Klaus Wolschner  Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

www.medien-gesellschaft.de


III
Medien
-Theorie

Wir-Ich Titel kl1

Neue Medien,
neue Techniken des Selbst:
 Unser digitales Wir-Ich

ISBN: 978-3-754968-81-9

Schriftmagie Cover

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert
des Auges:
Virtuelle Realität
der Schrift

ISBN 978-3-7375-8922-2

Augensinn Cover

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
 Bild-Magie

ISBN 978-3-7418-5475-0

GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen

ISBN 978-3-746756-36-3

POP55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

ISBN: 978-3-752948-72-1
 

Potential des Mediums Schrift

Die Schrift als visuelles Speichermedium für Sprache dazu geführt,
dass die gesprochene mundartliche Sprache durch eine
gesprochene Schrift-Sprache verdrängt wurde.
Die neue Sprache hat große Veränderungen im Wirklichkeits-Bewusstsein zur Folge, ohne dass das im Alltag bewusst wäre

2020

Für unser heutiges Verständnis ist Sprache selbstverständlich Schriftsprache. Es fällt schriftsprachlich denkenden Menschen schwer, sich die Sprache in oralen Kulturen vorzustellen. Die Bedeutung der Schrift für die menschliche Sprache und das Denken wird aber nur deutlich auf dem Hintergrund dessen, was vorher war - Sprache ohne Schrift – Oralität.

Mündliche Sprache - „Mund-Art“

Mündliche Sprache ist „Mund-Art“, akustische Kunst, sie revolutioniert die Kommunikationsformen der tierischen Lebens-Gemeinschaften, die neben der Geruchs- und Berührungs-Kommunikation auch Klänge kennen, aber keine strukturierten Sprach-Klänge. 

Sprach-Klänge sind akustische Klang-Zeichen, Worte, die sichtbare, riechbare oder taktil fühlbare Wahrnehmungs-Dinge bezeichnen. Orales Wahr-Nehmen findet komplementär mit allen Körper-Sinnen statt, ist situativ gebunden und konkret.

Orale „Wortkunst“ kann dann allerdings Vorgänge bezeichnen und auch die Erinnerung an Dinge oder Vorgänge geistig aufrufen, die sonst körperlich nicht mehr wahrnehmbar sind.  Der Horizont  der mündlichen Kommunikation bleibt aber an die Erfahrung gebunden, mündliche Kommunikation  verfügt nicht über abstrakte Begriffe. Geister werden nach dem Muster wahrnehmbarer Objekte konstruiert, als Vögel oder Schlangen. Es gibt nicht Kategorien wie „Werkzeug“, in der oralen Alltagskultur gehören Säge und Floß mit dem Baumstamm zusammen, weil sie einen Handlungszusammenhang bilden. 

Wahrheit ist pragmatisch:  Wahr ist, was brauchbar, nützlich und Konsens ist. Mund-artliches Reden ist Körpersprache, körperintensiv - mit Bewegungen, Gesten.

Sprache in oralen Kulturen kennt wenig Differenzierung, polarisiert in gut und schlecht, erlaubt und verboten.  Und Sprechakte signalisieren einen Machtanspruch: Wer reden darf und kann, hat Macht über Zuhörer.  Wer die Wahrheiten zur Sprache bringen kann, stiftet und  festigt die Gemeinschaft.  Wissen in oralen Kulturen wird verkörpert, erhält seine Autorität durch die Person, die es ausspricht. Wahrheit ist gebunden an den Redner.
Orale Kulturen kennen als Sprach-Speicher nur das Gedächtnis. Um das Flüchtige im Gedächtnis zu fixieren, wurden Kulturform des Gedichtes und des Gesanges  „erfunden“, Klang-Reime, Rhythmen, musikalische Raster. Mündliche Dichtung hat typische grammatikalische Strukturen – einen additiven Stil, in dem Hauptsätze aneinandergereiht werden mit vielfachen Wiederholungen und  Rückverweisen. In oralen Kulturen wird erzählt, um das Kollektiv zu bestätigen. In den liturgischen Formen religiöser Feiern sind die Reste dieser oralen Kultur bis heute bewahrt.

