Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

3 AS neu 200

ISBN 978-3-7418-5475-0
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at)wolschner.de

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche Wirklichkeits-Konstruktion im „Jahrhundert des Auges“

3 VR neu 200

ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at) wolschner.de

Wir Kinder der Magie

Das „magische“ Wahr-nehmen ist das ursprüngliche. Die Psychoanalytikerin Selma Fraiberg spürt in ihrem Buch „Die magischen Jahre“ dem Ursprung des Denkens in der kindlichen Realitätsbewältigung  nach. Sie unternimmt eine Reise in das von Kultur ungeformte Gehirn. Die ersten Klangformen eines Kindes beschreibt sie als „magische Zauberformeln“, die eine Stimmung ausdrücken und ein Ergebnis herbeiführen sollen. Das Kind weiß nicht genau, was beispielsweise „maaamma“ ist - es experimentiert mit dieser Lautkombination, probiert Effekte aus. „Maaamma“ und es gibt etwas zu trinken. „Maaamma“ funktioniert zum Beispiel als Einschlaf-Mantra, es hat etwas Beruhigendes. Wolken regnen, weil sie traurig sind. Liegt der Ball unter der Kommode, weil er schlafen will?  Ist Maaamma krank, weil ich böse war? In dieser Art der Weltwahrnehmung durch Wortklang-Magie beginnt sich ein Wirklichkeits-Bewusstsein zu bilden. „Rationale“ Prozesse im modernen Sinne setzen erst mit der differenzierten Sprachentwicklung ein.

Über den Ursprung des Denkens in der kindlichen Realitätsbewältigung
Auszüge aus „Die magischen Jahre“ von Selma Fraiberg

„Der Magier sitzt auf seinem hohen Stuhl und blickt gnädig auf die Welt. Er ist auf der Höhe seiner Macht. Schließt er seine Augen, so verschwindet die Welt, öffnet er seine Augen, so kehrt die Welt zurück. Herrscht Harmonie in ihm, dann ist die Welt auch harmonisch. Wenn Wut seine innere Harmonie erschüttert, ist auch die Einheit der Welt erschüttert. Regt sich ein Wunsch in ihm, dann spricht er die magischen Silben, die den gewünschten Gegenstand erscheinen lassen.“

„In dieser Vorstufe des Denkens führt sein Körper mit seinen Bedürfnissen ein gewünschtes Ereignis herbei. Wenn sich seine Welt erweitert, sieht er alle Gegenstände oder Ereignisse als Resultat seiner eigenen Betätigung an. Nicht die Klapper bringt ein Geräusch zustande — er, der Magier, macht das Geräusch, indem er sie bewegt. Der Teddybär nimmt keinen Raum außerhalb von ihm ein - der Teddybär ist ‚da’, nur wenn er ihn sieht. (…) Er empfindet die Objekte und Ereignisse seiner Umwelt als Folge seiner Betätigung, seines Ergreifens, Sehens und Hörens. In diesem Sinn ist er die Ursache aller Dinge.“

Nichts als gieriger Hunger

„Das Neugeborene wacht periodisch auf aus seinem langen Schlaf durch Hunger und Unbehagen, und seine unkonzentrierten, verschleierten Augen fixieren nur selten einen Gegenstand. Bei diesem flüchtigen Fixieren bekommt sein Gesicht einen klugen und konzentrierten Ausdruck. Es sieht nachdenklich aus. Sein gieriger Hunger erzeugt unerträgliche Spannungen, und die Befriedigung dieses Hungers ist unbedingt erforderlich. Undeutliche Gegenstände schwimmen in das Gesichtsfeld, weichen wieder zurück und zergehen im Nichts.“

„Er fühlt Hunger, und etwas wird in seinen Mund gesteckt, das ihn befriedigt. … Ein unsichtbares Netz umschließt Mutter und Kind. Es übermittelt die feinsten Regungen von der Mutter auf das Kind. Während das Kind seine Mutter noch nicht mit den Augen erkennt, empfängt es unendlich viele Eindrücke durch den physischen Kontakt mit ihr; allmählich lassen diese ein Bild von ihr entstehen. Es gibt noch kein visuelles Gedächtnis, aber die körperliche Nähe von Mutter und Kind führt zu einer Assoziation des Mutterbildes mit Vergnügen, Befriedigung und Schutz.“ 

