Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

3 AS neu 200

ISBN 978-3-7418-5475-0
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at)wolschner.de

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche Wirklichkeits-Konstruktion im „Jahrhundert des Auges“

3 VR neu 200

ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at) wolschner.de

Was ist Sprache?

oder: Was die Hirnforschung über die Konstruktion von Sprache weiß

                                                                                                                  2014

Was die Evolutionsbiologen zur Bedeutung der Sprache
für das Bewusst-sein zu sagen haben, steht auf einem anderen Blatt - M-G-Link

Zur Sprache als ursprünglichem Medium des menschlichen Geistes -  M-G-Link

Das Gehirn verarbeitet in einem komplexen Mechanismus Geräusche - akustische Wahrnehmungen - zu Wort-Lauten und diese zu Sprach-Bewusstsein. Wie Steven Pinker nachgewiesen hat, gibt das Gehirn den elektrischen Impulsen, in die die in das Ohr eindringenden Geräusche „übersetzt” werden, einen sprachlichen Inhalt, auch wenn die Geräusche nur entfernt eine Ähnlichkeit mir Sprachlauten aufweisen. Das Phänomen ist aus dem Alltag bekannt: Wer eine ihm völlig unbekannte Sprache hört, assoziiert hin und wieder Worte aus einer ihm bekannten Sprache. Während die Tonkurve ohne Lücke ist, ohne Pause, phantasieren wir Wortgrenzen. Der Unterschied zwischen „kam Opi um” oder „kam Opium” ist keiner der Laute, er wird im Gehirn gemacht. Die Sprachwahrnehmung ist so komplex, dass Programmierer bis heute vergeblich versuchen, eine Spracherkennungs-Software zu erfinden, die die flüssige Sprache dutzender von fremden Sprechern „verstehen” kann. Steven Pinker sah in der Sprachfähigkeit ein biologisches Wunder und nannte sie „Sprachinstinkt”.

Die Sprachfunktionen sind im Brocca- und Wernicke-Areal des Gehirns konzentriert, aber nicht darauf beschränkt. Die Verarbeitung von Wort-Lauten zu Sprache beschäftigt weit mehr Bereiche des Gehirns, bei den meisten Menschen auf der linken Seite. Die Satzmelodie wird in der rechten Hemisphäre verarbeitet.

Das Gehirn gleicht den akustischen Sinneseindruck mit seinem erworbenen, abgespeicherten „Lexikon der Wort-Laute“ ab, verarbeitet dann zunächst die „Grammatik“. Syntax und Semantik (Bedeutungsfelder) müssen mit dem Betonungsmuster (Prosodie, Sprachmelodie) zusammengefügt werden und nur wenn sie - mit Erinnerungsstücken verglichen - „Sinn“ geben, werden sie als inhaltliche Bedeutung eines Satzes zu Bewusstsein gebracht.  Der Sinn ist dabei eine „emergente” neue Wirklichkeit: Aus den Lauten und den dem „Satz” zugrunde liegenden grammatikalischen Strukturen (Buchstabe, Wort, Syntax) lässt sich der Sinn der transportierten Informationen nicht direkt ableiten. Das bedeutet: Die Bedeutung eines Satzes, d.h. das sprachlich Kommunizierte besitzt Emergenz-Eigenschaften gegenüber den neurologischen Prozessen, mit denen das Gehirn die akustischen Laute und die visuellen Bilder verarbeitet. 

Mit Blicken und Gesten – und den Händen reden

Lautartikulationen entstanden ursprünglich als Beiwerk und Vervollkommnung des motorischen Verhaltensarsenals des Körpers. Gesten der Hände sind Signale des Körpers und wurden von Lauten begleitet. Die sprachlichen Signal-Möglichkeiten, die daraus entstehen, blieben zunächst eingebunden in körperliche Wahrnehmungs-Erfahrungen, aus denen die Laute ihre Bedeutung erlangt haben.
Die entwickelte Lautsprache hebt die Körpersignale auf ein höheres, abstrakteres Niveau, macht sie als Laut-Symbole unabhängig von den ihnen zugrunde liegenden (optischen) Kommunikationssymbolen.

