Klaus Wolschner         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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zu den Abschnitten

I
Medien-
Geschichte

 

2 AS Cover

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen
ISBN 978-3-7418-5475-0

2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion im  Jahrhundert des Auges
ISBN 978-3-7375-8922-2
 

POP 55

Über traditionelle Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt
ISBN: 978-3-752948-72-1
 

2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne
ISBN 978-3-746756-36-3
 

 

Das Chaos wurde als Teil der Natur entdeckt - Benoît Mandelbrot stellte die neue Geometrie der Fraktale vor, ein grundlegendes Ordnungssystem der Natur

Das Chaos in der Ordnung der Natur: - Benoît Mandelbrot, Begründer der Chaostheorie, konstruierte eine Geometrie der Fraktale, die ein grundlegendes Ordnungssystem der Natur zu sein scheint

Die digitale Gesellschaft

„Die Welt sieht analog aus, wie wir sie sehen, sie operiert aber digital.“
Der Münchener Soziologe Armin Nassehi hat eine Polemik gegen die schlichten Weltbilder und die „komplexitätsvergessene Vernunft“ geschrieben: „Die letzte Stunde der Wahrheit“
 

2017/21

„Die Welt sieht analog aus, wie wir sie sehen, sie operiert aber digital.“ Oder: Unsere Wahrnehmung der Welt verhält sich wie eine „analog erscheinende Benutzeroberfläche“ zu dem digitalen Zeichenverarbeitungs-Netzwerk, das dahinter steckt, schreibt Armin Nassehi. Das hört sich einprägsam und plastisch an. 

Nassehi verwendet die Unterscheidung analog/digital ausdrücklich „als Analogie“, er diskutiert die Komplexität der modernen Gesellschaft mit ausgeliehenen Begriffen aus der Physik, der Informatik und der Computer-Technologie, um die hermetische Begrifflichkeit, die auf Erfahrungswissen aufbaut, zu verunsichern oder zu durchbrechen. Nassehi überträgt die Metaphern aus der Biologie und der Informatik auf das Soziale, er spricht von einem „sozialen Reafferenzprinzip“ und „sozialer Digitalisierung“.

Die Welt werde linear erzählt und „analog“ wahrgenommen, für die Komplexität der Ereignisse nimmt Nassehi den Gegenbegriff digital: „Gelebt wird in analogen Welten, verarbeitet werden diese aber digital.“  Für den Menschen gibt es Musik und Klang, Schönheit, Bedrohung oder Hässlichkeit, alles Begriffe und Orientierungsweisen, die sich einer physikalischen Beschreibung einer technischen Beherrschung entziehen. Was für uns Bedeutung ausmacht, ist eine Lebenswelt voller analoger Bilder. Der Betrachter eines Bildes sieht diese analoge Welt und nicht die digitale Sammlung abgespeicherter Daten. Die Symbolwelt der Schriftzeichen und die digitale Zeichenwelt der Computertechnik sind unseren Sinnen nicht zugänglich.

Weltbilder der Oberfläche

Dabei geht es nicht darum, was die Welt eigentlich sei, analog oder digital. Wichtig ist, dass wir analog einfach erscheinende Phänomene nicht einfach manipulieren können. Unser analoges Verständnis der Welt erschließt uns nicht, wieso Manipulierungsversuche (politisches Handeln) so wenig verändern. Nassehi geht es vor allem darum, zu erklären, dass die Gesellschaft sehr viel komplexer funktioniert als sie in unserer analogen Metaphern-Welt erscheint.

Das Bewusstsein erzeugt durchaus aus pragmatischen Gründen „eine innere, geschlossene Existenzweise“ (Nassehi). Seine unkoordinierten und oft emotional-spontanen Entscheidungen koordiniert der Mensch durch sein Bewusstsein – es kann nur linear denken und produziert den Sinn. Menschen können sich die Gesellschaft nur anthropomorph vorstellen, sie projizieren die Muster von Kohärenz und Kontinuität  handelnder Subjekte auf komplexe Prozesse, in denen eine Vielzahl von Menschen mit verteilter Intelligenz agieren. Das eindimensional begründete Handeln hat daher oft Ergebnisse, die niemand „so gewollt“ hat. Wer die Unüberschaubarkeit akzeptiert, spricht vom Eigensinn der Systeme oder gesellschaftliche Handlungsfelder, wer die Unüberschaubarkeit nicht akzeptiert, muss Legenden bilden und sich ein schlichtes „Bild machen“ von dem, was unüberschaubar ist.

