Klaus Wolschner                    Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien
-Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen”

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Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert des Auges

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Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne

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POP 55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt
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Das oral-visuelle Selbst

2020

Über Selbst-Empfindungen vor der Schriftkultur und vor der „Macht des Wissens“.
Und über die Wiederkehr der archaischen suggestiven Bildkraft
in Zeiten massenmedialer audiovisueller Medien

Das „Selbst“ in oralen Kulturen

Das menschliche Selbstverständnis in oralen Kulturen ist an die unmittelbare leibliche Erfahrung und an die immer wieder erzählten Stammes- und Familien-Geschichten gebunden. Das orale Selbst-Bewusstsein ist wesentlich ein Kollektiv-Bewusstsein, es gibt kein „Ich“, das sich von der Sippe absetzen kann. Der Einzelne glaubt, was die Sippe glaubt. Der Einzelne tut, was die Sippe ihm zu tun vorgibt. Am Beispiel des australischen Totemismus hat schon Emil Durkheim eine Gemeinschaft beschrieben, die durch eine Gleichförmigkeit des Handelns und auch des Denkens und Empfindens im Sinne eines „Kollektivbewusstseins“ gekennzeichnet ist und in der die Lebenswelt so dominant ist, dass kein Spielraum für individuelles Selbst-Bewusstsein bleibt.

Solche Formen von vormodernen Kollektivbewusstsein haben gewöhnlich religiöse Gestalt. Die absolute Autorität erscheint personalisiert und wird durch Fetisch-Artefakte und durch kollektive performative Rituale - körperliche und Sprech-Rituale - in ihrer Verbindlichkeit bestätigt. Die Personalisierung überträgt wie eine Metapher ein aus der Sippe bekanntes Autoritäts-Modell auf die gesamte Gemeinschaft – Gott ist Vater (oder Mutter). Das Kollektiv-Bewusstsein schafft soziale Realität.

In totemistischen Kulturen wurde oft mit Tiersymbolen die Allmacht eines Herrschers ausgedrückt. Mystische Artefakte signalisieren (göttliche) Allmacht und Allwissen. Die Zeichen erweitern das Körperbild des Herrschers um Identitätsvorbilder in doppelter Hinsicht: Das „Selbst“ eines ägyptischen Pharaos ist ein kollektives Selbst, er ist ein Glied einer unsterblichen Dynastie.

Gleichzeitig erweitern die Bildzeichen des Pharaos seine Figur um die Dimension einer mystischen höheren Wirklichkeit, er ist irdischer Machthaber und Gott zugleich. Masken machen diese transpersonale Wahrnehmung sichtbar. Das vollkommene, stilisierte Körperbild lässt den Pharao als Mensch und gleichzeitig als Verkörperung der göttlichen, theokratischen Macht-Ordnung erscheinen.

Sein Bart, zum Beispiel, ist ein Teil der Stilisierung des göttlichen Pharao. Der natürliche Bartwuchs wurde rasiert, Form und Länge des Kunst-Bartes war rangabhängig. Auch das Totenbildnis des Sarkophags trägt den Osiris-Bart – Osiris war der Gotte des Jenseits, also Totengott, Gott der Wiedergeburt und des Nils. Der Osiris-Bart gehörte zur Diesseitigkeit wie zur Jenseitigkeit. Der Bart ist somit Zeichen höherer ewiger Macht. Die Kunst visualisiert die Durchdringung des Wirklichkeits-Bildes mit den Zeichen der transzendenten höheren Wahrheit. Die Totenmaske Tutanchamuns (ca. 1330 v.u.Z.) zeigt neben dem Glanz seiner Göttlichkeit den Osiris-Bart. Die göttliche Symbolik war im alten Ägypten sogar wichtiger als die männliche: Der Osiris-Bart konnte im Fall der weiblichen Erbfolge auch Frauen schmücken. Auch die Bildnisse der berühmten Königin Hatschepsut (ca. 1500 v.u.Z.) unterstrichen ihren Herrschaftsanspruch mit dem Osiris-Bart. 

Die ägyptische Mythologie kannte keine „Seele“, dafür aber einem unsterblichen Doppelgänger, Ka (bzw. Ba). Er wurde oft durch einen Vogel symbolisiert, er kann im Flug die göttliche und die menschliche Sphäre verbinden, auch Ka wurde mit dem Osiris-Bart dargestellt. Ka ist das Licht, die Lebenskraft, das unzerstörbare ewige Sein, das sich nur für eine Lebensdauer inkorporiert. Doppelbildnisse zeigten sowohl den Lebenden als auch den eigentlich unsichtbaren Ka.