 „Die Ereignisse in seinem Leben stehen in keiner Verbindung zueinander. Sogar die Befriedigung seines Hungers ist noch nicht mit dem Gesicht seiner Mutter verknüpft, geschweige mit ihrer Person. … Es fällt offenbar schwer, nicht zu glauben, dass er nicht seinen Unwillen über die Unzulänglichkeit seiner Mutter ausdrückt, wenn er brüllt.“

Jan ist vier Wochen alt: „Seine Mutter bringt ihm seine Flasche zu spät. Beim Betreten seines Raumes sieht sie das wahre Abbild eines jähzornigen Herrn bei Tisch: er stößt unzusammenhängende Laute aus, ballt die Fäuste und beklagt sich bitter über (diesen) Betrieb. Jeden Augenblick wird er das Lokal verlassen.“

„Das Nervensystem des Babys ist noch nicht sehr widerstandsfähig gegenüber besonders starken Reizen; diese Funktion übernimmt die körperliche Nähe der Eltern. Vermutlich ist die spätere Stabilität des Nervensystems beim Empfang von starken Reizen und bei der Reaktion darauf keine unabhängige neurologische Entwicklung, sondern eng verknüpft mit der Nestwärme, den Befriedigungen und dem Schutz, die die Mutter ihm verschafft.“ 

„Die wiederholten Erfahrungen des Nährens in Begleitung des menschlichen Gesichts lassen eine Assoziation zwischen Nähren und menschlichem Gesicht entstehen. Aber mehr noch: auch die angenehme Befriedigung beim Nähren verbindet sich mit dem menschlichen Gesicht. Die Wiederholung dieser erfreulichen Erfahrung gräbt allmählich die Erinnerungsspur des Antlitzes ins Gedächtnis ein.“

„Wenn das vorstellungsmäßige Bild sich eingeprägt hat, dann wird das reale Bild des Gesichts ‚erkannt’, das heißt, der Anblick des Gesichts ruft das Erinnerungs-Bild hervor. Nun kommt das Entscheidende: Es ist nicht nur eine Erinnerung, die auf Bildern basiert, sondern eine Erinnerung, die aus einem Bild und dem Vergnügen herkommt - das Nähren vollzog diese Assoziation. Die Antwort des Babys auf den Anblick des menschlichen Gesichts sieht man jetzt als Antwort auf das Vergnügen. Das kurze Lächeln, das seinen Ursprung hätte in der instinktiven Reaktion auf die Befriedigung beim Nähren, erscheint jetzt immer häufiger beim Anblick des Gesichts, als riefe dieses Gesicht die Erinnerung an Befriedigung und Freude hervor. Das Baby hat seine ersten menschlichen Beziehungen geknüpft. Wir sollten nicht enttäuscht sein, wenn wir erfahren, dass das Baby das Gesicht seiner Mutter noch nicht von den anderen unterscheiden kann. (…) Viele Wochen nach dem Auftreten des antwortenden Lächelns kann beinahe jedes menschliche Gesicht dieses Lächeln hervorrufen. Auch eine Maske mit Augen und Stirn. Experimente zeigen uns, dass das Baby nicht das ganze Gesicht erfasst, sondern nur den oberen Teil, die Augen und die Stirn.“ 

Die Mutter wird Person

Die positive Identifikation und Unterscheidung des mütterlichen Gesichts setzen Psychologen bei acht Monaten an: „Es lächelt jetzt nicht mehr jedes Gesicht an, das in sein Blickfeld kommt. … die Freude an der Nahrung (ist) nicht mehr nur eine Sache biologischer Bedürfnisse und ihrer Befriedigung ist, sondern an die Person seiner Mutter gebunden. Es hat endgültig dieses Gesicht, diese Person verknüpft mit der Befriedigung seiner Bedürfnisse und betrachtet die Mutter als Quelle der Befriedigung. Das Erscheinen ihres Gesichts bringt so fröhliche Laute und vergnügtes Krähen hervor und das Verschwinden ihres Gesichts solche Enttäuschung, dass wir sagen können: Das Kind liebt seine Mutter als Person …
Es möchte, dass seine Mutter es füttert, denn ihre bloße Gegenwart gibt ihm Freude und Befriedigung. Seine Reaktion hängt nicht mehr allein von seinen körperlichen Bedürfnissen und ihrer Befriedigung ab …  Wenn auch die Liebe zu seiner Mutter noch nicht unabhängig ist von der Befriedigung seiner materiellen Bedürfnisse, so hat das Kind in dieser zweiten Phase schon einen großen Fortschritt gemacht: die Person der Mutter und ihre Gegenwart bedeuten schon Freude und Befriedigung.“

