Klaus Wolschner 

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Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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II
Politik
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Über traditionelle Herrschafts-Kommunikation
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Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
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Über die
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„Techniken des Selbst“

Michel Foucault hat den Ausdruck „Techniken des Selbst“ geprägt,
die Frage nach dem „Selbst“ durchzieht seine gesamte philosophische Arbeit

2020

Der französische Philosoph Michel Foucault (1926-1984) konzentrierte sich in seinen frühen Arbeiten auf die Frage: „Wie funktioniert Macht?“ Für Foucault gibt es „die Macht“ nicht, sondern nur ein „offenes, mehr oder weniger koordiniertes Bündel von Beziehungen“. Konservativ-empirischen und orthodox-marxistischen Auffassungen, die die Macht als Eigentum einer Gruppe oder einer Person begreifen, hält Foucault entgegen: Machtverhältnisse sind „keine Sache, die man innehat, kein Eigentum, das man überträgt; sondern eine Maschinerie, die funktioniert“. Die „Mikrophysik der Macht“ wirkt durch kleinste Elemente; sie ist ein Netz, das die Familie, sexuelle Beziehungen, Wohnverhältnisse, Nachbarschaft, Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse, die Psychiatrie usw. „durchläuft“ und umspannt. In „tributären” Gesellschaften wird die soziale Kontrolle durch die Großfamilie, die religiösen Institutionen und die örtlichen „Lehnsherren” ausgeübt, weil der zentrale Hofstaat sich weitgehend auf den militärischen Schutz beschränkt. Erst der moderne Zentralstaat übernimmt die Verantwortung für die „Mikrophysik der Macht”.

Die Wirkungsweise der Macht äußert sich nicht in erster Linie als „Unterdrückung“, obwohl manche Erscheinungen dazu zu passen scheinen. Macht wirkt nicht nur negativ und einschränkend, sondern ist vor allem etwas, das „Dinge produziert, Lust verursacht, Wissen hervorbringt, Diskurse produziert; man muss sie als ein produktives Netz auffassen, das den ganzen sozialen Körper überzieht“. Ein Staat kann nur funktionieren, wenn es dafür die geeigneten Subjekte gibt. Machtverhältnisse sind der „permanente Kampf um Hegemonie“, in dem um konkurrierende Standpunkte und Diskurse gerungen wird.

„Disziplin ist im Grunde der Machtmechanismus, über den wir den Gesellschaftskörper bis hin zum kleinsten Element, bis hin zu den sozialen Atomen, also den Individuen, zu kontrollieren vermögen. Es handelt sich um Techniken der Individualisierung von Macht. Wie kann man jemanden überwachen, sein Verhalten und seine Eignung kontrollieren, seine Leistung steigern, seine Fähigkeiten verbessern? Wie kann man ihn an den Platz stellen, an dem er am nützlichsten ist? Darum geht es bei der Disziplin.“ Foucault unterscheidet dabei nicht zwischen Disziplin und Selbstdisziplin – Selbstdisziplin ist die effektive Form der Disziplin. Foucault kritisiert den Ideologiebegriff, da er immer „in einem potentiellen Gegensatz zu etwas (steht), was Wahrheit wäre“ und sich zudem „zwangsläufig auf (...) ein Subjekt bezieht“.

Im Gegensatz zur marxistischen Vorstellung von Ideologie gibt es für den „frühen“ Foucault kein von der Macht abgetrenntes und mit einem freien Bewusstsein ausgestattetes Subjekt, welches die Macht unterwerfen müsste. Macht lässt sich für Foucault nicht in der Alternative Gewalt oder Ideologie (d. h. „kalkulierte“, „subtile“ Täuschung) begreifen, denn “jeder Punkt der Machtausübung (ist) zur gleichen Zeit ein Ort der Wissensbildung (...) und umgekehrt“. Wenn die Macht ausschließlich eine Unterdrückungsfunktion hätte, wäre sie sehr zerbrechlich und nicht akzeptabel für die Individuen. Der abendländische Mensch unterwirft sich dagegen “der Produktion der Wahrheit durch die Macht“ und übt „Macht nur über die Produktion der Wahrheit“ aus. Wer das dogmatische kirchliche Wissen für die Wahrheit hält, unterwirft sich damit – freiwillig – ihrer Macht und den Zwängen ihrer Glaubensordnung. 

