Klaus Wolschner  Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

www.medien-gesellschaft.de


III
Medien
-Theorie

Wir-Ich Titel kl1

Neue Medien,
neue Techniken des Selbst:
 Unser digitales Wir-Ich

ISBN: 978-3-754968-81-9

Schriftmagie Cover

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert
des Auges:
Virtuelle Realität
der Schrift

ISBN 978-3-7375-8922-2

Augensinn Cover

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
 Bild-Magie

ISBN 978-3-7418-5475-0

GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen

ISBN 978-3-746756-36-3

POP55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

ISBN: 978-3-752948-72-1
 

Wo versteckt es sich, 
das Bewusstsein? 

Jahrzehnte lang  
haben die   Neurowissenschaftler  
 nach dem Zentrum gesucht,  
von dem aus ein Bewusstsein  
die Tätigkeit des Gehirns   steuert. 
Ergebnis negativ. 
Heute sind sie sich einig: 
Es gibt keines.

Gehirn

Bewusstsein des Selbst

Wie ist das  ICH-Erleben im Verlauf der Evolution des Bewusstseins entstanden?
Wie ist aus der Materie des Nervengewebes das Selbst-Empfinden geworden,
das mich ständig begleitet in meinen Hoffnungen, Befürchtungen und Erkenntnissen?
Wie entstand das Bewusstsein der Selbstbeobachtung?

2020

„Vielleicht kein Aspekt des Verstandes scheint uns mehr vertraut und ist gleichzeitig rätselhafter als das Bewusstsein und das bewusste Erleben des Selbst und der Welt“, fasst die Stanford Encyclopedia of Philosophy lapidar zusammen. (1) Dieses Empfinden einer selbstverständlichen Vertrautheit ist gerade der Sinn der Bewusstheit, sagen uns Neuwissenschaftler: Das Gehirn koordiniert eigenkörperliche, biografische und soziale Informationen zu einem einheitlich erlebten „Selbst“. Das Bewusstsein ist „eine PR-Aktion des Gehirns“, sagt der australische Hirnforscher Allan Snyder, das Gefühl der Vertrautheit sei geradezu der Sinn des Bewusstseins. Aber das ist zunächst ein Bewusstsein, das alle haben - ein Schwarm-Bewusstsein. Bewusste Wahrnehmungen und bewusste Handlungen sind geteilte, gemeinsame Wahrnehmungen und Handlungen. Wenn uns Emotionen bewusst werden, sortieren wir Körperempfindungen nach vorgefundenen Schemata. Insbesondere die gemeinsame Sprache stellt gemeinsame Wahrnehmungsformen zur Verfügung. Nicht nur in archaische Gruppenkulturen und bei Kleinkindern ist dieses gemeinsame Bewusstsein dominant. Auch wenn sich ein Teil dieses gemeinsamen Bewusstseins als Ich-Bewusstsein differenziert und unser Gehirn für uns ein Gefühl des „Selbst“ simuliert, bleibt ein wesentlicher Teil unseres Bewusstseins Gruppen-Bewusstsein, das „Ich” bleibt ein „Wir-Ich”. Wenn alle sagen, die Blätter sind grün, dann ist das auch für mich wahr. Wenn alle singen, um die bösen Geister zu vertreiben, dann scheint es die ja zu geben und ich singe mit. Es ist anstrengend und riskant, sich dem mentalen Schwarm zu entziehen oder gar gegen den Strom zu schwimmen. Selbst in dem individuellsten Empfinden, das wir haben können, dem einzigartigen Empfinden der Liebe, folgt unser Selbst-Bewusstsein einem kulturellen Muster, das wir nicht erfinden, sondern übernehmen.

