Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

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ISBN 978-3-7418-5475-0
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2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion im  Jahrhundert des Auges

ISBN 978-3-7375-8922-2
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POP 55

Über traditionelle Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt
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2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne
ISBN 978-3-746756-36-3
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Digitale Erlebnisse in der Mediengesellschaft

2020

Die meisten kognitiven Abenteuer, die meisten emotionalen Erlebnisse finden heute ihre Anlässe digital – auf der Leinwand und im Internet. Darauf weisen Medienwissenschaftler wie Roberto Simanowski hin, etwa in seinem Essay über Digitale Medien in der Erlebnisgesellschaft” (2008).

    Der Begriff „Erlebnisgesellschaft“ ist ein vor allem durch Gerhard Schulze geprägt worden, der 2005 das Buch: „Die Erlebnisgesellschaft. Kultursoziologie der Gegenwart“ veröffentlicht hat. Thema ist eine tiefgreifende Verschiebung gesellschaftlicher Leitwerte in der Mitte des 20. Jahrhunderts, die ihre Ausdrucksform besonders in der US-amerikanischen Hippie-Bewegung gefunden hat: Die bildungsbürgerlich-kritische Sicht auf den Konsum („Konsumterror“) weicht einer „hedonistischen“, am Genuss orientierten Wertung der „Konsumgesellschaft“, Glückseligkeit als oberstes Lebensziel wird nicht mehr - wie seit den antiken, fernöstlichen oder christlichen-westlichen philosophischen Vorlagen - mit Askese, Anstrengung und Geduld assoziiert. Genuss will man erleben im „Hier und Jetzt“.

Die Leitwerte der „Erlebnisgesellschaft“ haben schon dir Filme geprägt, kaum ein Kassenschlager kommt ohne love story aus. Inzwischen sind auch die Utopien in den Cyberspace ausgewandert. Auch sie fanden vorher auf der Leinwand statt. Und noch weiter vorher? In den Büchern.
Ein Beispiel: Die Reise zum Mond war das Thema von Johannes Keplers phantastischen Buches „Somnium“ schon im Jahre 1608. Der britische Schriftstellers Herbert George Wells griff das Thema auf – 1901 erschien sein Buch „The First Men in the Moon“. Einer der ersten Studio-Filme in den frühen Jahren des Stummfilms 1902 geht auf seine Roman-Vorlage zurück - „Voyage dans la Lune“.

Und vor den Büchern waren die kognitiven Abenteuer Thema der Predigten, der mythologischen Erzählungen über das Leben der Götter. Das Erleben des Heiligen ist die Ur-Form kognitiver Abenteuer und parasozialer Beziehungen.  Im klassischen Griechenland wurden diese Erzählungen auf der Bühne theatralisch Inszeniert.

Und das ist natürlich nicht nur eine „europäische“ Tradition. Ein Beispiel für frühe „Erlebniskultur“ bietet die Herrschaftsform-Inszenierung der Mayas. Ihre Pyramiden waren höher als die in Ägypten, sie verfügten über Schriftzeichen vor den antiken Griechen. Sie führten einen genauen astronomischen Kalender, in ihrem Zahlensystem gab es eine Null (über diese kulturelle Konstruktion verfügten die Griechen und die Römer nicht und taten sich daher sehr viel schwerer mit komplizierten Berechnungen). Wofür nutzten die Maya das? In den Schriften, die gefunden wurden, geht es um große Erzählungen: Den Göttern musste geopfert werden, um sie günstig zu stimmen. Wie in allen alten Kulturen. Die großen Dramen des menschlichen Lebens - Fruchtbarkeit, Geburt, Tod, Wetterkatastrophen - wurden in den Göttergeschichten thematisiert. Sogar das Blut des irdischen Herrschers musste bei den Mayas den Göttern geopfert werden, es war das kostbarste Opfer.