Wenn Wissensformen in diesem Sinne Instrumente der Macht sind – wo bleibt da die Idee eines freien Individuums? Ist das Subjekt vor allem ein Unterworfenes? In seiner politischen Praxis hat Foucault durchaus protestiert und sich mit widerständigen Menschen solidarisiert, mit antipsychiatrischen Protesten, mit der polnischen Gewerkschaftsbewegung Solidarnosc oder der iranischen Massenbewegung gegen den Schah. Woher nimmt das aufsässige Subjekt Foucault sein Wissen? 

„Nun gut“, hat Michel Foucault im Januar 1978 eingeräumt, „ich glaube, ich hatte Unrecht“. Oder freundlicher: „Es ging also darum, das Problem des Subjekts wieder einzuführen, das ich in meinen ersten Studien mehr oder weniger beiseitegelassen hatte, und zu versuchen, seinen Wegen oder Schwierigkeiten in seiner ganzen Geschichte nachzugehen.“ Freunde und Gegner Foucaults hatten seinen Machtbegriff kritisiert; er selbst schien unzufrieden und unentschlossen: „Ich weiß nicht so recht, wie ich da herauskommen kann“, gestand er schon 1977.

Während in seinen früheren Studien „Macht“ vor allem etwas was, was von außen den Individuen einschreibt und sie heimlich prägt, ohne dass sie ein Bewusstsein davon haben müssen, differenziert er in seinen letzten Überlegungen: Er fragt nach Formen der Selbstführung neben den Techniken der Fremdführung. Im Herbst 1978 reiste Foucault mehrfach nach Teheran und Qom, er war fasziniert von der iranische Revolution. Im Frühjahr 1978 hatte er schon in seinen Vorlesungen am Collège de France den Begriff der über „gouvernementalité“ als Alternative zum Staatsbegriff eingeführt. Damit wollte er das Ensemble der Institutionen und Prozeduren, Analysen und Gedanken, Techniken und Taktiken der Machtausübung über die Bevölkerung bezeichnen. Die „Technologien des Selbst“ erklärte er in seinen Vorlesungen über die „Geschichte der Gouvernementalität“ so: „Wie der Schäfer die Herde führt, für sie sorgt und sie in diesem Sinne regiert, bedeutet die Regierung die Führung und die Sorge um eine Menge von Menschen wie zugleich um die Einzelnen in dieser Gesamtheit.“

Die religiöse, „pastorale“ Herrschaft wurde im 16./17. Jahrhundert, so Foucault, durch eine neue Kunst der Führung der Individuen abgelöst: Die Regierung hatte das Ziel, das Schicksal der Bevölkerung zu verbessern, „ihre Reichtümer, ihre Lebensdauer, ihre Gesundheit zu mehren«. Eben nicht nur als Disziplinarmacht, nicht nur disziplinäre Anpassung und Unterwerfung der Individuen, sondern auch deren Freiheit. Natürlich ist Freiheit des Individuums ein Kalkül der liberalen Machtpolitik, denn freie Subjekte und deren „Begehren“ bzw. deren Eigeninteresse  haben positive Effekte  für die Machthaber – der gesellschaftliche Reichtum verdankt sich dem Eigeninteresse der Subjekte im Sinne von Untertanen. „Die neue Regierungskunst stellt sich also als Manager der Freiheit dar“, erklärte Foucault nun, und  Sicherheit bedeute vor allem, die Risiken zu bewältigen, die aus den Freiheiten einer ganzen Bevölkerung erwachsen. Der Mensch als „homo oeconomicus“ und damit als „Unternehmer seiner selbst“ müsse im Interesse des gesellschaftlichen Reichtums und damit der Macht seine individuellen Kompetenzen, letztlich sein Selbst entwickeln.  Allen Verfechtern von Phantasien über den impliziten „Faschismus“ des modernen Staates hielt Foucault 1980 entgegen: Der „Wohlfahrtsstaat hat … weder die selbe Form noch denselben Ursprung wie der totalitäre Staat, der Nazistaat, der faschistische oder stalinistische Staat“.

