich jede Gesellschaft ihre spezialisierten Deutungs-Eliten, Experten für Legitimation: Schamanen, Priester, Philosophen. Sie treten in Extremsituationen auf, werden angefordert. Eine solche Extremsituation ist der Tod. „Eine ständige Bezugnahme auf den Tod als End- und Zielpunkt des menschlichen Lebens würde, nüchtern gesprochen, alle Alltagsfunktionen blockieren.“ Deshalb wird die auf den Tod bezogene Sinnfrage aus dem Leben ausgeklammert und institutionalisiert in Predigten oder Gedenkveranstaltungen. Religiöse oder weltliche Tröstungen tauchen für ein oder zwei Stunden im Terminkalender auf, sie sind institutionell gefestigt wie eine Tragödie im Theater, danach gilt die Sinnkrise als abgearbeitet oder wird wieder zur Privatsache. Oft enden die Trauerfeierlichkeiten mit einem geselligen Zusammensein – auf Dauer gestellte Trauer wäre nicht zu leben. Gedenktage dienen im kulturellen Leben als gern genutzte Fixpunkte der Trauerverarbeitung, sie sind Wochen im Voraus planbar. Sie aktivieren die in ihnen aufgewühlten Emotionen rituell, zeitlich eingrenzbar – und helfen, sie aus dem Alltagsleben auszuklammern. Die institutionalisierten Gedenktage und Trauer-Zeremonien erfüllen also letztlich die Funktion, „den Menschen vom Gedanken des Todes abschirmen“. Das ständige Fragen nach Sinn würde „Sinnstress“ bedeuten und „zum Zusammenbruch der alltäglichen Funktionen und Verrichtungen führen“.

Die kulturelle Modellierung von Zeit 

„In traditionalen Gesellschaften (so erzählen sich jedenfalls die Modernen) tritt zeitliche Veränderung hauptsächlich als Abweichung von der im kulturellen Gedächtnis gegenwärtig gehaltenen Vergangenheit ins Bewusstsein.“ Die individuelle Zeit-Erfahrung des Menschen ist kulturell geformt, die Durchsetzung eines physikalisch messbaren Zeitverständnisses ist eine Erfindung der Uhren- und maschinenbegeisterten „Neuzeit“, sie machte die Zeiterfahrung des Winters mit der des Sommers gleich. Die Kalenderreform verdrängte eine Vielzahl regionaler Jahreszählungen, die gebunden waren an Dynastien oder religiöse Kosmogonien. Das gilt auch für die langen Wellen des Zeitbewusstseins - noch gibt es den jüdischen, den chinesischen, den arabischen Kalender. Verschiedene Kulturen lassen die Menschen auf verschiedene Zeiträume zurückblicken. Trotz aller Globalisierung leben noch nicht alle Menschen in derselben Welt.

Gemeinsam ist den verschiedenen Zeitkulturen eine Dreiteilung des Geschichtsbildes: Die Gegenwart wird mit unterschiedlichen sentimentalen Bewertungen auf Vergangenheit und Zukunft bezogen. Dieser Dreiteilung des Geschichtsbildes bedient sich die christliche Zeiteinteilung in Paradies, sündiger Jetzt-Zeit und ewigem Leben. „So hat die Geschichte vom verlorenen (und wiederzuerlangenden) Paradies den Weg aus ihrem religiösen Herkunftskontext in alle möglichen Sozialutopien, aber auch in den Lebenszuschnitt von Individuen gefunden. Auf ihr narratives Grundschema reduziert, bahnt sie den Weg für eine unabsehbare Menge von Erzählungen, die demselben zeitlichen Dreischritt von Ursprung, Trennung und erträumter Rückgewinnung des Ursprungszustandes gehorchen. Innerhalb dieser Schrittfolge kann das Narrativ nostalgisch oder vorausblickend, als Rückkehrsehnsucht oder als hoffnungsvoller Aufbruch in eine wieder paradiesische Zukunft akzentuiert werden; es kann Diaspora-Gemeinschaften über die verlassene Heimat, politische Gefolgsleute über bevorstehende Entbehrungen, die Modernen über ihre Entfremdung und Erwachsene über den Verlust ihrer Kindheit hinwegtrösten oder wenigstens ihrer Trauer erzählerische Bedeutung leihen.“