Identitätsprobleme – das Selbst und das Nicht-Selbst

„Nach unzähligen Wiederholungen entdeckt das Baby allmählich, dass das geistige Bild einer Speise nicht zur Befriedigung führt. Die bloße Vorstellung der Brust oder der Flasche lässt es hungrig bleiben. Die wirkliche Brust führt zur Befriedigung. Dies sind die ersten Feststellungen der Wirklichkeit, der existentiellen Grundregeln.“

„Kaum ist das zwei Monate alte Baby aus der langen Nacht seiner ersten Wochen erwacht, steht es schon vor einigen der tiefsten Probleme der Menschheit. Es muss die Natur der Wirklichkeit studieren, das Selbst und das Nicht-Selbst, die innere und äußere Erfahrung unterscheiden … Seine Ausrüstung ist beschränkt auf seine Sinnesorgane, seine Hände, seinen Mund und einen primitiven Gedächtnisapparat. Mit zwei Monaten erkennt es einen Gegenstand, von dem wir wissen, dass er ein menschliches Gesicht darstellt und sich außerhalb von ihm befindet. Aber für das Baby ist es nur ein zufälliges Bild, das es nicht von dem geistigen Bild in seiner Erinnerung unterscheiden kann. … In den frühen Monaten unterschied es noch nicht zwischen seinem Körper und anderen Körpern. Wenn es den Finger seiner Mutter umklammerte, sah es ihn nicht als einen fremden Finger an, und sein Benehmen zeigte, dass es ihn genauso behandelte wie seinen eigenen. Es brauchte in der Tat eine gewisse Zeit, um seine eigene Hand mit den Augen zu erkennen und das rudimentäre Gefühl zu bekommen, dass sie ein Teil seines eigenen Körpers ist.

Bei der ersten Versuchsreihe entdeckt es, dass der Gegenstand, der gelegentlich vor seinen Augen vorbeizieht, derselbe ist, den es in den Mund steckt. Die Hand wird jetzt ein Gegenstand, den man sehen und schmecken kann. Das Baby kann sie identifizieren. In einer anderen Versuchsreihe entdeckt es, dass die Empfindungen, die es hat, wenn es diesen Gegenstand in den Mund steckt, anders sind, als wenn es einen Lutscher, ein Spielzeug oder den Finger seiner Mutter im Munde hat. In wieder einer anderen Versuchsreihe bringt es seine beiden Hände vor sein Gesicht und befühlt sie; nach unzähligen Wiederholungen entdeckt es allmählich besondere Gefühle beim Kontakt mit seinen eigenen Händen; sie sind nicht so wie bei der Berührung der Gegenstände außerhalb seines Körpers.“

Nachtgespenster der inneren Welt

„Für das  ganz kleine Kind sind die Eltern mächtige Wesen, magische Geschöpfe - die geheime Wünsche erraten, die tiefsten Sehnsüchte erfüllen und wunderbare Taten vollbringen - (wie) freundliche Geister, die in den Märchen erscheinen und Tische, gefüllt mit Köstlichkeiten, herbeizaubern; Elfen, die die extravagantesten Wünsche erfüllen; magische, verzauberte Tiere, die ein Kind in weit entfernte Länder bringen; der Löwe als Gefährte, der alle Feinde besiegt; Könige und Königinnen, die Macht über Leben und Tod haben. Das kleine Kind muss fühlen, dass es sich auf diese mächtigen Wesen verlassen kann, um seine Spannungen und seine Ängste zu verlieren. Sogar die liebevollsten Eltern entdecken eines Tages, dass in der Welt des Kindes eine gute Fee sich leicht in eine Hexe verwandelt, der freundliche Löwe in ein wildes Tier, der wohlwollende König ein Ungeheuer wird und dass finstere und unheimliche Gestalten zeitweise in das Paradies der frühen Kindheit eindringen.“ 