    In der sozialpsychologische Literatur gibt es eine Vielzahl von Definitionen für Begriffe wie „Ich“, „Selbst“, „Selbstkonzept“. Solche Definitionen markieren verschiedene Aspekte oder Sichtweisen, die sich aus dem jeweiligen speziellen fachlichen Zugriff ergeben. Für eine zusammenfassende „Philosophie“ des „Ich“ erscheinen sie aber willkürlich. Das begann schon bei Siegmund Freud, der ernsthaft vorschlug, terminologisch das „Ich“ vom „Es“ zu trennen. Wie absurd, sich ein „Ich“ ohne „Es“ und „Über-Ich“ vorzustellen! Dass es ausgerechnet eine Dreieinigkeit sein sollte, ist auch der alten Theologie geschuldet. Es liegt auf der Hand, dass das „Ich“ die nicht auflösbare, ineinanderfließende Einheit von Komponenten ist, die Freud als „Ich“, „Über-Ich“ und „Es“ begrifflich fixieren wollte. Mit dem Begriff „Über-Ich“ belegte Freud den Einfluss der sozialen Umwelt auf das „Ich“, das später unter dem Begriff „soziale Identität“ von der Sozialpsychologie untersucht wurde, grundlegend von Henri Tajfel. Diese soziale Identität ist natürlich ein Teil der Ich-Identität. In der Welt der sozialen Identitäten gibt es verschiedene Angebote, die Pierre Bourdieu als „Habitus“ benannte. Einfachheitshalber übernehmen Individuen ganze Pakete von Verhaltensweisen, ihr „Habitus“ ist nicht nur für andere eine Orientierungshilfe – „wer bist du?“-,  sondern auch für sie selbst – „wer bin ich?“.
    Ich unterscheide in meinen Texten nicht zwischen den Begriffen „Ich“, „Selbst“ und „Selbst-Konzept“, weil es um dieselbe Sache geht - die Selbstwahrnehmung eines sich seines Selbst bewussten Menschen in seiner sozialen Umgebung. Um die Bedeutung der sozialen Umgebung in dem oft nur für sich betrachteten Individuums zu betonen, spreche ich – in Anlehnung an Norbert Elias - vom „Wir-Ich“. In dem „Wir-Ich“ sind – nach der Terminologie von Artur Schopenhauer - „Vorstellung“ und „Wille“ verschmolzen, mit allen Konflikten. Die Vorstellung, die andere von mir haben, ist selbstverständlich etwas anderes als mein „Selbst-Bild“ – andere sehen nur meine Oberfläche und mein Verhalten, andere können nicht in mich hineinspüren und haben daher nur einen äußerlichen, rekonstruierten Zugang zu meinen Motivationen und Emotionen. Dass meine Selbstwahrnehmung, meine „Selbst-Vorstellung“ auch stark auf Projektionen und illusorischen Konstruktionen beruht, versteht sich von selbst. So kommt es zu den Differenzen zwischen Selbstbild und Fremdbild, ich reagiere auf solche Dissonanzen. Objektiv ist keine der beiden Sichtweisen, die Selbstwahrnehmung des „Wir-Ich“ ist das, was nur ich habe. (2)

Mehr als 90 Prozent der Aktivitäten im Gehirn, die Neurobiologen messen können, sind unbewusst. In unserem Gehirn gibt es verschiedene „Module“, die Informationen verarbeiten und mit Erinnerungen vergleichen. Es gibt den Gleichgewichtssinn, mit dem aber auch visuelle Eindrücke konkurrieren. Es gibt Empfindungen des Köperschemas aus den Gliedmaßen. Und es gibt Informationen aus den Eingeweiden, die wir als „Bauchgefühle“ erleben. Wir empfinden eine „Gestimmtheit“ und ein diffuses Körpergefühl, dessen Auslöser uns unergründlich sind. Dieses Kernselbst spüren Tiere auch, und sie kommunizieren es auch körpersprachlich.

Diese Prozesse wetteifern um die Aufmerksamkeit, und die Gewinner prägen das bewusste Erleben und die „Ich-Illusion“, sagt der Neurowissenschaftler Michael Gazzaniga: „Unser Bewusstsein wird ständig neu zusammengebastelt, während unser Gehirn auf ständig wechselnde Informationen reagiert, mögliche Reaktionen berechnet und ausführt.“ Uns ist nicht das Stimmengewirr im Gehirn bewusst, sondern eine fortlaufend erzählte kohärente Geschichte, die eine Ordnung aus dem Chaos erschafft.

Aber das leibliche Selbst regiert uns auch unbewusst. Kleinkinder weinen unwillkürlich, wenn sie leiden, sie kommunizieren ihr Leid und die Mutter muss erraten, wo etwas nicht stimmt. Die Mutter ist Trägerin des leiblichen Selbst- Bewusstseins ihres Kindes. 
Wenn das leibliche Selbst bewusst wird, beginnt das bewusste Erleben des Selbst, das erlebte Ichgefühl. Der Kern des Selbst-Gefühls ist das leibliche Selbst, also all das, was das Gehirn an Kontrollinformationen aus dem Körperinneren erhält, interpretieren und koordinieren muss.

Es macht Sinn, zwischen „Leib“ und „Körper“ zu unterscheiden

Für das, was wir aus dem Leib spüren, wenn wir „Bauchschmerzen“ haben, wenn wie Angst haben oder traurig gestimmt ist, fehlen uns die präzisen Worte. Wir spüren es diffus. Seinen Leib spürt betroffene Mensch nur selbst - vor allem mit geschlossenen Augen. Der Leib ist das gefühlte Ich. Am Leib spüre ich die Angst, den Schmerz, die Wollust, die Kraftanstrengung, Ekel, Hunger, Durst, Müdigkeit, Frische, Erleichterung, Freude, Trauer, Zorn, Scham, Furcht, Liebe. In diversen Meditationstechniken äußert sich die Sehnsucht nach intensivem Spüren des Leibes.

Wenn wir an unseren Körper denken, dann denken wir seine Mechanik - Muskeln und Knochen - an die biologische Beschreibung, an die sichtbare und gestaltbare Oberfläche.  Wir sehen unseren Körper durch die Brille der neuzeitlichen Wissenschaften - Mechanik, Biologie - und wir betrachten seine Oberfläche als gestaltbare, manipulierbare Außenhaut. Das ist der Körper. Die moderne „Erlebnisgesellschaft“ begreift den Körper im Sinne alltäglicher Selbst-Techniken als modellierbare Masse, die der Ästhetisierung bedarf.

