Klaus Wolschner               Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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zu den Abschnitten

I
Medien-
Geschichte

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

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Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion im  Jahrhundert des Auges

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Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne
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Die Verwandlung der Welt im 19. Jahrhundert:

Kongo-Gräuel am medialen Pranger

2019

Die Jahre zwischen 1880 und 1910 sind eine Zeit des Umbruchs in der Mediengeschichte – Massenmedien haben breite Kreise der Bevölkerung erreicht. Es gibt einzelne „Affären“ wie die um den jüdischen Offizier Dreyfus, die im politischen Rahmen der alten Zeit ihren Anfang nahmen und in der neuen Zeit zu regelrechten „Pressekriegen“ führten und in denen das Gewicht der neuen Medien am Ende deutlich wurde. Weniger bekannt ist der Kongo-Propagandakrieg, er dauerte von 1884-1912 und betraf wesentliche Machtkonflikte in einer zentralen Phase des europäischen Imperialismus.

Zur Vorgeschichte: Der belgische nationale Gesetzgeber hatte sich gegen Kolonialunternehmen ausgesprochen, so hatte König Leopold eine Kolonie im Kongo „privat“ für sich gekauft – mit Geld, das die belgische Regierung ihm lieh. Der Kongo-Freistaat umfasste fast 2,6 Millionen Quadratkilometer. Seine private „Internationale Afrika-Gesellschaft“ (IAA) war als internationale wissenschaftliche und philanthropische Vereinigung getarnt und hatte 1876 hochrangige internationale Gäste nach Brüssel eingeladen, wo Leopold Unterstützer für seine angeblich altruistischen und humanitären Projekte im Bereich von Zentralafrika sammelte. Es war die Zeit, in der auch andere europäische Länder versuchten, Einfluss in Afrika zu nehmen.

Frankreich besetzte 1881 das osmanische Tunesien und nahm 1884 eine Kolonie am Golf von Guinea in Besitz. Im Jahr 1882 besetzten Großbritannien das Khedivat Ägypten, den Sudan und Teile von Somalia. Im Jahr 1870 und 1882 nahm das Königreich Italien Besitz von Teilen von Eritrea, das Deutschen Reich erklärte 1884 Togo, Deutsch  Kamerun und  Südwestafrika zu seinem Kolonialbesitz. Auf der Berliner Konferenz 1884/5 erkannten die europäischen Mächte ihre Besitzungen gegenseitig an und zeichneten mit langen graden Strichen Grenzen quer einen ihnen weitgehend unbekannten Kontinent. 

Offizielle formulierte König Leopold die Ziele der „IAA“ so: Es gehe darum, den Sklavenhandel in Äquatorialafrika zu unterdrücken, die einheimischen Stämme zu vereinigen und den Eingeborenen ein christliches Verständnis von Moral und Sünde zu bringen. Und natürlich die Wirtschaft der Region zu fördern.

Leopold sicherte England die Unterstützung der Kampagne gegen den portugiesischen Sklavenhandel zu und versprach Otto von Bismarck, deutsche Händler würden sehr willkommen sein. Leopold versprach Frankreich, deren Ansprüche  auf das Gebiet nördlich des Kongo-Flusses zu respektieren. Die USA haben dann als erste Nation Leopolds privaten Freistaat anerkannt – ausgerechnet auf Drängen von Senatoren aus den Südstaaten, die den Bürgerkrieg (1861-1865) verloren hatten und nun die Idee hatten, nach dem Ende der Sklaverei sämtliche Schwarzen nach Afrika zurückzusiedeln.

Jede öffentliche Diskussion um die belgische Kongo-Kolonie bewegte sich so in einem komplizierten Geflecht nationaler Interessen. Das Ausmaß dieses Massenmordes hat der amerikanische Autor Adam Hochschild in seinem Buch „Schatten über dem Kongo“ im Jahre 1998 veröffentlicht: Während Belgiens König reich wurde, starben mehrere Millionen Menschen in einem Zeitraum von knapp zwanzig Jahren.

1890 - ein Skandal fast ohne Medienresonanz

Nach der Berliner Konferenz lud der Leopold Missionare ein, in den Kongo zu gehen. Einer derer, die das Abenteuer lockte, war William Henry Sheppard, der Sohn eines ehemaligen Sklaven aus Virginia. 1890 kam Sheppard als 25-Jähriger in Matadi an, wo Leopolds Offiziere mit dem Bau einer Eisenbahn begonnen hatten. Und sah Szenen, die in „seinem“ Virginia der Geschichte angehörten: Schwarze Arbeiter wurden öffentlich ausgepeitscht, in den Straßen lagen Leichen von Afrikanern, die durch Erschöpfung, Hunger, Krankheit oder die Peitsche zu Tode gekommen waren.

