Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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I
Medien-
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Wie wir wahrnehmen,
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Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
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Wirklichkeits-Konstruktion im  Jahrhundert des Auges

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Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne
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Imagined Community - die deutsche „Kultur-Nation”
als mentale Konstruktion und Religionsersatz

Über die „deutsche Kulturnation“, ihre Medien und Bismarcks erfolgreichen Sinn fürs Soziale

2019

Nationalgefühle werden imaginiert, dieser alte Gedanke hat mit dem Buchtitel „Imagined Communities“ neu Karriere gemacht. Benedict Anderson begreift Nationalismus da nicht als willkürliche Erfindung, auch nicht (wie etwa  Ernest Gellner) als „verkehrtes Bewusstsein“ einer tatsächlichen Zusammengehörigkeit, sondern als kulturelle „Konstruktion“ - wie andere kulturelle Deutungsmuster auch.  Das so konstruierte nationale Zusammengehörigkeitsgefühl ist ein echtes Gefühl – und so stark, dass selbst marxistisch-revolutionäre Regimes ihre Kriege nicht „marxistisch“, sondern nationalistisch rechtfertigten.

Benedict Anderson ist 1939 im chinesischen Kunming als Sohn eines britischen Kolonialoffiziers geboren, studierte die Entstehung von Nationen nicht am deutschen oder der britischen Nationalismus, sondern am Beispiel Indonesiens, Kambodschas oder Perus. Von seinem Vater kannte Anderson die Erfahrung, dass Europäer im Exil sich der Nationalbewegung „ihrer“ Heimat  besonders verbunden fühlen. Und die kolonialen Verwaltungsbeamten beschrieben sogar ihre Verwaltungsbezirke mit Hilfe einer Projektion europäischer Kategorien von „Nation“. 

 Die „imaginierte“ Gemeinschaft lebt von einem Überschuss an Vorstellungen. Diese Vorstellungen verbinden Gemeinschaften, die größer sind als die dörflichen mit ihren Face-to-face-Kontakten. Diese Vorstellungen erscheinen willkürlich im Vergleich zu alten Gemeinschaftsvorstellungen, imaginierte Gemeinschaften versuchen „das Bedürfnis nach einem Äquivalent für die vereinigende Macht der Religion" (Habermas) zu befriedigen. Wie die Religionen vereint die „nationale“ Gemeinschaft die intellektuell höheren Schichten mit den niederen. Das 18. Jahrhundert war die „Abenddämmerung religiöser Denkweisen" und zugleich „die Morgenröte des Zeitalters des Nationalismus“ (Anderson).

Ihre Verbreitung verdanken die Nationalgefühle im 18. Jahrhundert den neuen Massenmedien - Büchern und Zeitungen. Insofern entstehen sie als Projekt der Eliten. Sie erweisen sich als nützlich in der Abgrenzung vom „Anderen“, können über soziale Grenzen Bevölkerungsgruppen vereinen - etwa im Falle Perus die kreolische Oberschicht und die Indios gegen die spanischen Kolonialherren. Im Befreiungskampf überwindet die vorgestellte Gemeinschaft reale Ungleichheit und Ausbeutung.

Wie tief der Gedanke der „Nation“ als Gefühl der Verbundenheit verankert ist, zeigt sich in der Bereitschaft, für die Nation zu sterben. Kein karikativer oder gemeinnütziger Zweck rechtfertigt den Tod, niemand würde für „amnesty international“ freiwillig sterben.  Aber die imaginierte Nation vermag eine tiefe, selbstaufopfernde Liebe hervorzurufen.  Wie die Familie ist die „Nation“ ein Hort  selbstloser Liebe und Anhänglichkeit.  Die Hymne der Nation kann so banal und die Melodie mittelmäßig sein – im gemeinsamen Singen wird die Erfahrung der Gemeinsamkeit emotional überwältigend praktiziert und löst in dieser Funktion die liturgischen Gesänge ab.

