Klaus Wolschner                    Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

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III
Medien
-Theorie

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Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
 Bild-Magie
ISBN 978-3-7418-5475-0
 

2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert
des Auges:

Virtuelle Realität
der Schrift
ISBN 978-3-7375-8922-2

2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen
ISBN 978-3-746756-36-3

POP 55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

ISBN: 978-3-752948-72-1
 

Individualität und Sozialität

Individualität ist eine Selbstzuschreibung in einem kulturellen Kontext.
Der bildungsbürgerliche Individualismus ist eine elitäre Selbstzuschreibung.
Im 20. Jahrhundert demokratisiert sich der Individualismus - massenhaft wird Individualität vornehmlich im Konsum erlebt.

 2021

Der moderne Mensch begreift sich als Individuum. Was in früheren Jahrhunderten vor allem das Privileg einer Elite war – eben der sozialen Machthaber oder der „geistigen“ Machthaber, der Theologen und Philosophen, demokratisiert sich: Man kann es im 20. Jahrhundert niemandem mehr verwehren, Semantiken des Individualismus zur Selbstbeschreibung zu benutzen und „ich“ zu sich selbst zu sagen. Das Selfie wird zur kleinen Münze der Selbst-Inszenierung, eine „leere Form der Individualisierung“ wird zum Muster der Alltagskultur, bemerkt der Berliner Soziologe Hans-Peter Müller abfällig und bezieht sich auf Georg Sommer, der von der „Tragödie moderner Individualität“ redete.

Wenn Individualität die Möglichkeit beschreibt, sich als Einheit mit Eigenarten und in diesem Sinne sein Ich als einzigartig sprachlich zu beschreiben und zu verstehen, dann liegt in der Demokratisierung dieses Bildungsideals aber ein gesellschaftlicher Fortschritt. Jedermann darf stolz auf seine „Ecken und Kanten“ sein und behaupten, das eigene Leben sei mehr als „Dienst“ an der Gemeinschaft und habe einen eigenwilligen Sinn.

Individualität und Sozialität gehören untrennbar zusammen. Die Vorstellung, dass es einem jeden Menschen möglich sein müsse, sein „eigenes“ Leben zu führen, kennzeichnet die europäische Moderne. Sie liegt den Menschenrechten zugrunde, die bekanntlich auch am Anfang nicht für die kolonisierten Menschen gedacht waren.

Im Zuge der Modernisierung lernten die Menschen sich als Individuen zu empfinden in dem Maße, wie sie die Chance hatten, sich gegenüber traditionellen sozialen Gemeinschaften zu distanzieren, überkommene Selbstverständlichkeiten als Zwänge zu erleben und sich entsprechend von ihnen zu befreien - von der Dorfgemeinschaft, von der Familie, von der Scholle. Die Stadt lockte mit deutlich mehr Chancen, eigene Beziehungen, Kontakte und Kommunikationsformen frei zu wählen – auch wenn das im Grunde nur eine Wahl zwischen verschiedenen Angeboten war, in welche Sozialität man sich einbindet. Diese Freiheit, sich selbst zu binden, ist entscheidend für die Selbstwahrnehmung als Individuum. Die freie Entscheidung wird als Ermächtigung erlebt, auch wenn für den Blick von außen die neue Bindung genauso Unterordnung und nicht weniger eng ist als die alte.

Der Arbeiter, der nach dem bürgerlichen Außenblick von Karl Marx nur seine Arbeitskraft zu Markte trägt, empfindet sich gleichwohl als befreiter Mensch - im Rückblick auf das Dorf, dem er entflohen ist. Zu der Freiheit gehört das Risiko: Während das Leben der vorbürgerlichen bäuerlichen Schichten über Generationen vor allem die Wiederholung desselben Kreislaufes bedeutete und damit Sicherheit versprach, wird das Leben in der Stadt zunehmend zum Spiel mit offenem Ausgang.

