Klaus Wolschner         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
Geschichte

 

2 AS Cover

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen
ISBN 978-3-7418-5475-0

2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion im  Jahrhundert des Auges
ISBN 978-3-7375-8922-2
 

POP 55

Über traditionelle Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt
ISBN: 978-3-752948-72-1
 

2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne
ISBN 978-3-746756-36-3
 

 

Medium Stimme

Stimme ist immer Körpersprache, aber kein neutrales Werkzeug der Sinnübertragung:
Auch die menschliche Stimme als primäres Mittel der Kommunikation unterliegt einer Geschichte der Muster ihrer kulturellen Einbindung

2020

Die menschliche Stimme ist ein Körpermedium. Die Fähigkeit zur Lautbildung haben die meisten Tiere in ähnlicher Form - Lunge, Hals, Nase, Mundhöhle und Lippen sind daran beteiligt.(1) Das Schreien und Knurren sind eindeutige animalische Zeichen, sie signalisieren körperliche und affektive Botschaften. Stimm-Laute sind dabei zwingende Laute, wir können sie kaum überhören, wir können nicht wie bei den visuellen Reizen einfach wegschauen. Nur unser Gehirn sortiert die akustischen Signale, blendet „Geräusche“ aus und interpretiert die Bedeutung in die Klänge. Lange bevor neugeborene Menschenkinder ihre Stimme zum Sprechen verwenden können, erfüllt ihre Stimme eine wichtige kommunikative Funktion.
Die zur Sprache geformten Stimmlaute entwickelten sich zur Unterstützung von Zeigegesten, der der homo sapiens brauchte in seiner Evolution mehr als 200.000 Jahre zur Entwicklung dieser Kulturtechnik. Die - durch Schriftkultur unbeeinflusste - orale Sprache blieb gebunden an den Kontext mimischer und gestischer Signale: Mit der Stimme spricht der ganze Körper, der Stimme assistieren Mimik und Gestik. „Ein starres Auge, ein verkrampfter Körper 'sprechen' genauso wie ein lebendiges Auge, eine lockere Gebärde.“ (Karl-Heinz Göttert) Für die Wahrheit bürgt der Sprecher. Schon in oralen Gemeinschaften existierten kulturelle Muster, für bestimmte Kontexte waren bestimmte Anforderungen an die Stimme festgelegt. Die „orale“, technisch unbeeinflusste Stimme ist ein kulturell differenziertes Mittel der Kommunikation. Stimme stellt kein neutrales Werkzeug der Sinnübertragung dar. Die die technische „Armierung“ der Stimme ermöglicht ihre Verstärkung und Speicherung – und geht einher mit Verlusten ihrer leiblich-körperlichen Wirkung.

Die Stimme in den Gemeinschaften der  Oralität

Die Stimme war schon in der Antike besonders gefordert bei Auftreten vor großem Publikum – also zur Verständigung in einer Öffentlichkeit. Das gilt für Redner in Versammlungen, für Schauspieler auf der Bühne, für Prediger. Die körperliche Stimme hat eine begrenzte Reichweite. Die antike Architektur nutzte die akustischen Möglichkeiten der Resonanz. Im Mittelalter wurden Glocken genutzt zur akustischen Durchdringung des Alltags auf große Entfernung - sie läuteten zum Morgengebet und abends zur Schließung der Stadttore, sie verkünden Außergewöhnliches – wichtige Sitzungen, Feuer und Feindeseinfall. Ein Fremder, der die Sprache der Glocken nicht verstand, war orientierungslos. 

Bedeutsames Reden wurde in der Antike durch Sprechgesang signalisiert, daran erinnert heute nur noch die Liturgie als Mittel der Konstitution der Gemeinde vor Gott. Die antike Rhetorik hat die alltägliche Sprachkultur zu einer besonderen Kunst-Form entwickelt. Das Theater ist in der Antike aus den Ritualen religiöser Kulte erwachsen. Es wurden kreisförmige Arenen gebaut, in denen alle Bürger Platz haben sollten. Die Sprechgesang-Stimme im antiken Theater hob den Text hervor, steigerte also die Reichweite und die Wirkung, sie stellte gleichzeitig einen kulturellen Rahmen her. Der Chor als kollektive Stimme symbolisierte im antiken Theater die Stimme der Götter, deren Macht den Raum akustisch erfüllt und die nicht einem einzelnen Individuum zugewiesen wurde.  Als Stimme der Götter bot der Chor Orientierung für ‚ideale‘ Reaktionen auf das Dargestellte.  Die Starrheit der Masken machte die Verlebendigung durch die Stimme umso wichtiger. Die Rollen waren durch Stimme und Tanz verkörpert, emotionale Klänge – gegenüber des emotionalen Klängen der Schreie, des Lachens oder Weinens sollte der Dialog das vernünftige Argument zur Geltung bringen und den Sieg über die Affekte signalisieren.