Der Gehirnforscher Vilayanur Ramachandran nennt Beispiele für eine tief im Gehirn verwurzelte Verbindung von bestimmten visuellen Erscheinungen und auditorischer Repräsentanz. Er zeigte seinen Studenten einen Stern mit wilden Zacken und ein mit runden Schwüngen geformtes Wolken-Bild. Wenn sie die Worte „teeny weeny“ einerseits und enorm, „large“, „grand“ diesen Formen zuordnen sollen, werden die I-Laute offenkundig bevorzugt dem zackigen Gebilde zugerechnet.

Wie entstanden die Urwörter? Bestimmte Nervenzellen im Gehirn, Spiegelneuronen, so vermutet er, stellen eine Kongruenz her zwischen

  • den Signalen an die Artikulationsmuskel 
  • und der gefühlten Lippenstellung und
  • der gesehenen Lippenstellung des Anderen und
  • den gehörten Phonemen

Das sind erlernte Kulturtechniken – chinesische Muttersprachler etwa in den USA  können ganz schlecht einem englischen Muttersprachler von den Lippen ablesen, was er sagt. Oliver Sacks hat in „Stumme Stimmen” gezeigt, dass über Gebärdensprache sehr differenziert kommuniziert werden kann und dass sie der akustischen Sprache in nichts nachstehen muss.

Wie macht das Gehirn Sprache?

Das Gehirn speichert auch nonverbal Wissen ab, getrennt und unabhängig von den Zentren, in denen die Namens-Laute und Begriffe des entsprechenden Gegenstandes, der Handlung oder der emotionalen Erfahrung abrufbar sind. „Von sich aus erzeugt diese nonverbale Information weder die Erfahrung noch das Gefühl des Wissens“, sagt der Neurologe Joel Davis.
Die Verbindung zwischen abgespeicherten Sprach-Mustern und der bewussten Vorstellung der bezeichneten Sache kann zerbrechen, wie Neuromediziner wissen.

Lautfolgen werden wie visuelle Eindrücke im Gehirn in winzige Bruchstücke zerlegt und abgespeichert. Eine Neuronengruppe ist für eine Grammatik- Regel zuständig, eine andere für Zeitwörter, wieder eine andere für Worte einer Fremdsprache. Wenn Sprachfunktionen aufgerufen werden, kombiniert das Gehirn durch simultane Aktivität die notwendigen Elemente.  „Die Nahtlosigkeit der Sprache ist eine Illusion, die von dem gleichen Organ erzeugt wird, das uns die Wahrnehmung der ‚Realität’ ermöglicht: dem Gehirn.“ (Joel Davis)  Zu Bewusstsein gebrachter Sinn von Worten und Sätzen wird erschaffen in Trillionen synaptischer Bahnen und zusammengesetzt aus Laut-Erinnerungsfragmenten.

Bei Patienten mit speziellen Hirn-Schädigungen können bestimmte Funktionen der Sprach-Rekombination defekt sein. Es gibt es ein Zentrum, das darauf spezialisiert ist, Worte zu „scannen“ und bekannte Worte wie „Katze“ von unbekannten, nicht identifizierbaren auditiven oder visuellen Eindrücken wie „Kotzur“ zu unterscheiden.  Das Gehirn neigt dabei dazu, seinen Sinneseindrücken Sinn zu verleihen: Wir „korrigieren“ Fehler im Schriftbild oder im akustischen Eindruck unbewusst, hören oder sehen das, was wir hören und sehen wollen, wenn die Sinneseindrücke nicht allzu stark von dem Erwarteten (und Gewünschten) abweichen.  

Die Verteilung der Sprachzentren bei jedem Menschen so einzigartig, dass man einen „Gehirnfingerabdruck“ eines Menschen und speziell einen „Sprachfingerabdruck“ anfertigen könnte.

Klar ist nur: Die Zentren der Sprachfunktion liegen in der linken Gehirnhälfte. Das wird mit der Rechtshändigkeit der Mütter in Zusammenhang gebracht, die die Kinder links trugen, um die rechte Hand frei zu haben. Die Rechte entwickelte sich als die „schöne“, geschickte Hand - und die linke Hemisphäre musste sich mächtig entwickeln, um sie zu steuern. Die Zentren für Sprache und für Handfertigkeit liegen beieinander – in der Entwicklungsgeschichte des Homo sapiens war die Fähigkeit, komplexe Muskelgruppen zu steuern, offenbar die „Vorübung“ für die Koordination von Lautgebungs-Muskeln und Laut-Erinnerung.

