Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Sprache der Gefühle: 
Wozu Emotionen?

Über die leiblichen und die kommunikativ-kulturellen Aspekte
von Selbst-Empfindungen, die grundlegend für Identität und Orientierung
des Menschen in seiner sozialen Lebensgemeinschaft sind

12-2014

Gefühle sind Phänomene, die eindeutig empfunden werden, obwohl sie sich einer eindeutigen und rationalen sprachlichen Bezeichnung zu entziehen scheinen. Der Begriff „Gefühl“ hat etwas Unbestimmtes, es ist ein typischer „semantischer Brückenkopf in das reflexiv Unerfassbare hinein“ (Albrecht Koschorke). Gefühle scheinen ganz intime Phänomene zu sein, wir können sie Anderen gegenüber verbergen. Jeder kennt Situationen, in denen er sich über seine eigenen Gefühle nicht ganz klar ist. Gefühle können außer Kontrolle des Verstandes geraten, ihnen liegen Erregungen des Leibes zugrunde.
Wie ein Hilfe-Schrei können die spontanen leiblichen Regungen des Gefühls - hier der Angst - gleichzeitig kommunikative Handlungen darstellen. Auch Trauer-Reaktionen sind in erster Linie subjektive, leibliche-psychische Empfindungen, Bewältigungsstrategien von Situationen, in denen es keine Handlungsoption gibt. Wenn Verzweiflung aufgrund seiner leiblichen Ausdrucksformen mitgefühlt wird von anderen, kann sie als kommunikativer Akt wirken, als unausgesprochene Bitte um Zuwendung.

Gefühle sind für Menschen das Wichtigste im Leben. Gefühle sind keine privaten Seelenzustände, sondern räumlich und leiblich spürbar Phänomene. Gefühle liegen in der Luft wie mit Spannung geladene diffuse Energie. Im alltäglichen Sprachgebrauch wird dieses räumliche Empfinden von Gefühlen als Atmosphäre bezeichnet - man kann in eine heiter-gelöste Atmosphäre geraten, die eigene dunkle Gedanken vertreibt, oder in die aufgeheizte Atmosphäre eines Fußballstadions, die ansteckend wirkt.

Das Wort „Gefühl“ ist eine Konstruktion der Neuzeit. „Fühlen“ bezog sich eigentlich auf das körperliche Tasten. Seit dem 17. Jahrhundert wurde es zunehmend auf seelische Empfindungen übertragen.

Berühmt ist die Preisfrage: Fürchten wir uns vor dem Hund, weil wir zittern, oder zittern wir, weil wir uns vor dem Hund fürchten? Diese Unterscheidung trennt etwas, was zusammengehört. Gefühle verbinden auf komplexe Weise die körperlichen Reaktionen mit mentalen Mustern. Wir haben nicht Flugangst, weil wir Vibrationen spüren und das Anschnall-Zeichen angeht, sondern wir bekommen ein flaues Bauchgefühl, weil wir gerade von zwei Flugzeugabstürzen gelesen haben und das Vibrieren uns daran erinnert.

Gefühle sind Selbst-Wahrnehmungen. Wenn Emotionen ins Bewusstsein dringen, werden sie interpretiert – auf der Folie von Kenntnissen der Situation, von sprachlichen Mustern der Gefühlsinterpretation. Unsere Gefühlsäußerungen können wir nur kontrollieren oder darüber reden, wenn wir an uns körperliche Reaktionen wahrnehmen. Gefühle werden „am eigenen Leib gespürt”: Bereits 1884 beschrieb William James, dass körperliche Veränderungen den Gefühlen vorausgehen. Er behauptete, dass Gefühle die Empfindung bzw. das bewusste Erleben dieser körperlichen Veränderungen sind. Helmut Plessner nannte die Gefühle „Naturphänomene am Menschen“ und „Erfindungen der Natur im Menschen“.

Gleichzeitig sind Gefühle Signale an andere, Gefühlsäußerungen haben einen wichtigen Anteil an der Körpersprache. Gefühlsäußerungen sind Instrumente der Kommunikation. Gefühle (nicht nur akute Flugangst) können auch „anstecken“. „Gefühle sind nicht private Seelenzustände sondern räumlich ergossene Atmosphären und leiblich ergreifende Mächte”, formuliert der Philosoph Hermann Schmitz.