Für das Selbstbewusstsein der südamerikanischen Unabhängigkeits-Bewegungen stellt Anderson die Bedeutung der neuen Druckmedien heraus: „Weder ökonomische Interessen, noch freiheitliches Gedankengut oder die Aufklärung konnten für sich allein diejenige Art oder Gestalt von vorgestellter Gemeinschaft hervorbringen, die gegenüber den Übergriffen der Mutterländer verteidigt werden sollte; mit anderen Worten: Keiner dieser Faktoren lieferte den Rahmen für ein neues Bewusstsein ... Bei der Bewältigung dieser besonderen Aufgabe spielten die kreolischen Funktionäre und Provinzdrucker die entscheidende Rolle in der Geschichte.“
Die frühe Gazetten enthielten Nachrichten aus dem Geschäftsleben, Ernennungen von Kolonialbeamten, Eheschließungen der Reichen, sie stellten damit ihren Lesern eine Gemeinschaft vor Augen, zu der Bräute und Bischöfe wie die Schiffe und die Preise gehörten. Aus der rein territorialen Verwaltungseinheit wurde durch die Zeitungen eine vorgestellte Gemeinschaft von Menschen.

Die „Erfindung” der Nation in Frankreich

Aus dem amerikanischen Unabhängigkeitskampf hatten die französischen Intellektuellen die Begriffe für eine neue Wirklichkeitsvorstellung aufgegriffen: Nationalstaat, republikanische Institutionen, Staatsbürgerschaft, Volkssouveränität, symbolisiert in Ritualen, Aufmärschen, Nationalflaggen und Hymnen. Die Französische Revolution von 1789 war auch ein Aufstand gegen den Anspruch der Herrschenden, die ihre Ordnung als gottgegeben proklamierten.  Mit der Französischen Revolution wurde das Volk, die „Nation“ als das souveräne Subjekt der Geschichte erfunden.

Was sich den Zeitgenossen als verblüffende Verkettung von Ereignissen darstellte, deren Vollstrecker oder Opfer sie waren, wurde im Nachhinein zu einem Begriff: „Französische Revolution“.  Jules Michelet ist als Historiker der Erfinder dieser Begriffswirklichkeit: Er habe, so schreibt er, die Männer von 1789 „für ein zweites Leben exhumiert. Sie leben jetzt mit uns, die wir uns als ihre Eltern und Freunde empfinden. Auf diese Weise entsteht eine Familie, eine Gemeinschaft zwischen den Lebenden und den Toten.“

Im 19. Jahrhunderts stand dann der Nationalstaat als Modell vor dem geistigen Auge der gebildeten Menschen. Während für die Dynastien bislang die Wahl der Verwaltungssprache etwas Pragmatisches hatte, suchten nun auch überlebte alte Dynastien den neuen Geist zur Festigung ihrer Herrschaft zu instrumentalisieren und die Gemeinschaft ihrer Untertanen als Sprach-Gemeinschaften zu definieren, so Anderson. Die gemeinsame Sprache wurde  zum Symbol der Gemeinschaft und diente der Integration nach innen und der Abgrenzung nach außen. Deswegen versuchten die französischen Revolutionäre, ihr Französisch gegen die Dialekte der Provinz durchzusetzen.  (Über die Sprachpolitik der Revolution siehe MG-Link)

Die imaginierte deutsche Nation

Schon in der frühen Neuzeit gab es in deutschen Dialekten formulierte Flugschriften, die an ein nationales Bewusstsein appellierten, insbesondere in Zeiten kriegerischer Auseinandersetzungen mit dem osmanischen Reich – etwa als 1529 die Türken vor Wien standen - und mit Frankreich. Martin Luther argumentierte, als er der römischen Kirche den Gehorsam aufkündigte, nicht nur theologisch, sondern immer auch „national“ - gegen die Italiener. Das kam bei den deutschen Fürsten und bei manchen der Humanisten gut an. Aber es gab keine Kontinuität des Denkens in Begriffen der Nation, selbst bei den Gebildeten nicht.

Im frühen 18. Jahrhundert gab es im deutschen Sprachraum keine Idee von „Nation“.  Die Hamburger Moralische Wochenschrift „Der Patriot“ (1724-26) hatte nichts mit Patriotismus im Sinne, sondern war ein Blatt, in dem Gelehrte die Volksbildung und die Verbesserung der Lebenssituation der unteren Bevölkerungsschichten diskutierten. Gotthold Ephraim Lessing etwa warnte 1758 vor einem Patriotismus, der die Verpflichtung zum Weltbürgertum vergesse. Der Patriot ist Weltbürger, er findet dort sein Vaterland, „wo er Menschenglück befördern und Menschenelend mindern kann“, definierte die „Deutsche Zeitung“ noch 1790.