Warum das? Im Jahre 1888 war der Gummireifen erfunden worden. Nicht mehr die (extensive) Elefantenjagd und das Elfenbein machten den Reichtum des Kongo aus, sondern die intensive Ausbeutung der Kautschuk-Bäume. Leopolds Gesellschaft hatte eine „Force Publique“ gegründet, eine private Polizei, um die ihm über Nacht in den Schoß gefallene Rohstoffreservoire auszubeuten. Sheppard hatte einen Ruf als Großwildjäger, er selbst zählte in den ersten Monaten seines Aufenthalts 36 erlegte Nilpferde, von missionierten „Negern“ berichtete er nichts, er versorgte ganze Dörfer mit Fleisch. Als schwarzer Mann mit dem weißen Anzug und dem Tropenhelm der Kolonialherren, der sich sogar in der Sprache der einheimischen Kuba unterhalten konnte, gewann er Vertrauen bei den Afrikanern. Sheppard interessierte sich für den Lebensalltag der Menschen, für ihr Handwerk und ihre Kunst, er berichtete von drakonischen Gesetzen und gelegentlichen Hexenprozessen. Seine Reiseberichte fanden in Amerika großes Interesse, erklärte er doch beinahe unverblümt, die Wiege der Zivilisation liege in Afrika. Ganz privat kaufte er gleichzeitig Dutzende von Sklaven frei. Erst langsam wurde ihm klar, in welchem Land er seinen Forscherruhm begründet hatte. 

Zur gleichen der polnisch-englische Schriftsteller Joseph Conrad 1890 in Matadi angekommen und hatte in seinem Tagebuch den Leichengeruch, die Bestialität der Offiziere, die von Pfählen baumelnden Skelette genauestens notiert. Davon erfuhr die Öffentlichkeit erst 1899 in seinem Roman „Herz der Finsternis“, der in London erschien und wenig Aufmerksamkeit erregte.

Der schwarze US-amerikalische Colonel George Washington Williams bereiste 1890 den Kongo, befragte Zwangsarbeiter, Prostituierte, Flüchtlinge. Noch aus dem Kongo schrieb einen Offenen Brief - an König Leopold in dem Glauben, dass der belgische König nicht wissen könne, was seine Freistaat-Verwaltung dort trieb. Titel: „Ein offener Brief an Seine Majestät Serene Leopold II, König der Belgier und Herrscher des unabhängigen Staates Kongo über das Leiden der Region in den Händen von Leopold Agenten“. 1891 berichtete die „New York Times“ auf ihrer ersten Seite über die Vorwürfe des schwarzen Colonels. Leopold seinerseits bezahlte Zeitungsredakteure, um den Vorwürfen entgegenzutreten, er gab Interviews über seine Träume und Hoffnungen für den Kongo und seine Zukunft.

Wenige Jahre, 1896, später gab es in der schwedischen Presse einen ausführlichen Artikel auf der Gummiindustrie im Kongo. Der Baptisten-Missionar E.V. Sjöblom hatte von der Brutalität der Force Publique berichtet. Kongolesische Staatsbeamte konterten mit Zeitungsartikeln, Briefen und Kommentaren in der belgischen und britischen Presse - der Missionar Sjöblom sprach nie wieder.

Im September 1899 berichteten Flüchtlinge von anhaltenden Massakern in den Dörfern der Kuba, die weder Kautschuk ernten noch Steuern zahlen wollten,  verübt von der „Force Publique“. Die „Force Publique“ bestand aus Milizen der Volksgruppe der Zappo-Zaps, die lange als Söldner für arabische Sklavenhändler gearbeitet hatte. Nun brannten sie für den belgischen König Dörfern nieder, töteten das Vieh, nahmen Frauen und Kinder als Geiseln, um die Männer zu zwingen, in den Wäldern Kautschuk zu zapfen.

Eine neue mediale Öffentlichkeit – dank Foto-Dokumentation und Menschenrechtskampagne

Der schwarze Amerikaner Sheppard bekam 1899 den Auftrag, in eines der Zentren zu reisen, in denen die „Force Publique wütete. Die schwarzen Söldner zeigten ihm stolz die abgebrannten Dörfer und aufgespießten Leichen. Sheppard notierte die Zahl der abgehackten Köpfe, gar gekochtes Menschenfleisch, 81 abgeschlagene Hände, die zwecks Konservierung über dem offenen Feuer geräuchert wurden, 60 noch lebende und immer wieder vergewaltigte Frauen in einem Viehgehege. Sheppard verfügte bei diesem Besuch über ein neues Medium, das seine Berichte diesmal zur unwiderlegbaren Sensation machten: Er hatte im eine Kleinkamera mitgenommen. Die Auftraggebern, die Presbyterianer, ließen Sheppard fallen, und die „Compagnie du Kasai“ verklagte ihn noch zehn Jahre wegen eines Artikels, in dem er detailliert die Zerstörung des Kuba-Volkes durch die Kautschukfirmen geschildert hatte. Der Jurist und Sozialistenführer Émile Vandervelde verteidigte ihn als Anwalt. Der Prozess fand 1909 in einer Baracke in Léopoldville statt und dank der internationalen Öffentlichkeit gewann der Menschenrechtsaktivist gegen das multinationale Unternehmen.