Gefühlsäußerungen folgen sozialen Konventionen – oder sprengen sie. Das, was wir als Gefühl empfinden, hat einen evolutionsgeschichtlichen, leiblichen Kern - und eine kulturelle Gestalt, in der es erscheint. Resultat dieses Zusammenspiels von neurobiologischen Prozessen und ihren kulturell bedingten Erscheinungsformen ist die Bewertung der erlebten Wirklichkeit.

Zum Beispiel die Liebe. Sie erscheint uns als das intimste der Gefühle, und doch liebe ich in der Regel nur den, der mich liebt. Verschmähte Liebe kann schnell in Hass und Verachtung umschlagen. Die „Kunst der Liebe“ gilt als Handwerk, über das man Tipps geben kann. Die Liebe ist ein Naturereignis, es erwischt einen, man „fällt“ in Liebe - und doch, so konstatieren die Ratgeber, ist sie kein einmal durchgesetzter Zustand, sondern muss täglich aufs Neue gestaltet werden. Es scheint ein Management der Gefühle zu geben. „Ich verliebe mich nicht, wenn es mich nicht vorher danach verlangt hätte; die Leere, die ich in mir ausfülle ... ist nichts anderes als die Zeitspanne, in der ich meine Umgebung … nach jemandem absuche, den ich lieben kann.“ (Roland Barthes, Fragmente einer Sprache der Liebe) Gesellschaftlich wandelbare kommunikative Codes, so beschreibt es Niklas Luhmann, steuern die bewussten Empfindungen der Gefühle, sie ermutigen dazu, entsprechende Gefühle zu bilden und geben vor, was wir erwarten, wenn wie „Liebe“ empfinden (wollen). Emotionen sind autosuggestive Handlungsbereitschaften.

Gefühlen ist so ein intersubjektives Machtpotenzial eigen, eine Autorität, die im Raum steht. Die Autorität der Gefühle scheint biologisch verankert und universell und hängt nur in ihren Ausprägungen von kulturell entwickelten Emotionsnormen ab. Die Gefühle anderer sind uns zugänglich, weil sie mit einem universell verbreiteten mimischen, gestischen und sprachlichem Ausdrucksverhalten verbunden sind und weil wir mit den Situationen und Lebensumständen vertraut sind, in denen sich diese Gefühle „typischerweise“ einstellen. Angesichts von Verletzung oder Tod zu lachen würde als „krankhaftes“ Gefühls-Verhalten gewertet.
Dass Gefühle
im Raum verbreitet sind, machen klimatisch-optische Metaphern deutlich, mit denen unsere rational konstruierte Sprache Gefühle zu beschreiben versucht: Eindrückender Sommertag“ oder ein „neblig-trüber Novembertag“ beschreiben emotionale Stimmungen, die im Raum verbreitet sind und auf den Menschen einwirken, ihn anstecken . Ähnlich ist es mit dem Gefühl der „dicken Luft“ im Raum. Liebe wird als „strömende Wärme“ gefühlt, die das leibliche Selbstempfinden „öffnet“.  Scham treibt die Röte ins Gesicht, Hass verzerrt die Gesichtszüge und „zerfrisst".  Wut „steigt in mir auf“. Kummer und Trauer „überfallen“ mich und machen „das Herz schwer". Insbesondere das Eintreten in die Atmosphäre einer Trauergemeinde ist ein Beispiel für Verhaltenserwartungen, aufgrund deren wir unsere Gefühlsempfindungen unterdrücken mit der Folge, dass eine vorher eventuell vorhandene Fröhlichkeit verloren geht, die Gefühle selbst also sich der Atmosphäre anpassen. „Trauer“ ist eine im Raum verbreitete Stimmung („Atmosphäre“), die, wenn sie einen Menschen ergreift, zur leiblich spürbaren Traurigkeit wird.
Eine „räumlich ergossene Atmosphäre“ kann ich distanzierend wahrnehmen wie ein traurig gestimmter Mensch, der auf ein albernes Fest gerät. Normalerweise würde ich leiblich ergriffen von dem in der Atmosphäre liegenden Gefühl.
Das
Behagen in der warmen Badewanne, ein anderen Beispiel von Schmitz, ist zunächst ein individuelles leibliches Empfinden. Bei Hinzutretenden kann es das Empfinden der Scham auslösen - als Widerstand gegen die ansteckende Wirkung des Behagens - oder als angenehm-erotische Atmosphäre zum gemeinsam empfunden Gefühl werden.