Aus Carl Friedrich Moser 1765 seine Abhandlung „Von dem deutschen Nationalgeist“ schrieb, schien die Lage aussichtslos: „Der grosse Haufen des gemeinen deutschen Mannes“, so stellte er fest, hält „den Strich Erde, worauf er gebohrren und erzogen ist, vor sein wahres und alleiniges Vaterland“. Seine Idee, dass nur national gesonnene „wahre Patrioten“ an den Universitäten unterrichten sollten, verwarf er resigniert: „Wo sollte man sie aber für 25 Universitäten suchen?“ Das war aber, jedenfalls aus seiner Sicht, ein Problem des deutschen Flickenteppichs der Fürstentümer: Bei Briten, Schweizern, Niederländern und Schweden würden die nationalen Angelegenheiten sogar von Bauern erörtert würden. Deutschland solle sich am Vorbild der Nachbarstaaten  orientieren, so sein Appell. Seine Flugschrift „Von dem deutschen Nationalgeist“ begann mit dem programmatischen Satz: „Wir sind Ein Volk, von Einem Namen und Sprache, unter Einem gemeinsamen Oberhaupt." (Friedrich Karl von Moser, Von dem deutschen Nationalgeist, 1765)

Als gemeinsame Eigenschaften des deutschen Volkes benannte er die gemeinsame Sprache, den Namen, die Geschichte – und das Oberhaupt. Mosers Schrift war abgefasst im Auftrage des Habsburgischen Hofes, der sie auch korrigierte.  1764 hatte ein kaiserlicher Gesandter Moser gegen eine jährliche Pension von zunächst 1.500 Gulden als Informanten und Publizisten für den kaiserlichen Hof verpflichtet.  Mosers Schrift sollte dazu beitragen, die deutsche Nation nach dem Siebenjährigen Krieg unter ihrem kaiserlichen Oberhaupt Joseph II. zu einen. Der Kaiser bemühte sich besonders, protestantische Publizisten zu gewinnen. 

Es war eine Zeit großer Debatten über die „Nation“ unter den Gebildeten. Der Schweizer Arzt Johann Georg Zimmermann hatte 1758 das Buch „Vom Nationalstolz“ veröffentlicht. Ging es da noch um die Anteilnahme der Bürger an den Staatsangelegenheiten, so war er schon zwei Jahre später von der preußischen Kriegsführung so beeindruckt, dass er - wie Montesquieu - den Nationalstolz nun auch in Monarchien gerechtfertigt fand.

Der norddeutsche Schriftsteller und Philosoph Thomas Abbt begründete 1761 in seiner Schrift „Vom Tode für das Vaterland“ den deutschen Blut-und-Boden-Kult. Für Abbt war klar, dass die Nation eine „imaginierte“ Einheit sein müsse, in seinen Worten: eine Frage der „Einbildungskraft“ und der psychologischen Suggestion.  Die „Diener der Religion“ sollten den Tod fürs Vaterland predigen. Denn die Religionen, so  Abbt, „verbanden mit dem Tode des Kriegers unmittelbar alle die Belobigungen, welche die ganze Einbildungskraft anfüllten und … der Furcht lodernde Leidenschaften entgegen setzten.“ Abbt hielt den Menschen für formbar: Es gebe „gewisse Stempel“, so schrieb er, „die jeder Seele können aufgedrückt werden, wenn sie nur nicht ganz von Kot ist.“ Und er sah voraus, das die Liebe zum Vaterland ansteckend sein würde:  „Und wenn es einmal 12.000 gibt, die dieses Zeichen an sich tragen“, würden die anderen „gleiches Verlangen danach zeigen“.  Er sah „bei den nordischen Völkern“ eine besondere Tradition der Verherrlichung des Todes: Odin öffnet seinen Palast, „ich sehe halb nackende Mädchen heraus kommen, eine blaue Binde erhöhet die blendende Weisse ihres Busens“. Abbt folgert: „Man sieht wohl, was für eine Leidenschaft in diesen Religionen der Furcht vor dem Tod entgegen gesetzt werde.“