Der lachende Tiger

Selma Fraiberg erzählt die Geschichte von dem lachenden Tiger: „Ich begegnete ihm zuerst, als meine Nichte Jannie ungefähr zwei Jahre und acht Monate alt war. Als ich eines Nachmittags das Haus ihrer Großeltern betrat, war meine Nichte gerade dabei, mit ihrem Großonkel auszugehen. Jannie begrüßte mich nicht; sie sah etwas ärgerlich aus bei meinem Erscheinen - wie eine Schauspielerin, die während der Probe von einem ungeschickten Arbeiter gestört wird oder sonst jemand, der über die Bühne stolpert. Jannie ignorierte mich weiter, zog ihre weißen Handschuhe an und ergriff ihre Handtasche: eine hübsche Nachahmung einer Dame, die zu einer  Nachmittagsverabredung weggeht. Plötzlich drehte sie sich um und betrachtete stirnrunzelnd etwas hinter ihr. ‚Nein!’ sagte sie bestimmt. ‚Nein, lachender Tiger! Du kannst nicht zum Eisessen mit uns kommen. Du bleibst hier. Aber Jannie kann mit uns kommen. Komm mit, Jannie!’ Und sie schritt mit ihrem Onkel aus der Tür und schwenkte eindrucksvoll ihre Handtasche.  …  (Im Leben des Kindes hatte es) immer einen ständigen Zustrom von Phantasiegefährten gegeben. Es gab Stühle, die Jannie und Tommy heilig waren, Plätze am Tisch, reserviert für Kaninchen, Hunde und Bären, und das leibhaftige Kind, das diese Menagerie beherrschte, antwortete oft nicht auf seinen eigenen Namen. Warum lachender Tiger?  Er brüllt nicht. Erjagt niemals Kindern Schrecken ein. Er beißt nicht. Er lacht nur. Warum durfte er nicht zum Eisessen mitgehen? Er muss sich merken, dass er nicht alles haben kann, wie er es will.  …  Wenige Monate nach Jannies drittem Geburtstag verschwand er, und niemand trauerte ihm nach.

„Das Kind kann seine eigenen Kraftquellen nicht mobilisieren, um mit diesen eingebildeten Gefahren fertig zu werden. Nun gibt es einen Ort, an dem man ein grausames Tier unter selbstbestimmten Bedingungen treffen und besiegen kann. Das ist die Phantasie. (…) Alle gefährlichen Eigenschaften der Tiger wurden in dieser neuen Schöpfung ‚veredelt’. Zähne? Dieser Tiger fletscht sie nicht grimmig, er lacht nur. Kinder in Schrecken versetzen? Er selbst ist derjenige, der erschreckt wird. Wild und unkontrolliert? Ein Wort von seiner Herrin, und dieser Koloss schrumpft in seiner Ecke zusammen. Heißhunger? Nun, wenn er gute Manieren hat, darf er ein Eis bekommen.“

Reisen verändern die Perspektive.

„Ein Stuhl zum Beispiel ist für das sechs Monate alte Kind vom Sofa aus, oder für ein acht Monate altes Kind vom Teppich aus, ein eindimensionaler Gegenstand. Wahrscheinlich sieht das Kind dieses Alters, dem man denselben Stuhl zu verschiedenen Zeiten von verschiedenen Seiten zeigt, ihn nicht als einen Stuhl, sondern als durchaus verschiedene Stühle, der jeweiligen Blickrichtung gemäß. Erst wenn das Kind beginnt, sich mit eigener Kraft zu bewegen, entdeckt es, was ein Stuhl ‚wirklich’ ist. Den Eltern, die einen neuen Eindruck von ihren Möbeln haben wollen, rate ich, sich auf alle viere niederzulassen und das neun oder zehn Monate alte Kind auf seinen Runden zu begleiten. Wahrscheinlich ist es viele Jahre her, seit sie zum letzten Mal die Unterseite eines Esszimmerstuhls studiert haben. Das Kind wird dieses Wunder mit ebensoviel Konzentration und Ehrfurcht studieren wie ein Tourist die Kathedrale von Chartres. Ist es mit der Betrachtung der Unterseite des Stuhls fertig, hält es an, befühlt die Rundheit und Glätte des Stuhlbeines und beißt mit seinen Vorderzähnen hinein, um den Geschmack zu kosten. In den folgenden Tagen und Wochen entdeckt es bei zahlreichen Rundreisen um den Stuhl, dass die verschiedenen Seitenansichten die verschiedenen Gesichter eines und eben desselben Gegenstands sind, den wir ‚Stuhl’ nennen.