Bis ins späte 18. Jahrhundert hinein war das aristotelische Denken vorherrschend, in dem das Neue erscheint lediglich als Wiederkehr des Alten gedacht werden konnte. Seit dem 18. Jahrhundert „wird Zeit zum Faktor innerhalb der Ordnung der Dinge selbst“, dem Fortschrittsdenken ist Geschichtlichkeit kein Zustand mehr, der zu  ewiger Gesetzmäßigkeit drängt, sondern wird zu einem Wesenszug der Dinge. Veränderung, Entwicklung wird zum Naturzustand.

Darwins Angst vor der Veröffentlichung seiner Erkenntnisse zeigt, wie groß der Sprengsatz des neuen Denkens war. „Nach seiner Theorie besteht biologische Evolution ja nicht bloß darin, das innere Formgesetz von Gattungen zu vollziehen, sondern in einem für sich genommen ziellosen Prozess neue Gattungen und Arten hervor zu treiben. Hier ist der Boden der Konstanz der Arten und damit des aristotelischen Denkens endgültig verlassen.“ Der Zeit enthoben bleibt schließlich nur die Sphäre der Kunst als Kind von Genius und Muse.

Wo Recht und Moral sich auf eine außerzeitliche Autorität berufen wollen, haben sie das Problem, ihre profane Genesis mit einer beanspruchten höheren Geltung in Einklang zu bringen. Dazu dienen Erzählungen vom Naturrecht oder von Sozialverträgen.
Geistige Strömungen wie Aufklärung definieren ihre Welt von der Zukunft her als Fortschritt: Die Unterordnung des Ursprünglichen und Wilden unter den Fortschritt schließt die Kolonialisierung der nicht-zivilisierten Bereiche der Gegenwart ein – das trifft Kinder, Bauern und fremde Völker.
Als „Romantik“ werden dagegen Erzählungen zusammengefasst, die Zweifel an der Fortschrittszuversicht formulieren und die Vergangenheit als Zustand der Unverdorbenheit und Naturnähe beschreiben. Historiker wie Reinhart Koselleck beharren darauf, dass es ein „Vetorecht“ der Quellen gebe. Wie geschmeidig eine gute Erzählung damit umgehen kann, zeigen die erfolgreichen Versuche, die christlichen Mythen von Schöpfung und paradiesischem Urzustand gegen die Erkenntnisse von Geologie und Evolution fortzuspinnen. Erzählungen sollen eben in erster Linie „den Lebenden Vergangenheitsfiktionen zu liefern, die von Nutzen sind, um praktische Zwecke in der Gegenwart zu verfolgen“.

Auch da, wo es Kriterien für die Sachgeltung des Wissens gibt, kann sich der innere Zusammenhalt des betreffenden Wissenssystems, seine Kohärenz, als geschichtsmächtiger erweisen. „Es dauert sehr lange, bis eine neue erzählerische Anordnung das Dickicht der Denkgewohnheiten, institutionellen Rahmungen, der epistemischen Koordinationen von sozialen Funktionssystemen und nachgeordneten Wissensbezirken wirklich durchdringt und neu konfiguriert.“ Gedankenlosigkeiten des Alltagsdiskurses sind die „wahren Gradmesser eines erfolgten kulturellen Wandels“. Das zeigt sich etwa in der fortbestehenden Kultur der Namenstage und kirchlicher Feiertage, die als „freie Tage“ oder wie der „Vatertag“ als Anlässe für Besäufnisse gern genommen werden, ohne dass den meisten ihr ursprünglicher Sinn noch erinnerbar wäre.