Neben dem Schauspieler gab es auch den Typ des politischen Redners, für beide gab es professionelle Stimmlehrer und ein Regelwerk der Rhetorik. Platon kannte die Schrift als Medium der Händler, aller er lehnte sie als Ersatz für das Gedächtnis ab. Das auf Papyrus geschriebene Wort trennt es vom dem denkenden Subjekt, sprachliches Denken ist für ihn nur als mündlich-körperliches Sprechen vorstellbar.  Für Aristoteles ist die Stimme der Ausdruck eines  „beseelten“ und denkenden Subjektes im Unterschied zu den unbeseelten Geräuschen.

Für die Alltags-Kommunikation gelten die Regeln der Rhetorik nicht, auf dem Marktplatz wird „nur" geredet. Die Kunst der Rhetorik wurde nach dem Ende der Antike nur in der Tradition der Kirche bewahrt. Auch im Mittelalter kann dicere auch Sprechsingen bedeuten. Die mittelalterliche Kathedrale als Klangraum erzwang nicht nur langsames Sprechen, sondern war gleichzeitig als optische Inszenierung die „Bühne“ für das Wort Gottes. Eine Aufteilung des feierlichen Sprechgesang-Redens in Sprechstimme und Gesang kannte das Mittelalter zunächst nicht – die Singstimme wurde genutzt für die feierliche Form des Sprechens, zelebriert in einem für das Volk unverständlichem Latein: Das Wort war heilig, machtvoll und unheimlich gewaltig. Das Mittelalter kannte keine Politiker antiken Formats mehr, das Schauspiel war als „heidnische Kunst“ unterdrückt. Aber es gab Wanderprediger, die vor einem großen Publikum ihre Botschaft verkündeten. Und dann auch „geistliche Spiele“, in denen bekannte Geschichten mit gregorianischen Melodien vorgetragen wurden. Auch das weltliche Epos im späten Mittelalter wurde als Sprechgesang dargeboten. Sprechgesang war die Stimme für die Öffentlichkeit und für Feste.

Das europäische Mittelalter war eine wesentlich orale Gemeinschaft. Schrift war nur die dokumentierte Form des gesprochenen Wortes, auch das handgeschriebene Buch war ganz in die Welt des Oralen integriert. In den Schriftreligionen ist die sinnliche Macht der oralen Zeremonie, die Sprache, Sprechgesang und musikalische Rezitation kennt, hinterlegt mit dem Bezug auf die Heilige Schrift, der Gemeinde der Anhänger wird das Wort Gottes als Lesung zu Gehör gebracht.

Notenschrift ist fixierter Ton. Wenn die christliche Kirche im 9. Jahrhundert versucht hat, eine Schrift für die Aufzeichnung der gregorianischen Choräle zu entwickeln und durchzusetzen, dann wollte sie nicht die Vielfalt der Gesangsformen festhalten, sondern das Gegenteil: Die oralen Gesänge sollte vereinheitlicht, beherrschbar gemacht und kanalisiert werden. Die Notenschrift ist nicht als Gedächtnisstütze entstanden, sondern als ein Machtinstrument über die Töne. Die Institution Kirche machte mit Hilfe der Notenschrift aus den volkstümlichen Traditionen ihre „heilige Gesänge”. Auf Basis der Notenschrift können sich dann Regeln entwickeln darüber, was guter Klang sein soll und was weniger guter – „Harmonielehre” entsteht durch das Ausscheiden störender Töne.

Drucktechnik und Buch

Mit der Erfindung Gutenbergs begann ein epochaler Wandel. Wahrheit verlor die Bindung an die Stimme, an die Person des Vortragenden und den kulturell legitimierten Vortrag. Nach dem Muster der „heiligen Schriften" ging Wahrheit auf die veröffentlichte Schrift mit ihren identischen, ort- und zeitlosen, beliebig wiederholbaren Botschaften über. Die Wahrheit der Druckschrift kann aber wirken und zur Kenntnis genommen werden ohne die vermittelnde Rolle der Stimme, ohne Lesung. Druckschriften als neues Medium für Information und Kommunikation traten konkurrierend neben die Mündlichkeit.