Das Kind muss jeden Gegenstand in seiner Umgebung auf diese Weise aufbauen, bis seine verschiedenen Ansichten zu einem Ganzen vereint sind. Das Studium einer Tasse wird das Kind wochenlang bei zahllosen Mahlzeiten beschäftigen, während die Bestimmung der Tasse, wie seine Mutter sie sieht, es überhaupt nicht interessiert. Milch zu trinken aus der Tasse ist die am wenigsten fesselnde Tätigkeit in Verbindung mit ihr. Das Kind erstreckt seine Forschung auf das Wesen der Tasse. Es erforscht das Äußere und das Innere der Tasse, entdeckt, dass sie hohl ist, und knallt sie auf den Tisch zum Beispiel wegen der Klangwirkung. Ströme von Milch und Orangensaft und ganze Wasserfälle von der Tasse zum Fußboden machen das Experiment noch erfreulicher. Man kann seine Mutter, die dauernd mit Schwämmen und Wischlappen beschäftigt ist, kaum tadeln, wenn sie diese Experimente nicht ermutigt. Das Kind ist äußerst geschickt dabei, ihr die Tasse aus der Hand zu nehmen und sie für seine eigenen Zwecke zu verwenden. Es ist empört, wenn die Mutter seine Experimente stört. (…)

Es ist berauscht von seiner neu gefundenen Welt; es verschlingt sie mit jedem Sinnesorgan. Es staunt über das bisschen Staub, den es mit seinen Fingern aufnimmt. Ein Stück Cellophan, ein Seidenband erfüllt es mit Begeisterung. Es schwelgt im Küchenschrank, stöbert verborgene Schätze aus Schubladen, Papierkörben und Mülleimern auf. Dieser Drang nach Entdeckungen ist wie. ein unersättlicher Hunger, der es unbarmherzig immer weitertreibt. Es ist taumelig vor Müdigkeit, aber es kann nicht aufhören. Der Hunger nach Sinneserfahrungen ist so intensiv und alles beherrschend wie der Hunger seines Magens in den ersten Lebensmonaten.“ 

„Der ursprünglich nur körperliche Hunger verwandelte sich in ein unersättliches Verlangen nach der Welt. Die Liebe, zuerst nur auf die Mutter gerichtet, hat sich erweitert und möchte seine ganze Welt umfassen. Das Kind liebt die Welt, die es durch die Liebe zu seiner Mutter entdeckt hat, und benimmt sich wie berauschte Liebhaber in Liedern und Gedichten — für sie hat sich die Welt durch die Liebe verwandelt, die gewöhnlichsten Gegenstände sind von Schönheit erfüllt.“