In den Schriften des alten (jüdischen) Bundes war das Blut des Erstgeborenen das kostbarste Opfer. Die Kreuzigung Jesu ist das letzte Blutopfer der „jüdisch-christlichen“ Mythologie. Seitdem erinnert das Abendmahl daran - als symbolisches Blutopfer. Der Krimi um den Mord an Jesus - Pilates fand bekanntlich keine Schuld an ihm - und der Auferstehung und Erhebung zur Figur des Allmächtigen ist ein immer wieder gern erzählter und weiter gesponnener Klassiker der Verschwörungstheorie: Beim Mord an Jesus gab es einen Hintermann, einen ganz große Drahtzieher aus dem familiären Umfeld - seinen Vater. Der wollte, dass der Sohn ermordet wird, und seine Motive bleiben in allen Versionen dieses Krimis sehr mysteriös.

Die großen Emotionen der menschlichen Erlebnisse fanden also immer in den Köpfen der Menschen statt. Die jeweiligen Medien, von der mündlichen Sprache über die Schrift-Sprache bis zu den digitalen Apparaten unserer Zeit, „beliefern“ die Phantasie in unseren Köpfen.

Die wenigsten Abenteuer erleben wir direkt, physisch mit allen unseren Körpersinnen. Oft sind diese seltenen sinnlich-körperlichen Erlebnisse eindrucksvoller und nachhaltiger als das mediale Flimmern. 
Mythologische Erzählung oder digitale Medien-Schau, was macht das für einen Unterschied? In beiden geht es um Liebe und Tod, also um den Ernst des Lebens – aber das Erlebnis einer mythologischen Erzählung war ein seltener Höhepunkt im vormodernen Leben. Ein Höhepunkt, der viel Phantasie erforderte und die Phantasie aktivierte. Die Medienindustrie macht die großen Abenteuergeschichten zu einem beliebig und alltäglich käuflichen, flüchtig flimmernden Spiel.

Facebook, Twitter, Instagram & Co ersetzen die alltägliche Kommunikation.

Schon in den archaischen Kulturen gab es small talk. Der polnische Anthropologen Bronisław Malinowski hat diese Form der verbalen Kommunikation als „Phatische Kommunikation“ (1923) bezeichnet, „bei der durch den bloßen Austausch von Wörtern Bande der Gemeinsamkeit geschaffen werden”. Da geht es nur vordergründig um den Austausch von Informationen, um Nachrichten und Neuigkeiten. Eigentlich geht es das Gemeinschaftsempfinden durch Kommunikation. Das Brabbeln des Babys erfüllt diesen Zweck genauso – für Mutter und Kind. Klatsch und Tratsch stehen am Anfang der menschlichen Sprach-Entwicklung, sagt der Anthropologe Robin Dunbar.

Klatsch und Tratsch im Dorf oder im Netz – was macht den Unterschied?
In Netz gibt es „No sens of place“ (Joshua Mayrowitz), Netzkommunikation ist körperlos. Es kommt nicht mehr auf den sozialen Ort und den Platz in der sozialen Hierarchie der kommunizierenden Menschen an. Auf Twitter sind alle gleich. Die digitale Erweiterung der Kommunikationsmöglichkeiten bedeutet eine große Horizont-Erweiterung – erkauft mit  Bindungslosigkeit, Beliebigkeit.

Die Bilderflut lässt die Welt der Worte schwinden.

Man beschreibt nicht mehr, was man erlebt, man schickt ein Foto. Das Foto sagt: „Da“.  
Verloren geht die Kunst der sprachlichen Beschreibung und Reflexion.
Die Selbstdarstellung im Internet bedeutet Verstummen angesichts der Bilder, sagt Simanowski. Durch Bilder und Videos in sozialen Medien werden Eindrücke festgehalten und gesammelt wie in einem Archiv – aber die Geschichten dazu werden nicht erzählt. Selfie und Klick, Ich und der Eifelturm. Kommentar: „Total geil“ - es bleibt unklar, was man erlebt und empfindet. Ein Bild sagt mehr als 1.000 Worte, heißt es – stimmt das?  Das stimmt nicht! Das Bild „sagt“ uns nur das, was Worte erklärt haben. Wir müssen die Geschichte kennen, um ein Bild zu verstehen.
Gleichzeitig gehen Bilder ins Gehirn wie Zucker ins Blut. Sie bleiben besser im Gedächtnis als Wort-Fetzen, sie beeindrucken uns mehr, wenn sie sich an Emotionen heften.

