Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

3 AS neu 200

ISBN 978-3-7418-5475-0
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at)wolschner.de

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche Wirklichkeits-Konstruktion im „Jahrhundert des Auges“

3 VR neu 200

ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at) wolschner.de

Sprache Denken Mythen II:

Das mythisch tickende, phantastische Gehirn

 Über das meditierende Bewusstsein der frühen Menschen, die große Zeit der mythischen Erzählungen und das moderne rationale Denken
Fortsetzung von Teil I:   Sprache denken

12-2016

Menschen können Steine als Geister vorstellen, haben Phantasie für Außerirdische und  Götter. Menschen können nachdenken über die Frage, wie viele Engel auf einer Nadelspitze Platz haben, sie reden über das Unendliche, über vierdimensionale Räume oder über die Relativität von Sein und Zeit. Wir tauschen uns über Dinge aus, die es „gar nicht gibt“ und sprechen materiellen Gegenständen geheimnisvolle geistige Kräfte und subjektive Empfindungen zu. Zu jedem Konkreten kann der menschliche Geist etwas Allgemeines assoziieren und umgekehrt Allgemeines in Konkretem symbolisiert denken.

Das menschliche Gehirn hat geradezu Spaß daran, mit mentalen Symbolen zu jonglieren, Sinneseindrücke mit eigenen geistigen Schöpfungen zu kombinieren und zu neue Ideen zu fabulieren. Das menschliche Gehirn fähig, Sinneseindrücke schöpferisch zu verarbeiten und eine Vielfalt von phantastischen Ausdrucksformen, die die Sinneseindrücke transzendieren, zu erschaffen. Wenn die Kontrollfunktion der Wahrnehmung der äußeren Realität nachlässt, im Traum, dann entfaltet das Gehirn unzensiert seine schöpferischen Qualitäten, in der es wie in der Meditation keine Trennungslinie zwischen Ich und sozialer Umwelt gibt, zwischen virtuellen Gedanken-Kreationen und harten Gegenständen.

Phantastische Vorstellungen gehören zur mentalen Grundausstattung des Menschen. Um handlungsrelevante Entscheidungen treffen zu können, wartet das Gehirn auf die volle und bewusste Wahrnehmung der äußeren Welt – für viele Bedrohungssituationen würde das viel zu lange dauern. Aus einzelnen Wahrnehmungselementen konstruiert das Gehirn – oft unbewusst – die „Lage“, auf die das Lebewesen intuitiv und schnell reagieren muss. Aus Wahrnehmungselementen konstruiert das Gehirn das Wirklichkeits-Bewusstsein und „konfabuliert“ sie zu einer kompletten Geschichte. Dieser Mechanismus des Gehirns ist die Grundlage mythischen Erlebens. 

Aus der neurobiologischen Forschung ist die faszinierende und beinahe zwanghaft sinnstiftende Arbeit des Geistes bekannt. Die Komplexität des Gehirns bringt es mit sich, das der homo sapiens sich abstrakt über Gefahren Gedanken machen kann und Vorsorge trifft. Diese Vorsorge kann praktisch sein – oder theoretisch: Überall wo es um unerträgliche Beunruhigungen geht, die praktisch nicht zu bewältigen sind, versucht der Geist durch eine Sinn-Konstruktion, die Ängste zu bannen. Der Geist verringert so die unerträgliche Beunruhigung, die von nicht beherrschbaren Gefahren ausgeht.

Im Zusammenhang der Entwicklung der Sprache und sprachbasierter Kultur hatte das menschliche Gehirn komplizierte Mechanismen entwickelt, um die sensorischen Informationen, die es aufnimmt, zu verarbeiten. Das Gehirn erschafft so das Bewusstsein - als Verarbeitungstechnik für die sensorischen Daten. Gedanken, Gefühle und Erinnerungen sind Hilfs-Konstruktionen, um die sensorischen Daten zu ordnen, das Gehirn versucht gerade zwanghaft, einen Sinn aus der Masse der Datenflüsse zu konstruieren und zu verdrängen, was sich in die Sinn-Konstruktionen nicht einfügt.

I

Wort-Laute, Zeige-Gesten und sinnliche Wahrnehmung …

Am Beginn der Sprach-Entwicklung ergänzten diese frühen Menschen ihre Zeige-Gesten mit Rufen und Wort-Lauten, um auf etwas in ihrer Umwelt aufmerksam zu machen oder auf etwas hinzudeuten – die Kommunikation war auf sinnliches Wahrnehmen angewiesen. Wir kennen solche Kommunikations-Zustände von zwei- oder dreijährigen Kleinindern. Auch kleine Kinder haben ein „mythisches“ Bewusstsein, sie nehmen Träume und Märchen so wahr wie ihre Umwelt und können äußere und innere „Geschehnisse“ nicht unterscheiden. Sie unterscheiden nicht innere und äußere Wahrnehmungen.

Kognitive Fähigkeiten entstehen als affektiv-emotionale Verarbeitungs-Mechanismen, der Mensch sortiert Wahrgenommenes nach Affekten, Emotionen und nach Zeichen. Ernst Cassirer nähert sich der Frage nach den ursprünglichen Wahrnehmungen des Gehirns mit so vagen Ausdrucksweisen wie ‚Bewegungsgestalten’ und ‚Raumformen’. Das Gehirn unterscheidet ‚Raschheit’ und ‚Langsamkeit’,  ‚Eckigkeit’, ‚Wucht’, ‚Hast’, ‚Gehemmtheit’, ‚Umständlichkeit’ und  ‚Übertriebenheit’. Unser Gehirn merkt sich solche „Seeleneigenschaften“ von Wahrnehmungssituationen und erschließt damit die Welt, lange bevor eine Übersetzung in Worte und Begriffe passiert. Die „sprachliche Verlautbarung” durch „Sachbegriffe“ findet erst nach der Vermittlung von „Eindruckserlebnissen“ statt, formuliert Cassirer.