Schriftsprache als neues Instrument für den Verstand

Leonardo Olschki hat 1919 die Differenz zu der Schriftsprache und einem Schrift-Denken so zusammengefasst: „Der menschliche Geist musste erst durch jahrhundertelange Erziehung dazu gebracht werden, möglichst ohne Zuhilfenahme des bildhaft Greifbaren folgerichtig zu denken.“ Mit der Schrift löst sich die Sprache von dem bildhaft Greifbaren. Schrift-Sprache muss ohne Zeige-Gesten präzise sein. Wahr ist nicht nur, was mit den Körpersinnen wahr-genommen werden kann. Das Aufschreiben einer Wahrheit trennt sie von dem, der sie bezeugen kann. Das irritierte Platon: Wie kann es Weisheit ohne den Weisen geben, der dafür bürgt und bei Nachfragen im Dialog erläutern kann?  Die Amazonas-Indianer der Piraha fragten den amerikanischen Missionar Daniel Everett: Hast du die Wundergeschichten, die du uns von Jesus erzählst, gesehen? Kennst du jemanden, der es gesehen hat? Wenn nicht- wie kannst du behaupten, dass sie wahr sind? Der Verweis auf Schrift sagte ihnen nichts.

Die alten Handschriften waren aufgeschriebene Rede, sie dokumentierten den Redefluss als scriptio continua, ein Fluss von Zeichen, der sich erst entschlüsselte, wenn man ihn laus las und hörte. Schrift kam durch die Ohren in den Kopf.

Ivan Illich hat beschrieben, wie sich seit dem 12. Jahrhundert in der scholastischen Schrift-Kultur die heute selbstverständlichen Strukturierungs- und Zugriffshilfen für Texte herausbildeten, im Grunde aufgeschriebene Rede, die akustisch lebendig gemacht werden konnte, zu einem visuell entzifferbaren gegliederten „Text“ wurde.

1. Das Medium Schrift als Text ist ein Mittel, das das Denken verändert. Die räumliche Anordnung der Schriftzeichen auf einem zweidimensionalen materiellen Träger eröffnet neue Möglichkeiten. Schrift ermöglicht komplexe Satzperioden, komplizierte Bezüge und Informationsverdichtung.   Wortabstände, Satzzeichen, Seitennummerierungen und Inhaltsverzeichnisse ermöglichten es, mit Hilfe des visuellen Textes nachzudenken.  Den Aufschreib-Fluss kann man wie den Lese-Fluss unterbrechen, man kann innehalten, korrigieren, überprüfen.  Der Leser kann schnell oder langsam lesen und seine Lektüre durch gedankliche Arbeit unterbrechen. Text ermöglicht ein intensives Nachdenken. Die Alphabetschrift revolutioniert damit die kognitiven Möglichkeiten des homo sapiens.

Der Text erzwingt eine Präzision, die orale Kulturen so nicht kennen: Ohne interpretierende Gesten, Mimik und Intonation muss die Schrift für Leser in allen Situationen klar sein. Das Buch antwortet nicht auf Nachfragen, der Schreibende muss die Nachfragen antizipieren.

2. Die Vorstellung von „Logik“, also von personen-ungebundenen Regeln des Denkens, kann erst in einer Kultur alphabetischer Schrift entstehen, in der Gedanken und Sätze als personenunabhängige Fixierungen erscheinen.
Analphabeten nehmen geometrische Figuren nicht mit abstrakten Begriffen wie „Kreis“ oder „Rechteck“ wahr, sondern mit ähnlichen Gegenständen: „wie ein Teller“, „wie eine Kiste“. Die Idee eines rechteckigen Raumes ist ein Phantasieprodukt der visuellen Geometrie, der abstrakte Raum existiert nicht im erfahrungswissen der Menschen und widerspricht geradezu allen körperlichen Erfahrungen. 

Präzise Schriftsprache ermöglicht die nachvollziehbare Orientierung im Raum und abstrakte sprachliche Operationen wie: Gehen Sie die zweite Straße rechts, an dem Haus mit dem roten Dach wieder links etc. Das sind Koordinaten aus der präzisen Schrift-Schrift. In oralen Kulturen wird die Frage nach dem Weg beantwortet mit einem: „Ich bringe dich eben hin.“

Während in der ägyptischen Tradition die Schriftzeichen politisch-religiöse Herrschaftszeichen waren, konnte in der griechischen Tradition der profanen „Lehrer-Unternehmer“ das Studium der Schriften zu einer Kultur kritischer Diskussion weiterentwickelt werden. Inspiriert durch die Geometrie und die geometrische Beschreibung astronomischer Beobachtungen wurde die „Wortkunst“ (Fritz Mauthner) des abstrahierende Denken in der Achsenzeit zum Kennzeichen einer neuen Denk-Kultur, die so überzeugend war, dass die religiösen und politischen Eliten sie in ihre symbolischen Herrschaftsmittel integrieren mussten. Die östlichen Philosophien des Buddha und des Zen sind kulturelle Bewegungen des Widerstands gegen diese Formen der Sinn-Suche in den Abstraktionen der Denkens und der schriftsprachlichen Vernunft.