Man mag es als bösartige Ironie der Geschichte interpretieren, dass Foucault bei seinen Gedanken vor allem durch die Erfahrung des Aufstands gegen den Schah von Persien im Jahr 1978 angeregt wurde: „Das ist vielleicht die erste große Erhebung gegen die weltumspannenden Systeme, die modernste und irrsinnigste Form der Revolte.“ Ausgerechnet in Teheran hatte hat Foucault das Subjekt gefunden. Seine allgemeine Schlussfolgerung: „Vor allem müssen wir uns selbst verändern. Wir müssen unsere Lebensweise, unser Verhältnis zueinander, zu den Dingen, zur Ewigkeit, zu Gott usw. vollkommen verändern. Nur bei solch einer radikalen Veränderung unseres Erlebens wird es eine echte Revolution geben.“ (Seh III, 936) Gerade auch der „orientalische“ Impuls faszinierte Foucault, in einem Gespräch mit japanischen Zen-Meistern formuliert er im April 1978: „Wenn es eine Philosophie der Zukunft gibt, dann muss sie außerhalb Europas entstehen, oder sie muss als Folge von Begegnungen und Erschütterungen zwischen Europa und Nicht-Europa entstehen.“   

Als sich nach der Rückkehr Khomeinis nach Teheran am 1. Februar 1979 nicht seine Hoffnung, sondern die schlimmsten Befürchtungen bewahrheiteten, fand Foucault nur zu sehr wolkigen Bemerkungen über die Risiken der „echten“ iranischen Volksrevolution. In Le Monde formulierte er: „Niemand muss glauben, diese wirren Stimmen sängen schöner als andere und sagten die letztgültige Wahrheit.“

In seinen späteren Vorlesungen, die sie letzten sein sollten, thematisierte er nicht seinen Irrtum und die  Machtstrukturen des islamischen Fundamentalismus, sondern suchte wieder bei den Philosophen der Antike nach der „Hermeneutik des Subjekts“ und Anregungen für die „Technologien des Selbst“. Dort verweist er u.a. auf die platonische Figur des Alkihiades und die sokratische Kultur der „Sorge um sich“: Sokrates hilft dem ungefestigten Jüngling Alkibiades, sich bewusst zu werden, was er alles nicht weiß über sich selbst, und wie er an sich arbeiten muss, um Selbstbeherrschung zu erlangen. Das waren allerdings auf dem Reichtum einer Sklavenhalter-Kultur freischwebende Subjekte, die ihre philosophischen Gedanken zur Mehrung ihres Sozialprestiges betrieben.

 

    Zitate u.a. aus:

    Philipp Sarasin, Foucaults Wende (2017)
    Michel Foucault: Andere Räume. In: Aisthesis, Wahrnehmung heute oder Perspektiven einer anderen Ästhetik, hg. u.a. von Barck (1990)
    Michel Foucault: Schriften in vier Bänden, hg. von Defeit/Ewald (2001-2005)
    Michel Foucault: Geschichte der Gouvernementalität, Bd. I: Sicherheit, Territorium, Bevölkerung; Bd. II: Die Geburt der Biopolitik. Vorlesung am College de France 1977-1978, hg. von Michel Sennelart (2004)

    s.a. meine Texte
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