… und die mythische Schöpfungen der frühen Menschen

In den Anfängen der Sprachkultur haben Menschen die Fähigkeit entwickelt, die lebensbedrohliche Umgebung „mythisch“ zu begreifen und dadurch mit Sinn zu erfüllen. Der amerikanische Psychologe Julian Jaynes hat die mythische Bewusstseinsverfassung früher Menschen mit den psychologischen Beschreibungen von Halluzinationen verglichen: Der frühe Mensch konnte Erlebtes und Erinnertes nicht klar unterscheiden, seine kognitiven Fähigkeiten und seine Sprache ermöglichten das nicht. 
Wie dieses mythische Denken tickt, lässt sich aus der Warte des logisch-diskursiven Denkens meist nur als Defizit beschreiben. Mythisches Empfinden unterwirft sich nicht der Rationalität. Mythisches Denken bindet sich an kein logisches Gesetz der Identität. Gegenstände können sich verwandeln, werden vom Frosch zum König, wechseln bei Bedarf ihre Eigenschaften, sie schweben frei im Raum und in der Zeit, haben ihre Gegenwart in verschiedenen Räumen und Zeiten. Sachen haben Geister, Träume und Wirklichkeit können verschwimmen so wie die Geburt als Wiederkehr und den Tod als Fortdauer erscheinen kann, die Sphäre der Lebenden ist nicht getrennt von der des Todes. Diese gemeinsame Welt ist durchsetzt von Dämonen, die gut oder böse wirken, schutzbereit oder arglistig, mal so, mal so. In den Kräften der Natur sieht der Mythos dämonische Willensäußerungen, und gleichzeitig kann sich der Wunsch eines Menschen durch Verknüpfung mit dämonischen Kräften Macht über die menschliche Wirklichkeit herbeiphantasieren. Diese Verbindung entsteht durch reinen Willensakt oder vermittelt durch Rituale und Zeichen. Der Mythos entspringt nicht nur dem Bedürfnis, die erlebte Macht als sinnvoll zu erklären, sondern auch dem Wunsch nach Macht: Das „Opfer" ist der Hebel, um auf das Schicksal Einfluss zu nehmen. Alles steht in Beziehung zu allem, eben auch eine Sache mit ihrem Zeichen und wer das Bild schlägt, schlägt das Abgebildete. Darauf beruht der „Analogiezauber“. Das mythische Denken verbindet nicht nur „Ich“ und „Welt“ zu einem gefühlten gemeinsamen, es versinnbildlicht auch Gemeinschaft durch heilige Zeremonien, die das soziale Leben am eigenen Leib spürbar prägen.

Die frühen Menschen hatten keine mentale Vorstellung von sich selbst in Abgrenzung ihrer leiblichen Umwelt, sie konnten ihre Träume nicht als innere Ereignisse wahrnehmen, sie konnten vorgestelltes eigenes Handeln nicht probeweise durchspielen, um auf diese Weise über sich selbst nachzudenken. Die dafür erforderliche differenzierte Sprache gab es nicht.

Vor der Entwicklung dieser sprachlichen Mittel hatte der frühe Mensch keine Möglichkeit, innerer Erlebnisse als etwas, was ihnen nur mental wahrnehmbar war, anderen mitzuteilen. Seine Träume, Visionen und Spontanerinnerungen erlebte er wie aktuelle Erlebnisse – die erkenntniskritische Unterscheidung war nicht möglich. Ihre Statuen redeten mit ihnen und sie redeten mit ihren Statuen. Wenn sie Träume hatten oder Phantasien, dann war klar: Es mussten die Götter sein, die da redeten.
Die frühen Höhlenmalereien sind in diesem Sinne nicht Abbilder, sie wollten nicht „realistisch“ sein, sie machten Traumgestalten zu Realgestalten und sie erlaubten es, wilde Tiere, die nicht präsent waren, mit Hilfe von „Zeigegesten“ zu Wirklichkeit werden zu lassen. Artefakte machten für diese Menschen das Abgebildete präsent, Figurinen und Idole machten das Erinnerte gegenwärtig. Dieser Geisteszustand spiegelt sich noch in der alttestamentarischen Erzählung, nach der der allmächtige Schöpfer-Gott - eifersüchtig wie alle Menschen - die handwerkliche „Schöpfung“ eines Lebewesen-Abbildes als Herausforderung seiner Allmacht betrachtete und daher untersagt wissen wollte.

Wie tickten die Menschen, bevor sie aus dem Paradies vertrieben wurden, als sie unter den Göttern lebten und ihren Stimmen ohne distanzierendes Selbstbewusstsein gehorchten? Jaynes sucht danach in den ältesten Schrift-Zeugnissen der menschlichen Kultur. Er fragt: „Welche ‚Mentalität’ – welches Stadium der Psychoevolution – zeigt sich in den frühesten Schriftdokumenten der Menschheit?“ Etwa in den homerischen Gesängen der ‚Ilias’. Wo wir subjektive Empfindungen unterstellen würden, wirken in der „Ilias“ die Götter. Die Helden der „Ilias“ kennen keinen „Willen“, sie entscheiden nicht – sie hören auf die Stimmen der Götter. Diese Götter sind Bestandteile des menschlichen Bewusstseins. Die Menschen halluzinierten und verbalisieren ihre Halluzinationen als göttliche Mitmenschen.

Wo wir subjektive Empfindungen unterstellen würden, wirken in der Ilias die Götter. „Die Menschen der ‚Ilias’ kannten keine Subjektivität wie wir“, fasst Jaynes zusammen. Die Erklärung für Affekte und Handlungsimpulse werden externalisiert, projiziert. Für eine Beschreibung von inneren Empfindungen gab es noch keine Sprache. Diese alten Götter redeten „von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet“, so hallt diese Kultur noch in den Schriften des Alten Testaments nach als wehmütige Erinnerungen (etwa 2. Mose 33, 11).
Und ihr Selbst-Bewusstsein war eines der Gruppe, ein „Kollektivbewusstsein“, verschmolzen mit der Umwelt und dem Selbstverständnis der Gruppe. Der Neurologe Andrew Newberg hat solche Bewusstseinsformen bei meditierenden Menschen untersucht und „Bewusstsein ohne Ego“ genannt.
Die ältesten Totenbestattungen deuten auf die emotionale Bindung von Überlebenden an den Verstorbenen hin und auf die Unsicherheit bei der Bewertung der Frage, ob der liegende Körper nicht doch nur schläft. Dafür gab es die Lebensmittel und die Waffen-Beigaben. Komplizierte religiöse Gedankengebäude, in denen es ein Weiterleben oder eine Auferstehung gibt, darf man den frühen Menschen nicht unterstellen. Solche Gedanken hätten schon mangels einer differenzierten Sprache nicht zu einer kollektiven Überzeugung kommuniziert werden können. Und wenn Grabräuber den Schmuck und die Waffen rauben konnten, dann war auch klar, dass die Toten diese Gegenstände nicht „mitgenommen“ haben konnten.