3. Die Schriftsprache kann Worte bilden, denen keine greifbaren Dinge entsprechen. Die sprachlichen Formen lösen sich mit der Schrift von den visuellen Eindrücken, die sie ursprünglich nur repräsentieren wollten, und beginnen ein Eigenleben in einer Welt der Undinge – das ist der Anfang des abstrakten Denkens. „Un-Dinge“ können vor dem geistigen Auge eine „Welt-als-ob“ entstehen lassen. „Ewigkeit“ ist so ein Unding, das das konkrete „von Anfang bis zum Ende“ ersetzt. Niemand weiß, was das sein soll, Ewigkeit, die Idee übersteigt alle Erfahrungen und alle Relevanz für das menschliche Leben. In einer schriftsprachlichen Kultur tun aber alle so, als wüssten sie, was das sein soll. Die Wort-Kunst der Schriftkultur suggeriert einen Schriftwort-Realismus.

Wahrheit wird zu einem Phänomen der Logik und löst sich von der Praxis: Wahr ist, was kohärent ist in der logisch konstruierten Sprache. ‚Löwen sind Katzen’ ist so ein logischer Satz, weil er auf ein Ordnungssystem Bezug nimmt – obwohl jedes Kind weiß, dass man Katzen streicheln darf und Löwen nicht. Lebenspraktisch gesehen also schlichter Unsinn. Die Wahrnehmung der Zeit ändert sich mit der Ersetzung der oralen Sprache durch Schriftsprache - Zeit wird nicht mehr empfunden, sondern gemessen. Ein Tag hat dann 24 Stunden, obwohl jeder Bauer weiß, dass die Nacht nicht zum Tag gehört und dass es lange Tage gibt und kurze. „Treue“ ist Realität des Kopfes - kein Löwe oder Gorilla tötet seine Dame, wenn sie ihm untreu war. Tiere vergessen Streit, Menschen reden von „Blutrache“. Die Schriftsprache ermöglicht ironische Wort-Konstruktionen -  „sich hinter den Zug werfen“ spielt mit dem Wortrealismus.

Platons „Ideen“ sind schon eine frühe Nutzanwendung dieser Möglichkeiten zur Abstraktion. Die Platon’schen  „Ideen“ sind unbeweglich und isoliert, werden absolut gesetzt und stehen damit außerhalb der menschlichen Lebenswelt. Solche Wort-Konstruktionen werden zur Grundlage von Philosophie und Naturwissenschaft. Solche Konstruktionen des „Wort-Realismus“ erlauben es, analytische Hierarchien zu bilden, die dem Wirklichkeits-Bewusstsein bei der neuen Ordnung der Phänomene dienliche sind und plausibel – weil „logisch“ – erscheinen.

4. Ein „Ich“ in einer oralen Kultur sieht sich als Teil eines kollektiven Wir, ist immer „Wir-Ich“ im Bezug zu der Lebensgemeinschaft. Das gedankliche „Ich“ ohne Gemeinschaft galt als Tier: „Ein Wolf ist der Mensch dem Menschen, kein Mensch, solange er nicht weiß, welcher Art der andere ist", hat der antike Dichter Plautus im zweiten vorchristlichen Jahrhundert (in seiner Eselskomödie) formuliert. Da gibt es kein menschliches „Ich“ mit einer komplexen individualpsychologischen Selbst-Wahrnehmung. Jede Wahr-Nehmung und jedes Reden ist in das Kollektiv eingebettet, abweichendes, originelles Reden stellt das Gemeinsame in Frage. 

Erst das einsame Schreiben und Lesen isoliert das lesende Ich und ermöglicht es, sich ohne den direkten Bezug auf Zuhörer zu artikulieren und für sich allein zu denken. Das „Ich“ wird  aus der umgebenden Welt und ihrer kommunikativen Dynamik herausgelöst. Das vereinzelnde Lesen ermöglicht eine individuelle Orientierung im Wissen. Das Blatt Papier und der Text wird zum Gesprächspartner, zum Gegenüber, zum „Anderen“. Das Schreiben wurde in der europäischen Neuzeit zum Medium der individualistischen Selbstergründung und Selbst-Inszenierung. Der „Blick nach Innen“ taucht so nur bei schriftsprachlich Gebildeten auf, ein frühes Beispiel ist der Bischof Augustinus. Aber seine Bekenntnisse sind kein Tagebuch - in seinen Bekenntnissen inszeniert er seine Biografie als Bildungs- und Bekehrungs-Roman. 