Schmitz unterscheidet solche räumlich ausbreiteten und machtergreifenden Gefühle von leiblichen Regungen, die nur individuell sind: „Wenn ein Frischer unter lauter Matte kommt, von denen er etwas erwartet, wird er den Kontrast längst nicht so gebieterisch spüren und sich viel leichter darüber hinwegsetzen können.“ Das umgangssprachliche „Hungergefühl“ überträgt sich nicht als räumliche Atmosphäre, sondern ist eine individuelle leibliche Regung.

Wut, Lust Freude gibt es also als leibliche Erfahrungen, die sich nicht zwingend räumlich übertragen. Ein Raum kann allerdings auch so erfüllt sein von Freude, dass sie zu einem raumgreifenden Gefühl wird und „ansteckend“ wirkt. Am Beispiel der Scham wird offensichtlich, dass nicht jeder, der in einem Gefühlsraum der Scham steht, sich leiblich beschämt fühlen muss. Es gibt Situationen, in denen ich mich für jemand anderen schämen kann, der sich selbst nicht schämt.Dieses Berührtsein ist das Betroffensein von einer Atmosphäre der Scham, an deren Quelle […] ein Mensch steht, der sich nicht schämt, aber von der Atmosphäre beschämt wird, die mit einer gemilderten, abgeschwächten Macht die Anwesenden gleichsam am Rande peinlich berührt.“ (Schmitz) Was mich in dieser Situation peinlich berührt, ist nicht eigene Scham, sondern die „Atmosphäre der Beschämung“, die zur leiblich empfundenen Scham wird.

Schmitz weist darauf hin, dass im archaischen Denken, philosophiegeschichtlich also bis zu Demokrit und Platon, die Auffassung verbreitet war, dass Gefühle überpersönliche „ergreifende Mächte“ sind. Erst mit der klaren Trennung zwischen Körper und Seele wurden Gefühle der subjektiven Innenwelt des Menschen zugerechnet, die sich dem Regime des Verstandes entzieht.

Emotionen und Gefühle - zwischen Körper und Geist

Der Neurobiologe Mario Damasio unterscheidet zwischen Emotionen (engl. emotions), mit denen er Körperzustände bezeichnet, und ihrer bewussten Wahrnehmung und Interpretation, Empfindungen (engl. feelings). Gefühle übersetzen die Emotionen „in die Sprache des Geistes“. Emotionen sind für ihn das, was sich unmittelbar und unwillkürlich in Körpersprache, Mimik etc. zeigt. „Die Emotionen treten auf der Bühne des Körpers auf, die Gefühle auf der Bühne des Geistes.“ (Damasio) Die Amygdala ist das Emotionszentrum im Gehirn, vom Hypothalamus werden die Körperreaktionen gesteuert, mit der Aktivität des präfrontalen Cortex werden Gefühle bewusst. Zwischen diesen drei Regionen fließen Impulse, die für Gefühlsleben entscheidend sind.

Zum Beispiel kann es körperliche Gefühls-Reaktionen geben ohne kognitive Anteilnahme, also ohne bewusste Selbstwahrnehmung. Gefühle „entstehen“ oft schneller als der Verstand sie verarbeiten kann. Verletzungen der jeweiligen Gehirnbereiche haben spezifische Auswirkungen auf das Gefühls-Erleben.

Äußerlich sichtbaren Gefühlsäußerungen können unterschiedliche Gefühle zugrunde liegen – Lachen kann ausgelöst sein durch Freude, durch Kitzel, durch Witz oder auch durch Verlegenheit. Es gibt sogar Lachen aus Verzweiflung. Genauso kann man Weinen vor Freude, nicht nur aufgrund von Leid. Ich weine, das ist ein spontaner Gefühlsausdruck. Wenn ich damit nicht eine kommunikative Botschaft verbinden möchte, muss ich eine einsame Ecke aufsuchen. Ansonsten ist Weinen immer eine kommunikative Botschaft – gelegentlich auch eine theatralisch eingesetzte.
Die Spontaneität der Gefühlsäußerung ist körperlich gesteuert und lässt sich nicht immer sozialen Konventionen einpassen.