Abrakadabra - die Magie der Worte

„Magie ist die ursprüngliche Art des Denkens der Welt noch vor der Entstehung des Wortes. Was wir rationale Gedankenprozesse nennen, kann sich nur erst durch die oder mit der Entwicklung der Sprache bilden. Die zweite, mittelbare Art des Denkens ist aufgebaut auf dem Wort und seinem Gebrauch. Die wenigen Worte, die der Magier mit achtzehn Monaten beherrscht, sind noch nicht Ausdruck einer zweckfreien Rationalität. Sie dienen seinen Wünschen und seinen unmittelbaren Bedürfnissen. Er erwirbt sie ungefähr auf die gleiche Weise, wie ein ungeschulter Erwachsener eine fremde Sprache erwirbt, indem er zuerst die Worte für seine Bedürfnisse lernt — die sogenannte ‚Restaurant-Sprache’. Das Kind lernt im zweiten Jahr ‚Mama, Keks, ausgehn’, weil es die Mama braucht, einen Keks haben möchte, ausgehen will. Es lernt die Namen der Gegenstände, die es haben will. Aber es denkt noch nicht rational oder geordnet. Es besitzt auch weder den Wortschatz noch die Auffassungsgabe, um eine geordnete und zusammenhängende Anschauung von der Welt oder den Ereignissen in seiner Umgebung zu bilden. So sind die ersten Stadien der Sprachentwicklung dem primären, magischen Denken näher als der nächsten Stufe, den gedanklich-rationalen Prozessen der sekundären Reflexion. Sie dienen der magischen Beherrschung der Welt, nicht der Vernunft. Das Kind ist noch immer ein Magier. Die Quellen der Macht dieses Magiers interessieren natürlich sein Publikum. In dieser Zeit kann man die Gedankengänge eines praktizierenden Magiers ausgezeichnet erforschen, zumal er auf gesetzmäßigem Weg zu seinen Geheimnissen kommt und ohne Hokuspokus seine Vorstellungen gibt. Das kleine Wesen auf dem hohen Stuhl glaubt an das, was es tut.
Es entdeckte seine Macht zufällig im ersten Lebensjahr, als sein körperliches Unbehagen einen Gegenstand, eine Brust oder eine Flasche, herbeirrte, der seine Spannungen linderte. (…)
Irgendwann gegen das Ende des ersten Lebensjahres entdeckte er, dass nicht er der Urheber aller Dinge ist, dass es Ursachen für bestimmte Ereignisse außerhalb gibt: ganz unabhängig von seinen Bedürfnissen und seinen Wünschen. Er selbst hat schon mit Beobachtungen angefangen, die ihn an seiner Macht zweifeln lassen. In der Mitte des zweiten Jahres macht der Magier Entdeckungen, die langsam zu seinem Sturz führen wird.“

„Die Sprache hat ihren Ursprung in der Magie. Die ersten ‚Worte’ eines Babys sind überhaupt keine Worte, sondern magische Zauberformeln, die aus Freude geäußert und wahllos gebraucht werden, um ein gewünschtes Ereignis herbeizuführen. Irgendwann im letzten Viertel des ersten Jahres bildet das Baby die Laute ‚mama’ oder ‚dada’. Das Baby ist überrascht und erfreut über die Aufregung, die es bei seinen Eltern damit hervorruft… Unglücklicherweise weiß es nicht, wer oder was ‚mama’ ist. Es blickt der Mutter gerade in die Augen und sagt ‚mama’, und sie schmilzt prompt dahin bei diesem lieblichen Klang. Es wird dem Vater gerade in die Augen blicken und ‚mama’ sagen, und der Vater wird es, etwas verwirrt, verbessern. Das Baby wird nach dem Hundeschwanz haschen und ‚mama’ krähen, es wird nach dem Keks greifen und ‚mama’ schreien, und es wird in seiner Wiege liegen und ‘mamamamama’ murmeln — aber es hat nicht den geringsten Begriff von Mutter und den zahllosen Dingen, die sie für es tat. In dieser Zeit verbindet es noch nicht das Wort mit der Person.

Aber es hat doch schon entdeckt, dass die Silben ‚mama’, wenn nötig mehrere Male wiederholt, auf magische Weise die Mutter erscheinen lassen — dieses unschätzbare Wesen, das für alle seine Bedürfnisse sorgt und es vor jeder Unbill beschützt. Es weiß noch nicht, wie dies geschieht – aber es führt diese Tatsache auf seine eigenen magischen Kräfte zurück.

Wie alle Magier erforscht es nicht weiter, worin seine Gaben eigentlich bestehen. Es entdeckt, dass diese Formel auf viele Situationen angewendet werden kann. Möchte es den Keks haben, stammelt es die magischen Silben ‚mama’. Es redet den Keks nicht als ‚mama’ an, ebensowenig wie es seine eigene Mutter als ‚mama’ anspricht. Man kann ‚mama’ hier mit ‚abrakadabra’ übersetzen, dem magischen Ausdruck, um ein gewünschtes Ereignis herbeizuführen: den Keks in den Mund! Jetzt verdolmetscht seine Mutter diesen an den Keks gerichteten Singsang in das gleichwertige ‚Mama, ich möchte einen Keks!’. Und sie wird eine ‚Begegnung’ zwischen Baby und Keks zustande bringen. Das hat die Wirkung, die Magie des Wortes ‚mama’ noch zu erweitern: es zaubert beinah jedes wünschenswerte Ereignis herbei. Das Baby entdeckt auch  schnell, dass in Zeiten des Unbehagens oder beim verhassten Schlafengehen die magischen Silben ‚mama’ seine Mutter erscheinen lassen. Erst im Lauf vieler Monate bezeichnen die Silben‚ allmählich die Person ‚Mama’. Durch zahllose Wiederholungen bei verschiedenen Gelegenheiten entdeckt das Baby, dass das magische Wort ein besonderes Ereignis herbeiführt: das Erscheinen seiner Mutter.“ 