Wenn das Bürgertum die Debatte um die Nation mit der Sprache verband, hatte das eine klare Stoßrichtung gegen den Kosmopolitismus des Adels. Der Adel dachte nicht national, sein Horizont war der von Fürstentümern und Untertanen. Für Friedrich II. „den Großen“, der Preußen als aufgeklärter absolutistischer Monarch regiert, konnte jeder nach seiner Fasson selig werden, wenn er nur ein ordentlicher Untertan war. Diese Haltung wird in einer Randnotiz deutlich, die seine Bemerkung wiedergab zu der Frage, ob ein katholischer italienischer Kaufmann Mitglied der Kaufmannsgilde werden könne. Der junge König meint einigermaßen flapsig und provokativ, sogar Türken dürften Moscheen bauen, wenn sie denn kämen – was einigermaßen unrealistisch war: „Alle Religionen Seindt  gleich und guht wahn nur die leüte so sie profesiren Erliche leüte seindt, und wen Türken und Heiden kähmen und wolten das Land Pöpliren, so wollen wier sie Mosqueen und Kirchen bauen.“ Noch 1780 hatte der Preußenkönig in seiner Schrift „De la littérature allemande“ ein Loblied auf die französische Sprache gesungen, das war die Kultur des Adels und der Höfe. Literatur, Theater, Wissenschaft – das alles war für die höfische Tradition mit dem Französischen Verbunden. Die Verteidigung der deutschen Sprache war die Sache des Bürgertums und seines Selbstbewusstseins. Der Dachverband „Heiliges Römische Reich deutscher Nationen“ (bis 1806) war selbstverständlich mehrsprachig.

Im 18. Jahrhundert hatte man am Hof in St. Petersburg noch selbstverständlich Französisch gesprochen, der Provinzadel verständigte sich oft auf Deutsch und auch das leibeigene Volk hatte nur zu weniger als der Hälfte Russisch als Muttersprache. Erst unter dem Zaren Alexander III. (1881-1894) wurde die Russifizierung zur Politik der Dynastie. Die Revolution von 1905 sei war besonders heftig in nichtrussischen Regionen, wo polnische Arbeiter, lettische Bauern und georgische Bauern die Anführer waren.

Der offizielle Nationalismus der alten Dynastien entwickelte sich erst in Reaktion auf die nationalistischen Volksbewegungen, die nach der Französischen Revolution in Europa immer stärker wurden. Das Konzept der „Nation“ half offenbar, die umwälzende Transformation der Lebensbedingungen zu verarbeiten, die seit dem späten 18. Jahrhundert von Europa aus über die Welt ging. Sie schuf das Gefühl von vertrauensbildenden Zugehörigkeiten für Menschen, die unter fluktuierenden Bedingungen mit Fremden zusammenleben mussten und die nicht mehr schlicht dadurch, dass sie Untertanen einer Obrigkeit waren, zusammengehalten wurden.

Der bürgerliche Gemeinschaftssinn und die „Nation“ als neues Wir-Gefühl

Für die bäuerlichen Massen, die sich in ihren Dialekten verständigten, gab es nur den konkreten Lebensraum ihrer Landwirtschaft und die konkreten Wechsel der Jahreszeiten, nach deren Muster die Lebenszeiten verstanden wurden. Politische Gemeinschaften personifizierten sich in Herrscherhäusern, die – wie im Falle der Habsburger - verschiedenste Völkerschaften und verschiedene Landschaften durch kluge Heiratspolitik und Kriege unter ihr Zepter gebracht hatten. Die Habsburger waren eben auch Herren des italienischen Cattaro und der Wojwodschaft Serbien, die Romanows herrschten über Tartaren, Deutsche und Finnen. Die Hannoveraner regierten nicht nur über Engländer und Waliser, sondern auch über die Bewohner Bengalens und Quebecs. Für die einfachen Menschen hatten solche Herrschaftsbereiche keine Bedeutung. Für die existentiellen Lebensfragen war die dörfliche Gemeinschaft entscheidend – und für größere Zusammenhänge gab es die Religion und die kirchlichen Würdenträger, die die manchmal grausame Willkür des Wetters und der Seuchen wie die individuellen Schicksale von Krankheit, Schmerz, Alter und Tod erklären mussten.

