Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Sprachpolitik
der Französischen Revolution

        2018

Nation. Große abstrakte Worte sind die Institutionen der symbolischen Welt, sprachliche Brückenköpfe in das Unvorstellbare, Kreationen des Wirklichkeits-Bewusstseins.  Das lateinische Wort „natio“ war für die Römer ein Abgrenzungsbegriff für fremde Völker. Der christliche Kirchenvater Tertullian nannte im Jahre 197 in diesem Sinne seine Verteidigungsschrift für die christliche Religion „Ad Nationes“ - an die Heiden.

An der mittelalterlichen Universität mussten sich die Studenten nach ihren Herkunftsländern in „nationes“ einschreiben. Zu den nationes anglicorum  zählten auch die Deutschen und ihre nördlichen und östlichen Nachbarvölker.

Im frühen 18. Jahrhundert gab es keine Idee von „Nation“.  Die Hamburger Moralische Wochenschrift „Der Patriot“ (1724-26) hatte nichts mit Patriotismus im Sinne, sondern war ein Blatt, in dem Gelehrte die Volksbildung und die Verbesserung der Lebenssituation der unteren Bevölkerungsschichten diskutierten. Der Patriot ist Weltbürger, er findet dort sein Vaterland, „wo er Menschenglück befördern und Menschenelend mindern kann“, definierte die „Deutsche Zeitung“ 1790. Carl Friedrich Moser beklagt 1766 in seiner Abhandlung „Von dem deutschen Nationalgeist“, dass der „grosse Haufen des gemeinen deutschen Mannes … den Strich Erde, worauf er gebohrren und erzogen ist, vor sein wahres und alleiniges Vaterland hält“.

Bis zum Ende des 18. Jahrhunderts war der „Patriotismus“ in seinem Engagement für Freiheit und Toleranz kosmopolitisch. Dass das deutschsprachige Volk als „Nation“ begriffen werden könne, ist vor allem eine Reaktion auf die französische Revolution und insbesondere auf die Eroberungskriege, in deren Abwehr die teutschen Herrscher ein Nationalgefühl ihrer Völker mobilisieren wollten.  Es gehe darum, „unser liebes Vaterland, unsere Religion, Sitten und Freyheit zu vertheidigen“, schreibt  „Der Bote aus Thüringen“ 1793.  Dieses Nationalgefühl war aber immer noch in erster Linie die Sache der Gebildeten, die Bauern wollten nicht so recht in den Krieg ziehen. Der „Nieder-Elbische Merkur“ kritisierte 1815 das fehlende Engagement des „gemeinen Mannes“ im „vaterländischen Kampf“ gegen Frankreich: „Warum stellen nur die Gebildeten sich freywillig, und die Bauern u.s.w. lassen sich nur treiben?“ Sie Bauern hätten „die Würde und die Ehre, teutsch zu seyn, nie gehört noch gefühlt haben.“

Erst mit der Gründungsurkunde der französischen Revolution: Quest-ce que le tiers etat?“ wird „nation“ im modernen Sinn definiert: „Le tiers état est une nation complète.“ (Abbey Sieyes) Der Dritte Stand ist die Nation.
Und zwar als politische Einheit: „Qu'est-ce qu'une nation? Un corps d'associes vivant sous une loi commune et representes par la meme legislature.”  (Was ist eine Nation? Ein Körper vereinter Menschen, die unter einem gemeinsamen Gesetz leben und von demselben Gesetzgeber repräsentiert werden.) Und als neuer Souverän ist die Nation die Quelle des nicht hinterfragbaren Rechts: „La nation existe avant tout, eile est l'origine de tout. Sa volonte est toujours legale, eile est la loi elle-meme.“  (Die Nation existiert vor allem, sie ist der Ursprung von allem. Ihr Wille ist immer legal, sie ist das Gesetz selbst.) Die Rede vonnation“ entmachtet den König und das göttliche Naturrecht: „Avant d'elle et au-dessus d'elle il n'y a que le droit naturel.“ (Vor ihr und über ihr gibt es nur das natürliche Recht.)
Der französische König wollte die ihm von Gott gegebene Macht nicht an die „Nation“ abgeben, er wird abgesetzt.