Konfliktnarrative

Soziale Konfliktparteien wie dissidente Bestrebungen innerhalb der herrschenden Gruppe kommen ohne ideologische Macht nicht aus. Die Kultur der Erzählung ist also gleichzeitig die Bühne für Machtkämpfe. Gegen-Ideologien werden in der Regel „von Gegeneliten vorangetrieben, die den Herrschenden zwar soziographisch nahe stehen, aber gerade darum in unnachgiebige Opposition zu ihnen treten. Sie legitimieren ihren Veränderungswillen dadurch, dass sie sich zu Wortführern einer unterdrückten Gruppe am Rand der Gesellschaft erklären.

Wo Kulturen ihre Konflikte in Erzählungen einspinnen oder ihre Strukturen durch die Erzählung fiktiver Konflikte absichern, finden sich immer wieder binäre Alternativ-Setzungen. Eine Gesellschaft, die sich selbst als „zivilisiert“ ausloben möchte, klassiert andere als „primitiv“. Christen grenzen sich über die Erfindung eines Sammelbegriffs „Heiden“ ab, dem keinerlei empirische historische Realität entspricht. Wer Freund ist, ist nicht Feind. Wer nicht für uns ist, ist gegen uns. Solche schlichten sprachlichen Alternativen reichen zur Rechtfertigung von gewalttätiger Abgrenzung. Brutalität, die sich nicht derart mit Sinn aufladen würde, gilt als „nackte“ Gewalt.

„Erzählen in Spannungslagen“ formt so „imaginäre Gemeinschaften, die sich als kollektive Akteure verstehen und deren Mitglieder sich wechselseitig so viel symbolischen Kredit geben, dass sie zu koordiniertem Handeln über Partikularinteressen hinaus imstande sind.“ Für solche Unterscheidungen sind vorfindliche Auffälligkeiten – etwa die Hautfarbe - hilfreich, aber nicht zwingend. Als Ersatz können Erzählungen  dienen, in denen die Geschichte des aktuellen Streites modelliert wird – die Wahl des Anfanges ist oft wesentlich, von dem an der „Zähler des Unrechts“ (Koschorke) mitläuft. Wer hat angefangen, das ist schon die Sinnfrage beim Streit von Kindern.

Der ‚homo oeconomicus’ der Ökonomie

Auch in der Ökonomie herrschen die symbolischen Ordnungen. Alles dreht sich ums Geld. Die Ursprünge des großen Tausch-Handels mit Symbolen sieht Christoph Türcke in den archaischen Opferhandlungen – die Menschen tauschten Angstfreiheit und Schreckens-Bewältigung gegen ihre Opfergaben. Anfangs waren das sogar Menschen, dann Tiere, pecunia, dann wertvolle Stäbe, Geld. Die Tempelschätze waren die Banken der alten Kulturen. In Frieden leben konnte nur, wer den Göttern seine (schrecklichen) Opfer gebracht hatte. Das Geld als fiktiver, virtueller Wertmaßstab dient heute noch dazu, sich ruhige Stunden zu machen: Wer Geld hat, kann sich etwas gegen den Hunger kaufen, kann ins Kino gehen, sich Vergnügen kaufen und ruhig in die Zukunft blicken. Wobei inzwischen einige Schriftzeichen an der richtigen Stelle bedeuten, dass man „Geld hat“, nicht einmal ein Klumpen des – an sich nutzlosen – Goldes muss im Hintergrund für Sicherheit sorgen.

Nicht zufällig gleichen die Börsen-Prognosen in weiten Teilen den klassischen Orakeln. Ihre Basis ist die Sozialfiktion des Geldes und der Preise. Der Austausch der Güter und Dienstleistungen funktioniert auf der Basis von Als-ob-Konstruktionen, sie bilden die Grundelemente ökonomischen Handelns und sind als unausgesprochene kollektive Verabredungen in höchstem Maß wirklichkeitsmächtig.