Bild-Statuen wurden in der Antike mit Nahrungsmitteln, Waschungen und dem Einkleiden in kostbare Gewänder mit Verzierungen und Geschmeiden versorgt. Wer den Götterstatuen die Ehrung verweigerte wie die frühen Christen im römischen Imperium, der gefährdete das Staatswohl.

„Selbst“ im späten Mittelalter

Der Psychotherapeut Folker Fichtel (1) hat die Frage aufgeworfen, wie „das psychische Haus, in dem das mittelalterliche Selbst wohnt“, ausgesehen haben könnte. Und zwar nicht bei den Eliten, die schriftliche Zeugnisse hinterlassen haben, die in ihren Selbst-Konzepten über das antike Wissen geprägt waren, sondern bei dem einfachen Volk. In schriftlichen Dokumenten kann man höchstens zwischen den Zeilen nach Hinweisen auf das Selbst des „gemeinen Mannes“ suchen, es geht um die Suche nach Sinn vor der Sprache.

Fichtel interpretiert die Bildwelten des niederländischen Malers Hieronymus Bosch (ca. 1450 – 1516) als Zeichen für sich vorsprachliche Bewusstseinsräume. Boschs malerische Visionen von apokalyptischen Landschaften, Lichttunneln, exotisch-phantastischen Paradiesgärten, von Chimären, hybriden Mischwesen aus zoomorphen, anthropomorphen und vegetabilen Elementen waren nicht als kreative Imaginationen eines geniale Künstlers, sie verraten auch viel über die Phantasien, die die zeitgenössischen Betrachter in ihnen gesehen haben müssen.

Denn der „spürbare Leib“ (2) war nicht wie in dem modernen Selbstverständnis ein abgeschlossener Körper, dessen Funktionsweise durch Mechanik und Biologie beschreibbar und verständlich ist. Das leibliche „Ich“ war durchlässig für Wirk-Kräfte, die in der Terminologie der Aufklärung als „Aberglaube“ oder als pathologisches psychisches Erleben diskreditiert wurden. In der magischen Bilderwelt der mittelalterlichen Kunst treten sie uns entgegen.

Vormoderne Bild-Artefakte wurden nicht als symbolische Repräsentanz begriffen, für den mittelalterlichen Betrachter war das Heiligenbild nicht einfach ein Abbild einer gedachten höheren Wirklichkeit. „Es war Teil einer höheren Seinsform, war Teil des Dargestellten“ (Fichtel), so wie die Hostie in der Abendmahls-Feier nicht das Symbol des Leibes Christi ist, sondern Teil des Leibes selbst. Bild-Artefakte konnten weinen und bluten, heilkräftige Substanzen ausschwitzen oder Feinde und Geister abschrecken.

Der Betrachter war durch das Heilige im ein Bild-Artefakt unmittelbar mit dieser höheren Realität verbunden, er erfuhr geradezu sinnlich-körperlich eine „Ausweitung des Alltagsbewusstseins“, eine körperausweitende Seinsdimension: „Als Gotteserfahrung ist diese Erfahrungsdimension das Fundament eines theologischen Weltbildes, in dem sich das Subjekt als Teil eines umfassenden Schöpfungsplans versteht“ (Fichtel), der nur geahnt werden kann und für die sprachliche Vernunft unbegreiflich bleiben muss. Der Sinnzusammenhalt wird mantisch erfahren und gespürt. In der visuelle Immersion erlebt der Mensch das Einswerden mit dem Unendlichen im Endlichen, wie Friedrich Schleiermacher formuliert hat.

Diese körperübergreifende und körperausweitende Seinsdimension kommt in der Vorstellungswelt der Besessenheit zum Ausdruck. Die Vorstellung der Besessenheit gibt es in fast allen menschlichen archaischen Kulturen. In einer 400-seitigen Studie hat Traugott Konstantin Oesterreich („Die Besessenheit, 1921) das Phänomen beschrieben und als Spaltung des Persönlichkeitsbewusstseins analysiert. Noch bis ins 20. Jahrhundert „glaubten“ viele Menschen an Zustände durch Besessenheit, obwohl die kulturell dominante „aufgeklärte“ Interpretation die Phänomene psychopathologisch interpretierte.