Das war Paris. Aber die Mehrheit der Franzosen sprach nicht französisch und dachte nicht in den Kategorien der Revolutionäre. Die gut ausgebildeten, aufgeklärten Pariser Revolutionäre stellten schnell fest: Die bäuerliche Bevölkerung spricht ihre Mundarten. Die Mehrheit des Volkes sprach baskisch, flämisch, deutsche, bretonisch, italienisch, katalanisch oder okzitanisch. An den überkommenen alten Mundarten Frankreichs kleben die alten Denkweisen.
Der neue revolutionäre Souverän, das Volk, kann seine Macht nur revolutionär ausüben, wenn er französisch spricht. Also propagierten die Jakobiner die Vereinheitlichung der Sprache: „Pour fondre tous les citoyens dans la masse nationale, il faut identité de langage“, forderte der revolutionäre Priester Henri Jean-Baptiste Gregoire 1794: Um alle Bürger in die National-Masse zu verschmelzen, braucht man die Gleichheit der Sprache. Erst wenn alle gleich sprechen, könne man erreichen, dass alle gleich denken. Das Französische war die Sprache der Revolution, der Vernunft und der Freiheit – und der Nation.

Das Bretonische dagegen war die Sprache des Aberglaubens, das Deutsche die Sprache des Anti-Republikanismus, das Baskische die Sprache der alten Religion, das wirft der „Propagandaminister" Barère 1794 diesem Regional-Dialekt vor: „Le fédéralisme et la superstition parlent bas-breton; l'émigration et la haine de la République parlent allemand; la contre-révolution parle l'italien, et le fanatisme parle le basque.“ Die Revolution bekam mit der jakobinischen Politik einen Absolutheitsanspruch, der an den missionarischen Eifer monotheistischer Religionen erinnert. Falsches Denken sollte eliminiert werden – „le préjuge“, das Vorurteil wurde zum Begriff zur Bezeichnung des falschen Denkens in revolutionsfeindlichen Sprachen.

Abbé Gregoire, der Hauptakteur einer revolutionären Sprachpolitik, kam in seinem Bericht über die Notwendigkeit und Mittel zur Vernichtung der Mundarten („Rapport sur la necessite et les moyens d'aneantir les patois et d'universaliser l'usage de la langue francaise“ (1794) nur drei Millionen französisch sprechende Franzosen – offenbar zählten die Frauen nicht.
Man hatte es zunächst mit Übersetzungen versucht – und festgestellt: Die Botschaft der Revolution lässt sich nur in der Sprache der Pariser Revolutionäre vermitteln. Der französische Aufklärer Étienne Bonnot de Condillac hatte schon 1746 in seinem „Essai sur l'origine des connaissances humaines“ John Lockes Überlegungen zur Sprache weitergedacht, zehn Jahre vor der Revolution war sein Buch La Logique ou l’art de penser“ erschienen. Dank Condillac war allen aufgeklärten Franzosen klar, wie eng Sprache und Denken miteinander verbunden sind. Jede Sprache hat ihr eigenes „genie“, eine bestimmte Art, zu denken und zu fühlen („maniere de voir et de sentir“), erklärte er. Sprachen sind nicht gott-gegeben, sondern menschen-gemachte kognitive Instrumente.

Die Revolution musste also ihr neues kognitives Instrument in die Köpfe der Menschen einpflanzen. Nicht nur die überlieferten Regional-Grenzen wurden abgeschafft, um die rückständigen Bauern von ihren Bindungen zu befreien und das Land in neue Verwaltungseinheiten – departements – einteilen zu können. Die alten körperbezogenen Maße und Gewichte wurden abgeschafft und durch dezimale Einheiten ersetzt. Der christliche Kalender transportierte altes Denken mit seiner Mischung von römischen, hebräischen und christlichen Namen – der neue revolutionäre Kalender ordnete die Zeit neu und verwendete Namen der natürlichen Ordnung, also des Wetters für die Monate – oder das Dezimalsystem. Die neue Zeitrechnung begann mit dem Sturm auf die Bastille, der 14. Juli 1789 wurde festgesetzt als Beginn  des Jahres „1 der Freiheit“. Überhaupt erschien das Dezimalsystem vernünftiger als überkommene Ordnungssysteme – anstelle der Wochen wurde der Monat in zehn Tages-Einheiten eingeteilt.