Diese alte Welt zerfiel und verlor ihre Bindungs-Mechanismen. Imperien wie das Habsburger gaben das Latein als elitäre Amtssprache auf und entschieden sich für das Deutsche -  was allen nicht deutsch sprechenden Völkern als Willkür erscheinen muss.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war die Nationalbewegung in Deutschland nur die Sache einer kleinen Elite, es war ein „Intellektuellennationalismus“, formuliert  der Historiker Hans-Ulrich Wehler. Um 1800 rechnet er mit kaum eintausend Anhängern dieses neuen Gedankens, Professoren, Theologen, Schriftstellern, Studenten und Gymnasialschüler. Aber es gehörten wortgewaltige Männer dazu: der Theologe Friedrich Schleiermacher, Wilhelm von Humboldt, Friedrich Schiller, natürlich Johann Gottlieb Fichte, Ernst Moritz Arndt und der „Turnvater" Friedrich Jahn. Dazu kamen Reformer wie der Freiherr vom Stein und Schlüsselfiguren aus dem Umkreis des preußischen Ministers Karl August von Hardenberg, außerdem prominente Militärs wie die Generäle Clausewitz und Scharnhorst, Gneisenau und Boyen.

Dabei war es lange Zeit noch für viele selbstverständlich, auch von  Preußen, Bayern, Hessen als „meiner Nation" zu sprechen. In den „Freikorps" kämpften im 18. Jahrhundert noch gegnerische Überläufer, Deserteure und Straffällige, in den Freikorps gegen die napoleonische Besetzung überwogen nicht die nationalbegeisterte Studenten, sondern abenteuerlustige Handwerksgesellen und Bauernsöhne.

Dass ihr Angebot eines neuen „Wir-Gefühls“  breiten Erfolg hatte, lag daran, dass es angesichts der Verunsicherung der alten Weltbilder durch politische und ökonomische, soziale und kulturelle Modernisierungsprozesse einen neuen mentalen Rahmen zu bieten schien. Burschenschaften, Turnvereine, Männergesangsvereine griffen die Ideen auf und verbreiteten sie in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts im Sinne einer neuen Freiheits-Bewegung gegen die nach der Französischen Revolution restaurierten Obrigkeitsverhältnisse.

Im Engagement für die deutsche „National-Sprache", um ein deutsches „National-Theater" und eine deutsche „National-Literatur" und gegen Hegemonie der mit dem alten Adel identifizierten „französischen” Kultur entwickelte sich der neue Bürgergeist. Die Phantasie des liberalen deutschen Bildungsbürgertums orientierte sich an nationalen Großstaaten wie Frankreich, England und den USA und sie wurde angeregt und erregt durch den griechischen Unabhängigkeitskampf gegen das Osmanische Reich (1821 bis 1830) und den polnischen Aufstand gegen die russischen Territorial-Ansprüche im Jahre 1830. Vollends mobilisiert war das Bürgertum im Protest gegen den französischen Anspruch auf das linke Rheinufer in der Rheinkriese (1840) – der Rhein wurde im Selbstverständnis geradezu zum „deutschen“ Fluss, den Nikolas Beckers Rheinlied „Sie sollen ihn nicht haben, den freien deutschen Rhein" verewigte, Heinrich Hoffmann von Fallersleben dichtete 1841 das „Deutschland, Deutschland über alles“.

In den 1840er Jahren kam der Streit mit Dänemark um die Herzogtümer Schleswig und Holstein hinzu:  Holstein gehörte dem Deutschen Bund an, Schleswig aber war außerhalb geblieben.  Um die Eingliederung von Schleswig in das Deutsche Reich gab es 1848 den ersten „deutsch“-dänischen Krieg.

Die „deutsche Kulturnation“ und Bismarcks Sinn fürs Soziale

Während die französische Nation sich auf die Erzählung der revolutionären Erhebung beziehen konnte, fehlte dem Versuch, den Franzosen eine „deutsche“ Identität entgegenzustellen, ein solches Ereignis. Zudem konnte sich das Bildungsbürgertum diesseits des Rheins bei den Vorstellungen einer „deutschen Identität“ nicht auf eine politisch-staatliche Einheit beziehen, es blieben die Bezugspunkte der Kultur und der Sprache. Es war eine romantische Idee der Intellektuellen. Die „Nation“ war im „Vormärz“ damit weniger eine politische als eine „Kulturnation“, das ungebildete Volk musste sich seiner Zugehörigkeit noch bewusst werden. Erst mit den Barrikaden von 1848 verbreiteten sich die demokratischen Ideen in breitere bürgerliche Schichten hinein.