Der französische Ethnologe Claude Levi-Strauss hat die archaischen Fähigkeiten des menschlichen Geistes bei den indigenen Stämmen des Amazonas wiedergefunden und, weil es uns so fremd ist, als „wildes Denken“ und „bricolage“ beschrieben, als Bastel-Denken. Das „wilde Denken“ ist ein Gemeinschaft verbindendes Denken, es erfasst die Lebenswelt und sucht in den Naturdingen interpretierende Botschaften, die es mit Strukturelementen der sozialen Lebenswelt verknüpft. So entsteht ein Denk-System, dass über Mythen und Riten die Katastrophen des Lebens - Kriege, Seuchen, Überschwemmungen, Geburt und den Tod - einordnet und ihnen damit den Schrecken nimmt, sie wenigstens geistig normalisiert. Dieses eigentlich gar nicht „wilde“ Denken identifiziert die greif-bare Wirklichkeit mit einer geistigen, mythischen Welt.

Der homo sapiens scheint von seinem besonderen Verstand getrieben, zu seiner Welt einen Sinn zu assoziieren und so zu betrachten, wie er handelnde Personen erfahren hat. „Animismus“ nennen Ethnologen dieses Phänomen, das typisch zu sein scheint nicht nur für Jäger- und Sammler-Kulturen. Die sichtbaren, materiellen Gegenstände werden vergeistigt wahrgenommen, animistische Praktiken sind direkt auf die Fragen der Existenz-Sicherung bezogen, es geht um die Fruchtbarkeit, Krankheiten, das Wetter, das Jagd- und Kampf-Glück, um existentielle Angst und Angstbewältigung. Und um die Toten.

Schöpfungsmythen der „Traumzeit”

Auffallend an den mythischen Erzählungen archaischer Kulturen sind die phantastischen, wilden, traumatischen Handlungs-Stränge. Solche Traumfiguren sind offenbar der Stoff der archaischen Denktätigkeit. Die mentalen Vorstellungen wurden inszeniert und durch rituelle Inszenierungen glaubhaft „vor Augen geführt“. Die mentalen Gottes-Vorstellungen waren begreifbar in den realen Götzen-Figuren.  
Archaische Mythen müssen normalerweise aus ihren späteren Verschriftlichungs-Formen rekonstruiert werden. Anders die Traumzeit-Geschichte der australischen Aborigines, die bis ins 19. Jahrhundert mündlich tradiert wurde und so von den Kolonial-Forschern direkt aus ihrer „oralen“ Form in Schriftsprache übersetzt und fixiert werden konnte. Die Geschichte handelt von „Altjiranga Ngambakala“, was soviel wie „aus der eigenen Ewigkeit entstanden“ bedeutet. Die Ekstase ermöglicht es, in diese „Traumzeit“ einzutauchen, also in die Zeit, für die die Bibel die Erde als „wüst und leer“ beschreibt, bevor Verfall und Tod kamen. 

Der australische Mythos erzählt die Schöpfungsgeschichte als Begründung für einen  archaischen Schlangenkult: Die gefürchtete große Schlange ist in Wirklichkeit die Mutter allen Lebens:
„Während der Traumzeit lag die ganze Erde in tiefem Schlummer. Auf ihrer Oberfläche wuchs nichts, und nichts bewegte sich auf ihr, und über allem lag eine große Stille. Die Tiere, auch die Vögel, schliefen noch unter der Erdkruste. Doch eines Tages erwachte die Regenbogenschlange aus diesem großen Schlaf. Sie drängte sich mit Macht durch die Erde nach oben, und an der Stelle, an der ihr gewaltiger Körper die Erdkruste durchstieß, schob er die Felsen zur Seite. Dann begann die Große Schlange mit ihrer Wanderung. Sie zog in allen Richtungen über das Land, und während sie wanderte, hinterließ sie ihre Spuren auf der Erde, denn ihr Körper formte die Landschaft an vielen Orten. [...] Nun erwachten alle Tiere, kamen ans Licht und folgten der Regenbogenschlange, der Großen Mutter allen Lebens, durch das ganze Land. [...] Nun erließ die Große Schlange Gesetze, die für alle Wesen Gültigkeit hatten [...]. Manche Wesen gehorchten aber nicht, sondern stifteten Unruhe und stritten untereinander. Da wurde die Mutter allen Lebens zornig [...]. Die Frevler wurden also in Stein verwandelt, sie wurden zu Felsen, Hügeln und Bergen. [...] Dann verwandelte die Große Schlange diejenigen, die sich an die Gesetze hielten, in Menschen … “

In den Mythen und ihren Symbolisierungen artikuliert sich noch Ganzheit in ihrer sinnlichen Fülle. Die Cassirer-Schülerin Susanne K. Langer Langer nennt diese unteilbaren Bilder „präsentative Symbole“: Sie sind Bilder für menschliche Empfindungen, die der Sprache und der logischen Zergliederung unzugänglich sind. 