Die Wahrnehmung der vollen Komplexität würde uns handlungsunfähig machen. Nassehi verweist auf Gigerenzers „Bauchintelligenz“ und auf das 1950 von Erich von Holst und Horst Mittelstaedt so benannte „Reafferenzprinzip“: Das zentrale Nervensystem verarbeitet ungenaue, wechselnde oder nicht erwartbare Reize so, dass ein den Erwartungen entsprechendes pragmatisches Bild der Welt entsteht. Die mit der Perspektive und Tageszeit wechselnden Lichtwellen eines Gegenstandes werden zu einer identischen Gegenstandsfarbe, die beim Gehen schwankenden Formen, die der Horizont bildet, werden als „Standbild“ wahrgenommen. Als „gleichzeitig“ integriert unser Gehirn Vorgänge, die physikalisch maximal 2-3 Sekunden auseinander liegen, sagt der Sinnesphysiologe Ernst Pöppel. Das Nervensystem filtert aus der „chaotischen Fülle von möglichen Informationen“ diejenigen heraus, aus denen es eine „handhabbare, wahrnehmbare, kalkulierbare Umwelt“ erscheinen lassen kann.

Das war übrigens auch schon die Erkenntnis von Shannon und Weaver über die Signalverarbeitung: Der Empfänger muss die rohen Signale dechiffrieren und zu einer „für ihn plausiblen Ordnung“ zusammenfügen. „Der Empfänger empfängt nach eigenen Verarbeitungsregeln, über die der Sender nicht verfügen kann!“ Und dennoch gehen wir zumindest im Alltag davon aus, dass wir unser Gegenüber verstehen, dass die Dinge so sind, wie sie „für uns“ aussehen. 

Wenn die Dinge oder Menschen sich nicht so verhalten, wie sie für uns „aussehen“, dann bezeichnen wir das als Krise. Wir sortieren die Menschen zum Beispiel nach Milieuzeichen, wir entnehmen dem Geschlecht, dem Alter, der Kleidung, dem Konsumstil, dem Sprechverhalten usw. Informationen, die auf das wahrscheinliche Verhalten schließen lassen, dass wir dann als „vernünftig“ oder „logisch“ oder „natürlich“ bewerten. Darin zeigt sich Erfahrungswissen. Die Welt, in der wir uns bewegen, und auch die Lebenswelt anderer, die wir kennen, erscheint uns vertraut. Wir haben implizite Annahmen darüber, wie die Welt funktioniert und was die Menschen motiviert. Das Bild einer durchschaubaren Welt vermittelt Sicherheit – wir meiden Situationen, die wir nicht durchschauen, die uns unsicher erscheinen, weil sie ein komplizierteres Bild erfordern würden.

Wenn wir eine „Krise“ feststellen, dann heißt das zunächst, dass die Welt nicht so funktioniert, wie wir es nach unseren einfachen („analogen“) Mustern erwarten, dass es keine Beschreibung gibt, die effektive Handlungsoptionen impliziert. Die „Krise“ ist, so Nassehi, die Metapher, die sich einstellt, wenn „Beschreibungen der Gesellschaft, die einen zentralen Mechanismus der Problemlösung voraussetzen, in ihrer ganzen Impotenz deutlich werden“.

Wenn die moderne Gesellschaft nicht einem „Souverän“ gehorcht oder einer monokausalen Erklärung folgt, wenn sie nicht reagiert nicht auf zentrale Eingriffe oder jedenfalls nicht so wie geplant, dann bedeutet das nur, dass die gedanklichen Konzepte, mit denen wir die Gesellschaft „begreifen“ wollen, offensichtlich nicht hinreichend sind. Das tragische Scheitern des Sozialismus, das die Geschichte des 20. Jahrhunderts prägte, ist ein Beispiel dafür, wie die Idee scheitert, man könne mit einem zentralen Hebel Gesellschaften verändern und  Menschen steuern.