Die Frage ist, wie das kindliche Gehirn so etwas lernt. Wie kann es sein, dass alle Babys der Welt in der vergleichsweise kurzen Zeitspanne von rund 24 Monaten zu sprechen lernen? Auffällig ist zudem: Kinder aller Kulturen lernen in denselben Schritten und in denselben „Zeitfenstern“ zu sprechen. Säuglinge lassen sich schon wenige Tage nach der Geburt am liebsten von der Muttersprache und der Sprachmelodie der Mutter beruhigen. Nach etwa einem Jahr kennen und unterscheiden sie die rund 100 Phoneme, die weltweit in Sprachen verwendet werden. Das frühkindliche Gehirn ist universell, auf jede „Muttersprache“ vorbereitet. Allerdings reduziert sich diese Fähigkeit bald auf die Phoneme, die Kleinkinder mit den Bezugspersonen verbinden, denen sie emotional ausgeliefert sind. Laute, die nicht zur Muttersprache gehören, werden ausgeblendet. Asiaten, die in dieser Phase das „r“  als Phonem einer Bezugsperson gelernt haben, können es auch im Erwachsenen-Alter vom „L“ unterscheiden, was Asiaten ansonsten gewöhnlich nicht gelingt. Diese Reduktion erscheint als Spezialisierung, sie geht einher mit der Herausbildung der Fähigkeit, aktiv selbst speziell geformte Sprachlaute zu bilden – eben nur die Laute der „Muttersprache“. Zwischen dem 12. und dem 18. Monat lernen Kinder ihre ersten Worte und bilden ein Erinnerungs-Lexikon von rund 50 Worten heraus, aber nur für ein Vokabular, dessen Bedeutung für ihre emotionalen Bezugspersonen deutlich ist. Aus Video-Filmen lernen Säuglinge und Kleinkinder keine Sprache. Im dritten Lebensjahr entdecken Kinder spielend die Syntax ihrer Sprache: Zweiwortsätze, Dreiwortsätze. Danach schließt sich das sensible Zeitfenster für den Erwerb einer „zweiten Muttersprache“.
Schließlich kommt mit zweieinhalb Jahren das ICH – als Wort und als Bewusstsein gegenüber dem Spiegelbild, überall auf der Welt. Auch taube Kinder lernen in diesem Zeitfenster zwischen „Ich" und „Du" zu unterscheiden.

Schriftsprache

Wie die akustischen Sinneseindrücke müssen auch die visuellen Eindrücke der schriftlich fixierten Buchstaben im Gehirn zu Gesamtbildern kombiniert und dann mit den gespeicherten Schrift- und Laut-Erinnerungsbruchstücken verkettet werden, bevor Schrift als Laut aktiviert und der Sinn der Buchstaben dem Bewusstsein als „verstandene“ Botschaft gemeldet werden kann. Lesen lernen ist daher immer ein lautes oder inneres „Vorlesen“. Leider differenziert die Hirnforschung bisher nur selten zwischen „analphabeten“ Mundarten und den durch Schrift geformten Schriftsprachen.

„Das menschliche Gehirn wird durch Lesen geradezu missbraucht”, sagt Ernst Pöppel - weil die neuronalen Verarbeitungsvorgänge so übermäßig komplex sind. Schrift-fixierte Begriffe würden zudem als Realität wahrgenommen - etwa die Seele. Das Leib-Seele-Probleme sei so ein kulturgeschichtliches „Artefakt” der Schriftkultur, sagt Pöppel - durch die Verschriftlichung habe sich das Wort „selbständig gemacht”. Gesellschaften ohne Schrift kennen es nicht: „Wir werden dazu verführt, den schriftlich fixierten Begriffen eigene Identitäten im Gehirn zuzuordnen.”

Auffällig ist, dass in alten Kulturen, in denen Sprache ohne eine Fixierung über Schrift die Kommunikation leisten musste, eine deutliche Bindung an Körpersignale bestehen bleibt. Die unterstreichende Handbewegung oder die Miene dient zur Absicherung der Verständigung. Erst in dem Maße, in dem Mundarten zu Schriftsprachen entwickelt wurden, haben wir auditive Repräsentationen, die vollständig unabhängig von einem Körpersignal und einem anderen Wahrnehmungsinput verwendet werden.
Sprachliche Repräsentanten können erst durch die Schrift wirklich kontext- und situationsunabhängig, „abstrahieren“ von den Körpersignalen und damit auch Träger abstrakter Bedeutungen werden. 