Eine neue Form des mythischen Denkens und des Bewusstsein, dass wir heute für selbstverständlich halten, beginnt mit der Sesshaftwerdung der Menschen vor rund 10.000 Jahren und der Bildung großer arbeitsteiliger Herrschafts-Gemeinschaften, die in der Lage waren, große Bauwerke zu planen und über hinreichende Überschussproduktion verfügten, um die erforderlichen Arbeitskräfte dafür abzustellen und zu organisieren. Die auf Geistern, Totenkulten und Jenseitsvorstellungen beruhenden religiösen Erzählungen spiegeln Erinnerungen an erlebte Häuptlinge, Schamanen und Stammesfürsten und dokumentieren, wie die kognitive Entwicklung und die Entwicklung der Sprachfähigkeit die Menschen in die Lage versetzte, ihre Erinnerungen als Erzählungen kommunikativ aufzurufen und auszuphantasieren.

Die riesige Tempelanlage in Göbekli Tepe etwa, aufgestellt offenbar mehr als 10.000 Jahre v.u.Z., zeugt von der Macht des lokalen Herrschaftssystems, die Sinnbilder des Mythos sind in tonnenschweren Stein gehauen. Archäologen gehen davon aus, dass es sich um einen Tempel handelte, in dem die Toten weiterleben konnten. Auch am See Genezareth, im Wadi el-Natuf, hatten sich um jene Zeit größere Gruppen von Nomaden sesshaft gemacht, sie haben landwirtschaftliches Gerät produziert und für ihre Toten große Häuser gebaut – offenbar in der Überzeugung, dass diese weiter leben und wenn es Anführer war, ihre Stimme weiter erheben können. Diese Götter redeten „von Angesicht zu Angesicht, wie ein Mann mit seinem Freunde redet“, in den Schriften des Alten Testaments gibt es wehmütige Erinnerungen daran (etwa 2. Mose 33, 11), und auch der babylonische Herrscher Hammurabi redete mit seinem Gott Marduk von Mann zu Mann – davon gibt es auf der Stele des Codex Hamurabi ein Reliefbild, das beide Männer in ähnlicher Pose zeigt. Die Menschen kamen zu der Stele „zu hören meine Worte“, wie es am Fuß der Stele heißt. Mit der  Schrift sprach der Herrscher zu den Menschen.

Ähnliche monumentale Steinkreise gibt es im englischen Stonehenge (ca. 3.000 v.u.Z.) oder auch mit den großen Pyramiden (seit 2.600 v.u.Z.) und den Tempelanlagen in der alten ägyptischen Hochkultur. Für solche kulturellen Leistungen braucht man eine differenzierte sprachliche Kommunikation, die schließlich in den heiligen Schriften der alten Weltreligionen fixiert wurde - erste Gestalten der Disziplinierung des Geistes, die noch voller Hinweise auf alte mündliche Überlieferungen sind.

II

Die Zeit der großen Religionen

Diese Religionen künden von einer neuen Zeit, in der die Vorstellung, dass die inneren Stimmen die Stimmen der Götter gewesen sind, schon verblasst ist. Die Texte berichten von einzelnen ausgewählten besonderen Menschen, Propheten, mit denen die in großer Vorzeit Götter redeten, aber das sind Ausnahmesituationen aus der Vergangenheit. Die Götter reden nicht mehr selbstverständlich und auf Augenhöhe mit den irdischern Herrschern oder auch einfachen Hirten wie Amos, sie haben ihre Botschaft in Schriftform übergeben, um fortan zu schweigen. Fortan müssen Menschen aus Orakeln und Weissagungen ihre göttlichen Botschaften entnehmen, Engel mit Flügeln halten die Verbindung der in die himmlischen Sphären ausgewanderten Götter. Wenn Menschen nicht mehr direkt die Befehle der Götter hören und ausführen, sondern ihrer selbst bewusst entscheiden können, was sie tun, dann können sie das Falsche tun – ausgestoßen aus dem Paradies der Gott-Unmittelbarkeit werden sie sündig. Zur Buße gehört das Gebet – nicht mehr als Zwiegespräch wie bei den alten Propheten, die Gott noch anreden konnten, sondern als Ersatz-Gespräch mit einem Gott, von dem klar ist, dass er nicht antwortet und dass es ein Kinderglaube ist, er würde zuhören bei den Gebeten. In der großen Elias-Geschichte machen die Hebräer sich noch darüber lustig, dass der Gott der Feinde, Baal, nicht antwortet, aber dieser Zustand der Gottesferne kennzeichnet auch die Psalmen, es ist der Normal-Zustand der schließlich schriftlich fixierten religiösen Erzählungen.

Jahwe im Blitz-Donner-Hörnerschall

Die Erzählung des Alten Testamentes integriert die Offenbarung der Gesetze in einen archaischen Natur-Schrecken um den Berg Sinai, in dem die Menschen das Erscheinen des unsichtbaren Gottes nur vermuten können: „Und als der dritte Tag kam und es Morgen ward, da geschah ein Donnern und Blitzen und eine dicke Wolke auf dem Berge und ein starker Schall eines Horns. Das ganze Volk im Lager aber erschrak. Und Mose führte das Volk aus dem Lager Gott entgegen, und es trat unten an den Berg. Der ganze Berg Sinai aber rauchte, weil Jahwe auf den Berg herabfuhr mit Feuer; und sein Rauch ging auf wie ein Rauch vom Ofen, dass der ganze Berg sehr bebte. Und der Schall des Horns wurde immer stärker. Mose redete, und Gott antwortete im Schall.“ Das Volk reagiert mit Angst auf die Natur-Gottheit: „Und alles Volk nahm Donner und Blitz wahr, den Schall des Horns und das Rauchen des Berges. Da sie es aber wahrnahmen, flohen sie, stellten sich in der Ferne auf und sprachen zu Mose: Rede du mit uns, wir wollen gehorchen, und lass Gott nicht mit uns reden, sonst müssen wir sterben.“ Im Anschluss an die mündliche Verkündung überreicht der Gott dann die Schrifttafeln:  „Und da der Herr ausgeredet hatte mit Mose auf dem Berge Sinai, gab er ihm zwei Tafeln des Zeugnisses; die waren beschrieben mit dem Finger Gottes.“ Mose, der Übersetzer des Schalls, berichtet, was er dem Schall entnommen haben will: „Ich bin Jahwe, dein Gott“. Das bedeutete: Sie sollen den Priestern gehorchen. Die Erzählung legitimiert Macht, während sich die sachliche Botschaft des großen Natur-Spektakels in schlichten Worten erschöpft, die Alltagsfragen regeln: Die Menschen sollen den Sabbat heiligen, Vater und Mutter ehren, nicht töten, nicht ehebrechen, nicht stehlen und so weiter. Die Gottes-Szene klingt wie aus dem Drehbuch für ein Star-Wars-Theater oder einen Fantasy-Film.

