Klaus Wolschner                     Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Über die
Mediengeschichte der
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Die Zeitalter des Islam
und die Kraft des Glaubens

2018

Das „Mittelalter“, die Zeit vom 8. bis 13. Jahrhundert, erscheint als das große Zeitalter des Islam:
Militärisch beherrschten islamische Regimes große Teile des alten römischen Imperiums.
Städte wie Damaskus, Bagdad und dann die Städte von al-Andalus, Toledo und Cordoba, Sevilla und Granada
waren islamisch geprägt und die kulturellen Zentren der damaligen Welt.
Die Sprache der Gebildeten, die über Aristoteles nachdachten, war arabisch.

Wieviel hatte das mit der Religion der Araber zu tun, dem Islam?
Und: Warum wurden mit Renaissance und Aufklärung die Grundlagen der modernen Welt
nicht im islamischen Orient, sondern im christlichen Europa gelegt?

610 begannen die Visionen des Mannes -  nach eigenem Bekunden erschien ihm der Erzengel Gabriel - der als „der zu Preisende“ - arabisch „muhammad“, nach der gebräuchlichen englischen Umschrift „Mohammed" - in die Geschichte eingehen sollte: Die Ältesten seines Stammes glaubten ihm nicht, er musste Mekka verlassen. 622 kam er zurück, säuberte das Heiligtum von Mekka, die Kaaba, von den Göttern der verschiedenen Clans der Region, unterwarf die Stämme in der Umgebung. Als Mohamed im Jahre 632 starb, erstreckte sich der islamische Machtbereich auf die arabische Halbinsel.

Islamische ExpansionTrotz des blutigen machtpolitischen Streits um die „Nachfolge“ konnten arabische Verbände die Welt südlich des Mittelmeeres erobern: 638 kapitulierte Jerusalem. Die Weltstadt der griechischen Antike, Alexandria, fiel 642, nachdem die Muslime dem christlich-koptischen Patriarchen die freie Ausübung seines Glaubens zugesichert hatten. Im gleichen Jahr nahmen arabischen Truppen Persien ein, im Norden Armenien, im Osten wehrte sich Byzanz mit Mühe. 654 plünderten sie Rhodos, im Westen fiel Karthago 698 in arabische Hände und wurde zerstört. Im Jahre 711 setzten die gerade unterworfenen Berber als Hilfstruppen der Araber nach Spanien über. Die Eroberer schienen unaufhaltsam.


Die Legende der Karte transportiert die
Legende des islamischen Selbstverständnisses:
Es war eine  „arabische” Expansion,
nicht unbedingt immer eine „islamische”,
sagen Historiker


Nach dem Selbstverständnis des Islam zeigte sich darin die Macht der neuen Religion – Glauben kann Berge versetzen. Irritierend an diesem Selbstbild sind nur die inner-islamischen Kämpfe, die sofort nach dem Tod des Propheten einsetzen und mit Mord und Totschlag ausgefochten wurden.
Während die Jesus-Anhänger in den ersten drei Jahrhunderten des Christentums aufgrund ihrer Machtlosigkeit nur friedfertige Überzeugungsarbeit leisten konnten und einen Kult um gewaltlos leidenden Märtyrer entwickelten, ist der muslimische Märtyrer von Anfang an ein Krieger. Die arabischen Eroberer waren keineswegs Gesinnungstäter. Mohammed hatte mit seiner Polemik gegen die traditionelle Stammes-Solidarität (asabiyya) die Einheit unter einem Gott und seiner Führung beschworen, die alten Traditionen der Plünderungs- und Raubzüge blieben eine Grundkraft der arabischen Expansion.

Von der islamischen Erzählung unabhängige Historiker stellen fest: Weder in Damaskus noch in Spanien sind die arabischen Eroberer als fanatische Vertreter eines neuen Glaubens auftreten. Syrische Christen haben die Araber als eine Variante der innerchristlichen Strömungen verstanden, die die anthropomorphe Gottesvorstellung gegen (griechische) Idee eines abstrakten, in zwei Gestalten auftretenden Gottes verteidigten. Der syrisch-christliche  Patriarch berichtete Mitte des 7. Jahrhunderts, dass die Araber seine Kirche sogar unterstützten. Die „Apokalypse des Pseudo-Methodius“ im späten 7. Jahrhundert oder auch Johannes von Damaskus in einer aus dem Jahre 726 überlieferten Schrift berichten über schreckliche Machthaber und über diverse christliche „Häresien“ – aber nichts über eine neue Religion.

