Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

3 AS neu 200

Reizschutz, Reizflut, Inhibition

Zur medizinischen Psychologie und Kulturgeschichte der Reizüberflutung

2013

Genie und Wahnsinn liegen nahe beieinander. Das Gehirn kennt einen Mechanismus, der Menschen vor der alltäglichen Reizüberflutung schützt – das Gehirn blendet das Zuviel an Eindrücken einfach aus („latente Inhibition"). Denn das Gehirn ist ein Reizverarbeitungssystem mit begrenzter Kapazität.
Werden zu wenige Reize ausgefiltert, ist der Mensch heillos überfordert - und fällt dem Wahn anheim. Die Kapazität eines Gehirns ist unterschiedlich: Prasseln die vielfältigen Reize auf ein „intelligentes” Gehirn, kann die Reizflut auch in schöpferische Bahnen gelenkt werden - der Kopf ist besonders kreativ.

Latente Inhibition (LI) nennen Psychologen und Mediziner den Filtermechanismus, der die Balance zwischen Weiterverarbeitung aufgabenrelevanter Reize und Hemmung bzw. Ausfilterung aufgabenirrelevanter Reize hält. Sie ist notwendig für effizientes zielgerichtetes Verhalten und ein normaler Mechanismus bei gesunden Menschen.  Menschen mit einer niedrigen latenten Inhibition haben „Stress” im Gehirn und häufiger mit Müdigkeit zu kämpfen. Latente Inhibition bedeutet, dass bekannte und (unbewusst) als unwichtig erachtete Reize herausgefiltert werden aus dem Strom der Aufmerksamkeit. Das ist der Grund dafür, dass es Menschen schwer fällt, Dinge zu lernen, die langweilig erscheinen. Reizüberflutung macht Stress - aber es ist natürlich subjektiv unterschiedlich, welche Menge an Reizen für ein individuelles Gehirn „Überflutung“ bedeuten.

Ein hoher IQ kann die Auswirkungen niedriger LI verändern: Mechanismen auf höheren und kontrollierten Ebenen der Informationsverarbeitung können Defizite in frühen selektiven  Aufmerksamkeitsprozessen ausgleichen.

Der kanadische Psychologieprofessor Jordan Peterson fasst seine Versuchsergebnisse so zusammen: Menschen nehmen dauernd Informationen aus ihrer Umwelt auf. das menschliche Gehirn klassifiziert ein Objekt, und dann vergisst der Mensch es, auch wenn dieses Objekt viel komplexer und interessanter sein mag als dem Menschen bewusst wird. Menschen, die offener sind für viele Reize, sind kreativer, wenn diese Offenheit mit hoher Intelligenz und einem guten Erinnerungsvermögen verknüpft ist.
Wenn die Signale der Außenwelt allerdings die Kontrollkapazitäten überfordern und das Gehirn permanent beschäftigen, konstruiert das Gehirn Sinnzusammenhänge, die dem „normalen“ Betrachter komisch vorkommen und als Zeichen für Persönlichkeitsstörungen,  Schizophrenie oder mystische Erweckungserlebnisse klassifiziert werden können.

ADHS steht für Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. Offenbar hat dies Einiges mit der latenten Inhibition zu tun. 
Hochsensible Menschen („highly sensitive persons") verarbeiten Informationen tiefer, nehmen unterschwellige Reize besser wahr, sind dadurch aber auch anfälliger für Irritationen.

Auch bei vielen Tierarten gibt es einen Anteil hochsensibler Individuen von etwa 15 Prozent. Dies sind Tiere, die immer erst innehalten, um die Lage genau zu erfassen, und sich nicht wie ihre Artgenossen gleich in die neue Situation stürzen.

In manchen Kulturen gibt es für sensible Menschen einen kulturell geformten besonderen Platz, ihre Besonderheit kann in der Rolle eines Priesters oder königlichen Beraters respektiert werden.