Der Text steht am Übergang von der archaischen Naturreligiosität zur monotheistischen Schrift-Religion. Welch mächtiger Mann (!) hat Erde und Leben geschaffen, fragten auch die Israeliten - undenkbar, dass das einfach so entstanden ist. Wobei Aristophanes’ Geschichte von den Kugelmenschen (L) deutlich schöner und intelligenter ausgesponnen ist als die biblische Geschichte von der Rippe Adams. Die archaischen Kulte antworten auf Fragen, die der frühe homo sapiens noch nicht stellte und auch nicht beantworten mussten. Die Menschen waren von der Regelmäßigkeit des Sternbildes fasziniert und entwickelten aus dem sichtbaren kosmischen Geschehen das symbolische Modell von zyklischer Ordnung, in dem Bewegung nicht als Prozess der linearen Veränderung gedacht wird, sondern als ewiger Kreislauf und Wiederherstellung des alten, wahren Ur-Zustandes. Dass der Lauf der Sterne unmittelbar mit den irdischen Ereignissen verbunden war, ist dem mythischen Denken selbstverständlich. Die Faszination durch Analogien ging so weit, dass bestimmte Zahlen als Symbole und mythische Beziehungs-Kräfte verstanden werden, etwa die Drei oder die Sieben.

III

Meditierendes und diskursives Bewusstsein

Es ist es nicht immer einfach, vergangene Erlebnisse, die in der Erinnerung aufsteigen, von momentanen Wahrnehmungen zu unterscheiden. Gefühlsmäßig scheint beides oft gleich, auch gleich intensiv. Auf Erinnerungen an Vergangenes können wir gefühlsmäßig heftig reagieren - als wäre es aktuell passiert. Es gibt ein panoramaartigen, träumerischen Schauen, das gekennzeichnet ist von großer Offenheit gegenüber der Umwelt, dieser paradiesische Blick (er-)kennt weder gut noch böse. Dieses träumerische Bewusstsein lässt die Gedanken treiben, es meditiert.

Das Bewusstsein der europäischen Kulturgeschichte ist dagegen ein waches Bewusstsein, basiert auf gezielt ausgerichteter Wahrnehmung, auf hin-hören und nicht nur hören, hin-sehen und nicht nur sehen oder (beiläufigem) Schauen. Das gezielte Hinsehen identifiziert einzelne Elemente des Gesehenen, sortiert im Sehen nach Erwartungen, Erinnerungen und Gedanken, es verarbeitet das Wahrgenommene – es ist denkendes Wahr-nehmen.
Es ist kein Zufall, dass das denkende Erkennen als Vertreibung aus dem Paradies, als Zerstörung der Einheit von Göttlichem und Menschlichen verstanden wurde, als Verstummen der Götter und der Ahnen. Buddha lehrt die Meditation als Methode, das Denken zu überwinden, auszuschalten und zurückzufinden zu einer paradiesischen Verschmelzung mit der Umwelt – Nirwana. Das wache Bewusstsein kann solche inneren Erlebnisse als Wahn- oder Traumvorstellungen klassifizieren, wenn in der Erinnerung auch Hinweise auf den zeitlichen Bezug aufsteigen oder wenn Kontext-Elemente, die der Wahrnehmungs-Kontrolle dienen, fehlen. Menschen, die zu dieser Kontrolle ihrer aus der Erinnerung aufsteigenden Bewusstseins-Inhalte nicht fähig sind, werden als wahn- und krankhaft beschrieben.

Das meditative Bewusstsein, das die Evolution dem Menschen beschert hat, wurde in der Geschichte der Schriftkultur mühsam diszipliniert. Wenn Wort-Laute sich von ihren mimetischen Wurzeln der Laut-Darstellung und der sinnlichen Anschauung entfernen, werden sie zu einer komplexen, diskursiven Sprache, die mit der Schrift zu einem neuen symbolischen System formiert werden. Begriffe als „diskursive Symbole“ sind die Grundlage sprachlich gegliederter Bewusstseinsakte. Eine diskursiv-sprachliche Beschreibung löst einen Gesamt-Eindruck in eine Kette von Worten auf, ordnet den Eindruck in ein „Regal“ der sprachlichen Kategorien ein - „so wie Kleidungsstücke, die übereinander getragen werden, auf der Wäscheleine nebeneinander hängen“. (Langer) Während die Kultur immer weitere Bereiche dem logisch-diskursiven Denken unterwirft, entzieht sie dem Menschen die emotionale Empfindung der Geborgenheit, in der Körperlichkeit und Bewusstsein noch ungetrennt zusammen sind.

Die Entstehung des diskursiven rationalen Bewusstseins …

Das Nachdenken hat auch bei den Griechen als mythisches Sinnieren begonnen. Wie im Hebräischen ist das Böse immer der böse Dämon. Die Sprache des Homer war keine Sprache der Abstraktionen, sie hatte eine Fülle von Bezeichnungen aus dem Konkret-Sinnlichen. „Soma“, das spätere abstrakte griechische Wort für Körper, bedeutete für Homer Leiche, toter Leib. Und, so formuliert Bruno Snell: „Wo es keine Vorstellung vom Leib gibt, kann es auch keine von der Seele geben.“
Stimmungslagen wurden als Zustände beschrieben. Was groß, schön und edel war, war hell. Dunkel war die Angst, das Unglück, die Trauer, der Tod. „Wissen" ist ein Gesehenhaben, das „Erkennen" ein Sehen, das „Verstehen" bleibt an das „gehört haben“ gebunden. Dafür gibt es eine Sprache, nicht für eine Beschreibung von inneren Empfindungen.
Erst die Entwicklung von Konjunktionen, Präpositionen und Adverbien, Begleiterscheinungen von Schriftkultur, dokumentieren und ermöglichen ein Bewusstsein für logische Relationen und Kausalität. Erst Schriftsprache unterscheidet von Aktiv und Passiv ermöglicht es, allgemeine Begriffen und Abstraktionen zu bezeichnen. Mit der Schriftsprache gibt den bestimmten Artikel, also ein konkretes Wasser und „das Wasser“.