Die vor-aufklärerische Interpretation, dass hier Ahnen, Götter, Dämonen und der Teufel in die Person hineinwirken, kann auch auf diverse „Stellen“ in der Bibel und anderen heiligen Schriften verweisen, so gibt es noch heute Experten für Exorzismus  in verschiedenen Erzbistümern der katholischen Kirche, die sich mehr dem biblischen Zeugnis als der Aufklärung verbunden fühlen. „Der Wandel von der mittelalterlichen zur frühneuzeitlichen Psyche ist gekennzeichnet durch eine fortschreitende Abdichtung der Alltagsinstanz des ‚Ich‘ gegenüber transpersonalen Erfahrungsräumen und gleichzeitig einer zunehmenden Subjektivierung als Prozess einer Selbstreflexion, die das Individuum als solches erst konstituiert“, fasst Fichtel zusammen, wobei der Prozess offensichtlich in der frühen Neuzeit keineswegs für die Mehrheit der Bevölkerung abgeschlossen war.  

Über die Techniken des Gebets und der Kontemplation, die sich im 13. und 14. Jahrhundert verbreiteten und in den Stundenbüchern ihren gedruckten Niederschlag fanden, konnte auch der meditierende Adelige an der höheren Realität teilhaben und die göttliche Atmosphäre spüren. Insbesondere die Heiligen-Legenden sind voller Beispiele für die Vorstellung der Durchdringung des menschlichen Körpers mit göttlichen (und teuflischen) Kräften. Das „Ich“ des Heiligen ist nicht an das Gefäß des irdischen Leibes gebunden und in ihm abgeschlossen, sondern passiv leidend und aktiv handelnd mit der höheren göttlichen Wirklichkeit verschmolzen. 

Wo ist das Ich-Bewusstsein entstanden?

Aus dem letzten Jahrtausend v.u.Z., so jedenfalls der amerikanische Psychologe Julian Jaynes, gibt es schriftliche Zeugnisse, die die ersten Zeichen eines neuen Ich-bezogenen Bewusstseins dokumentieren. Erst in den assyrischen Staatsbriefen des siebten Jahrhunderts v.u.Z. erscheint die Welt der Herrscher als eine der Empfindlichkeiten, Ängste, der Habgier, Widerborstigkeit und Bewusstheit.Erst in der griechischen Kultur seit dem 6. Jahrhundert ist „psyche“ nicht mehr der Atem, sondern eine Metapher für die Seele. Aus derselben Zeit stammt die Aufzeichnung der Geschichte von der Vertreibung aus dem Paradies – die Menschen können sich dem Willen der Götter, also dem Kollektiv-Bewusstsein widersetzen und empfinden Scham, haben also individuelles Selbst-Bewusstsein. Jedenfalls privilegierte Menschen, die Macht über andere und über Reichtümer haben. (zu der Frage, wie sich in archaischen Texten die Anfänge eines Ich-Bewusstseins darstellen, vgl. meinen Text „Wie das Ich entstand“  M-G-Link)

Visuelles Bewusst-sein

Auch wie wir das sehen, was wir sehen, ist das Ergebnis eines kulturellen Lernprozesses. Das Geheimnis des Seh-Sinns liegt darin, wie der reine Anblick des Bildträgers mit Sinn ausgestattet wird. Von der äußeren phänomenalen Welt filtert das Gehirn nur einige Reize heraus, denen es „Aufmerksamkeit” zukommen lässt und die damit (bewusst) wahrgenommen werden. Vollmer: „Die subjektiven Erkenntnisstrukturen ... (haben sich) im Laufe der Evolution in Anpassung an diese reale Welt herausgebildet.“ Unser Wahrnehmungssystem liebt dabei keine Zweideutigkeiten, es neigt dazu, dem Bewusstsein eine eindeutige Interpretation vorzuführen. Die Wahrnehmung dient der Orientierung, um ein sinnvolle Reaktion vorzubereiten. Es sei deshalb biologisch zweckmäßiger, interpretiert der Evolutionsbiologe Vollmer, sich für eine spezielle Interpretation zu entscheiden – auch wenn sie nur 50 Prozent  Erfolgsaussicht bringt. Der größere Anteil des handlungs-steuernden visuellen Gedächtnisses ist allerdings unbewusst. (siehe dazu den Text über Bilder im Kopf.   M-G-Link)

Das vormoderne Selbst und das Schriftsprachen-Selbst

Die Welt, die wir aus eigener leiblicher Erfahrung und durch unsere fünf Sinne kennen, ist äußerst klein. Gleichzeitig ist unser „Welt-Bild“, also unser geistiger Horizont weit, umfasst seit den Anfängen des menschlichen Nachdenkens sogar die Sterne und das Weltall, mit denen höhere Mächte in Verbindung gebracht wurden. Wir „wissen“ vieles über die Zeit vor unserer Geburt und denken vieles über die Zeit nach unserem Tod. Gibt es einen Unterschied zwischen Wahnvorstellungen und solidem Wissen, wer formuliert die Kriterien?