Paul Ekman beschreibt Basisemotionen, deren spezifische und gemeinsame Eigenschaften hinsichtlich ihrer Funktionen das Resultat evolutionärer Entwicklungsprozesse sind: Zorn, Furcht, Überraschung, Ekel, Freude, Traurigkeit. 

Negative Emotionen folgen dem Feuermelder-Prinzip: Sie werden spontan, unkontrolliert durch das Bewusstsein ausgelöst. Dass wir mit unseren emotionalen Reaktionen manchmal vorschnell und fälschlicherweise „Alarm schlagen“, obwohl keine Gefahr zu befürchten ist, ist dennoch sinnvoll –fatal wäre es nur, wenn die Emotion versagen und die Reaktion zu spät käme. Emotionen haben Schutzfunktionen, stärken die Aufmerksamkeit. Angst kann überlebenswichtig sein.

Der US-amerikanischen Neurowissenschaftler Joseph LeDoux hat beschrieben, wie emotionale Reize auf zwei unterschiedlichen Wegen im Gehirn verarbeitet werden. Die Amygdala nimmt die erste Bewertung vor und initiiert körperliche Prozesse - ohne bewusstes Erleben, wie empfinden sie daher als „spontane“. Wobei solche Gefühlsprozesse nicht unbedingt von äußeren Reizen abhängig sind, sie können auch durch innere Gehirnaktivitäten ausgelöst werden. Erst in einem zweiten Verarbeitungsweg über die Großhirnrinde erfolgt eine kognitive Interpretation, also das bewusste „Selbst“-Empfinden und die sozial kontrollierte Gefühls-Reaktion.

Positive Emotionen fördern das Wohlbefinden und können die Entwicklung von physischen und intellektuellen Fähigkeiten unterstützen.
„Frühlingsgefühle“ entstehen z.B., wenn Licht und der Wärme eine inaktive Vorstufe des Vitamins D in unserer Haut aktivieren und in ein fettlösliches Hormon umwandeln, das direkt auf das Gehirn wirkt. Depressive Menschen können daher mit Lichttherapie behandelt werden.
Natürlich steigert die kulturelle Erwartung von Frühlingsgefühlen das entsprechende Empfinden.

Gefühle sind etwas Intimes, Individuelles

Gefühle werden gleichzeitig erlebt und verstanden als ganz persönliche Selbst-Empfindung. In den frühkindlichen Bindungs-Erfahrungen leiblicher Kommunikation bilden sich grundlegende Gefühls-Charaktere. Die mütterliche Zuwendung, Sorge und Aufmerksamkeit erfährt und „spürt“ der Säugling über die Melodik der Sprache. Er verbindet die Wiegenlieder mit den Streicheleinheiten, die er erfahren hat. Die Klänge des „Mutterischen“ verankern sich in einer tiefen Schicht des Gefühlserlebens und tauchen – ungewusst – auf in der emotionalem Intensität des Musikerlebens bei Erwachsene – „als wäre Musik im Grunde nichts als eine akustische Simulation des Kontakts mit unserer Mutter“, formuliert Raoul Schott: „Die Augen beständig auf das Kind gerichtet, berührt die Mutter seine Hände, sein Gesicht und seinen Körper; sie verfällt in die Rhythmik des Wiegens und hält es dabei eng umarmt ... Mit ihrem gleitenden Singsang und dem stetigen Wiederholen weicher kurzer Phrasen in ruhigem Takt lässt sie ihrem Säugling jedoch genug Platz, damit er mit seinem Brabbeln und Babbeln, seinem Lachen und der Gestik seiner Hände und seines Körpers mit einstimmen kann - und jede seiner Regungen ruft wiederum bei der Mutter eine Reaktion hervor. Es ist eine komplexe Choreographie von fast tänzerischen Bewegungen, Gesängen und Sprachmelodien.“