Der neoklassischen Wirtschaftslehre liegt die Fiktion des homo oeconomicus zugrunde – „eines Akteurs, der das Marktgeschehen als rationaler Entscheider und Nutzenmaximierer beobachtet und in dieser Eigenschaft seinerseits berechenbar ist.“ Das Gegenteil ist mindestens genauso richtig: Wirtschaftliches Handeln ist vor allem dann gewinnträchtig, wenn die Märkte nicht im Sinne der Theorie kalkulierbar effizient funktionieren, wenn die Konkurrenzbedingungen nicht für alle gleich transparent und die verfügbare Information unvollständig sind.  Es ist die Unsicherheit und die Ungewissheit, die die Spekulation auf Extra-Gewinne und damit wirtschaftliches Handeln beflügelt. Hinzu kommt, dass sich wie in allen ‚heißen’ Zeichensystemen das Handeln der Akteure auf das Beobachtete auswirkt.

Ökonomische Kommunikation muss daher „überzeugen, Vertrauen schaffen, Zukunft extrapolieren, Visionen mitteilbar machen“ und kann ohne eine Einbettung in große Erzählungen nicht überzeugend sein. Die Debatten über Investitionen in China oder in Russland zeigen, dass die Entscheidungsgrundlage wegen der hohen Unsicherheiten stark vom Glauben der Akteure abhängt. Erzählmuster helfen, die Wahlmöglichkeiten einzuschränken und Entscheidungen bei unvollständigem Wissen zu treffen.  Auch hier zeigt sich für Koschorke: „Die Kultur des Erzählens stellt also eine Kulturtechnik des Umgangs mit Nichtwissen dar.“

Auch in der Kultur des Gebens und Nehmens spielt das Nichtwissen eine große Rolle. Da, wo es nicht um schlichten Handel geht, sondern wo Geben und Nehmen Elemente einer kulturellen Gemeinschaft sind, wird „stillschweigend davon ausgegangen, dass man die erhaltene Gabe nicht auf der Stelle erwidert“ (Pierre Bourdieu) – das würde als Unhöflichkeit verstanden. Eine Gabe verpflichtet zu einer angemessenen Erwiderung, aber nur wenn ein hinreichend großer Zeitraum zwischen beiden Akten besteht, kann die Gabe als Beweis des Vertrauens interpretiert werden. Gaben haben zudem keinen eindeutig bezifferten Wert, ihr Wert darf nicht ablesbar sein, das Ungefähre des Wertes wird in Dankbarkeit, Ansehen, Loyalität aufgewogen – darin liegt die kulturstiftende Bedeutung der Gabe. „Wer Geschenke verteilt, die nicht erwidert werden können, und dadurch Ansehen und Autorität steigert, tauscht materielle gegen  immaterielle Güter.“ Ein Gabentausch signalisiert den Entschluss zu kooperativem Verhalten. Vertrauen dient der subjektiven Orientierung von Spielern, die mit unvollständiger Information ausgestattet sind.

Kultur und Natur

Der Begriff der Kultur als Mittel der Selbstbeschreibung von Gesellschaft ist ein Produkt der Neuzeit. Bei dem lateinischen „cultura“ ging es zunächst um Landwirtschaft, im mittelalterlichen Kirchenlatein um die Pflege des Seelenheils.  Erst um 1800 wurde „Kultur“ zu einem Sammelbegriff, mit dem sich die ‚hohe Kultur’ von der Kulturlosigkeit der Bauern, Kleinbürger und Proletarier abzugrenzen. 

Weil menschliche Gemeinschaften aber ein Hybrid aus Natur und Kultur darstellen, ist der menschliche Körper der wichtigste Schauplatz,  auf dem sich der Widerstreit zwischen den Definitionen von Natur und Kultur zutragen – etwa wenn es um die gesellschaftliche Rolle der Frau geht. Die Metaphern von Natur und Kultur eignen sich gerade wegen ihrer Unschärfe zu Instrumenten im Ringen um die Selbst-Definition des Menschen.

Paradoxien des Politischen

Die Idee „Alle Menschen sind gleich“ ist auch in der christlichen Erzählung verankert – gleich vor Gott, Kinder Gottes. Sklaven, so schlussfolgerten die frühen christlichen Gemeinden, sollten zumindest ordentlich behandelt werden. Mittelalterliche „Häretiker“ und frühneuzeitliche Volksbewegungen beriefen sich auf die Denkfigur der Brüderlichkeit. Die hierarchische Institution Kirche übernahm gleichzeitig aus dem römischen Kaiserkult die entgegengesetzte Idee von der absoluten Autorität des Stellvertreters Gottes, des apostolischen Kirchenführers.