Die „Krise“ des Sozialismus ist daher zuerst eine des mentalen Konzeptes. Das Subjekt möchte sich als Souverän erleben oder zumindest an einen Souverän glauben, an einen Kaiser oder eine Partei, und macht die Erfahrung, dass es keinen Souverän gibt, keine Idee, die erklären könnte, was passiert, keinen Hebel, an dem man ansetzen könnte um Geschichte zu machen oder wenigstens umzugestalten. Nassehi verwendet für diese Erfahrung die Metapher vom Ende oder der „letzten Stunde der Wahrheit“. 

Man glaubt an die Potenz des Marktes und der kapitalistischen Ökonomie und verzweifelt daran, dass auch erfolgreiche ökonomische Prozesse zu großen Problemen führen, die scheinbar außerhalb der Zuständigkeit der Ökonomie liegen – zum Beispiel gibt es wachsenden Reichtum, der aber die Menschen nicht in wachsendem Maße zufrieden macht.

Durch die Brille der Politik betrachtet erscheint es als Erfolg, wenn viele zustimmen oder ihr Kreuz machen -  unabhängig von der Frage, wie die sachlichen Aufgaben erfolgreich bearbeitet werden können. Kein Problem ist „gelöst“, wenn dafür ein Kreuz gemacht wird. Das Politische lebt geradezu von der Illusion der Steuerbarkeit, Politiker müssten manches Mal „Regentänze“ aufführen, bekannte einst der ex-Außenminister Joschka Fischer, um nicht als „handlungsunfähig“ beschimpft zu werden und überflüssig zu erscheinen. Gesellschaft, so Nassehi, ist aber nicht schlicht die „Kollektivität zustimmungsfähiger Leute“. Zu den Illusionen der Politik gehört es, Gesellschaft als ein Gruppenphänomen mit entsprechender Homogenitätsdichte darzustellen. Die „nationale Identität“ ist so eine Illusion, „Leitkultur“ wäre eine andere – als ob es für die Reinigungsfrau und den Generaldirektor jemals eine gemeinsam „Leitkultur“ gegeben hätte. Der Appell an die angeblich verlorene Homogenität dokumentiert nur die Verunsicherung dadurch, dass das alte Weltbild erschüttert wird.

„Der Klassiker ist die Fremdenfeindlichkeit, das heißt die nachträgliche Identifizierung von vermeintlich sichtbaren sozialen Gruppen als Kompensation für unsichtbare statistische Gruppen, denen man Krisen des Arbeitsmarktes, des Wohnungsmarktes, der Konjunktur, der öffentlichen Sicherheit oder der kulturellen Erwartbarkeit zurechnen kann. Hier kann man komplizierte Wechselwirkungen der Gesellschaft und komplexe Dynamiken so behandeln, als lägen ihnen klare Kausalitäten zugrunde.“ (Nassehi)

Die Ökonomie ist für Nassehi ein Musterbeispiel komplexer gesellschaftlicher Wirklichkeit bei schlichter analoger Bewältigung.

An der Ökonomie hängt der Reichtum der Gesellschaft, und ausgerechnet auf ihrem Felde wird mit einer paradoxen sprachlich Figur „dem freien Spiel anarchischer Kräfte“ die größte Rationalität zugesprochen. Die Ökonomie wird als dynamisches System beschrieben, in dem der Egoismus der einzelnen Spieler vorherrscht. Die Rationalität dieser Akteure ist aber nicht identisch mit der Rationalität des gesamten ökonomischen Prozesses. Die einzelnen Akteure handeln nach einfachen Vorstellungen, konkreten Gründen und Zielen. Wenn man sagt, dass sie ein Risiko eingehen, dann meine man, dass die Rechnung, die sie aufmachen, ihre Lösung im Ungewissen der Zukunft hat. Konkurrenz des Handelns ist geradezu darauf angewiesen, dass diese Ungewissheit mit unterschiedlichen Spekulationen überbrückt wird. Gäbe es keine Unsicherheit und keine Spekulationen, dann gäbe es keine Gewinner und Verlierer an der Börse. Wer ein Geschäft beginnt, verschuldet sich – in der Hoffnung, dass es in der Zukunft einen Ertrag gibt. Millionen von Handlungen in Unsicherheit gelten als bester Garant für ökonomisches Wachstum und Erfolg. Die Ökonomie der systematischen Unsicherheit ist jeder Ökonomie der Planung und Sicherheit überlegen. Die bildreichen Metaphern der Sprache der Ökonomie kaschieren, dass die Logik des Prozesses zu komplex ist für den Alltagsverstand.  In der Mathematik wird die komplexe Beschreibung solcher dynamischer Systeme „Chaostheorie“ genannt.