Die Arbeitsteilung unterwirft die arbeitenden Klassen einer neuen Ordnung, die strenger sein mag als die alte, aber indem sie mit einer Rollendifferenzierung einhergeht, nährt sie das Empfinden des Individuums: Ich könnte meinen Arbeitsplatz wechseln und einem anderen Fabrikherren diesen, die Stadt wechseln - gar den Kontinent oder die berufliche Tätigkeit. Was von außen als beliebiger Wechsel beim Verkauf der Arbeitskraft erscheint, fühlt sich von innen als große Freiheit an, wobei das Gefühl „Ich könnte...“ für die individuelle Freiheit schon ausreicht, selbst wenn die Abwägung der Pros und Contras am Ende dazu führt, dass aus freien Stücken alles beim Alten bleibt. Jedenfalls was die soziale Einbindung in den Arbeitsprozess angeht. Die Möglichkeit, zwischen verschiedenen Rollen (-Zumutungen) zu wählen, erscheint als Freiheit.

Die Protagonisten der der kulturellen Revolte der 1968er Jahre  gingen noch von der alten Idee des „romantischen Individualismus“ aus, nach der das „wahre Selbst“ des Individuums nur aufzufinden und zu spüren sei, man musste es aus den entfremdenden gesellschaftlichen Überformungen befreien. Geradezu selbstverständlich gingen die Studenten davon aus, dass Selbstverwirklichung auch in der Arbeit stattfinden könne und müsse. Die neuen Theoretiker dieser alten romantischen Idee waren u.a. Herbert Marcuse und Wilhelm Reich, einer der bissigen Kritiker der „Priesterherrschaft der Intellektuellen” war Helmut Schelsky mit seinem Hinweis: „Die Arbeit tun die anderen.” (1975)

Das scheint ein letztes Aufleben des alten romantischen Individualismus gewesen zu sein -  schon in den 1980er Jahren setzte sich – so Undine Eberlein – ein neuer Typus durch: Das Individuum musste sich nicht mehr selbst finden, sondern sein Selbst produzieren. Die Einzelnen werden mit einem ständigen Strom neuer Bilder, Codes und Anreize aus einem schier unendlichen globalen kulturellen Reservoir konfrontiert, aus dem sie in eigener Regie und Verantwortung eine immer wieder neue Auswahl von Elementen zur Nachahmung und Aneignung treffen (sollen).“ Während der alte romantische Individualismus die „Konsumindustrie“ als Verlockung einer Fremdbestimmung der Individuen ablehnte, bedient sich der moderne Individualismus bei den Mustern der glitzernden Warenwelt. Selbst die Normen körperlicher Schönheit entstammen der Warenästhetik.

Das Bedürfnisse, sich nun aber erst recht frei zu fühlen, verlagern sich auf den Freizeit- und Konsumbereich. Im Konsum kann jedermann und jede Frau ganz Individuum werden. Das Warenhaus erscheint als wahres Reich der Freiheit, weil es dort die Wahl gibt – jedenfalls für alle, die Geld haben, d.h. die sich in ihrem Arbeitsleben unterworfen haben. Nur der Blick von außen zeigt, dass „Sozialität“ hinter dem Rücken des Freiheitsbewusstseins regiert: Die Objekte sind normiert und über die Kommunikation von Moden kommt am Ende doch nur wieder Uniformität heraus. Die Faszination der Moden zeigt übrigens, wie schwer es ist, wirklich Individuum zu sein - und sei es nur bei der Frage, welche Hose schön ist und welchen Hut man aufsetzen möchte. Wenn von dem Stil einer Epoche die Rede ist oder von einer Nationalkultur, dann zeigt sich daran die Faszination einer Zugehörigkeit zu einem sozialen Großen, in dem die jeweilige Freiheit der vielen Einzelnen versinkt. In dem Maße, in dem im 20. Jahrhundert aus dem Pöbel das souveräne Volk wurde, wollten die an ihrem Arbeitsplatz unter das Regime der arbeitsteiligen Produktion Unterworfenen (Individuen) sich als Subjekte eines großen Sozialen empfinden und als nationales Kollektiv feiern, auch wenn sie nur Zuschauer sind wie die Fans der jeweiligen Nationalmannschaft.