In liberalen Demokratie-Theorien taucht das paradoxe Legitimationsmuster im Gegensatz von Wahrheit und Mehrheit auf. Auf der einen Seite stehen die unveräußerlichen, nicht relativierbaren Leitwerte von Freiheit  und individuellem Eigentum, auf der anderen die Gleichheit aller Menschen. Wenn alle gleich sind, entscheidet logischerweise die Mehrheit. Wenn alle frei sind, gibt es Ungleichheit.

Solche Paradoxien sind vernünftig nicht auflösbar, Gesellschaften handeln den Konflikt durch die Verständigung auf bestimmte Verfahren aus. An die Stelle der Einschränkung oder Gewichtung des Wahlrechtes (Ausschluss von mittellosen Menschen, Frauen, „Fremden“) tritt in modernen Demokratien das Prinzip der Delegation der freiheitlichen Entscheidungsrechte an Eliten. Diese Eliten erscheinen als „demokratisch legitimierte“ Experten, ihre systemfremde Einbindung organisiert sich als Beraterstab (think tank). Damit ein demokratisches System funktioniert, ist offenbar eine elastische Handhabung dieser sprachlich fixierten Gegensatzpaare sinnvoll und anerkannt.

„Den Luxus eines konsequenten Denkzwanges können sich nur eigens bestallte Deutungsexperten leisten (Theologen,  Philosophen, Wissenschaftler), und er ist nur unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Dazu zählen Muße, Praxisferne, professionelle Schulung, die Ausbildung von Fachsprachen, die nach einem Ausdruck von Hans Blumenberg „exklusive Regionalidiome“ sind,  die Verfügung über Archive und Aufschreibesysteme sowie generell die Absicherung durch institutionelle Hintergrundstabilität.“

Gerade die Inkonsistenz ist es, die ein kulturelles Gebilde „elastisch“ hält. In sich vollkommen schlüssige Gedankengebäude wären unflexibel und veränderungsfeindlich. „Sie lassen keine Spielräume des Ungefähren zu und zerbrechen, sobald sich die Umstände ändern.“

Erzählungen der Wissenschaft

„Selbst in den Wissenschaften der Neuzeit, die sich seit Francis Bacon rühmen, aufs offene Meer des Unbekannten hinauszusegeln, ist die vorherrschende Navigationsart die Küstenschifffahrt, die das Festland des allgemein akzeptierten Wissens in Sichtweite behält und allzu große Abweichungen meidet.“ Wissenschaftliches Denken beschränkt sich nicht auf die Klärung von Sachfragen, sondern muss die Sozialdimension integrieren, muss in der scientific community (Thomas Kuhn) als kohärent empfunden werden. Die Naturwissenschaften haben die Kulturwissenschaften unter den Stress ihres „harten“ Wahrheits-Kriteriums gesetzt: Wissenschaftliches Denken geht über bloßes „Meinen“ hinaus, wenn es praktische Prognosen erlaubt. Dieses Kriterium gilt, wie man an der Evolutionstheorie sieht, allerdings nicht einmal für alle Bereiche der Naturwissenschaften selbst, und es endet bei komplexeren Problemstellungen, die sich nicht naturwissenschaftlich modellieren lassen, sondern das Modell von „Versuch und Irrtum“ über die Wahrheit entscheiden lassen. Dafür bietet die Medizin viele Beispiele. 