Die spezifische Form der Selbstkontrolle der Affekte erlaubt es, dass Menschen sich wie ein Gefäß empfinden – wie durch eine Wand abgesperrt vom Außen. Das Individuum empfindet sich als Subjekt nicht in seiner Einbindung, sondern gerade in seiner potentiellen Unabhängigkeit von sozialen Bindungen. Dieses Selbstbild ist keineswegs „selbstverständlich“ oder natürlich, im Gegenteil: Es ist kulturell gewachsen. Die Wahrnehmung einer Aufspaltung von triebgesteuerten Elementen des Menschen einerseits und einer entfalteten bewusstseinsgesteuerte Ebene andererseits ist ein historischer Prozess. Eine sehr frühe Schrift, die diese Trennung zum Leitfaden hat und sogar ein Mutter-Trauma benennt, sind Augustinus’ „Bekenntnisse“ (um 400). 

Wir erleben Gefühle als begleitende Empfindungen, unbewusst bleibt die steuernde Rolle von Emotionen. Antonio Damasio fasste seine Erkenntnisse als Revision des cartesianischen Menschenbildes auf: „Ich fühle also bin ich“. Damasio hat Patienten mit einer Störung der Verbindungen zwischen Ratio und den emotionalen Gehirn-Zentren untersucht – Menschen, deren Intelligenz unbeeinträchtigt ist, die aber Fähigkeit verloren hatten, ihre Zukunft zu planen, soziale Regeln zu akzeptieren, die Risiken des eigenen Verhaltens einzuschätzen und aus Fehlern zu lernen. Ihre sozialen Handlungsroutinen waren gestört, sie waren in diesem Sinne sozial lebensunfähig geworden.

Gefühle sind soziale Verhaltensmuster

Emotionen helfen, soziale Situationen zu interpretieren und das soziale Verhalten zu steuern. Für Erving Goffman ist die Darstellung von Emotionen eine besondere Form von Interaktion – wir alle spielen Theater, bewusst oder unbewusst, authentisch oder kunstvoll. Schon Ovids „Liebeskunst“ behandelte die Begierde als etwas, das darstellend gespielt werden muss, um zur Erfüllung zu gelangen. Es gehörte selbstverständlich zur Kultur des mittelalterlichen Adels, nach der Etikette Gefühle zu „zeigen“ unabhängig davon, was wirklich empfunden wird.

Jack Katz hat am Beispiel von Wut und Scham, von Lachen und Weinen untersucht, wie Gefühle und nicht nur widerfahren, sondern auch auf kunstvolle Art und Weise hervorgebracht werden - als Ausdruck unserer Individualität. Körperliche Reaktionen sind der Kern der Emotionen (und werden als Zeichen für „Echtheit“ genommen).
Emotionen müssen gleichzeitig die Erwartungen der anderen berücksichtigen - wenn ich guter Laune bin, warum auch immer, und begebe mich in eine Trauergesellschaft, dann versuche ich zunächst, mich kontrollieren in meinem Gefühlsausdruck – und ich lasse mich schließlich von der Trauer anstecken. Nicht nur Trauer, auch Lachen steckt an.

„Besäßen wir nicht die Fähigkeit, aus der Beobachtung von Menschen ohne jegliches Nachdenken intuitive Gewissheiten über ihre Absichten und den weiteren Ablauf des Geschehens zu gewinnen, dann müssten wir uns in zwischenmenschlichen Belangen mit der Sehkraft eines Maulwurfs begnügen“, stellt Joachim Bauer fest. Ohne ein intuitives Gefühl für die zu erwartenden Bewegungen anderer würden wir nicht ohne Kollisionen durch eine volle Fußgängerzone gelangen. Menschen leben in einem „zwischenmenschlichen Bedeutungsraum“, der es ermöglicht, Gefühle und Handlungs-Absichten anderer intuitiv zu erkennen. Dieses Vermögen, „intuitive Vorstellungen und vertrauensbildende Gewissheiten über die Gefühle und Absichten anderer Menschen zu gewinnen“, wird „Theory of Mind“ genannt. Giacomo Rizolatti hat eine besondere Art von Gehirnzellen entdeckt, die auf diese Arbeit spezialisiert scheint: die „Spiegelneurone“. Besondre Nervenzellen werden aktiv, wenn ich etwas fühle oder tue, aber sie werden genauso aktiv, wenn ich sehe, wie ein anderes Lebewesen dasselbe fühlt oder tut. Die Entdeckung der Spiegelneurone war ein Hinweis auf die biologische Grundlage für Empathie, also für die Fähigkeit, Gedanken, Emotionen, Absichten eines anderen Menschen nachempfindend zu erkennen, sich auf die Gefühle anderer gewissermaßen „einzuspiegeln“. 