Die kriegerischen Stämme aus den Wüsten Arabiens haben eine hochzivilisierte Welt überrollt. Nach dem Mord an dem Kalifen Uthmān ibn Affān, der noch von Medina aus regierte, und Ali, dem Cousin und Schwiegersohn des Propheten, der im irakischen Kufa seine Anhänger sammelte, beanspruchte der mächtige Statthalter von Damaskus, Muāwiya, die Macht. Er unterwarf und zerstörte Mekka und regierte das arabische Imperium lieber von dem 1.300 Kilometer entfernten Damaskus aus. Die traditionsreiche byzantinische Basilika dort diente lange Jahrzehnte sowohl den Christen wie den neuen Herrschern aus Mekka als religiöse Kultstätte, erst im 8. Jahrhundert wurde sie zur „Umayyaden-Moschee“ umgebaut. Die Eroberer waren an Ausbreitung und Reichtum Interessiert und zeigten eine pragmatisch orientierte Toleranz gegenüber den Juden, Christen, Parsen und Buddhisten. Unter dem Dach des Hellenismus waren über Jahrhunderte die Kenntnisse der Geographie, Astronomie-Astrologie, der Naturwissenschaften und Philosophie gesammelt worden, verschiedene religiöse Traditionen durchmischten sich. Es gab einen regen Austausch von Gedanken und Erzählungen. Die Umayyaden übernahmen viel von der Lebensweise der Besiegten, ließen Paläste bauen mit prachtvollen Reliefs, Mosaiken, Malereien und Badeeinrichtungen. Dichtung und Musik, Erzählungen und Dispute gehörten zum höfischen Leben, nicht nur in Damaskus. Die Umayyaden unterhielten ihre Höfen nach persischem Vorbild – mit Bibliotheken und wissenschaftliche Akademien. In der Verwaltung, der medizinischen Versorgung und in den Bildungseinrichtungen waren die gebildeten Juden und Christen unersetzlich. Die Sprache der Kultur war Aramäisch (Syrisch) und Griechisch.

Im Rahmen der zahlreichen inner-arabischen Machtkämpfe hatte die Dynastie der Abbasiden nach rund einhundert Jahren die Macht von dem Familienklan der Umayyaden übernommen. Sie verlegten den Herrschaftssitz von Damaskus 750 Kilometer weiter nach Osten in das persische Bagdad, der „Stadt des Friedens“ (Madīnat as-Salām) - wenige Kilometer östlich von Seleukia-Ktesiphon, der alten Hauptstadt des Sanassidenreiches. Bagdad lag im Zentrum der alten persischen Kultur, fern ab von der arabischen Nomadenkultur, in der Mohammed gelebt und gepredigt hatte.

Voraussetzung für die die „Islamisierung“ der arabischen Herrschaft war, dass das Arabische, die heilige Sprache des Islam, zu einer Hochsprache weiterentwickelt wurde. Dem dienten die großen Übersetzungsprojekte und das „Haus der Weisheit“, in dem am Anfang vor allem Christen und Juden arbeiteten. „Islamisiert“ wurde Bagdad erst später. In Bagdad wurden die alten, Mohammed familiär verbundenen Abassiden-Kalife über Jahrzehnte an die Seite gedrängt von der persischen Krieger-Dynastie der Buyiden.

Im Unterschied zu den alten Metropolen des Römischen Reiches, die unter der Herrschaft des lateinischen Christentums einen kulturellen Niedergang erlebten, wurde das antike Erbe in Bagdad und vor allem in Spanien – al-Andalus – bewahrt und fortentwickelt. Die arabische Sprache wurde für mehrere Jahrhunderte zur Sprache der Kultur und Wissenschaft. Schrift und Wissen blieben aber als Herrschaftsinstrument von der Gnade des Hofes abhängig.

Die große Zeit von Bagdad, Toledo und Cordoba war also nicht die große Zeit des Islam – oft stimmt eher das Gegenteil: Fanatische Glaubens-Anhänger haben die kulturelle Entfaltung immer wieder kritisiert, gebremst oder zerstört. Im späten 10. Jahrhundert ließ der fanatische islamische Machthaber von Cordoba, al-Mansur, die große Bibliothek in Flammen aufgehen mit der Begründung, neben dem Koran seien alle anderen philosophischen und wissenschaftlichen Bücher unnütz - ausgenommen war allerdings die Medizin. In der Zeit, in der fanatischen Christen mit dem Segen des Papstes zu Kreuzzügen gegen die arabische Herrschaft aufbrachen, wurden islamische Fundamentalisten, Krieger-Stämme aus dem Gebiet der Berber, nach Spanien zu Hilfe gerufen  – und nutzten eine eifernde, intolerante und wissensfeindliche Interpretation des Islam zur Stabilisierung ihrer Macht.  Das war der Anfang vom Ende des Mythos von al-Andalus. Die Blüte der Kultur in Toledo im 13. Jahrhundert fand schon unter einem christlichen König statt.