Es ist „auffällig, wie stark sich die Metaphorik des Kulturellen im 20. Jahrhundert an mathematisch-naturwissenschaftlichen Vorgaben ausrichtet. So entsteht unter dem Einfluss von Elektromagnetismus und Thermodynamik um die  Jahrhundertwende ein Paradigma der Energetik, das auch kulturelle Vorgänge in die Rede von Strömen, Wellen, Ladungen und Kraftfeldern übersetzt.“  

Zukunfts-Erzählungen

In der europäischen Neuzeit wurde der in der Schöpfungsgeschichte der Menschheit verankerte „gute“ Urzustand vielfach angezweifelt und verdrängt, er rettet sich in Erzählungen über die gute, gesunde, von menschlichen Eingriffen unberührte Natur. Die Ökologiebewegung des 20. Jahrhunderts ersetzte den utopischen Zukunftsbezug durch einen apokalyptischen. Auch dafür gibt es einschlägige religiöse Muster. Der Zukunfts-Bezug dient in alten Religions-Narrativen als Orientierungsmuster für die (sündige) Gegenwart, mit ihm prägen die religiös-kulturellen Funktionseliten das Bild der Gesellschaft von selbst.

Der Zukunftsbezug erlaubt gleichzeitig Hoffnungen und Versprechen, er funktioniert als „Traumfabrik“, in der sich „ganz andere“ Dimensionen“ für das gesellschaftliche Leben öffnen. Auch umstürzlerische Bewegungen sind durch die Propaganda eines neuen Zukunftsmodells geprägt. „Mit Zukunftsversprechen lassen sich Versagungen kompensieren, Konflikte und Gewaltzyklen abschwächen oder soziale Energien freisetzen, für die es rein innerweltlich, und das heißt: innerzeitlich, keinen hinreichend starken Antrieb geben würde. Verlöre der Glaube an Zukunft diese Kraft, müssten alle laufenden Rechnungen ohne einen optionalen und niemals genau zu beziffernden Faktor Z beglichen werden, wäre es um den Gefühlshaushalt und den Zusammenhalt einer Gesellschaft schlecht bestellt.“

Die Aufklärung und die Narrative der Moderne 

Der Rekurs auf die Natur in Form der Naturrechte des Menschen oder Menschenrechte von Natur bestimmt die neuzeitliche aufgeklärte Form des Transzendenz-Denkens. Wer Religion zur Privatsache erklärt, entmachtet ihre Transzendenz-Erzählung. Die abstruse, durch keinerlei empirische Erfahrung begründbare Idee, dass der Mensch frei geboren sei und sich - in einer von anderen zu tolerierenden Weise - seines eigenen Verstandes bedienen darf und sollte, entzieht die Menschen gedanklich der Verfügungsgewalt der göttlichen Mächte und ihrer Priester. Die Idee der menschlichen Freiheit ist eine unverfügbare Transzendenz-Idee, die symbolisiert ist in verfügbaren Ikonen der Schriftworte (Deklaration der Menschenrechte) und die sich manifestieren muss in Institutionen, damit ihre Geltung für das kollektive Leben durchgesetzt werden kann.

Das „Narrativ der Säkularisierung“, so Koschorke, steht im Zentrum der großen westlichen Moderne-Erzählung. „Die Rechnung ist einfach: Wenn die Menschheit wahlweise immer aufgeklärter oder gottloser wird, dann muss sie zuvor unmündiger oder gottesfürchtiger gewesen sein.“ ‚Transzendenzverlust’ wird als Kennzeichen ausgemacht, oder das postmoderne „Ende der großen Erzählungen“ proklamiert. Dass Historiker sowohl das Bild des Mittelalters wie auch der Neuzeit ganz anders, viel differenzierter zeichnen, tut den großen interpretatorischen Begriffen keinen Abbruch. Die Fiktion vom eigenen Fortschritt trägt die „Rückwärts-Fiktionen“ eines „in seiner Allgläubigkeit gefangenen mythischen Zeitalters“. 

 „Den schönsten Fall einer reichen Orchestrierung in diesem  Zusammenhang bietet das Narrativ der Aufklärung, zumal ein Glücksfall es will, dass eine Art Quellcode existiert“ - Immanuel Kants Abhandlung Was ist Aufklärung? von 1784:

    ‚Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines andern zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung. Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung freigesprochen (naturaliter majorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen. Es ist so bequem, unmündig zu sein.’