Aber was ist digitale Gesellschaft?

Die technische Digitalisierung erschafft eine neue Realität von Gesellschaft. Man sagt leichthin, das Netz bringe Leute zusammen, die sonst nicht zusammenkämen. Das  ist aber nur die quantitative Vermehrung dessen, was insbesondere die Stadt-Gesellschaft immer ausgemacht hat. Das Neue des Netzes ist, dass es Daten von Menschen zusammenbringt, ohne dass die Menschen zusammenkommen und ohne dass die Menschen, die da verbunden werden, davon wissen. Big Data erzeugt statistische Gruppen. Big Data „macht aus analogen Anwendern digitale Phänomene, digitalisiert die Spuren analoger Praktiken - Bewegungsprofile auf Straßen und im Netz, Kauf- und Freizeitverhalten, Teilnahme an social networks usw.“ (Nassehi) Big Data zerlegt die Datenprofile der Persönlichkeit in einzelne Datenpakete, die mit anderen Datenpaketen kombiniert werden können - „sinnvoll“ im Sinne der Datenverarbeitung. Das ist moderne Gesellschaft. Geradezu naiv erscheint angesichts dieses Prozesse der alte Traum, aus Gesellschaft wieder mehr Gemeinschaft machen zu können.

Die letzte Stunde der Wahrheit

Diese Nostalgie erinnert an den Traum von ganzheitlichen ländlichen Leben, mit dem die Entstehung von Urbanität kritisiert wurde. Urbanität löst den Zusammenhalt der Sippen auf, da kommt auf engem Raum dass zusammen, was nicht zusammengehört, unterschiedliche Milieus, Lebensformen, Konfessionen, sozialmoralische Standards, Funktionen, Intelligenzen, Berufe. Die Menschen in der urbanen Gesellschaft klammern sich an ihre alten Gemeinschaften, denn urbanes Leben bedeutet Nebeneinander von Menschen (in einer Straße), die nichts verbindet. Die urbane Ordnung macht aus dem prinzipiell bedrohlichen Fremden einen, der uns egal sein soll. „Ein urbaner Habitus ist ein Habitus des Wegschauens, also des Aushaltens von Differenz.“ (Nassehi)

Die anonyme Masse derer, die wegschauen und nichts miteinander zu tun haben, bekam eine neue Gemeinschafts-Identität – als Nation. Diese Gemeinschaft wurde mit den Zeitungen zu einer Nachrichten-Gemeinschaft, die Zeitungen schufen einen gemeinsamen Wissenskodex über die Gesellschaft, Zeitungen sind Medien der Synchronisation und ermöglichen die „Gesamtinklusion von Bevölkerungen“ zu einer gedachten Einheit. Nassehi: „Politisch, ästhetisch und kulturell ansprechbare Kollektive wären ohne die Zeitung nicht möglich gewesen.“ Das waren gebildete, lesende Kollektive. Radio und Fernsehen vollenden die Inklusion -  sie erreichen genauso die nicht-lesenden Bevölkerungsgruppen. 