Spiegelneuronen verweigern ihre spezielle Aktivität, wenn die beobachtete Handlung nicht von einem lebenden Individuum ausgeführt wird, sondern von einem Apparat.

Über den evolutionspsychologischen Sinn von Emotionen

Menschen sind kulturbedürftige Wesen, sie haben im Vergleich zu anderen Lebewesen einen großen Handlungs-Freiraum. Das ist der Hintergrund für ein großes Bedürfnis nach Orientierung. Emotionen sind also mentale Programme zur Lösung von Orientierungsproblemen. Emotionen aktivieren, deaktivieren und justieren kognitiver Systeme, mit denen das Individuum eine bestimmte Situation bewältigen kann.

Emotionen wirken wie Dirigenten eines kognitiven Orchesters. Emotionen koordinieren kognitive Prozesse. Es sind übergeordnete Programme, die maßgeblich darüber bestimmen, welches „tool" der adaptiven „tool box" des Menschen zum Einsatz gelangt. Etwa Eifersucht, speziell sexuelle Eifersucht. Emotionen beeinflussen so kognitive Prozesse. Menschen erleben ihre Umwelt in selektiven Kategorien, die von ihrem emotionalen Zustand beeinflusst sind. 
Angst erhöht nicht nur die Empfindlichkeit des Gehörs, sie aktiviert die Aufmerksamkeit für alles, was mit Bedrohung und Sicherheit zusammenhängt. Angst schärft die visuelle Wahrnehmung undeutlicher Reize. Freude aktiviert Lernmechanismen. Aktuelle Speicherprozesse im Gedächtnis wie auch der Zugriff auf zurückliegende Inhalte sind unterschiedlich je nach emotionalem Zustand. 

Unsere emotionalen Erwartungen bereiten uns auf Situationen vor, in dem sie Schmerzempfindung reduzieren, Aufmerksamkeit stärken, körperlichen Stress (Flucht) vorbereiten. Beobachtetes Verhalten anderer kann selbst dann, wenn es uns nicht direkt betrifft, eigene Emotionen auslösen – etwa Mitgefühl, Mitfreunde. Emotionen dienen gleichzeitig zur Überprüfung von  Verhaltenserwartungen. Wer sich regelmäßig Bettlern zuwendet und sie emotional auf sich wirken lässt, kann damit seine Schwelle für Mitleid mit dem Elend anderer und Dankbarkeit für die eigene Lebenssituation senken.

Emotionen sind nicht nur mentale Programme zur Koordination von Handlungen, sondern auch Grundlage des gemeinsamen Antriebsmanagements sozialer Gruppen. Emotionalisierte Gruppen sind zu Handlungen fähig, bei denen jeder einzelne Hemmungen hätte. Kollektives Gelächter verbindet und auch das Hänseln eines Dritten fördert den Gruppenzusammenhalt. Wenn alle um mich herum lachen, kann ich mich dem kaum entziehen. Angst kann anstecken wie Freude. Es gibt so etwas wie eine Gefühls-„Induktion“. Die Fähigkeit zur Empathie betrifft vor allem emotionale Prozesse.

Emotionen „aus zweiter Hand“ - mediales Probehandeln

Das Medium Schrift verlangt von den lesenden (oder Zuhörenden) die Ausformung der Bilder und Gefühle durch eigene Erinnerung, durch die Sedimente des eigenen Realitätsbezugs. Das klassische Theater wie die modernen audiovisuellen Medien liefern die Gefühls-Kultur frei Haus – als Teil der der Fiktion der Bühne. Daher bevorzugen die Menschen letztere. Auch die Vorliebe zur Oper hat darin ihren Grund: Opern sprechen mit „leichter Kost“ die zentralen Themen der Gefühls-Atmosphären an. Menschen suchen mediale Vorführungen mit emotionalem Inhalt, mit Vorliebe werden Geschichten mit Liebe und Mord ausgewählt. Das Erleben von „Probehandeln“ kann eine Gefühlslagen verändern und wird vor allem gesucht, um schlechte Laune zu vertreiben.