Haben die Menschen vor dem Zeitalter der Reproduzierbarkeit beliebig vieler Bilder mehr durch Worte erklärt? Mehr Geschichten erzählt?
Wohl nicht. Die „Kunst der sprachlichen Reflexion“ war eine Minderheiten-Kultur, ein Kind der Schrift-Kultur. Die Handwerker haben im 16. Jahrhundert ihre Fertigkeiten mit einem „da, so“ erklärt - man musste zuschauen, um es zu lernen. Die „Gelehrten“ der Zeit waren davon überzeugt, dass man in der mündlichen Sprache des Volkes kompliziertere Zusammenhänge nicht aufschreiben und erklären konnte. Die Kommunikation über abstrakte Worte ist auch heute für die meisten Menschen anstrengender als die über Bilder.

Es ist kein Zufall, dass die Bild-Medien Twitter, Facebook & Co primär für die populäre Kommunikation als große Horizont-Bereicherung erlebt werden, während sie in der bildungsbürgerlichen Buch-Kultur als „Kulturverfall“ wahrgenommen werden. Dennoch nimmt mit der digitalen Kommunikation die Schrift-Kultur in der in der Summe gesamtgesellschaftlich und quantitativ nicht ab, sondern zu.

    Exkurs zu René Descartes, dem Vater des rationalen Denkens und Sprechens: Descartes
      
    Geboren ist er 1596, ein anti-autoritäter Krawall-Bruder, würde man heute sagen. Ein Zeitgenosse von Luther. Nicht mehr die persönliche Autorität des Sprechenden ist entscheidend, erklärten die beiden, sondern die Schrift, Schriftkultur. Das ist das, wovor Platon gewarnt hat. Totaler Zweifel gegenüber Tradition und Autorität.
    Descartes geht weiter als Luther: Nicht die eine heilige Schrift weist den Weg zur Wahrheit, sondern eigenes Denken. Er will nichts für wahr halten, was nicht klar und deutlich erkannt werden kann. Die Kriterien für dieses „klar und deutlich“ nimmt er aus der Mathematik und der Geometrie, die aus der komplexen Wirklichkeit ihre idealen Objekte konstruieren. In der Welt der Wirklichkeit gibt es keine gerade Linie und keinen Kreis. Es gibt 5 Eier und 5 Bananen, aber nicht „5“. Fünf Eier plus drei Bananen macht keinen Sinn, nur in der Mathematik ergibt 5 „irgendwas“ plus 3 „irgendwas“ genau gleich 8 einen Sinn. Solche Abstraktion sind Konstruktionen des Geistes. Das mathematische Denken blendet die physische Umwelt weitgehend aus. Wahr kann nach Descartes nur sein, was in der Welt der Konstruktionen des Geistes klar und deutlich und unmittelbar evident ist. Alles andere ist für diese logische Wahrheitskriterien unzugänglich: Wann ist Liebe, zum Beispiel, „wahr“? Wann ist Liebe schon „klar und deutlich“? Das Gefühl der Liebe lässt sich nicht in abstrakte Formen zerlegen.