Mündlichkeit erlebt eine neue Blüte als Kunstform und kulturelles Spiel. Die artifizielle europäische Kultur „gerät seit dem 16. Jahrhundert förmlich in einen Taumel des Sinnlichen, in dem sich Visualität und Oralität gegenseitig steigern“ (Göttert), Theater, Singspiele, Oper und Ballett entstehen als höchste Kunstform. Die Beschäftigung mit der Rhetorik beschäftigte die Philosophen - aber die entscheidenden Botschaften liefen mehr und mehr über die schriftlichen Diskurse. Die Kultur der Stimme wanderte aus ins Reich der Ästhetik.

Die verspätete Armierung der Stimme

Die „Armierung der Sinne“ klammerte die Stimme lange aus: Francis Bacon, einer der Väter der modernen Naturwissenschaft, erkannte in Druckerpresse, Schwarzpulver und Kompass die Mächte, die die Welt verändern sollten. Für Galileo Galilei war das Fernrohr als Armatur für das Auge der Wegbereiter des Erkenntnis-Fortschritts. Kaum eine Erfindung technisierte in der Epoche der Aufklärung die Stimme. Die Erfindung der Sprechtrompete („Phonurgia nova“) war ein Nebenprodukt des Hörrohrs und blieb im 17. Jahrhundert faktisch bedeutungslos. Erst im 19. Jahrhundert wurden mit dem elektrischen Telegraphen und dem Telefon Techniken zur Fernkommunikation für die Stimme entwickelt, für ihre Speicherung gab es des Phonographen seit 1899.

Um die Wende zum 20. Jahrhundert war die „vorwärtsschreitende Erweiterungen des Aktionsradius der Gliedmaßen und Sinne" (so Herbert Spencer) ein großes Thema der Fortschritts-Diskussion.  Otto Wiener thematisierte 1900 in seiner Leipziger Antrittsvorlesung die „Physik und Kulturentwicklung durch technische und wissenschaftliche Erweiterung der menschlichen Naturanlagen". Da geht es um instrumentell aufgerüsteten Organe, um die Mikrowaage, das Telefon, die Uhr. Er behandelt den Zeitsinn, den Temperatursinn und den Farbensinn.

Sigmund Freud äußerte Bedenken nach einer Aufzählung der „Werkzeuge", mit deren Hilfe der Mensch seine Organe vervollkommne: Motoren, Schiff und Flugzeug potenzierten seine Kräfte und verbesserten die Möglichkeiten der Fortbewegung, Brille, Fernrohr und Kamera seien Hilfsorgane der Augen, Grammophonplatte und Telefon der Stimme - der Mensch insgesamt sei „sozusagen eine Art Prothesengott geworden, recht großartig, wenn er alle seine Hilfsorgane anlegt", aber all dies lasse ihn keineswegs sein Glück finden, fasste Freud zusammen.

Aber Massenkommunikation blieb bis ins frühe 20. Jahrhundert eine Schrift-Kommunikation, die Rede vor einem großen Publikum mit Versammlungscharakter war ein Ausnahmefall. Als in den 1920er Jahren der Lautsprecher erfunden wurde, fand er fand zunächst nur Aufmerksamkeit und Verwendung für das Radio. Opernübertragungen machten Schlagzeilen.

Noch 1928 versuchte der stimmgewaltige Reichspräsident Paul von Hindenburg auf dem 14. Deutschen Turnertag in Köln auf der Jahnwiese vor über 200.000 Turnern zu sprechen, ohne dass die Veranstalter auf die Idee gekommen waren, Lautsprecher zu installieren. „Meine Begrüßungsansprache zerflatterte im Wind, sie wurde nur in der Nähe des Rednerpodiums verstanden", notierte Hindenburg. Für große Versammlungsräume und auf Plätzen wurde der elektrische Lautsprecher für die Politik erst 1929 von den Nationalsozialisten entdeckt – die Reduktion der „Zauberkraft des gesprochenen Wortes" (Hitler) durch die Verstärker wurde von ihnen bedauert, aber in Kauf genommen zugunsten der Emotionalität und Optik der inszenierten Massenveranstaltungen. Hitler Reden waren wirkungsvoll durch großes Sprechtheater: Er unterstrich wichtige Worte durch regelrechtes Schreien und erreichte damit einen Tonumfang von zwei Oktaven. Diese Form der Redekunst wirkt im Zeitalter der Lautsprecher-Verstärkung geradezu komisch und unmotiviert.