Otto von Bismarck, der Junker aus der Altmark, war in der Revolution 1848/9 noch ein Verächter des „Nationalitätsprinzips“ gewesen, er nutzte als preußischer Ministerpräsident und Reichskanzler diese bürgerlich-nationale Bewegung im Sinne der obrigkeitsstaatlichen Machtpolitik: Krieg gegen Dänemark 1864, Sieg bei Königgrätz 1866 gegen die Armeen Österreichs und Sachsens, deutsch-französischer Krieg 1870/71. Das national gesinnte Bürgertum identifizierte sich mit dem Sieger Preußen, die militärische Ausbildung  wurde national, Veteranenverbände feierten ihre Erfolge.

Mit der Reichsgründung 1871 „von oben“ wurde die „deutschen Identität" zu einer politischen Tatsache. „Nation“ war seitdem „nicht mehr ein kulturelles Projekt, sondern eine säbelrasselnde staatliche Wirklichkeit, die sich in gesellschaftsweiten Ritualen, in Denkmalkult und Kriegervereinen, in Kaiserverehrung und kolonialer Expansion äußerte." (Bernhard Giesen)  

Die Bismarcksche National-Politik hatte neben der entscheidenden militärischen Komponente durchaus kulturelle und soziale Elemente: Die deutsche Sprache wurde als Schul- und Geschäftssprache, als Kirchen- und Amtssprache verbindlich gemacht auch in den Regionen des geeinten Reiches, in denen die drei Millionen „preußischer“ Polen lebten, die französisch sprechenden Elsass-Lothringer um Metz oder die die dänisch sprechenden Nordschleswiger.

Bismarck verachtete die neu entstandene Massenpresse – und benutzte sie entsprechend nach der Devise: Wer nicht für ihn ist, wird gekauft; wer nicht käuflich ist, wird kujoniert. 1863 kam es mit der „Preßverordnung" zur Knebelung preußischer Zeitungen, 1869 wurde der Begriff „Reptilienfonds“ geprägt. Systematisch ließ Bismarck Geld aus schwarzen Kassen an Verleger und Schreiber fließen, um die aufblühende Presse zu beeinflussen. Ein Musterbeispiel ist Theodor Fontane, der das in einem Brief offen bekannt hat: „Ich habe mich heute der Reaction für 30 Silberlinge im Monat verkauft". 

Bismarck musste 25 Staaten und Kleinstaaten unter einen – seinen – Hut bringen, und er verfolgte alle kulturellen Strömungen, die die Einheit und Identität des Deutschen Reiches infrage stellen könnten: die nationale Minderheiten der Polen und Dänen wie die römischen Katholiken und die „vaterlandslosen“ Sozialdemokraten. Die Arbeiter wurden gleichzeitig über innovative soziale Versicherungen an das Reich gebunden.

Das Nationalgefühl hat etwas von Glaubens- und Heimatersatz, aber national engagierte Menschen haben ihre religiösen Glauben und ihre Verbundenheit zu einer heimatlichen Region zusätzlich erhalten. Der Prozess der Herausbildung von Nationalgefühl ist komplex, es geht dabei um staatliche Machtentfaltung, oft aber auch um Demokratisierung, wenn sich Menschen als gleichberechtigt zu verstehen lernen - unabhängig davon, welchen Dialekt sie sprechen. Unterschiedliche Volksgruppen mit ihrer jeweiligen Heimat formen sich zu einem „Wir“. Im idealen Falle gibt es eine soziologische Grundlage für dieses Wir-Gefühl: Ein gemeinsames Recht, die rechtliche Gleichheit der Bürger bei Wahlen, Steuern und sozialer Absicherung.

Dieser Aspekt der sozialen Absicherung wird sehr deutlich an der Art, wie der Deutsche Kanzler Otto von Bismarck seine machtpolitische Einigung der preußisch-deutschen Nation in den zwei Jahrzehnten nach 1871 sozialpolitisch untermauert hat. Es gab eben nicht nur das Gesetz gegen die „gemeingefährlichen Bestrebungen der Sozialdemokratie“ (1878), sondern zwei Jahre später ein Gesetz zur Unfallversicherung von Arbeitern, das die Reichsregierung damit begründete, der Staat müsse sich „in höherem Maße als bisher seiner hilfsbedürftigen Mitglieder annehmen“, nicht nur als „Pflicht der Humanität“, sondern um „in den besitzlosen Klassen der Bevölkerung… die Anschauung zu pflegen, dass der Staat nicht bloß eine notwendige, sondern auch eine wohltätige Einrichtung sei.“ Ziel sei es, dass sie den Staat  „nicht als eine lediglich zum Schutz der besser situierten Klassen der Gesellschaft erfundene, sondern als eine auch ihren Bedürfnissen und Interessen dienende Institution auffassen“.