In der Phase von 600 bis 300 v.u.Z. ist im griechischen Kulturbereich, der sich bis Kleinasien erstreckte, eine neue Verstandeskultur „erfunden“ worden, der zur Grundlage der antiken Kultur wurde und tausend Jahre später mit der Renaissance das aufgeklärte und rationale Denkens einleitete. Sozialgeschichtlich ist der entscheidende Unterschied etwa zu der jüdischen Schriftkultur, dass die griechischen Gelehrten nicht Priester und damit Autoritätspersonen waren, die mit ihrer Wahrheit Machtansprüche verbanden. Die ägyptischen wie die hebräischen Schriftzeichen waren Instrumente herrschaftlicher Repräsentation. Die griechischen Vordenker dagegen waren wohlhabende, interessierte Bürger. Sie entwickelten nicht eine Tempel-Wahrheit, die es zu hüten galt, sondern ihre jeweils persönliche Wahrheit, die sich im Wettstreit der Meinungen auf den Marktplätzen und in der Konkurrenz um Schüler bewähren musste. Die griechische Schriftkultur erwies sich daher als innovativ, dynamisch und entwicklungsfähig.                (Siehe meinen Text zum griechischehn Schrift-Denken  M-G-Link)

Die Sprache löst sich von der sinnlich wahrnehmbaren Umwelt, wird zur freien Kombination von Tönen zu Schriftbild-Wörtern und zu Sätzen - komplexen Zeichensystem. Die mathematischen Zeichen-Symbole lassen sich beliebig aufeinandertürmen: Es gibt einen Apfel und viele Äpfel, das können auch intelligente Tiere unterscheiden, aber den Unterschied zwischen sieben und siebzehntausend Äpfeln kennt nur das menschliche Gehirn.

Die Psychoanalytikerin Selma Fraiberg hat das „magische“ Denken des Kindes beschrieben: Die ersten Klangformen eines Kindes sind „magische Zauberformeln“, die eine Stimmung ausdrücken und ein Ergebnis herbeiführen sollen. Das Kind weiß nicht genau, was beispielsweise „mamma“ ist - es experimentiert mit dieser Lautkombination, probiert Effekte aus. „Mamma“ funktioniert zum Beispiel als Einschlaf-Mantra, es hat etwas Beruhigendes. Wolken regnen, weil sie traurig sind. Ist Mamma krank, weil ich böse war? Liegt der Ball unter der Kommode, weil er schlafen will?  In dieser Art der Weltwahrnehmung durch Wortklang-Magie beginnt sich ein Wirklichkeits-Bewusstsein zu bilden. „Rationale“ Prozesse im modernen Sinne setzen erst mit der differenzierten Sprachentwicklung ein. Es ist für ein Kind wirkliche Arbeit, sein auf wildes Denken vorbereitetes Gehirn umzuprogrammieren für die selektiven Muster, die unsere aufgeklärte Gesellschaft als „vernünftig“ akzeptiert, Grenzen zu ziehen zwischen Traum und Wirklichkeit, Eindrücke zu sortieren nach Ort und Zeit.

Wie sehr die Erinnerungsfähigkeit und die bewusste Unterscheidung von Märchen, Erinnerung und gegenwärtigem Erleben an die Sprachfähigkeit gekoppelt sind, zeigen Kinder im vierten und  fünften Lebensjahr: Sie beginnen von Erlebnissen zu erzählen und lieben es, wenn ihnen erzählt wird, was sie erlebt haben, und erwerben damit die sprachlichen Möglichkeiten, nicht nur direkt zu reagieren, sondern das Erleben sprachlich zu repräsentieren und zu symbolisieren. Dies ist auch die Voraussetzung bewusster Selbstwahrnehmung, die bei Kindern in der dritten Person beginnt.

… und die alte Sehnsucht nach dem ganz Anderen

Aber die diskursive Vernunft des Menschen kann seine emotionalen Tiefenschichten nur zeitweise verdrängen. Fiktionen bleiben die Bausteine des menschlichen Wissens, das hat schon Hans Vaihinger in seiner „Philosophie des Als Ob“ schon 1922  festgestellt: Denkmuster sind Fiktionen, mit denen das menschliche Gehirn Sinn produziert.
 Die mythische Prozessverarbeitung im neuronalen Netzwerk bleibt die Unterschicht des Bewusstseins, wo die Sehnsüchte, Lüste und Begierden des Menschen die Wahrnehmungen nach gut und böse, abstoßend und anziehend, fressbar und ungenießbar sortieren. Menschen brauchen die Empfindung der Geborgenheit, die durch Rituale und Gesten leiblich spürbar werden und sie gleichzeitig in die gemeinschaftliche Kultur einfügen. Die „Schöpfungen des Kulturbewusstseins“ (Cassirer) bauen wie eine zweite Schicht der mentalen Verarbeitung auf diese evolutionär ältere Basis auf.

Die meisten modernen Menschen leben über 300 Tage im Jahr als rationale Agnostiker, aber wenn es auf Weihnachten zugeht, wenn es um Leben und Tod geht, wenn eine Taufe oder eine Beerdigung ansteht, dann werden die alten mythischen Rituale bemüht. Der „Segen“ ist so ein alter Wort-Zauber: „Gott segne euch“ sagt der Pfarrer, und wenn mit dem Spruch Gott nicht schlicht erpresst werden soll, kann das nur so verstanden werden, dass die rituellen Worte des Pfarrers den Segen herbei-reden. Das kann nur funktionieren in einem zeremoniellen Kontext, zu dem der rituelle Rahmen, der Ort, die Vor-Zeremonie genauso gehören wir die besondere Kleidung dessen, der offenbar über den Segen verfügt. Solche magischen Sprechakt-Rituale sind auch profanisiert worden - das „Jawort“ des Brautpaares, die Urteilsverkündung, die Schwurformel bei der Vereidigung sind Beispiele dafür. Magische Sprechakte verweigern sich übrigens (noch?) unserer elektronischen Kultur – sie verlangen körperliche Anwesenheit.