Überdurchschnittlich hohe Sensibilität bildet die Basis für Intuition, Kreativität, phantasievolle Ideen und einfühlsame Kommunikation. Andererseits hat solche Intensität auch ihren Preis: Das Gehirn eines hochsensiblen Menschen verbraucht seine Energie schneller, solche Menschen werden gewöhnlich schneller müde.

Auch ein Rausch ist eine Art Überreizung unseres Nervensystem bzw. Irritation der gewöhnlichen Mechanismen des Reizschutzes. Normalerweise filtert unser Gehirn die einprasselnden Reize und konstruiert daraus einen entschleunigten, datenreduzierte Version von Wirklichkeit. Im Rauschzustand funktioniert diese „Dekodierung“ anders als gewohnt, unser Gehirn meldet Verzerrungen bei Tastsinn, akustischen und visuellen Wahrnehmungen. Das „Standardprogramm“ der Reizfilter scheint überfordert. Ähnlich wie im Traum wird Gesehenes, Gehörtes und Erlebtes assoziativ mit alten Erfahrungen und Imaginärem zu einer anderen Wirklichkeit verbunden – wir nennen es einen psychedelischen Rausch. Die erhöhte Nervenempfindlichkeit überfordert die gewohnten Selektionsmechanismen, ungewöhnliche Verknüpfungsmuster entstehen im Kopf. Es gibt Rausch-Erfahrungen, die nach dem Abklingen der berauschenden Substanzen als Wahn einsortiert werden, es gibt aber auch „kreative Reste“ der Rausch-Erfahrungen. Religiöse Rausch-Erfahrungen werden als Zeichen einer anderen Wirklichkeit in das mentale Gedankengebäude integriert, das für das „Heilige“ bestimmte Reservate vorhält.
Muracithin
Unter dem Begriff „Neurasthenie“ machte zum Ende des 19. Jahrhunderts eine Zivilisationskrankheit von sich reden: die Nervenschwäche. Der griechische medizinische Fachbegriff gab dem Phänomen den Anstrich einer streng wissenschaftlichen Diagnose. Tatsächlich ging es um vermehrte oder die vermehrte Aufmerksamkeit für diffuse Leiden von Müdigkeit, hypochondrische Ängste bis zur Impotenz, als deren Ursache das „moderne Leben“ erklärt wurde. Dieses Großstadt-Leben erfordere „mehr Energie“, erklärte der Amerikanische Mediziner George M. Beard (1880), er stellte sich das Nervensystem wie eine elektrische Maschine vor. Der Begriff „Neurasthenie” verbreitete sich schnell im Alltagswissen, offenbar entsprach er einem Alltags-Empfinden (1), es war häufig Thema in populären Familienillustrierten wie der „Die Gartenlaube“ und für das moderne Wundermittel dagegen, „Mulracithin”, wurde entsprechend in Anzeigen geworben.

Mit dem großen Krieg verschwand das Phänomen aus der öffentlichen Wahrnehmung, wurde verdrängt von handfesteren Sorgen und von traumatischen Kriegserfahrungen. 


Anzeige (1914)
aus
: „Jugend. Münchener illustrierte
Wochenschrift für Kunst und Leben“
 

Aus dem maschinisierten Krieg kamen immer mehr Soldaten als „Kriegszitterer” zurück. International wurde das Phänomen als „Shell Shock” diskutiert, psychiatrisiert und gern mit Elektroschocks bearbeitet, die sicherlich  abschreckend waren, wenn auch nicht heilsam: wenn die Männer zurück in den Krieg geschickt werden konnten, hatte die Behandlung Erfolg gehabt.