Bilder und Erinnerungsbilder

„Sobald die Gegenstände Namen erhalten, wird eine höhere Form der Wortmagie erreicht. Wenn zum Beispiel das Wort ‚mama’ endgültig mit der Person ‚mama’ identifiziert wird, entdeckt der Magier, dass das Wort ein geistiges Bild der Mutter hervorrufen kann, obgleich das Wort die wirkliche Mutter keineswegs herbeizaubert. Der Besitz des Wortes ‚mama’ verschafft ihm die Möglichkeit, dem Erinnerungsbild der Mutter Dauer zu verleihen, er kann es in seiner Vorstellung neu schaffen, wenn er die Mutter braucht.  Man könnte vielleicht fragen, was daran so besonders sei. Die Antwort bekommt man leicht, wenn man sich anschaut, wie dieses Phänomen sich auswirkt.

Wie jedes gesunde Kind im zweiten Jahr geht Susi unter heftigen Protesten zu Bett. Nach dem Gute-Nacht-Kuß bleibt Susi allein. Bald nachdem die Eltern hinausgegangen sind, hören die protestierenden Laute auf, und ein fröhlicher Monolog beginnt: ‚Mamabapa, Wauwaumamamam, Wauwaubapapa. Aiaidudi. Mamamamamam.’ Ungefähre Übersetzung:

‚Mama, Papa, Wauwau. Ai-ai Susi. Mamamama.’ Diese Rede und ihre Abwandlungen dauern fünfzehn oder zwanzig Minuten, bis Susi einschläft. Sie wird in glänzend rollendem Tonfall gesprochen, genau im Tonfall unserer Sprache, und, was besonders interessant ist, Susi spricht mit sich selbst und versucht nicht, mit all den genannten Personen und Gegenständen direkt in Verbindung zu kommen. Die ganze Vorstellung geht in bester Laune vor sich; der schwere Kummer über das Zubettgehen hat sich schnell gelegt.

Dieser Vorgang beruht wieder auf Wortmagie, aber einer Wortmagie besonderer Art. In dem Augenblick, bevor Susi zu Bett gebracht wird, ist der Schmerz groß, ihre schöne Welt und ihre geliebten Personen und Gegenstände verlassen zu müssen. In der Dunkelheit schafft sie ihre verlorene Welt neu, holt die abwesenden Menschen und Dinge zurück, indem sie ihren Namen ausspricht. Sie ist wieder der Zauberer, der die Geister beschwört: durch den Anruf ihrer Namen.

Das Selbstgespräch zur Schlafenszeit ist so allgemein, dass  wenige Eltern sich darüber wundern; untersuchen wir aber seine Bedeutung, werden wir merken, dass es einer der frühen Triumphe der Sprache ist. Die wenigen Worte — die Namen der Dinge - sind fähig, die Dinge selbst zu ersetzen; eine Vorstellung ersetzt ein wirkliches Erlebnis; auf diese Weise kann eine schmerzliche Erregung oder Angst überwunden werden. Es ist dies ein gutes Beispiel dafür, wie die Sprache dem menschlichen Wesen ermöglicht, über bestimmte Situationen und über seine instinktmäßigen Reaktionen Herr zu werden.

In diesem Beispiel ersetzen Worte eine Handlung — eine der wichtigsten Funktionen der Sprache. Die einzigartige menschliche Leistung - die Kontrolle über körperliche Triebe, die Verzögerung, den Aufschub, sogar den Verzicht auf den Genuß — verdanken wir weitgehend intellektuellen Fähigkeiten, die die Sprache erst ermöglicht. Die Leistung, eine Handlung bewußt zu hemmen und, wenn auch nur zeitweise, auf einen erwarteten Genuss zu verzichten, hängt von den spezifisch menschlichen Fähigkeiten des Urteilens und vernünftigen Denkens, der sekundären Reflexion ab: Funktionen aber, die ohne Sprache nicht denkbar sind.