Philosophische Anthropologie – zur Entstehung der Subjektivität aus der Erotik

Tiere reagieren triebgesteuert in „präsentativer Unmittelbarkeit“. Wenn Tiere Verhaltenskonflikte zeigen, zögern sie in einer bestimmten Situation, aber wenn die Situation vorüber ist, verhalten sie sich wie gewohnt. Der Mensch verarbeitet solche Erfahrungen des Zögerns in Form anhaltender  Selbstzweifel und ambivalenter Gefühle wie Galgenhumor, Hassliebe, Verzweiflung. Erfahrungen verfestigen sich als Haltungen in einer komplexen menschlichen Psyche. Dies beschreibt den spezifischen mentalen Unterschied zwischen Tier und Mensch. 

Als Voraussetzungen der menschlichen Evolution werden gewöhnlich der aufrechte Gang, damit die Befreiung der Hände, der Werkzeugbau, die explorative Neugier und schließlich die Symbolsprache genannt. Aber wie erklärt sich die Entstehung von Subjektivität in der geistigen Evolution?

Für den Philosophen Ferdinand Fellmann ist „der menschliche Geist in seiner Kreativität und emotionalen Selbstwahrnehmung das Ergebnis des evolutionären Übergangs von der Sexualität zur Erotik“. Während unsere tierischen Verwandten sich oft nach der sexuellen Kopulation befriedigt und gelangweilt abwenden, ist es den Menschen möglich, eine nachhaltige erotische Beziehung zu der anderen Person aufzubauen, in deren Rahmen die Sexualität nur einen verbindenden Höhepunkt darstellt. Viele Säugetiere führen außerhalb ihrer kurzen Brunstzeit ein völlig asexuelles Leben, beim Menschen hingegen ist das andere Geschlecht in den erotischen Fantasien immer präsent - er muss seine sexuelle Begierde sublimieren. Die Sublimation der sexuellen Begierde wird zu einer wichtigen Kraft in der zwischenmenschlichen Kultur. „Die überschüssige Energie der sexuellen Erregung scheint zu der komplexen Emotionalität des Menschen geführt zu haben.“ (Fellmann/Welsh) Die einzigartige menschliche emotionale Intelligenz entsteht durch einen Überschuss der Paarungsenergie – die Erotik ist aus der Sicht der Überlebensstrategien eine enorme Verschwendung von Zeit und Energie – mit psychologischer Nutzen: Die Sublimation sexueller Energie in Erotik macht Intimität der Paarbindung zweier Menschen zu einer Quelle des menschlichen Selbstbewusstseins.

Charles Darwins Theorie der sexuellen Selektion kann nicht die emotionale Gegenseitigkeit der Liebenden erklären. Darin zeigt sich eine „soziokulturelle Erweiterung“ (Fellmann/Walsh) der sexuellen Selektion.

Die erotische Zuneigung spielt mit der Scham. Da gibt es ein Zögern, einen Hiatus (Arnold Gehlen) - der Trieb wird gebremst, sublimiert. Erst dieses Zögern macht aus dem Sexualobjekt ein Subjekt, ein „Alter, das das Ego respektiert und dem das Ego mit Respekt begegnen will. Das Alter ist das fremde ICH, eine andere Subjektivität. Der Respekt vor der fremden Subjektivität macht aus meinem Trieb-Ego ein Subjekt-Ich.

Sexuelle Erregbarkeit vermittelt bei Liebenden das Gefühl einer mentalen Bindung, die nicht auf die Energien des Körpers reduziert werden kann. Die nachhaltige Paarbindung beruht auf einer Emotionalität, die als „Liebe“ beschrieben wird. Paargebundene Individuen steigern ihre intersubjektive Sensibilität durch die „guten Gefühle“, die sie füreinander empfinden, und das Bewusstsein dieser Gefühle. Erst in der erotischen Zuneigung wird ein Sexualobjekt zu einer unverfügbaren Person, zu einem fremden Subjekt. Dies hat, so Fellmann/Walsh, große Bedeutung für die Evolution der emotionalen Selbstwahrnehmung und des menschlichen Selbstbewusstseins.

Der britische Psychologe und Anthropologe Robin Dunbar hat die Hypothese formuliert, dass das menschliche Gehirn vor etwa zwei Millionen Jahren schnell gewachsen ist, weil der homo sapiens mit der größeren Zahl sozialer Beziehungen in immer größer werdenden Primatengruppen fertig werden musste („Social-Gossip-Hypothese“). Denn das Leben in großen Gruppen erzeugt Stress, es bedarf neuer Gruppenbindungsstrategien, um mit dem Stress umzugehen. Die Hominiden differenzierten ihre Sprachlaute als Ergänzung und Ersatz für die körperlichen Bindungsstrategien – insbesondere für das Kraulen (Grooming, Gossip and the Evolution of Language, 1996).   

Bei paargebundenen Individuen geht um mehr als eine Partnerschaft zum Austausch von Gefälligkeiten. Soziale Bindungen geben ein gutes und sicheres Gefühl und reduzieren Stressreaktionen, aber soziale Bindungen kommt ohne Individualität aus – wenn vollkommene soziale Konformität herrscht.