Der Islam als System einer Religion ist - ähnlich wie das Christentum – weitab von dem kulturellen Umfeld seiner Ursprünge als Staatsdoktrin entstanden, als Rechtfertigungs-Kult politischer Macht. Den religiösen Rivalitäten und Spaltungen in der islamischen Bewegung lagen von Anfang an politische Machtansprüche zugrunde. Zwischen dem 9. und 11. Jahrhundert zerfiel die islamische Welt in kleine Territorial-Fürstentümer. Die Abbasiden-Kalifen in Bagdad hatten über Jahrzehnte nur noch als Symbolfiguren eine Bedeutung für die islamischen Welt, die politische Macht hatten Dynastien von ehemaligen Militärsklaven oder Warlords wie die persischen Buyyiden oder die Oghusen-Dynastie der Seldschuken. Als das asiatische Reitervolk der Mongolen im Jahre 1258 Bagdad zerstörte, wurde der letzte Abbasiden-Kalif massakriert. Das arabische Zeitalter des Islam schien damit endgültig zu Ende gegangen. Aber die nomadische Kultur der Mongolen war der ihrer unterworfenen Völker nicht gewachsen - die mongolischen Herrscher übernahmen die Kultur der Unterworfenen sowohl im Hinblick auf den Islam wie auf die persischen Sprache. Der monotheistische Islam bot sich offenbar tribalen Eroberern als Erzählung einer zentralistischen Herrschaft an. Als der Mongolenherrscher, Ilchan Tegüder zum Islam übertrat, provozierte das noch den Widerstand der mongolischen Oberschicht, Tegüder wurde 1284 gestürzt.

Auch andere Stämme waren aus Asien neue Stämme in den arabischen Herrschaftsbereich eingedrungen, die den Islam als intellektuelles Rüstzeug zur Etablierung von neuen Machtzentren übernahmen: Aus der Dynamik des Turk-Stammes der Oghusen und seiner Herrscherdynastie der Osmanen entwickelte sich das osmanische Reich, das nach der  Eroberung des christlichen Byzanz-Konstantinopel über mehrere Jahrhunderte zur dominierenden Macht in Eusasien und in der islamischen Welt wurde.
Die Frage, warum die Grundlagen der modernen Welt nicht im islamischen Orient entstanden, richtet sich also weniger an den Islam als vielmehr an das Osmanische Reich. Im Osmanischen Reich hat es über Jahrhunderte keinerlei entsprechende Dynamik gegeben und Impulse aus dem (lateinischen) Europa wurden wenn überhaupt dann zögerlich und verspätet aufgenommen – oft gegen den Widerstand der islamischen Gelehrten.

Im lateinisch-christlichen Teil Europas hat mit Renaissance und Aufklärung eine Entwicklung der Kultur begonnen, die die alte schriftgläubige christliche Herrschaft über das geistige Leben aufweichen und schließlich abschütteln konnte. Eine entsprechende Dynamik hat es im islamisch-arabischen Herrschaftsbereich zwischen Bagdad und Toledo nie gegeben. Bis heute wird im islamischen Machtbereich der Koran in einer archaischen Weise als „Offenbarung” eines Engels und sakrosanktes „Wort Gottes“ behandelt und jeder Versuch, den Text als große Erzählung zu analysieren, unterbunden.

So wie das Christentum die Religion war, die die Begleitmelodie zum Untergang der antiken Kultur im westlichen Teil des römischen Reiches sang, so war auch die Glaubenstradition des Islam selbst eher Wissens-feindlich. Phasen der Offenheit gab es vor allem als arabische oder persische Hof-Kultur. Unter Berufung auf al Ghazali, den großen persischen Theologen des Islam, der im Jahre 1111 gestorben ist, wurde eine innovative Bildungs-Kultur genauso bekämpft wie unter Berufung auf den heiligen Bernhard von Clairveaux, gestorben 1153.
Gemeinsam ist dieser Theologie, dass der Wahrheitsanspruch auf die jeweilige überlieferte Offenbarung bezogen wird und die Philosophie nur duldet, solange sie dienlich ist.

 

Zum Thema „Zeitalter des Islam” gibt es auf  www.Medien-Gesellschaft.de  folgende Texte:

    Notizen zur Geschichte islamischer Staatsmacht - Bagdad, Konstantinopel – islamische Herrschaft im Orient
                 in Zeiten des „christlichen Mittelalters“  M-G-Link
    Warum nicht der arabische Islam, warum das lateinische Europa??   M-G-Link
    Warum Europa? Über die Bedeutung der Kommunikation für den Übergang von der agrarischen zur industriellen Kultur M-G-Link

    Der Zerfall der Antiken Kultur oder: Wie Europa christlich wurde M-G-Link
    Mohammed und der islamische Schriftkult – zur Geschichte des Korans M-G-Link
    Al-Andalus - Blütezeit der arabisch-islamischen Kultur M-G-Link

    Orale Götterkultur: Klangrede und leichte Trance  M-G-Link
    Über die Geschichte der Medien in den nicht-europäischen Kulturregionen   M-G-Link
    „Je suis Charlie“ oder: Papst Franziskus zeigt Verständnis  M-G-Link