Verschiedene Ideen wurden diskutiert, um die neue Sprache und das neue Denken zu verbreiten, darunter die Entsendung von Lehrern in die nicht-französischen Provinzen, um den Kindern das Revolutions-Französisch beizubringen. Es wurde erwogen, die Elsässer ins Landesinnere umzusiedeln oder etwa eine französische Sprachprüfung für Heiratswillige einzuführen. Die Sprachpolitik wird zum Instrument der Macht. „Pour faciliter le Jeu de la machine nationale, il faut identité de langage“, erklärte  Gregoire: Zur Erleichterung der nationalen Maschine bedarf es der Identität der Sprache.

„Das préjugé ist jene Dunkelheit des Denkens, die die Aufklärung mit ihrem hellen Licht vertreiben möchte. Die Guillotine ist das letzte Mittel, falsches, dunkles, wildes Denken in den Köpfen zu beseitigen. Wenn nichts mehr hilft, dann schneidet eben die Guillotine die Dunkelheit und Wildheit des Denkens ab. Sie ist also auch eine Maschine zur Herstellung von Aufklärung: les lumières.“ (Jürgen Trabant)

Liberal.

Der politische Abgrenzungsbegriff „liberal“ ist ebenfalls ein Kind der Französischen Revolution. Das lateinische Wort „liber“, frei, hatte noch den aristokratischen Beiklang: Ein freier Mann war, wer nicht arbeiten musste. Die freien Künste werden „frei“ genannt, erläuterte Seneca (gest. im Jahre 65), „quia homine libero digna sunt“  (weil sie eines freien Menschen würdig sind). Das französische Wort „libéral“ benannte Freigiebigkeit. 

Erst unter Napoleon Bonaparte wurde das Schlagwort von den „idées libérales“  1799 zum zentralen politischen Begriff, Napoleon wollte damit die Abgrenzung von restaurativen Kräften einerseits und jakobinisch-revolutionären Ideen andererseits markieren.

Zum allgemeinen politischen Richtungsbegriff wurde „liberal“ 20 Jahre später  - nach Napoleons Scheitern. Bereits 1816 konnte Johann Christoph von Aretin in einem Aufsatz den Begriff für den deutschen Sprachraum einführen und definierte ihn so: „Ein politischer Grundsatz ist liberal, wenn er die freie Entwicklung der Geisteskräfte begünstigt, die öffentliche Freiheit sichert, die Rechte des Bürgers gegen gesetzwidrige Willkür in Schutz nimmt, das allgemeine Beste befördert, den edlen  patriotischen Gesinnungen hold, den Ausbrüchen der Ehrfurcht, der Habgier und der Nullität abgünstig ist, mit einem Wort, wenn er den Wünschen nicht des Höflings, des Schmeichlers und des Sklaven, sondern des Staats-Bürgers, des unabhängigen und thätigen Mitglieds der großen  politischen Familie entspricht." (Aretin, Was heißt Liberal?)

    Lit: u.a.
    Jürgen Trabant,
    Sprache und Revolution (2003)  online: http://www.linguistik-online.org/13_01/trabant.html
    Jürgen Trabant, Der Gallische Herkules. Studien über Sprache und Politik in Frankreich und Deutschland (2002)
     

    zur Macht der Sprache siehe auch die Texte auf dieser Medien-Gesellschafts-Seite

    De vulgari eloquentia - Dante und die Volkssprache  M-G-Link
    Luther - eine neue Schrift-Sprache entsteht    M-G-Link
    Machiavelli und die neue Sprache für ein neues politisches Denken  M-G-Link
    Giambattista Vicos Sprachphilosophie (1729)  M-G-Link
    Aufklärungs-Polizey gegen den Aberglauben und für das Glück des Staates   M-G-Link
    Neue Erlebnis-Kultur, neue Ordnung des Wissens   M-G-Link

    Über die alltägliche Kommunikations-Macht der Sprechakte   M-G-Link
    Die Wort-Sprache als ein Instrument der Wahrnehmung   M-G-Link
    Phonetische Schrift und griechisches Denken   M-G-Link