Erotische Bindungen dagegen beruhen auf Individualität. Liebende Menschen streben nach einer besonders intensiven und besonders langfristigen Bindung, die auf Intimität und Exklusivität basiert. Die liebevolle Wahrnehmung des Anderen in Form der Sorge dafür, was der andere fühlen und beabsichtigen könnte, führt zum Gefühl eines weitreichenden gegenseitigen Verständnisses, zu dem die Scham gehört als Kontrolle eines allzu egoistischen, „übergriffigen“ Begehrens.

Die langfristige Paarbindung ermöglicht den Menschen eine Intensivierung ihrer emotionalen Sensibilität gegenüber einer bestimmten Person. Aus der Erotik entsteht ein Bewusstsein der Subjektivität des Anderen – und spiegelbildlich der eigenen Subjektivität. Die Mutter-Kind-Bindung ist die Welt des kindlichen Narzissmus. Der Erotik verdanken wir die intensivste zwischenmenschliche Beziehung, in der der Narzissmus altruistisch werden muss. In der Erotik baue ich eine exklusive Beziehung zu dem Anderen auf. Zwei Subjektivitäten verschmelzen einerseits, andererseits müssen intimste Eigenheiten wohlwollend tolerier und respektiert werden. Auf der Sicherheit, respektiert zu werden, beruht das Vertrauen, sich auch einmal gehen lassen zu können. In der Erfahrung der Erotik wird aus dem narzisstischen „Ich“ ein Wir-Ich, das Ich empfindet sich im Spiegel der fremden Subjektivität als Subjekt und kann sich als Individuum spüren und begreifen. Die erotische Intimität wird zu einer Quelle des menschlichen Selbstbewusstseins.

Die Sprache der Emotionen scheint also mehr zu sein als „Klatsch“ (Dunbar). Der Klatsch schafft Vertrauen unter den vielen Mitgliedern einer Gemeinschaft, er ist ein Bindemittel der sozialen Gemeinschaft und gehört der Sphäre der Sozialität an. Die (Körper-)Sprache der Liebe ist dagegen an ein einzigartiges Individuum adressiert und begründet eine einzigartige Bindung an ein Individuum. Liebende erfinden dafür eine besondere intersubjektive Kommunikation, sie beschreiben ihr außergewöhnliches gegenseitiges Verstehen mit einer Fülle von Metaphern, die sie emotional an die Mutter-Kind-Beziehung erinnern. 

Die emotionale Entwicklung wird durch gegenseitiges Verständnis in intimen Beziehungen herausgefordert. In einer langfristigen erotischen Bindung entdeckt der Mensch, wie er mit Gefühlen von Nähe und Distanz umgehen kann. Das ist die Grundlage von Selbst-Bewusstsein und Selbst-Verantwortung. Die hochenergetische erotische Liebe hat die menschliche Psyche geprägt, da geht es um mehr als sexuelle Befriedigung. Die bewusste Zärtlichkeit zwischen den Geschlechtern entwickelt sich zu einem mentalen Bedürfnis.

Moralische Normen werden beschrieben als Strategien zur Planung und Entscheidungsfindung im kontrollierten sozialen Miteinander. Aber wenn kein anderer hinschaut, gibt es für diese Moral keinen sachlichen Zwang mehr. Das weitergehende menschliche Moral-Empfinden entspringt aus dem einzigartigen Gefühl der persönlichen Verantwortung für Fremde, aus einer Emotionalität, die in persönlichen erotischen Bindungen entstanden ist und als „Mitmenschlichkeit“ verallgemeinert empfunden wird.

Das sprachvermittelte Bewusstsein als mentale Realität

Das Bewusstsein ist Teil meines Leibes. Mein bewusster gedanklicher Wille kann Gliedmaßen bewegen. Mein Arm hebt sich nicht nur un-willkürlich als Abwehr-Reflex, ich kann meinen Arm auch auf ein willkürliches geistiges Kommando heben. Wie geht das? Die wunderbare Antwort des Philosophen John Searle: „Eine Sequenz von Neuronen wird abgefeuert und diese machen Halt, wo sich das Acetylcholin in den axonalen Endplatten der Motoneuronen absondert. Tut mir leid wegen der philosophischen Fachbegriffe“ (4) – aber das Acetylcholin bewirkt, dass der Arm sich hebt.

Über dem Gefühl für den eigenen Leib baut sich bei den Menschen ein sprachvermitteltes mentales Bewusstsein auf. Die gemeinsam entwickelte Sprache ist das Medium, mit dem die Menschen ihre Wahrnehmungen von Wirklichkeit und ihre Handlungsimpulse geistig sortieren. Das mentale Bewusstsein arbeitet im Wesentlichen mit sprachlichen Metaphern. Dieses Bewusstsein koordiniert das Körperselbst mit der Umwelt, vor allem mit der sozialen Umwelt. 