Der rituelle Kontext erhebt das Wort in eine höhere Sprachgewalt, hinter der eine absolute Macht steht. Diese Sprachgewalt bezogen die alten Mythen auf die Macht Gottes: „Er sprach, es werde Licht - und es ward Licht.“ Im Weihwasser kennt die christliche Zauber-Kultur heute noch die magische Wirkung der Sprache auf Materie: Mit dem priesterlichen Segensspruch wird aus dem gewöhnlichen Wasser das Geweihte, es kann dann heilswirksame Wirkung entfalten, ist insofern mehr als Zeichen. Es hat seinen kultischen Ursprung in der antiken römischen „Lustration“, einem Ritus, der seinen Reinigungs-Nutzen erweisen sollte nach dem Wochenbett, bei einem Begräbnis und nach einem grausamen Blutvergießen. 

Die Wandlung von Brot und Wein des Abendmahls zu Leib und Blut des Gottessohnes ist eine alte mythische Figur aus den Mysterienreligionen. Und dass das Wort aus Wasser Wein zaubern konnte, war in der Antike eine verbreitete Vorstellung: Das Jesus-Wunder war 400 Jahre vorher schon auf griechischen Bühnen zur Unterhaltung aufgeführt worden - in den Bakchen des Euripides.

Die modernen Menschen haben in ihren Köpfen Bruchstücke der alten archaischen Bild-Phantasien, archaische Schichtungen der Wahr-nehmung wirken im Untergrund munter weiter. Die „Aufklärung“ konnte die Bedürfnisse mythischer religiöser Vergewisserung nie verdrängen, sie schaukelt auf diesen wie ein großes Papierschiff auf einer Pfütze.

Die dünne Decke der diskursiven Vernunft wird instrumentalisiert von den magischen Tiefenströmungen des menschlichen Geistes. Mythische Erzählungen und Phantasie-Geschichten entsprechen den Wirkmechanismen der vernetzten neuronalen Strukturen mehr als diskursive und logisch selektive Strukturen des wenn-dann, vorher-nachher, Ursache-Wirkung oder linear angeordneten Reihungen. Der Wort- und Bildzauber gehört zum geistigen Grundbestand des Menschen. Die „Lust am Zaubern“ bleibt an der Sprache haften, auch Sprachbilder können verzaubern, zum Beispiel die Licht-Metapher. Die Sonne gibt es auch als verzaubernde Bildsprache. Ähnlich wirkmächtig hat sich das Kreuzes-Symbol erwiesen für un-vernünftige, unbewältigbare Ängste über den Tod und un-vernünftig kindische Erlösungshoffnungen.  

Auch erwachsene Menschen können ihr phantastisches Gehirn nicht abschalten. Offenbar gibt es ein Bedürfnis zu träumen und traumhafte Bilder am Tage weiterzuspinnen und in Worte zu fassen, um sich darüber austauschen zu können. Offenbar erträgt der menschliche Geist die vernünftige Vorstellung nicht, dass seine Existenz ein vergängliches, geformtes Stück Erde ist, ein Zufall ohne tieferen Sinn-Bezug. 
Wenn der menschliche Geist die Lebenswelt des Körpers, an den er angekettet ist, wahrnimmt und nach seinen Kriterien analysiert, dann produziert er für sich einen plausiblen Kontext durch „Geschichten“ – sei es in Form alter Mythen oder in scheinbar „vernünftiger“ Form wissenschaftlicher Theoreme. Das menschliche Gehirn konstruiert einen Sinn in die natürliche und soziale Umgebung, in die er sich eingebettet erlebt. Die Spitze der mentalen Konstruktionen ist das „Selbst“. (
L)

Große Worte als Bausteine der modernen symbolischen Welt

Mythen und Rituale sind, so formulierte Alfred Lorenzer, ein „sinnliches Symbolsystem“ für Sehnsüchte, Wünsche und Ängste. Die menschliche Suche nach Sinn geht weit über seine sprachlich-logischen Möglichkeiten hinaus. Erwachsene Menschen spielen mit ihren Symbolen wie das Kind mit dem Sandhäufchen im Sandkasten, das ihm „Kuchen“ bedeutet. Der Kuchen hat keinen praktischen Nutzen, aber er hat große „Erlebnisbedeutung“  für das Kind. 
. Magische Rituale haben ihren praktischen „Sitz im Leben“. Diese symbolische  Bewältigung des Unbewältigbaren und des Schreckens, der die Menschen quält oder verunsichert, erscheint in der Form religiöser Sprechakte und Riten und in diesem Rahmen hat das archaische, magische Denken noch heute in einer ansonsten rational ausgerichtete Welt seinen Platz.
Schöpfung, auserwähltes Volk, Gerechtigkeit, Gut und Böse, Unsterblichkeit – all diese großen Worte sind Institutionen der symbolischen Welt. Sie entlasten den kognitiven Apparat, große Worte weisen über das unmittelbar Gegenwärtige hinaus, bieten Schemata für Unvorhergesehenes und befreien von der Gefahr, „in der Irritation durch Reize zu ersticken oder zu zerflattern“ (Hans Blumenberg). Große Worte haben etwas von kognitiver Prävention.  
Große Worte sind interpretationsfähig, Koschorke nennt sie „Horizontbegriffe“, weil sie etwas Unbestimmtes haben, Hoffnungen und Wertvorstellungen bündeln, Erwartungen mit Vertrauen aufladen: Es sind „semantische Brückenköpfe in das reflexiv Unerfassbare hinein.“ Hinter den großen Worten stehen Erzählungen, die große integrative Funktion für den gesellschaftlichen Zusammenhalt haben, weil sie einen gefühlten Konsens schaffen, wenn sich „Kontrahenten in der Akklamation desselben Wortes treffen können“.