Was Freud nicht wissen konnte

Sigmund Freud hat den Menschen beschrieben als ein von den unbewussten Mächten des Eros und des Todestriebes getriebenes Wesen. Erst das ICH, das sich im Verlaufe der Erziehung entwickelt, kann nach Freud eine Vorstellung davon entwickeln, dass ein ES im Körper wütet, das unter kulturelle Kontrolle zu bringen sei, um Gesellschaft zu ermöglichen.
Moderne Neurobiologen beschrieben die soziale Struktur des Menschen anders. Schon Säuglinge dokumentieren eine Bindungs-Sehnsucht, die über ihre existentielle Abhängigkeit hinausgeht. Säuglinge sind neugierige Wesen, die wahrnehmen wollen und die biologisch ausgestattet sind mit der Fähigkeit, andere Menschen und ihre Gefühle intensiv wahrzunehmen – unter dem Stichwort „Spiegelneurone“ analysieren Neurowissenschaftler diese erstaunliche Leistung des Gehirns, die die biologische Voraussetzung des sozialen Charakters menschlichen Lebens zu sein scheint. Die eigenen Schmerz-„Spiegelneurone“ etwa reagieren auf bei anderen wahrgenommenen Schmerz wie auf eigenen – ohne dass dem Menschen Schmerz bewusst wäre. Ein lächelndes Gesicht zwingt mich, auch zu lächeln. Auch wenn das lächelnde Gesicht nur 40 Millisekunden gezeigt wird, so kurz also, dass es nicht bewusst wahrgenommen werden kann, reagieren dieselben Zellen im Gehirn und sorgen für gute Stimmung. Das Beispiel zeigt, dass im Gehirn nur ein Teil der Wahrnehmungen dem Bewusstsein „gemeldet“ werden.

Sigmund Freud war gleichzeitig deutlich geprägt von der Wort-fixierten Bildungskultur seiner Zeit, als er eine Therapieform entwickelte, die davon ausgeht, durch eine Erinnerung würden Affekte und innere Bilder authentisch in Worte übersetzt und rückwirkend könnten Worte auch auf die unbewussten Affekte und Erinnerungsspuren Einfluss nehmen. Die freudsche Therapie der Verbalisierung kann natürlich zu Erinnerungskonstruktionen führen, die unbewusste Erinnerungsspuren überformen. Die in der Psychologie diskutierte, an Freud angelehnte Aufteilung in (kindliches) „affekt-symbolisches“ und (erwachsenes) „begriffssymbolisches“ Denken ist aber viel zu schematisch, um die Komplexität der Beziehungen zwischen Affekten, inneren Bildern und Wort-Denken zu beschreiben. Nicht alles, was nicht bewusst wird, muss zudem aktiv „verdrängt" sein.

Giacomo Rizolatti, der Entdecker der Spiegelneurone, geht davon aus, dass der Ursprung der Sprache in den Spiegelneuronen zu suchen ist. Primaten verständigen sich mit Gesten und mit Lautbekundungen. Zu solchen Lautbekundungen gehören Mundbewegungen – wie ein Säugling sich an Lauten und Mundbewegung der Mutter orientiert, könnte der Ursprung der Sprache darin gelegen haben, dass Mundbewegungen und Laute zusammen als spezielle „Zeichen“ der Verständigung entwickelt wurden.

Erwachsene gönnen ihrem Gehirn dieses frühkindliche Vergnügen des sich „aufeinander Einspiegelns“ als Gefühl des Verliebtseins. Bewegungstherapie, Musiktherapie und Stimmtherapie machen sich die gehirnphysiologisch verankerte Verschränkung von Lauten und Bewegungen zunutze.

 

    siehe auch meine Texte

    Über die Entstehung von Sprache, Klatsch und Tratsch  M-G-Link
    Am Anfang war Musik - über die Ursprünge von Sprache und Musik  M-G-Link
    Schrift-Denken - Phonetische Schrift und griechisches Denken  M-G-Link
    Wir können wir Sprache denken?
      M-G-Link
    Was ist Gedächtnis?  M-G-Link
    Wie kommt der Mensch zu Bewusst-Sein?   M-G-Link
    Gehirngespinste oder:  Wie das Gehirn Wirklichkeit konstruiert   M-G-Link