Anfänge des Selbst beim Säugling

Ich denke oder will etwas. Woher weiß ich, dass ich etwas denke oder will? Der Säugling, der schreit, obwohl er die beruhigende Stimme der Mutter hört, beginnt sein individuelles leibliches Selbst aus der Symbiose mit der Mutter zu lösen. Ich habe etwas in der Hand, das eine Mutter mir früher einmal mit einem wohligen „mmmh“ in den Mund gesteckt hatte. Der Geruch, der Geschmack, das Sättigungsgefühl verbinden sich mit diesem „mmmh“. Babys sind für ihre Entwicklung ihres Bewusstseins darauf angewiesen, dass sie sich in der Bezugsperson spiegeln. „Lächeldialoge“ sind die stärkste emotionale Motivation für das Lernen, in Lächeldialogen spiegeln sich zwei Bezugspersonen aufeinander ein, harmonisieren ihr Selbstbild mit dem Fremdbild. Streckt das Kind die Zunge heraus, ahmt es die Mutter nach – und lässt das Kind begreifen, was es gerade tut, die Spiegelung lässt das Kind sich seiner selbst bewusst werden. 

Der Prozess beginnt ohne Sprache, das Selbstbild basiert auf Körperwahrnehmungen und Gefühlen. Dann kommt die Sprache dazu, auch Sprachlernen basiert auf Spiegelungen. Unendlich oft wiederholen Mütter das, was ihre Kinder mit ihrem Brabbeln möglicherweise meinen. Mit der Sprache erlernt das Kind die in seiner kulturellen Umgebung vorhandenen kulturellen Muster für sein Selbstbild. Woher weiß das Kind, dass das, was in seiner Hand ist, ein Apfelstück ist? Am Anfang des sprachlich artikulierbaren Selbst-Bewusstseins steht, dass jemand anderes sagt: Du hast einen Apfel in der Hand. Mir wird bewusst, dass ich Lust habe, „Apfel“ zu essen. „Du hast aber einen starken Willen“, wird mir gesagt. Mir wird bewusst, dass ich einen Willen habe, ich habe diffuse leibliche Gefühle und lerne, dass es dafür präzise Namen gibt. Bewusstsein der Subjektivität entsteht durch „soziales Spiegeln“, sagt Wolfgang Prinz. Das Selbstgewahrwerden folgt der Fremdwahrnehmung. Das Selbstbewusstsein hilft mir, mein Leben als „meins“ anzunehmen.

Die Formen des Bewusstseins, die ich auf mich selbst zu beziehen lerne, sind aber vorher als Gruppenbewusstsein vorhanden so wie die Worte und die sprachlichen Sinnzusammenhänge vorhanden sind, bevor das Sprechen lernende Kind sie sich aneignet. Die Welt entsteht im Kopf als Bewusstsein eines Einzelnen, weil sie sich auf ein kollektives Bewusstsein beziehen kann – eine „gemeinsame Sphäre, in der sich verschiedene Individuen im und durch den Bezug auf die Welt verständigen können“ (Volker Gerhardt). Das „Selbst-Bewusstsein“ gibt es nur als Bezug zu einem Gruppen- oder „Schwarm“-Bewusstsein: „Der Verstand  ist die Fähigkeit, im Ich das Wir und im Wir das Ich zu denken“, er ist das „Organ für die Tatbestände der gemeinsamen Welt“ (Volker Gerhardt).

Das aufgeklärte Schriftsprachen-Selbst

Die Welt, die wir aus eigener leiblicher Erfahrung und durch unsere fünf Sinne kennen, ist überschaubar. Das Wissen, das auf spürbaren und sichtbaren Erfahrungen beruht, ist auf einen kleinen Horizont begrenzt – Soziologen nennen das bisweilen „Mesokosmos“. Für die Mehrheit der Bevölkerung im 18. Jahrhundert in ihren kleinen Dörfern war der Horizont die Grenze ihres Mesokosmos. Das war die Welt, in der der Blitz als Strafe Gottes verstanden wurde und in der die Menschen vieles in ihrem Alltag „verhext“ fanden. Ein  beliebtes und bei den unterschiedlichsten Symptomen benutztes Heilverfahren war der Aderlass, den richtigen Termin für den Aderlass ermittelte die Medizinmänner und die weisen Frauen aus astrologischen Zeichen.
In ihrem Selbst-Verständnis waren diese Menschen nicht nur in ihr Weltbild, sondern auch in ihrer Gruppenidentität vollkommen eingebunden.

Die städtischen Aufklärer verachteten das als „Aberglauben“ und „selbst verschuldete Unmündigkeit“ (Kant).  In den Städten wurde ein Wissen entwickelt, das nach dem Vorbild der Mathematik „logisch“ sein sollte. Soweit wie möglich sollte dieses Wissen in praktischen Experimenten überprüfbar sein. Insbesondere erforderte dieses Wissen eine präzise, differenzierte und nur aus der Schrift entwickelbare Sprache. Noch im 16. Jahrhundert waren die meisten Gelehrten davon überzeugt, dass ihre neuen Erkenntnisse nur in der Sprache der Mathematik oder in Latein ausgedrückt werden könnten, jedenfalls nicht in den zeitgenössischen oralen Dialekten.