Sheppards Fotos schon Jahre vorher waren in der Londoner Times erschienen. Seine Texte las auch der junge englische Angestellte Edmund Dene Morel. Dieser kleine Angestellte konnte die erste moderne Menschenrechtskampagne lostreten - mithilfe der Medien. Er hat den Boden des Kongo nie betreten – aber er hat die Listen der Schiffsladungen kontrolliert, die angeblich Handelsgüter in den Kongo schifften, in Wahrheit waren auf den Schiffen aber nur Gewehre, Ketten, Sprengkörper und Sprengstoffe. Wenn diese „Handelsschiffe“ zurückkamen, hatten sie das Gummi und Elfenbein geladen.

Morel schrieb dutzende von Zeitungsartikeln, ja er  gründete sogar eine eigene Zeitung, in der er seine Anschuldigungen öffentlich machte. Er hielt Ansprachen und Vorlesungen 

Der Historiker Blohm spricht von Medienkrieg: „Edmund Morel hatte seinen außergewöhnlichen Erfolg als Menschenrechtsaktivist hauptsächlich seinem großen Geschick im Umgang mit den Zeitungen zu verdanken. Mehr Menschen als je zuvor konnten Zeitungen lesen und regelmäßig kaufen. In den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts hatten neue Techniken die Reproduktion von Photos, den Satz und den Druck von Zeitungen revolutioniert. Blutige Verbrechen fanden immer Abnehmer auf dem boomenden Nachrichtenmarkt, besonders wenn sie von einem anderen Land begangen wurden.“ (Blohm)

Morel reiste 1904 bis in die Vereinigten Staaten, wo er in den Medien viel Erfolg hatte, die öffentliche Unterstützung von Mark Twain bekam und dann sogar von Präsident Roosevelt empfangen wurde.

König Leopold versuchte, seinen Widersacher mit Hilfe der neuen Medien zu besiegen. Er bestellte Gegenberichte und bezahlte  Schreiberlinge, er bezahlte Lobbyisten und bestach Zeitungsherausgeber. Die Schriftstellerin Mary French Sheldon zum Beispiel schrieb nach einer bezahlten Kongo-Reise in der Times: „Auf den Londoner Straßen habe ich mehr Greuel miterlebt, als ich je im Kongo sah.“

Einer von Leopold angestellt Lobbyisten in New York war Henry I. Kowalsky. Als das Geld aus Brüssel im Jahre 1906 nicht mehr kam, fand er einen Käufer für seine umfangreiche und detaillierte Korrespondenz mit den Brüsseler Behörden und dem König – in dem Zeitungsbaron Randolph Hearst. Die Veröffentlichung wurde zu einem Medienskandal und führte zur nachhaltigen Diskreditierung des Königs.

König Leopold verkaufte schließlich „seinen“ Kongo für ein großes Vermögen an seinen Staat, er bekam das Geld „als Zeichen der Dankbarkeit für die großen Opfer, die er für den Kongo gebracht hat“. Einige belgische Schulbücher schilderten noch bis vor wenigen Jahren ausführlich die guten Absichten des Königs Leopold und sparten mit Hinweisen auf die Verbrechen. Das belgische Kolonialmuseum zeigte bis 2005 keine Informationen über die Verbrechen gegenüber der kongolesischen Bevölkerung.

    Lit.:

    Adam Hochschild, Schatten über dem Kongo: Die Geschichte eines der großen, fast vergessenen
       Menschheitsverbrechens (2000), engl. King
    Leopold’s Ghost, A Story of Greed, Terror, and Heroism
       in Colonial Africa   
    (1998)
    Andrea Böhm, Held des Kongo. Gegen Krone und Konzerne: Wie der amerikanische Missionar William Sheppard
      im Kautschuk-Gulag des belgischen Königs Leopold zu einem Anwalt der Menschenrechte wurde, 
      Auszug aus: Andrea Böhm, Gott und die Krokodile. Eine Reise durch den Kongo (2011) 
      online lesbar: https://www.zeit.de/2006/44/Held_des_Kongo/komplettansicht
    Philipp Blom, Der taumelnde Kontinent: Europa 1900-1914  (2009)

    Siehe auch die Texte:
    Medien im 19. Jahrhundert   MG-Link
    Pressefreiheit, Massenpresse und Unterhaltung, Medialisierung und Demokratie  MG-Link
    Dreyfus -  eine Affäre der Medien-Geschichte    MG-Link