Die natürlich, reine Stimme blieb im mittleren 20. Jahrhundert das Kommunikationsmedium für den persönlichen Nahbereich. Fern-Kommunikation vermittels des Telefons suggeriert die persönliche Nähe, bleibt aber ein Ersatz, weil sie andere Körpersignale ausblendet.

Mit den elektronischen Instrumenten des 21. Jahrhunderts wurde dann auch die Bild-Übertragung in die Alltagskommunikation eingeführt. Mit dem Fortschritt der Technik reduziert sich der Unterschied zwischen Videokonferenzen und „richtigen“ Konferenzen. Bisher haben sich die Menschen daran dennoch nicht gewöhnt, obwohl der körpersinnliche Verlust der technischen Hilfsmittel etwa beim Skypen „nur noch“ die olfaktorischen und taktilen Subtexte der Kommunikation betrifft.

Herbert Marshall McLuhan hat diesen Prozess vorausschauend beschrieben. Während die Mechanisierung der frühen Neuzeit eine Ausweitung des Körpers in den Raum bedeutete, bindet die „Elektronisierung“ der Wahrnehmung und Kommunikation das Zentralnervensystem direkt ein. Die Steuerung von Wahrnehmung und Information geschieht schließlich nach Maßgabe der Apparate, die Medien bestimmen „Ausmaß und Form des menschlichen Zusammenlebens", so McLuhan in „Understanding Media". (1970) Menschliche Wahrnehmung ist immer durch die Filter der Sinnesorgane gegangen, jede technische Erweiterung der Sinnesorgane wirkt als „Körpererweiterung“ (McLuhan) und löst alte kulturelle Muster der Kommunikation und Wahrnehmung ab. Das gilt auch für das Kommunikationsmittel Stimme.

Die Schallwellen der Sprache bleiben auch im elektronischen Zeitalter das grundlegende Trägermedium. Die Stimme ist das primäre Kommunikationsinstrument, das Gehirn bzw. das Gedächtnis bleibt das primäre Speichermedium - insbesondere für das Gesprochene. Auch in der heutigen scheinbar ganz von technischen Medien bestimmten Kultur ist die unter Anwesenden geteilte Wahrnehmung immer noch die sicherste Form kommunikativer Symbolisierungen.

Bei dem Wort „Medium“ denkt man zunächst an Techniken – Bilder und Fernsehen, Schrift und Druckwerke, schließlich das Internet. Solche technischen Verbreitungsmedien sind Werkzeuge wie ein Hammer. Er hat ungenutzt seine Existenz wie ein Buch oder ein Datenträger. Beim Medium Sprache ist das anders: Sprechen kann ich nur, indem ich mich des Mediums der Sprache bediene. Sprache ist nicht Mittel zur „Abbildung“ einer von ihr abgetrennten, ontologisch vorgegebenen mentalen Welt, Sprache gibt es nur als Sprachhandeln. Durch Sprachhandeln wird erst der Sinnhorizont, in dem sprachlich kommuniziert wird, geschaffen. Gedanken brauchen Sprache, um sich auszuformen.

Als soziale Wesen sind Menschen sprachlich handelnde Wesen. Durch die Kultur der Schriftsprache, die auf den Speichertechniken der Schrift aufbaut, ist die orale Sprache als ursprüngliches Medium des menschlichen Geistes überformt. Die Schrift ist ein Werkzeug - das primäre Medium aber ist die mündliche, akustische Sprache.