Während das alte Wissen in den Dorfgemeinschaften nur mündlich weitergegeben wurde und daher gebunden war an die, die davon erzählen konnten, lässt sich Schrift-basiertes  Wissen akkumulieren. Schüler lernen die Erkenntnisse aus Jahrhunderten in  wenigen Jahren – aus Büchern. Wenn die europäische Aufklärung den Aberglauben bekämpft hat, dann ging es darum, das tradierte Erfahrungswissen des Volkes und das kulturelle Macht-Wissen der Kirche durch das universelle Schriftwissen der gebildeten Bürger zu ersetzen. Aderlass ist Aberglaube, sagten die Ärzte aus den Städten. Auch der Blitzableiter ist ein Produkt dieses neuen Wissens. Die Technik des Blitzableiters war so überzeugend effektiv, dass die Kirche sich nur kurz gegen dieses Teufelszeug wehrte, mit dem ja dem unergründlichen göttlichen Willen ins Handwerk gepfuscht wurde. Sie „vergaß“ ihr tradiertes Spezial-Wissen über die eigenartigen Macht-Demonstrationen ihres Gottes und brachte an ihren Kirchtürmen die Drähte an – 1784 in Bremen an der Kirche St. Martini.

Unser „geistiger“ Horizont geht weit über das hinaus, was wir mit den Sinnen erfahren und spüren können.
Genauso geht auch unser Körper-Wissen – ein mit kulturellen Metaphern konstruiertes Selbst-Bewusstsein - weit über das hinaus, was wir an unserem Leib spüren können. Das Selbst-Bewusstsein, das auf Wissen der Schriftsprache aufbaut und das heute für uns so selbstverständlich erscheint, ist ein gewachsenes kulturelles mentales Gebäude. Dieses mentale Gebäude ist natürlich keine willkürliche „Konstruktion“. Plausibel ist uns nur das, was sich im Handeln bestätigt. Und plausibel ist das, was andere auch so sehen.

Wie das Ich entstand  

Im Verlaufe der kulturellen Evolution entwickeln sich in dem dominanten gemeinschaftlichen Bewusstsein Formen eines Ich-Bewusstseins, das seit der europäischen Renaissance zu einem wesentlichen Bestandteil der herrschenden Kultur und der frühkindlichen Sozialisation wird - als Voraussetzung von individuellem Handeln und vor allem als Muster des Selbstverständnisses. Die soziale Einbettung von Individualität wird im modernen Ich-Bewusstsein meist unterschätzt. (mehr dazu unter MG-Link)
Bewusstsein ist also nicht von Natur aus Ich-Bewusstsein. Am Beispiel des australischen Totemismus hat schon Emil Durkheim eine Gemeinschaft beschrieben, die durch eine Gleichförmigkeit des Handelns und auch des Denkens und Empfindens im Sinne eines „Kollektivbewusstsein“ gekennzeichnet ist und in der die Lebenswelt so dominant ist, dass wenig Spielraum für individuelles Selbst-Bewusstsein bleibt. Der Neurobiologe Andrew Newberg beschreibt das Phänomen als „Bewusstsein ohne Ego” (vgl. den Text ‘Gott im Kopf’, M-G-Link). Solche Formen von Kollektivbewusstsein beschreiben wir gewöhnlich mit mythisch-religiösen Metaphern. Die absolute Autorität erscheint personalisiert und wird durch kollektive performative Rituale - körperliche und Sprech-Rituale - in ihrer Verbindlichkeit bestätigt. Die Metaphern der Personalisierung übertragen das aus der Sippe bekannte Autoritäts-Modell auf die gesamte Gemeinschaft – Gott ist Vater (oder Mutter).  Das Kollektiv-Bewusstsein schafft soziale Schwarm-Realität.

Sprache der Metaphern

Wir reden von einem „Briefkopf“, von „Zahnrädern“ oder den „Beinen“ an Tischen und Stühlen. Wir beißen auf Granit. Wir denken „oberflächlich“ oder sind „voll“ des Dankes. Wir machen „Nägel mit Köpfen“, wir suchen nach Argumenten, die „unter die Haut gehen“. Metaphern sind sprachliche Bilder für eine Sache zur Bezeichnung einer anderen Sache. „Metaphern verstärken unser Vermögen, die Welt um uns herum wahrzunehmen und zu verstehen.“ (Jaynes) In den Metaphern für zwischenmenschliche Beziehungen spielt die Haut eine wichtige Rolle. Wir kommen „in Berührung“ mit jemandem, sind „dickfellig“ oder „dünnhäutig“. 
Sprache ist Kommunikationsmittel und gleichzeitig Wahrnehmungsorgan. Die metaphorische Etymologie vieler Worte, die wir selbstverständlich benutzen, ist nicht immer deutlich oder bewusst. Der Wortschatz einer Sprache besteht so aus einer endlichen Menge von Ausdrücken, die auf Metaphern zurückgehen. „Eine Sache verstehen heißt eine Metapher für sie finden, indem wir etwas Vertrauteres an ihre Stelle setzen. Das Gefühl der Vertrautheit ist das Gefühl, verstanden zu haben.“ (Jaynes) 
In der Kultur- und Sprachgeschichte gibt es verschiedene Muster, die Vertrautheit herstellen. Das archaische mythische Wahrnehmen hat Prozesse, die wir heute als „natürlich“ und mit naturwissenschaftlichen „Gesetzen“ erklären, personalisiert, als menschenverursacht vor Augen gestellt und damit zu „begreifen“ versucht. Gewitter sind für das Denken mit mythischen Metaphern Gottes-Akte oder vielleicht auch Lärm vom Kampfgetümmel verschiedener Gottheiten oder Dämonen.  
Unser mentales Bewusstsein konstruiert aus Metaphern und Analogien eine gedachte Welt, in der wir Ursachen und Folgen bedenken und somit für unser Handeln Gründe suchen können. Ob dieses Bedenken im Sinne von Probehandeln dem Handeln vorausgeht oder nur schlicht rechtfertigend nachfolgt, macht für unsere Selbstvergewisserung keinen Unterschied.
Wenn wir versuchen, unser Bewusstsein zu verstehen, benutzen wir wiederum Metaphern. Wir „sehen“ die Lösung eines Problems, wir bedenken Probleme unter einem bestimmten „Gesichtspunkt“, wir „begreifen“ etwas. Wir stellen uns dank dieser Metaphern den mentalen Innenraum nach dem Muster von äußerlichem Verhalten vor. Es gibt auch unangemessene Metaphern – wenn die Ober- und Untertöne der Metapher nicht passend sind. Bei der Rede von der Liebe, die „wie eine Rose“ sei, stimmen diese Untertöne: Die Liebe blüht in der Sonne, sie duftet, sie kann ihre Stacheln hervorkehren, sie welkt irgendwann. Das mentale Bewusstsein ist aus demselben Stoff wie die Dichtung: Dieses sprachlich vermittelte Bewusstsein „ist ein Werk der sprachlichen Metaphorik“ (Jaynes). So wie wir uns in unserer Welt zurechtfinden, prägen wir ihr mentales metaphorisches Abbild und daher können wir uns – meist – dank unserer metaphorischen Bewusstseins-Filter in der Welt zurechtfinden. Die poetischen Figuren sind ein Mittel, um die ungeheuer große  Komplexität der Wirklichkeit aufscheinen zu lassen und gleichzeitig in dem Rahmen der sprachlichen Repräsentanten einzufangen.