Auch die großen Proklamationen der europäischen Aufklärung sind für Koschorke Worte solchen Typs - Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit. Ist es nicht nur pure Zeitverschwendung, sondern oft gefährlich und irreführend, wenn unser Gehirn uns mit Märchen erfüllt? Warum haben wir eine so komplexe Sprache entwickelt, wo andere Primaten-Arten mit ein paar Grunzlauten alles Wesentliche klarstellen?
Mit Hilfe des „Wortlausens“, also mit seiner Leidenschaft, zu „klatschen“ und zu tratschen, konnte der homo sapiens Gruppen von bis zu 150 Mitgliedern zusammenhalten – das scheint eine Grenze zu sein, bis zu der soziale Instinkte der Gruppendynamik funktionieren (bis heute).
Die Mythen verleihen dem homo sapiens eine in der Evolutionsgeschichte beispiellose Fähigkeit, flexibel und in großen Gruppen zusammenzuarbeiten. „Ameisen und Bienen arbeiten zwar auch in großen Gruppen zusammen, doch sie spulen starre Programme ab und kooperieren nur mit ihren Geschwistern. Schimpansen sind flexibler als Ameisen, doch auch sie arbeiten nur mit einigen wenigen Artgenossen zusammen, die sie gut kennen.“ Dagegen stiften Mythen beliebig große Gemeinschaften:  „Zwei Katholiken, die einander nie zuvor begegnet sind, verstehen einander ohne lange Erklärungen, weil beide glauben, dass es einen Gott gibt, der seinen Sohn auf die Erde geschickt hat, und dass dieser sich kreuzigen ließ, um die Menschheit von ihren Sünden zu erlösen.“ (Yuval Noah Harari)

Nur die sprachlich kommunizierten Mythen der Menschen können die Grundlage dafür schaffen, dass zehntausende von Menschen in einer Stadt zusammen leben oder sich als Mitglieder eines großen „Reiches“ empfinden, für dessen Reichtum sie ihre Abgaben entrichten. Mit dem „Codex Hammurabi“ legten babylonische Herrschaft im Jahre 1776 v.u.Z. fest, was gut und böse sein soll und welche menschlichen „Vergehen“ wie bestraft werden sollten, „damit der Starke dem Schwachen nicht schade“. Gut dreitausend Jahre später, im Jahre 1776, formulierten die Sklavenhalter Amerikas in ihrer Unabhängigkeitserklärung das moderne Konzept der „unveräußerlichen Rechte“ jedes Menschen und die Idee der „Gleichheit“ – in der sicheren Erwartung, dass kein Sklave und keine Frau das wörtlich nehmen und auf sich beziehen würde. „Götter, Nationen, Geld, Menschenrechte und Gesetze gibt es gar nicht - sie existieren nur in unserer kollektiven Vorstellungswelt“, fasst Harari zusammen. Die „Menschenrechte“ der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung haben den Zusammenhalt der Aufklärung gestiftet, die nationalen Mythen der Moderne die Staaten. Die großen Mythen funktionieren natürlich als große Herrschafts-Erzählungen - abweichende Mythen, volkstümliche oder konkurrierende, werden als „häretisch” abgestempelt, Häretiker werden verfemt, verfolgt und notfalls verbrannt mit ihren Büchern. 
Die Erfindung dieser Fähigkeit, mit ihrer Sprache Mythen zu denken und als Gemeinschafts-Idee zu kommunizieren, nennt er Harari „kognitive Revolution“ des 
homo sapiens. Die Größe der bewegten Steinmassen sollte schon vor tausenden von Jahren neben der Macht des Herrschers auch die Größe des Mythos dokumentieren – das war bei den christlichen Kathedralen des Mittelalters noch so und zeigt sich heute in den Hochhaus-Türmen der Banken.

 


    Lit.:
    Karl Eibl,  Animal Poeta - Bausteine der biologischen Kultur- und Literaturtheorie (2004)
    Karl Eibl, Survival oft he happiest. Über den Nutzen des ästhetischen Vergnügens,
          in: Ernst Peter Fischer und Klaus Wiegandt (Hg.), Evolution und Kultur des Menschen, 2010  Link
    Selma Fraiberg, Die magischen Jahre (engl. 1996, dt. 1998)
    Julian Jaynes, Die Entstehung des Bewußtseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche (1988, engl. 1976) 
    Gerhard Roth und Ursula Dicke, Evolution der Intelligenzen. in: Andreas Jahn (Hg.), Wie das Denken erwachte (2012)
    Yuval Noah Harari, Eine kurze Geschichte der Menschheit (2014 / orig. hebr. 2011
    Albrecht Koschorke, Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer Allgemeinen Erzähltheorie (2012) M-G-Link
    Robert Craan, Geheimnisvolle Kultur der Traumzeit. Die Welt der Aborigines (2000)

    Über die phantastischen Kindsköpfe:
    Wir Kinder der Magie - über den Ursprung des Denkens in der kindlichen Realitätsbewältigung,
         Auszüge aus „Die magischen Jahre“ von Selma Fraiberg: Link
    Sinnliche Wahrnehmung ohne Verstand:  Baby-Gefühle  nach Daniel N. Stern M-G-Link

     

siehe auch meine Texte:

    Bilddenken, Bildhandeln    M-G-Link
    Sprache der Metaphern
      M-G-Link
    Über die neurologischen Bilder im Kopf  M-G-Link
    Über die Entstehung von Sprache, Klatsch und Tratsch   Link
    „Am Anfang war Musik -  über die Ursprünge von Sprache und Musik“   M-G-Link
    Schrift-Denken - Phonetische Schrift und griechisches Denken   M-G-Link
    Was ist Gedächtnis?  M-G-Link
    Was die Hirnforschung über die Konstruktion von Sprache weiß  M-G-Link
    Wie das ICH entstand  M-G-Link
    Wie kommt der Mensch zu Bewusst-Sein?    M-G-Link
    Gehirngespinste oder:  Wie das Gehirn Wirklichkeit konstruiert  M-G-Link