Das individualisierende, einsame Lesen, seine Bedingungen und Auswirkungen werden ein Thema der Selbstreflexion. Ein Beispiel hierfür, das in der gesamten europäischen  Literaturgeschichte Resonanz fand, ist Cervantes’ 1605 erschienener satirischer Roman Don Quixote de la Mancha: Extensives Romanlesen führt zu Realitätsverlust und affektiven Verirrungen bei dem lesenden Protagonisten.
Der Nürnberger Lutheraner Georg Philipp Harsdörffers konnte dagegen erfolgreich acht Bände unter dem Titel „Frauenzimmer Gesprächsspiele“ (1641—1649) veröffentlichen, zum Teil mit mehreren Auflagen. Bürgerliche und adelige Männer und Frauen führen in seinen Büchern vor, wie Konversationen stattfinden und mit welchem Wissen man sich daran beteiligen kann – in der oberdeutschen Schriftsprache. Die gebildete Gemeinschaft wird zu einer lesenden und erlesenen Gemeinschaft. 
Christoph Martin Wielands Don Sylvio von Rosalva (1764) oder in Goethes Die Leiden des jungen Werther (1774) greifen das Motiv des verirrten Lesers im 18. Jahrhunderts auf. „Lesesucht“ ist die Diagnose für lesende Frauen, die sich ihrer dienenden Gemeinschafts-Aufgabe zu entziehen drohen.

5. Schriften sind schließlich Wissens-Speicher für folgende Generationen. Sie ermöglichen die Akkumulation kulturellen Wissens, Wissen geht nicht mehr beim Tod des „Lehrers“ verloren. Bibliotheken und Archive ersetzen individuelles Erinnerungsvermögen. Michael Tomasello nennt das „Ratschen”- oder „Wagenheber”-Effekt. Schrift ermöglicht ein festes, „objektives“, kollektiv verfügbares Gedächtnis.  Mit der Reformation wurde jedermann klar, dass Wissen nicht das Privileg von Machtpersonen ist, sondern prinzipiell für jedermann verfügbar - sofern er lesen kann.  Wahr ist, was in der Schrift steht, verkündete Martin Luther. Aber:  „Vor der Buchdruckerkunst wäre die Reformation nur eine Spaltung gewesen, die Erfindung des Buchdruckes macht sie zur Revolution. Man nehme die Presse weg, und die Ketzerei ist wirkungslos”, hat schon Victor Hugo erkannt. Erst im Streit der Reformation kam die neue Schriftkultur zu ihrer medienrevolutionären Bedeutung: Die Reformation wäre ohne hunderttausende Flugblättern nicht bis in jedes Dorf gedrungen. Ein einzelner Reformer hätte ohne den Buchdruck nie diese Wirkung auslösen können. Luther wäre möglicherweise wie Jan Hus verbrannt worden.

    Lit.:

    Jan Assmann, Das Kulturelle Gedächtnis (1999)
    Daniel L. Everett: Die größte Erfindung der Menschheit. Was mich meine Jahre am Amazonas über das Wesen der Sprache gelehrt haben (dt. 2013)
    Jack Goody, Ian Watt,  Entstehung und Folgen der Schriftkultur  (1997)
    Eric A. Havelock, Als die Muse schreiben lernte: Eine Medientheorie zu Oralität und Literalität  (2007)
    Ivan Illich, Im Weinberg des Textes, Als das Schriftbild der Moderne entstand (1961)
    Walter J. Ong,  Oralität und Literalität  (1987)
    Raoul Schrott, Arthur Jacobs, Geist und Gedicht. Wie wir unsere Wirklichkeiten konstruieren (2012)
          da insbesondere Seiten 377-399 über Schrift und Sprache
    Michael Tomasello, Die kulturelle Entwicklung des menschlichen Denkens. (2002)

 

    Siehe dazu ausführlich auch mein Buch „Virtuelle Realität der Schrift” und die online-Texte:

    Was ist Sprache oder: Was die Hirnforschung über die Konstruktion von Sprache weiß  MG-Link
    Was die Evolutionsbiologen zur Bedeutung der Sprache für das Bewusst-sein zu sagen haben  M-G-Link
    Was meint „Medium“?  - Zur Sprache als ursprünglichem Medium des menschlichen Geistes   M-G-Link
    Die menschliche Stimme als primäres Mittel der Kommunikation   M-G-Link


    Denken mit Zahlen    MG-Link
    Kulturgeschichte der Zahlen 
    MG-Link
    Nano-Wirklichkeit   MG-Link
    Wissens-Ordnung der Physik  MG-Link
    Über die poetische Phantasie in den Anfängen der Erkundung der Elektrizität  
    MG-Link