Während in unserem Gehirn immer verschiedene Prozesse parallel ablaufen, kann unser aufmerksames mentales Bewusstsein nur eins nach dem anderen verkraften. Es ordnet also in Reihe, was ihm angeboten wird, es sortiert die Vorstellungsbilder in einem imaginären Raum. Auch „Zeit“ können wir uns nur vorstellen, wenn wir sie verräumlichen und den Fluss der Ereignisse in „davor“ und „dahinter“ aufteilen. Unser mentales Bewusstsein selektiert. Wenn ein Objekt so ähnlich aussieht wie die, die wir früher als „Baum“ begriffen haben, dann wird es auch ein Baum sein. Bewusst werden uns immer nur einzelne Aspekte der Wirklichkeit und mit Vorliebe Aspekte, die wir schon kennen und die sich als plausible Folge von Ursache und Wirkung darstellen lassen, die also unserem Modell von Handeln folgen. Wirkungen ohne Ursache sind ganz schwierig und unübersichtlich komplexe Vorgänge erscheinen uns „unbegreiflich“, erschließen sich dem mentalen Bewusstsein nicht, dafür konstruiert unser Geist gern einfachere Erklärungen. Wir haben in unserem Bewusstsein eine klare Vorstellung von Liebe, aber die Metaphern, mit der wir sie beschreiben, verraten ihre Unbegreiflichkeit. Wir nähern uns ihr durch Muster der Erinnerung, alte Geschichten machen unbegreifliche neue Erfahrungen vertraut.

Das Ich-Bewusstsein als Gefühl

Unser Gefühl von Freiheit entsteht, wenn wir uns vorstellen, dass wir dies oder jenes tun könnten und welche Folgen das hätte. Mit dieser „Welt-als-ob“ müssen wir unser wirkliches Verhalten dann in Einklang bringen und rechtfertigen – im Zweifelsfall Rechtfertigungen fabulieren. Wobei wir uns selbst gern als Held unserer Lebensgeschichte begreifen. Neues wird vermittels selektiver Wahrnehmung in die Erfolgsgeschichte eingearbeitet, Wahrnehmungen, die sich nicht einarbeiten lassen, möglichst „verdrängt“ und aus der bewussten Erinnerung ausgeschlossen. In der sprachlich erzeugten, metaphorischen mentalen Analog-Welt spielt das „Ich“ die Hauptrolle. Das ist, soziologisch betrachtet, eine Ich-Illusion – das meisten von dem, was wir als „ich“ empfinden, entspricht in so starkem Maße identisch den Mustern, die andere neben mir ebenfalls als „ich“ empfinden, dass sinnvollerweise von „Wir-Ich“ die Rede sein sollte. „Es gibt keine Ich-Identität ohne Wir-Identität. Nur die Gewichte der Ich-Wir-Balance, die Muster der Ich-Wir-Beziehung sind wandelbar“, hat Norbert Elias festgestellt. Aber das „Ich“ entwickelt sich, aufbauend auf dem Körper-Ich, zu einem mächtigen Gefühl und das Ich-Selbstbewusstsein hat das Potential der Abweichung vom Wir. Aus der Kette solcher Abweichungen schreiben wir unsere Geschichte.