Diese knappen Definition von Aufklärung enthält „eine geschichtsphilosophische Erzählung verbirgt - genauer: eine Schwellenerzählung, die von der Schwelle zur mentalen Volljährigkeit der Menschheit oder, was für Kant noch dasselbe ist, zu ihrer geistigen Mannbarkeit handelt. (…) Denn die Kolonisierung der Vormoderne, die im Rückblick als irrational, wild, tierhaft und kindisch erscheint, liefert zugleich ein Modell für die Kolonisierung außereuropäischer Kulturen, die nicht in den Genuss der europäischen Aufklärung gekommen sind und entweder  als Kinder unter Kuratel gestellt oder als Wilde zivilisiert werden müssen; umgekehrt wirkt sich die Kolonialerfahrung auf den Umgang mit der eigenen Vergangenheit aus. Derselbe Analogieschluss hat sich für eine innergesellschaftliche Kolonisierung nutzen lassen, da das selbstbewusst-aufgeklärte Bürgertum dazu neigte, auch die Landbevölkerung, später das Industrieproletariat und überhaupt die gedankenlose Masse für Gesellschaftsteile mit beschränkter Rationalität und einem entsprechend eingeschränkten Menschheitsstatus zu halten.“

Kant als begnadeter Erzähler „zieht alle Register: das juristische (Unmündigkeit), das biographische (Aufklärung als Adoleszenzkrise der Menschheit), das pädagogisch-moralische (insofern sich aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit der paradoxe Auftrag einer Erziehung zur Emanzipation von den Vormündern ergibt) und schließlich das Register der Männlichkeit (Mut haben, sich endlich ermannen). Sogar ein politisches Register ist zu erkennen, insofern Kant ganz in den Ton von visionären Führern verfällt, die ihrem Volk zur Freiheit verhelfen wollen und darüber schimpfen, dass das Volk nicht mitziehen will. Wenn Kant denen, die unaufgeklärt bleiben, ‚Faulheit und Feigheit’ unterstellt und auf ihre Bequemlichkeit schimpft, dann hört er sich wie Mose an, der das Volk Israel aus der  ägyptischen Gefangenschaft befreien möchte und mit Zorn erlebt, wie sich die Juden nach den Fleischtöpfen Ägyptens zurücksehnen.“

Wenn die Narrative der europäischen Moderne ihre Definitionsmacht verlieren, so liegt das weniger daran, dass einzelne ihrer Elemente durch kulturgeschichtliche Erkenntnisse als Märchen überführt wurden, sondern eher daran, dass sie in der Geschichtsphilosophie des europäischen Kolonialismus verwurzelt sind und im Zeitalter der Globalisierung nun „vaterlos durch die Welt irren“.

Es ist allerdings, so stellt Koschorke fest, in der westlich geprägten Welt „keine globale Einheitssemantik in Sicht“, die in der Lage wäre, die Erzählung „der“ Moderne als „Prozess der Säkularisierung“ oder auch Prozess der Zivilisation zu überschreiben. So haben ihre Elemente - auch mangels Alternative - „ein langes Nachleben weit über ihre ‚Kernlaufzeit’ hinaus“.

Was ist Wahrheit?

Ist außersprachliche Wirklichkeit mit Gewissheit erkennbar? „Wenn Wissensproduktion eine soziale Aktivität ist wie jede andere auch, hat das Auswirkungen auf das Verständnis von Wissenschaftsgeschichte als Entdeckungsgeschichte. Jede soziale Entwicklungsstufe schafft sich dann ihren eigenen Denkraum und stellt Kategorien bereit, die als Instrumente der Welterkenntnis verwendet werden können und die jeweils einen neuen Weltausschnitt offen legen.“ 

Sicherlich gibt es Prozesse der Verselbständigung der Geltung von Wissensbeständen gegenüber ihrer Genesis und den Umständen ihrer Gewinnung deren sozialer Bedingtheit. Eine Sammlung von Fakten reicht dem Menschen aber nicht, Fakten stiften keinen Sinn. Letztlich gilt: „Die soziale (historische, kulturelle) Bedingtheit von Wissen ist nur unter Fremdheitsbedingungen konkret beobachtbar, nicht an sich selbst.”


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