Auch im Kino stimulieren laute Geräusche die emotionalen Reflexe von Flucht und/oder Kampf – jedenfalls für einen kurzen Moment. Medial vorgeführte Ereignisse mit vorsätzlicher Gewalt wirken dabei intensiver, alarmierender und unangenehmer als vorgeführte Ereignisse mit Maschinen- oder „Roboter“-Gewalt – es gibt einen „Reality-Kick“. Die mit wirklichem Erleben verbundenen Emotionen haben eine deutlich intensivere Qualität als die emotionale Reaktion auf konstruierte mediale Vorführungen. 

Emotionale Programme integrieren eine Vielfalt von Lebenserfahrungen. Viele dieser „Erfahrungen“ machen Menschen in spielerischen Situationen, nicht nur Kinder. Der Reiz des Theaters oder des Kinofilms liegt oftmals in der spielerischen Auseinandersetzung mit Emotionen oder emotional stark besetzten Handlungen. Das erklärt auch die besondere Faszination, die Action-Filme (für Männer) haben oder Liebesfilme (für Frauen), es erklärt den Reiz etlicher Computerspiele.

In der Sphäre der kulturellen Praxis erlernt, bestätigt oder korrigiert der Mensch eine große Vielfalt von emotionalen Handlungsmustern im Sinne von „Probehandeln“, also unverbindlich und ungefährdet. Wie alte mythologische Erzählungen führen moderne filmische Erzählungen oft eine desorientierte Lebensumwelt vor, aus der heraus der Held der Geschichte in eine Ordnungsform zurückfindet, so dass die Zuschauer sich emotional wieder heimisch fühlen können.

Medien sind attraktiv, weil sie Gefühle transportieren. Schock, Ekel, Angst oder auch Schadenfreude in medialen Darstellungen sind gewollt. Wer einen Film nach einigen Jahren zum zweiten Mal sieht, erinnert sich an die Emotionen, die der Film für ihn transportiert hat, an die Handlung meist weniger. Diese Emotionen hängen von dem ab, was der Film für alle sichtbar zeigt - aber auch von dem emotionalen Lebenskontext dessen, der den Film sieht und verarbeitet. Jedes Individuum hat ein spezifisches emotionales Gedächtnis, das zum großen Teil unbewusst ist. 

 

    siehe auch meine Texte: 

    Über mediale Fiktion im Wirklichkeits-Bewusstsein  
               http://www.medien-gesellschaft.de/html/medien-fiktionen.htmlM-G-Link
    Bigger than Life - Mammutjäger vor der Glotze

                 http://www.medien-gesellschaft.de/html/bigger_than_life.html    M-G-Link

     

    Weiterführende Literatur:

    Joachim Bauer, Warum ich fühle was du fühlst.
        Intuitive Kommunikation und das Geheimnis der Spiegelneurone (2006)
    António R. Damásio, Ich fühle, also bin ich – Die Entschlüsselung des Bewusstseins 
       (2000, engl. 1999)
    Katrin Döveling, Emotionen – Medien – Gemeinschaft:
       Eine kommunikationssoziologische Analyse (2005)
    Erving Goffman, Wir alle spielen Theater. Die Selbstdarstellung im Alltag (2003)
    Daniel Goleman, Emotionale Intelligenz (1997, engl. 1996)
    Arlie Russell Hochschild,Das gekaufte Herz. Zur Kommerzialisierung der Gefühle  (1990)
    Gerald Hüther, Biologie der Angst. Wie aus Streß Gefühle werden (2012)
       umfangreiche Leseprobe abrufbar unter
       www.onleihe.de/static/content/.../978-3.../v978-3-52501-439-4.pdf
    Hermann Schmitz, Die Liebe (2007)
    Gerhard Vowinckel, Zivilisationsformen der Affekte und ihres körperlichen Ausdrucks,
        in: Zeitschrift für Soziologie, Jg. 18, Heft 5, Oktober 1989, S. 362-377,
        online
    http://www.zfs-online.org/index.php/zfs/article/viewFile/2703/2240