1885 waren zehn Prozent Bevölkerung des Deutschen Reichs Mitglieder der gesetzlichen Krankenversicherung, gut vier Millionen. 1913 hatte diese Versicherung 14 Millionen Mitglieder. Da die Familienangehörigen mitversichert waren, schützte diese Versicherung mehr als die Hälfte der Bevölkerung gegen die existentielle Not infolge von Erkrankungen des „Ernährers“.  Das war die Zeit, in der arme Familien aus finanziellen Gründen nur schwer die Hilfe eines Arztes in Anspruch nahmen konnten, die Säuglingssterblichkeit war in armen Familien um ein zehnfaches höher als in reichen.  „Mein Gedanke war, die arbeitenden Klassen zu gewinnen, oder soll ich sagen zu bestechen, den Staat als soziale Einrichtung anzusehen, die ihretwegen besteht und für ihr Wohl sorgen möchte“, erklärte Otto von Bismarck im Rückblick seine Politik.

Unter Bismarck wurden drei Sozialgesetzesvorhaben verabschiedet: das „Gesetz betreffend die Krankenversicherung der Arbeiter" (1883), das Unfallversicherungsgesetz (1884) und das „Gesetz betr. die Invaliditäts- und Altersversicherung“ (1889). Auch der junge Kaiser Wilhelm II. war „arbeitnehmerfreundlich" und sprach sich für Arbeitsschutzmaßnahmen aus. Diese setzte er nach Bismarcks Entlassung 1890 durch. Dazu gehörte die Beschränkung der Kinderarbeit, die Verordnung der Sonntagsruhe und die Festlegung einer Maximalarbeitszeit von elf Stunden am Tag.

Manch gewerkschaftlich engagierter Arbeiter hat in der Selbstverwaltung in der Krankenversicherung eine neue Karriere als Verwaltungsangestellter fand.  Otto Braun etwa, gelernter Drucker und Anarchosyndikalist, brachte es über die Zwischenstation als Direktor der Königsberger Ortskrankenkasse (1899-1911) sogar zum preußischen Ministerpräsidenten (1920-1932).

Trotz der Niederlage des Wilhelminischen Deutschland im Ersten Weltkrieg hat die Imagination der „Nation“ sich auch in den breiten Schichten der einfache Arbeiterbevölkerung durchgesetzt.

1886 polemisierte Wilhelm Liebknecht im Reichstag noch gegen die „Nation“, für ihn war „das Nationalitätsprinzip ein Phantom erfunden von Schwindlern, um Narren an der Nase herumzuführen“.  Die nationale Zugehörigkeit sei etwas „Zufälliges“ erklärte er.
Im Juni 1919 bezeichnete der Sozialdemokrat Otto Wels auf dem Weimarer SPD-Parteitag, auf dem er zum Vorsitzenden gewählt wurde, den Nationalstolz als „etwas Großes und Gewaltiges“, für das sich die Sozialdemokratie öffnen müssten: „Wir Deutschen müssen lernen, deutsch zu fühlen…“ Allerdings fühlten „die Deutschen“ längst deutsch, da ging es mehr um einen Appell an die sozialdemokratischen Funktionäre, dieses Gefühl anzunehmen.

 

    Lit.:

    Benedict Anderson,  Imagined Communities: Reflections on the Origin and Spread of Nationalism (1983),
      dt: Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts  (1988)
    Wolfgang Burgdorf,  Nationales Erwachen der Deutschen nach 1756. Reichisches gegen territoriales
      Nationalbewußtsein - Imitation eines Schweizer Vorbildes oder Inszenierung des kaiserlichen Hofes? Erstpublikation
      in:  M. Bellabarba / R. Stauber (Hg.), Territoriale Identität und politische Kultur in der Frühen Neuzeit (1998)
    Bernhard Giesen, Die Intellektuellen und die Nation - Eine deutsche Achsenzeit (1993)
    Marcel Maus, La Nation (1920), dt. Die Nation oder Der Sinn fürs Soziale (2017)

    Klaus Wiegrefe u.a., Die Erfindung der Deutschen. Wie wir wurden, was wir sind (2007),
    darin u.a.:
    Hans-Ulrich Wehler, Gegen die Dynastien. Wie der Nationalgedanke in Deutschland zur politischen Kraft wurde Link