Das waren die zerstörten Männer-Psychen, die Sigmund Freud veranlassten, seine Theorie, die sich bis dahin vor allem um den Eros gedreht hatte, um einen „Todestrieb” zu erweitern. Für Sigmund Freud war auch die Nervosität ein wichtiges Thema gewesen, mit dem er sich u. a. 1908 in der Schrift über „Die ›kulturelle‹ Sexualmoral und die moderne Nervosität“ ausführlich befasste. Er lässt dort zunächst eine Reihe von Autoren zu Wort kommen, die sich mit der „modernen, das heißt in unserer gegenwärtigen Gesellschaft sich rasch ausbreitenden Nervosität“ beschäftigen und sie auf den allgemeinen gesellschaftlichen Wandel zurückführen. Das Nervensystem wird demnach durch eine vermehrte Konkurrenz und gesteigerte Ansprüche an die intellektuelle Leistungsfähigkeit überstrapaziert, aufgrund erregender Produktionen des Kulturbetriebes ebenso wie durch diverse Folgen des technischen Fortschnitts und einem unruhiger gewordenen, die Sinne überfordernden Alltagsleben. „Das Leben in den großen Städten ist immer raffinierter und unruhiger geworden. [...] durch den ins Ungemessene gesteigerten Verkehr, durch die weltumspannenden Drahtnetze des Telegraphen und Telephons haben sich die Verhältnisse in Handel und Wandel total verändert: alles geht in Hast und Aufregung vor sich, die Nacht wird zum Reisen, der Tag für die Geschäfte benützt, selbst die ›Erholungsreisen‹ werden zu Strapazen für das Nervensystem“ (Freud).

Nervosität und das Empfinden von Reizflut ist eine Erregung, die – epochentypisch gefärbt – verstärkt in gesellschaftlichen Umbruchsituationen auftritt - wenn gewohnte Verarbeitungsmechanismen instabil werden und neue Reize die alten Bindungsmuster überfordern.

 

    Anmerkung:
    (1) dazu: Volker Roelke, Krankheit und Kulturkritik, Psychiatrische Gesellschaftsdiagnosen im bürgerlichen Zeitalter 1790-1914 (1999)

    vgl. zu dem Themenbereich auch die Texte
    Aufmerksamkeit - über Neurologie und Soziologie einer knappen Ressource  M-G-Link
    Kultur des Schreckens, Kult des Opfers: Geschichte der Sensation (nach Ch. Türcke) Link
    Schöne neue Medienwelt? Der typografische Blick auf die elektrischen Medien M-G-Link
    Sigmund Freud, Die ›kulturelle‹ Sexualmoral und die moderne Nervosität (1908) Auszüge Link
    Medien-Fiktionen - Bausteine der menschlichen Kultur    M-G-Link

Zum dem Themenkomplex Bildkultur gibt es auf www.medien-gesellschaft.de u.a. folgende Texte:

    Bigger than life - Mammutjäger vor der Glotze M-G-Link
    Über die Realität der medialen Fiktion 
    M-G-Link

    Das Gehirn spinnt Sinn  - Gehirngespinste  
    M-G-Link
    Kraft der Bilder - Unser Gehirn liebt die virtuelle Realität: Herrschafts-Bilder, Bilder für Unsagbares  
    M-G-Link
    Bilder im Kopf - Über die neurologisch vermittelte Realitätswahrnehmung  
    M-G-Link 
    Bilddenken, Bildhandeln - Wort-Laute, Gebilde und Gebärden   
    M-G-Link
    Bild  gegen Schrift - Wortfetischismus und die Klagen der Schriftkultur über die Macht der Bilder   
    M-G-Link

    Geschichte des Sehens und Kulturgeschichte des Bildes  
    M-G-Link
    Sehen der Moderne - Neue Bilder in der neuen Medienkultur
     M-G-Link

    Bewegende Bilder – Geschichte des Films  im 19. Jahrhundert  M-G-Link
    Reizflut, Reizschutz, Inhibition, Neurasthenie   
    M-G-Link
    Aufmerksamkeit - über Neurologie und Soziologie einer knappen Ressource
     M-G-Link

     

 

ISBN 978-3-7418-5475-0
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at)wolschner.de

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche Wirklichkeits-Konstruktion im „Jahrhundert des Auges“

3 VR neu 200

ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at) wolschner.de