    Anm.: (1) Die Sprech-Stimme aus biologischer Sicht
    Der Mensch kann mit bemerkenswerter Geschwindigkeit und Präzision Töne formieren, die wir als Sprache und Gesang wahrnehmen. Der Stimmapparat des Menschen hat dabei uralte Wurzeln - Lunge, Kehlkopf und Vokaltrakt finden sich schon bei den sog. „Lungenfischen“, also der Gruppe der Luft atmenden Fische. Der menschliche Stimmapparat ähnelt dem von Fröschen oder Krokodilen, auch ihr Kehlkopf kann Laute erzeugen. Die ursprüngliche Aufgabe des Kehlkopfs war es, Flüssigkeiten und Nahrung aus den Atemwegen und der Lunge herauszuhalten. An Land waren die Organe für die Unterwasseratmung überflüssig.
    Die weitere  Evolution führte zur Ausprägung spezifischer Laut-Systeme – aber nicht beim Menschen. Vögel haben eine andere Struktur als Schallquelle entwickelt, Syrinx genannt. Sie verfügen über die evolutionär vielfältigsten Stimmorgane und können gleichzeitig zwei Gesangstöne erzeugen, also im Duett mit sich selbst singen. In der Tierwelt spielen die erzeugten Laute meist eine wichtige Rolle bei der Partnerwerbung und Revierverteidigung. In den gemäßigten Klimazonen sind die Männchen die aktiven Sänger. Wobei insbesondere beim Gesang der Vögel sich der Eindruck aufdrängt, dass es auch ein pures Lustempfinden gibt, das diese Tiere dazu motiviert, Dinge zu tun, die vielleicht für die Vorfahren nützlich waren.
    Die Zahnwale sind Fleischfresser und haben in den nasalen Atemwegen eine faszinierend neue  Schallquelle entwickelt, mit der sie über eine hoch entwickelte Technik der Schallortung verfügen. Sie „sehen“ damit ihre Beutetiere und die Unterwasser-Umgebung. Die Rufe der Bartenwale reichen unter Wasser mehrere hundert Kilometer. Auch Fledermäuse haben – rein aus Energiespargründen - eine komplexe Ultraschall-Ortung entwickelt, das der visuellen Wahrnehmung anderer Lebewesen nicht nachsteht. 
    Wale und Elefanten können Töne erzeugen, deren Frequenz unter 20 Hertz liegt und die für Menschen nicht hörbar sind. Fledermäuse und andere Säugetiere kommunizieren im Bereich des Ultraschalls bei Frequenzen über 20.000 Hertz. Das Spektrum der menschlichen Stimme liegt bei rund 100 Hertz und ist vergleichsweise schmal. 
    Bei den Menschen wie bei den Fröschen sind die Stimmbänder im Kehlkopf die Schallquelle: Ein Luftstrom aus der Lunge streicht über die Stimmbänder, die zu vibrieren beginnen. Neben den Menschen haben beispielsweise auch Hirsche, Koalas und Löwen und Tiger einen permanent abgesenkten Kehlkopf. Dies ist also ein ungewöhnliches, aber keineswegs einzigartiges Merkmal des menschlichen Stimmapparates.
    Die Menschen sind unter den Säugetieren mit abgesenktem Kehlkopf offenbar die einzigen, die eine neue Form der Zunge nutzen, um vielfältigere Frequenzen zu erzeugen und damit ein größeres Repertoire von Stimmlauten zu erzeugen als Hund oder Schimpanse das könnten.
    Die besonderen Fähigkeiten der menschlichen Stimme beruhen aber nicht auf der Biologie der Laut-Organe, sondern auf Veränderungen im Gehirn. Bei Menschen sind nur wenige  Lautäußerungen angeboren, etwa das Lachen und Weinen. Die meisten Laute sind kulturell erlernt. Die Fähigkeit des Gehirns, sich an Laute zu erinnern, die ein anderes Individuum erzeugt hat und sie dann selbst zu erzeugen, ist von wesentlicher Bedeutung für die Spracheentwicklung des kleinen Menschen. Für die differenzierte evolutionäre Fortentwicklung der Stimmlaute zu einer Laut-Sprache spielen offenbar die hohen Anforderungen der Fürsorge für die menschliche Frühgeburt und die kommunikative Verständigung in komplexer werdenden größeren Gruppen eine wesentliche Rolle.

    Lit.:
    Karl-Heinz Göttert, Geschichte der Stimme (1998) 

    Siehe auch die Texte zum Themenbereich

    Über die Ursprünge von Sprache und Musik M-G-Link
    Sprache Denken    
    M-G-Link
    Was ist Sprache oder: Was die Hirnforschung über die Konstruktion von Sprache weiß  
    MG-Link
    Was die Evolutionsbiologen zur Bedeutung der Sprache für das Bewusst-sein zu sagen haben,
          steht auf einem anderen Blatt - 
    M-G-Link
    Sprache als ursprüngliches Medium des menschlichen Geistes
    in: Was meint Medium?
      M-G-Link
    Die menschliche Stimme als primäres Mittel der Kommunikation   M-G-Link
    Radio-Stimme: Geschichte des Radios in Deutschland vom Obrigkeits-Funk zur Popularkultur   MG-Link