    Wozu führt diese Logik? Evident ist für Descartes, dass es einen leeren (materiefreien) Raum (Vakuum) nicht geben kann. Evident ist für ihn, dass am Anfang der Entstehung unseres Planetensystems eine von Gott geschaffene Ansammlung von Materiewirbeln war. Evident ist, dass man den Sinneswahrnehmungen nicht trauen darf, weil es sein könnte, dass ein böser Dämon auf den Verstand einwirkt und zu falschen Schlüsse verführt. Evident ist für Descartes, dass eine Wirkung nicht vollkommener sein kann als ihre Ursache. Daraus folgerte er logisch, dass es Gott geben müsse – weil die Vorstellung von Gott weit vollkommener sei als der Mensch.
    1663 wurden Descartes’ Schriften  vom Heiligen Stuhl dennoch auf den Index gesetzt.
    Begründung: Es gibt bei seinen naturwissenschaftlichen Studien zu wenig  Raum für Gott.
    Sein Zweifel hat in der Aufklärung schließlich den Sieg über den Index errungen. Der „Index librorum prohibitorum“ umfasste 1962 noch 6000 Bücher, 1965 wurde er offenbar klammheimlich außer Kraft gesetzt – seit 1965 wurde schlicht nicht mehr erwähnt und angewandt.

Für Descartes war das „cogito“  - ergo sum“ evident („ego sum, ego existo … quamdiu cogito“).  Stimmt das? „Ich“ ist eine komplexe Konstruktion, hat schon Ernst Mach 1885 festgestellt („Wenn ich sage ‚Das Ich ist unrettbar‘, so meine ich damit, dass dieses Ich sich auflöst in allem, was fühlbar, hörbar, sichtbar, tastbar ist. Alles ist flüchtig.“).  Oder in den Worten von Antonio Damasio (1999): „Ich fühle, also bin ich“. Woher Gewissheit nehmen? Die moderne wissenschaftstheoretische Antwort von Karl Popper ist: Nur Sätze, die falsifizierbar sind und die noch nicht widerlegt wurden, können als vorläufig wahr betrachtet werden. Es gibt keine Wahrheit.

Der Trend zur „Erlebnisgesellschaft“ ist älter als die digitale Kommunikation

Aristippos von Kyrene gilt als Begründer des Hedonismus im vierten vorchristlichen Jahrhundert. Die großen Staatsreligionen haben hedonistische Bedürfnisse immer unterdrückt oder zu kanalisieren versucht. Das Volk sollte den Reichtum nicht verprassen, sondern abliefern und das Glück in einem – von der Religion gut bewachten - Jenseits imaginieren.

Das protestantisch-bürgerliche Ideal einer rationalen, disziplinierten und angestrengt leistungsorientierten Lebensführung kommt unter die Räder des Konsumismus, so Norbert Bolz 2002 in seinem Konsumistischen Manifest. Der kategorische Imperativ der modernen Spaßkultur lautet: „Erlebe dein Leben!“ 

In der Moderne entwickelt sich eine Pflicht zur Selbstverwirklichung im Spaß. Das richtet sich gegen die Götter und auch gegen die säkularisierten Götter der Aufklärung - Humanismus, Kommunismus. Der Sinn des „Selbst“ im Leben wird weniger in den großen Ideen gesucht als in den käuflichen Vergnügungen des „Hier und Jetzt“ und den Freiheiten des Privaten. Wissenskultur wird zum Entertainment: Edutainment, Infotainment, Politainment, Eatertainment, diagnostizierte Gerhard Schulze 1992. In der Erlebnisgesellschaft können Phänomene kaum noch sachlich-nüchtern vermittelt werden, alles muss dramatisch aufbereitet werden.

Das war früher auch so, jedenfalls außerhalb der streng protestantischen Schrift-Kultur, aber klar ist: Die Techniken der digitalen Kommunikation erweitern die Möglichkeiten der Inszenierung.

Das inszenierte ICH

Das betrifft auch das ICH. In der körperlosen digitalen Kommunikation muss niemand mehr zeigen, wer er ist – sondern nur: Wer er sein will. War das früher anders? Unter dem Titel „Kleider machen Leute“ machte Gottfried Keller 1874 darauf aufmerksam, dass dieses alte Privileg des Adels zur Kultur für Jedermann geworden war. Heute gilt das „Kleider und Körper machen Leute” für alle.