So ist die Welt des zweijährigen Kindes manchmal immer noch eine spukhafte, zwielichtige Welt … Wie im Traum trifft ein kleiner Junge in einer achtbaren und ganz normalen Familie des Mittelstands im Wohnzimmer auf ein mechanisches Ungeheuer, das ihn mit gierigen Kinnbacken und schrecklichem Getöse verfolgt. Wie im Traum beobachtet ein kleines Mädchen, das fröhlich in der Badewanne planscht, wie der Ausguss durstig das Wasser wegsaugt. Plötzlich sieht es voll Schrecken sich selber in die unheimliche Tiefe gespült. In Träumen begegnen wir Ameisen, die ein kleines Mädchen, die Großmutter und die Köchin verschlingen. Traumwesen können … mit den Armen schwingen und sich ohne Anstrengung in die Luft erheben.

Später werden diese Ungeheuer, diese menschenfressenden Ameisen, die alles verschlingenden Abflussrohre und fliegenden Menschen auf den Dachboden verbannt — so viele nutzlose Vorstellungen, die man nicht leicht loswird, aber glücklicherweise dann vergisst.“

Die Missionare der Vernunft

„Die Laufbahn eines Magiers endet in dem Augenblick, in dem seine Umwelt an seine Magie nicht mehr glaubt. Wenn gezaubert werden soll, müssen der Magier und ein gläubiges Publikum zusammenwirken. Die Laufbahn unseres Magiers auf dem Kinderstuhl ist fast von Anfang an durch eine Clique von Ungläubigen vereitelt; sie halten es für ihre Pflicht, sich zu erheben, zu protestieren, zu streiten, zu beweisen und ihr prosaisches Selbst, ihre eigene schwer erworbene Weisheit, als Ersatz anzubieten für diese verzauberte Welt. Es sind schreckliche Gegner, denn ihre Macht ist unendlich viel größer als die des kleinen Magiers auf dem hohen Stuhl. Sie sind die Quelle der Liebe, sie sorgen für seine körperlichen Bedürfnisse. Sie sind absolut unentbehrlich; der Beweis ihrer Unentbehrlichkeit zeigt sich regelmäßig im Scheitern der Laufbahn des kleinen Magiers.

Die Ungläubigen, die Rationalisten, die Eltern und Erzieher, halten es für ihre Pflicht und ihr Recht, der Magie die ‚Wahrheit’ entgegenzusetzen, die Magie mit Vernunft zu bekämpfen, sie der Prüfung durch die Realität zu unterziehen. Sie sind im Grunde genommen Missionare, dazu bestimmt, einem Wilden eine fremde und höhere Kultur zu bringen, damit er seine Vorstellungswelt frei macht für ‚fortschrittlichere’ Arten des Denkens und seine Betätigung und kulturellen Leistungen von der Sklaverei der körperlichen Bedürfnisse befreit. Denn solange die primitive Vorstellungswelt von dem Drang der Bedürfnisse und ihrer Befriedigung beherrscht wird, ist die geistige Tätigkeit auf die bloße Befriedigung der Triebe beschränkt. Das magische Denken ist die früheste intellektuelle Leistung und Aktivität - ein geistiger Prozess, der das Gesetz der Bedürfnisbefriedigung in der frühen Entwicklung begleitet.“

„Der Magier wird durch seine eigene Zauberkraft verwandelt, als Magier vernichtet. Denn wenn er zu den Höhen der Wortmagie aufsteigt, wenn er entdeckt, dass er mit einem Wort regieren kann, dann wird er in eine neue Welt gelockt — er wird sich, ohne es zu wissen, neuen Gesetzen, denen des Denkens, verpflichten, den Grundsätzen dieser zweiten Welt, die das magische Denken durch das Wort bekämpft.“

    aus:
    Selma Fraiberg, Die magischen Jahre in der Persönlichkeitsentwicklung der Vorschulkinder
       (engl. „The Magic Years“, 1959, dt. 1969)

    PS: 18 Jahre nach Selma Fraibergs ‚Die magischen Jahre’ hat Bruno Bettelheim sein Buch ‚Kinder brauchen Märchen’ geschrieben.

    s.a. die Texte
    Das mythische Denken”   M-G-Link
    Daniel N. Stern, Baby-Gefühle M-G-Link