Wir erleben dieses Ich-Bewusstsein nicht als mentales Konstrukt, sondern als Selbstverständlichkeit, als primäre Wirklichkeit. Wie stark unser Geist konstruieren kann, wird in Extremsituationen deutlich, etwa wenn ein Mensch Schmerzen empfindet in einer Hand, die eigentlich amputiert ist – Phantomschmerz. Experimente der Gummihand-Illusion zeigen, dass das Gehirn visuelle Informationen über seinen Körper in bestimmten Konstellationen für „wahrer“ hält als direkte körperliche Informationen – und Berührung empfindet wo keine Berührung ist. Split-Brain-Experimente zeigen, dass unser Gehirn scheinbar plausible Geschichten erfindet, um unserem Bewusstsein vorzuspiegeln, dass zwei Wahrnehmungen in einem sinnvollen Zusammenhang stehen („Konfabulation“). Der Extremfall einer ausgefallenen Integration des Ich-Empfindens wird in der Medizin unter Begriffen wie „Depersonalisation“ oder „Derealisation“ behandelt.

Unsere Wahrnehmung scheint sogar grundsätzlich unabhängig von Bewusstheit zu sein. Wir reagieren ständig auf Dinge, ohne uns ihrer bewusst zu sein. Es sogar gibt Koma-Patienten, die beim Anschauen eines Tennisspieles beinahe dieselben Gehirnaktivität zeigen wie wache Menschen. Wo die Integration der eigenkörperlichen, biografischen und soziale Informationen zu einem einheitlich erlebten „Selbst“ misslingt, schicken wir die Betroffenen zum Arzt oder Psychologen. Das Bewusstsein ist kein Abbild unseres Erlebens, wir haben keinerlei Bewusstsein von der Fülle der Dinge, die wir unbewusst erleben und verarbeiten. Das mentale Bewusstsein ist sogar ein Bremsklotz für viele Reaktionen, weil es sehr langsam arbeitet. Nicht einmal das Denken passiert bewusst – auf die besten Ideen kommt man oft, wenn man dem Problem gerade keine Aufmerksamkeit zuwendet, sondern den Vögeln im Wald lauscht oder das Bewusstsein ganz abschaltet – im Schlaf.

    Anm.:
    1) „Perhaps no aspect of mind is more familiar or more puzzling than consciousness and our conscious experience of self and world”. 
    https://plato.stanford.edu/archives/win2011/entries/consciousness/
    Wir empfinden eine große „Vertrautheit mit dem Phänomen des Bewusstsein“, ohne dass die Philosophen eine ihre Denkweise zufriedenstellende „begriffliche Integration“ formulieren können, heißt es in Thomas Metzingers Artikel „Bewusstsein“ in der Enzyklopädie Philosophie (2010). 
    http://www.philosophie.uni-mainz.de/metzinger/publikationen/Bewusstsein_2008_prefinal.pdf
    (2) erörtert z.B. dem Text „Das Selbst“ von Carolyn C. Morf und Sander L. Koole, erschienen in: Sozialpsychologie, Hg. von Klaus Jonas u.a., 6. Auflage erschienen 2014
     
    (3) Ferdinand Fellmann, Rebecca Walsh, From Sexuality to Eroticism: The Making of the Human Mind, in: Kathrin Isler, Carol van Schaik, How Humans Evolved Large Brains: Comparative Evidence. Evolutionary Anthropology, 23, 65-75. (2014); s.a. Ferdinand Fellmann, Das Paar: Eine erotische Rechtfertigung des Menschen. Ein Beitrag zur philosophischen Anthropologie (2013)
    (4) Der philosophische Wortschatz vernebelt das Problem eher, sagt John Searle. In seiner höflichen Art klingt das so: „Wir sind noch nicht bereit für eine wissenschaftliche Definition, also hier eine vernünftige Definition. Das Bewusstsein besteht aus all diesen Zuständen des Gefühls, der Empfindung oder des Sich-Bewusstseins.“
    Dass Philosophen auch vernünftig reden können, zeigt sein Vortrag „Unser gemeinsamer Zustand - das Bewusstsein“ (2013)
        
    http://www.ted.com/talks/john_searle_our_shared_condition_consciousness/transcript?language=de

 

    Siehe auch meine Texte zu verwandten Themen (mit Literaturhinweisen):

    Wie kommen Menschen zu Bewusstsein? MG-Link
    Wie das Ich entstand – die Evolution des Ist-Bewusstseins im Spiegel religiöser Projektionen des homo sapiens  
     
    Wie das Ich entstand MG-Link
    Gehirngespinste - wie das Gehirn Wirklichkeitsbewusstsein konstruiert M-G-Link
    Individualität und Sozialität
      MG-Link
    Das japanische Zwischen-Ich als „Du von Du” und die Digitalisierung der Gesellschaft  MG-Link
    Das gespürte Ich - der Tastsinn   MG-Link
    Digitale Erlebnisse   MG-Link
    Die göttliche Vernunft   M-G-Link
    Altägyptische Kultur des Erkennens - die Aspektive  M-G-Link
    Was ist virtuelle Realität   M-G-Link
    Aufmerksamkeit - Über Neurologie und Soziologie einer knappen Ressource  M-G-Link 
       und Wolf Singers Text „Vom Gehirn zum Bewusstsein”, Auszüge hier 
     Link