Je differenzierter eine arbeitsteilige Gesellschaft wird, desto größer die Bedeutung des Geldes als Medium und Symbol, das den Austausch und damit die Vergleichbarkeit der verschiedenen Produkte und Tätigkeiten ermöglicht. Auch der Geldreichtum als Distinktionsmittel wird demokratisiert, Kinder lernen in ihren sieben oder 11 Euro Taschengeld, was den Unterschied ausmacht. Die Gegenstände sind käuflich und die Tätigkeiten bepreist, das lässt sie vergleichbar und berechenbar erscheinen.

Wer genügend Reichtum hat, kann sich eine Kultur der Innerlichkeit leisten - als Distinktionsmittel gegenüber der Kultur des Massenkonsums. Der Bourgeois spricht dem Pöbel die Individualität ab. Simmel fand dafür deutliche Worte: Er diagnostizierte einen „Mangel an Definitivem im Zentrum der Seele“, der Massenmensch erschien ihm getriebe, „in immer neuen Anregungen, äußeren Aktivitäten eine momentane Befriedigung zu suchen“. Für Simmel ist die diagnostizierte „wirre Halt- und Ratlosigkeit“ in dem „Tumult der Großstadt“ verortet und äußert sich als „Reisemanie“. Das Volk will seinen engen Horizont überschreiten und wenigsten auf dem Feld des Konsums teilhaben am Individualismus - Simmel kann das nur als „moderne Treulosigkeit  auf den Gebieten des Geschmacks, der Stile,  der Gesinnungen, der Beziehungen“ verachten, wie er in seiner „Philosophie des Geldes“ im Jahre 1900 schrieb. Adorno konnte mit seiner Kritik der Massenkultur nahtlos anknüpfen.

Für die klassische Norm erfüllter Individualität hat für Simmel und seine Zeit niemand Geringeres als Goethe Modell gestanden, alles darunter kann nur Tragödie sein. Wobei da natürlich nicht Goethe als Mensch aus Fleisch und Blut gemeint ist, sondern der geistige Goethe, dessen Individualismus sich vor allem in den Imaginationen seiner Texte verwirklicht - da hat Goethe die Freiheiten des Menschen ausgelebt und in die Phantasie der folgenden Generationen die Begriffe und Erzählmuster der Selbstzuschreibung eingepflanzt.

Dieses klassische Bildungsideal ist bis heute die Folie, vor der die zeitgenössische Soziologie die Anpassungsleistungen des „kleinen Mannes“ in der modernen Gesellschaften als Verzicht oder zumindest Behinderung von Individualität beschreibt: Das Selbst wird dem Zwang der Selbstvermarktung unterworfen und zum „unternehmerischen“ Selbst, der Netzwerkmensch bastelt seine Biografie von Projekt zu Projekt, der „flexible Mensch“ ist durch die Korrosion seines Charakters charakterisiert. Nur „prekäre Individualität“ (Müller) kann der Masse attestiert werden – als ob in der bildungsbürgerlichen Selbstzuschreibung nicht, von außen betrachtet, das „wir“ das „ich“, die Sozialität die Individualität dominieren würde.

 

    vgl. auch die Texte
    Bewusstsein des Selbst - über das  ICH-Erleben im Verlauf der Evolution des Bewusstseins MG-Link
    Wie kommen Menschen zu Bewusst-Sein? MG-Link
    Das I
    ch hat auch eine Mediengeschichte: Schrift, Buchdruck-Kultur
         und die Gesellschaft der Individuen  MG-Link
    Selbst im Netz - Identitätskonstruktionen des „Wir-Ich” und Techniken des Selbst
           in der digitalen Medien-Gesellschaft 
     
    MG-Link


    Lit.:
    Martin Altmeyer, Im Spiegel des Anderen: Anwendungen einer relationalen Psychoanalyse (2003)
    Undine Eberlein (Hg.), Zwischenleiblichkeit und bewegtes Verstehen  (2016)
    Hans-Peter Müller, Wie ist Individualität möglich? in Zeitschrift für Theoretische Soziologie 01/2015
       online abrufbar
    Link (Zugriff 01-2021)
    Norbert Ricken, Rita Casale, Christiane Thompson (Hrsg.), Die Sozialität der Individualisierung (2016)