Auffallend ist in der digitalen Kultur der Selbst-Inszenierung: Was sich für den Einzelnen als Eigensinn und „romantischer Individualismus" anfühlt, jeder und jede will authentisch und originell sein, erscheint beim Blick von außen als großer Konformismus: Die Formen der Selbst-Inszenierung sind dieselben, weltweit. Es geht um das authentische „Selbst“ und dieses Selbst verwirklicht sich in einem weltweiten Gruppenzwang. In dem scheinbar einzigartigen „ICH“ steckt viel „WIR“. Aber war immer so, nur die Illusion vom einzigartigen Selbst ist neu.

Während die „Techniken des Selbst“ in die digitalen Medien abzuwandern scheinen, wird gleichzeitig ein verstärktes Bedürfnis nach Körperlichkeit deutlich. Digitale Meinungs-Äußerungen reichen nicht für die politische Auseinandersetzung, es müssen reale Plätze besetzt werden. Die Flut der Selfies reicht nicht – im Fitness-Studio wird der reale Körper hergerichtet und gezeigt. Tattoos vom Fuß bis an den Hals. Die Zubereitung der Nahrung wird zur Koch-Show. Die Körperlichkeit des Alltags wird ästhetisch „besetzt“ und inszeniert.

Der „Mikrophysik der Macht” entrinnt das ICH nicht

Wenn das Subjekt seinen Körper selbst optimiert im Sinne der gesellschaftlichen Kriterien von Perfektion und Gewinn, dann macht es ihn zum Diener, zum Unterworfenen (= subject) der gesellschaftlichen Machtstrukturen. Auch die sprachlichen Zeichen der Kommunikation sind im Sinne von Michel Foucault Medien einer „Mikrophysik der Macht“ und Instrumente der Formung des Subjektes.

Diese modernen Machtstrukturen der Ich-Inszenierungen sind besonders effektiv, weil sie auf Freiwilligkeit basieren. Die Machtstruktur erscheint als produktiv, sie fühlt sich nicht als repressive Macht an. Was dem Blick von außen als Unterwerfung des Körpers erscheint, kann sich von innen für den „gespürten Leib“ stimmig und subjektiv gut anfühlen. Eine Wahrheit zwischen diesen beiden Blickwinkeln gibt es nicht.

An die Beschreibung der Mikrophysik der Macht wird von außen die Anforderung herangetragen, dass sie Hebelpunkte für Widerstand aufzeigen müsse. Diese Anforderung, die ebenso die kritische Theorie von Adorno und sein Diktum: „Es gibt kein richtiges Leben im Falschen“ betrifft, ist dem Zeitgeist geschuldet. Auch Foucault ist den Versuchungen des Zeitgeistes erlegen, als er im Rahmen der frühen Euphorie über die „iranische Revolution“ versuchte, die religiöse Protestbewegung als Form subjektiver Befreiung von Macht überhaupt zu interpretieren: „Nur bei solch einer radikalen Veränderung unseres Erlebens wird es eine echte Revolution geben“, formulierte zu der Befreiung des Iran vom amerikanisch gestützten Schah-Regime. Die religiöse Befreiung hat sich aber schnell als neue „Mikrophysik der Macht“ der Mullahs entpuppt.

Michel Foucault hat die iranische Enttäuschung nicht weiter thematisiert (MG-Link), sondern die auf eine Ethik des Selbst hin orientierten Moral in den philosophischen Schriften der antiken Sklavenhalter-Gesellschaft gesucht. Das war keine hilfreiche gute Idee. Eine „echte Revolution“ – vermutlich im Sinne des Songs „Keine Macht für niemand“ – gibt es eben nicht, aber es gibt auch kein objektivierbares Kriterium dafür, ob ein „Leben im Falschen“ sich als richtig anfühlt oder nicht. Wobei die Autosuggestion des Glücks sicherlich noch kein Glück ist.