Das Internet begann als ein Multimedia-Instrument, das die Kommunikation von Schriftzeichen wie von bewegten oder unbewegten Bildern ermöglicht. Seine Innovation liegt aber darin, dass digitale Nachrichten bidirektional fließen können. Es gibt nicht mehr professionelle Sender und laienhafte Empfänger, die Laien beginnen zu senden. Die Auswirkungen sind dramatisch: Während die schriftkulturelle Elite über die Berufsstände der professionellen Sender die Gesamtinklusion im Auge hatte und die Illusion verbreiten konnte, „Wahrheit“ zu verbreiten, selbst wenn hier und da die Eigeninteressen einer besonderen Bevölkerungsgruppe besonders integriert wurde, so scheint das Internet als ein Forum chaotischer Kommunikation, als Motor der Desintegration.  Hat die bürgerlich gebildete Schriftkultur in der Regel für eine gemeinsame Basis von gedanklichen Bildern und Begrifflichkeiten für das Verständnis der Welt und der Gesellschaft gesorgt, abweichende Sender wurden diskriminiert, so sind diese gemeinsamen Werte in der Kommunikation der sozialen Netzwerke nicht mehr durchsetzbar. Für die sozialen Netzwerke gibt es keinen Pressekodex und keinen Presserat, keine Chance, mit erhobenem Zeigefinger an einen gemeinsamen Konsens zu erinnern. Es gibt auch keine nationalen Grenzen mehr für die Kommunikation. Die Durchsetzung des Privatfernsehens in Deutschland war ein erstes Beispiel dafür, dass der Staat keine Chance hatte, zu entscheiden, wie die Bedingungen des Leitmediums Fernsehen innerhalb seiner Grenzen aussehen sollen. Das Netz ist natürlich global. So sehr auch noch die Sprache als wichtiger Teil der kulturellen Identität verstanden wird - in der Netz-Kommunikation bilden sich nicht nur eigene Sprach-Codes heraus, die globalisierte Netz-Kommunikation wird auch die Nationalsprachen zugunsten eines „globalesischen“ Englisch verdrängen. 

Umso hilfloser erscheinen die verzweifelten Versuche, an eine nationale Werte-Gemeinschaft oder Leitkultur zu appellieren. Die digitale Mediengesellschaft verweigert den Menschen die Illusionen ihrer analogen Weltbilder -  die lassen sich nur in  Echokammern  konservieren. Das Netz ermöglicht natürlich Sub-Kulturen, die sich im mental Kreise drehen und alles, was rechts und links daneben zu sehen wäre, verdammen und negieren, das Netz ermöglicht die nach außen abgedichtete Binnen-Kommunikation von Fundamentalismen jeder Art. Es werden regelrechte Nester gebaut, die gegen den rauhen Wind schützen sollen, der in der globalisierten Welt weht. Nur in solchen Nestern ist es noch kuschelig, da ist der Horizont begrenzt – scheint nah und klar erkennbar, nur da gibt es die Illusion der „Wahrheit“.

Religiöse Überzeugungen sind solche Wahrheits-Nester. Es hat bisher keine wirklich atheistische Gesellschaft gegeben. Offenbar ist religiöse Kommunikation wichtig. Wo die Bindungskraft tradierter Religions-Institutionen schwindet, entstehen neue religiöse Strömungen. Typisch für die religiöse oder pseudoreligiöse Kommunikation ist die Unbestimmtheit, die fehlende logische Kohärenz. Die Unbestimmtheiten des Weltbildes werden zur eigentlichen Botschaft in der von der religiösen Überzeugung zur Verfügung gestellten Begrifflichkeit. Das prominenteste Beispiel ist die rational unbewältigbare Gewissheit des eigenen Todes. Kern religiöser Welt-Bilder ist die ‘Lösung’ dieses Problems  durch Modelle der Reinkarnation oder des ewigen Lebens – eine klassische Vorstellungswelt analoger Metaphern, die sich offenbar durch kein Biologiebuch widerlegen lässt.

Gewerkschaftliche Gruppen waren für ein Jahrhundert ebenso Wahrheits-Nester, in denen sich die Teilnehmer ihres Weltbildes versicherten. Die digitale Kommunikationswelt macht in einem erheblich größeren Umfang die Komplexität der Gesellschaft transparent - und trägt so dazu bei, die überkommenen Metaphern  der sozialen Bindungen aus der analogen Zeit zu schwächen. Einen eher hilflosen Ersatz bieten die Wahrheits-Nester der digitalen Netz-Kommunikation.

    Lit.:
    Armin Nassehi, Die letzte Stunde der Wahrheit. Kritik der komplexitätsvergessenen Vernunft (kursbuch.edition, April 2017)

    siehe auch meine Texte:
    Digitale Realität - Über die Begrenztheit der menschlichen Wahrnehmungs-Sinne
       und die neue Dimension des Digitalen  MG-Link    
    Notizen zur Kulturgeschichte der Zahl  MG-Link 
    Denken mit Zahlen  MG-Link