Sicher für die leibliche Erfahrung ist nur das, worauf wir uns in unserem Handeln verlassen können: Ein schwarzes Gebilde auf dem Boden kann ein Loch sein, ein rotes Flackern eine heiße Flamme. Ein „Fremder“ kann uns unfreundlich behandeln. Es gibt leibliche Erfahrungen, wir merken uns Gesichter von vertrauenswürdigen Menschen und Geräusche im dunklen Wald, die nicht gefährlich sind.

Menschen „lernen“ aber vor allem durch ihre Sprache. Wobei die ethnologischen und linguistischen Forschungen von Daniel Everett bei dem Amazonas-Volk der Piráhá zeigen, dass allein die Sprachlaute in oralen Kulturen vergleichsweise wenig über das begrenzte Blickfeld hinaus führen. Sie begleiten vor allem die Gesten. Der Missionar scheiterte an der Kultur der Piráhá, weil sie nur das zu glauben pflegen, was von einem Augenzeugen bezeugt und berichtet wird – und für die Wunder von Jesus gab es keine Augenzeugen. Schrift war für sie kein Wahrheits-Kriterium, Wissen daher begrenzt auf den Erfahrungshorizont von zwei oder drei Generationen.

Das Medium der großen Erweiterung unseres engen persönlichen Erfahrungs-Horizontes ist also nicht schlicht die Sprache, sondern die differenzierte Schriftsprache. Erst die „elaborierte“ Sprache eröffnet den Zugang zu Wissen, das nicht spürbar oder sichtbar ist, sondern als sprachlich abgespeichertes Wissen unabhängig von den Köpfen anderer Menschen vorhanden ist und der damit das Wissenspotential der Menschen von dem der intelligenten Tiere unterscheidet. Nur über das „gespeicherte“ Sprachwissen kommt es zum dem Wagenheber-Effekt (Michael Tomasello), intelligente Affen lernen nur über das Vor- und Nachmachen, Menschen über Erzählungen. Neben dem Wort, dem logos, verblassen alle anderen Wissens-Quellen in der Kulturgeschichte des Menschen – allerdings nur für die Gebildeten. Die Schriftkultur war über 2000 Jahre eine Herrschaftskultur, wer über die Schrift verfügte, verfügte über Macht. Wissen bedeutet Macht über die Köpfe der anderen, des Volkes. 

Wenn die  europäische Aufklärung den Aberglauben bekämpft hat, dann ging es darum, das Erfahrungswissen des Volkes durch das Schriftwissen der Gebildeten zu ersetzen. Das Volk war immer skeptisch gegenüber dem reinen Bücherwissen, außerhalb der Schriftkultur gilt: Sehen ist Glauben. Sich auf seine fünf Sinne zu verlassen ist evolutionär, also von seiner biologischen Grundausstattung her  verankert im menschlichen Gehirn. Die dem Gehirn von den Körpersinnen zugeführten Information werden als besonders glaubwürdig bewertet.

Wie irritiert die Vertreter der Aufklärung darüber waren, zeigt ihre Ratlosigkeit angesichts immer neuer technischer Medien, die seit dem frühen 19. Jahrhundert die Phantasie des Volkes beflügelten. Wie schon zuvor gegen die Attraktion des Films war gegen die Attraktivität des Fernsehens kein Kraut gewachsen. Vergeblich versuchten die gebildeten Stände, das neue Medium als Bildungsanstalt zu benutzen und es auf den Kanon der klassischen Schriftsprachen-Bildung zu beschränken. An der rasanten Durchsetzung des Unterhaltungsfernsehen mit seiner Bildsprache, die die Emotionen direkt anspricht, lässt sich zeigen, mit welcher Macht der visuelle Eindruck den menschlichen Verstand an den Rand drängt. Die audiovisuellen Medien bringen aber nicht eine einfache Rück-Verschiebung des Verhältnisses von Sprach-Wissen zu körpersinnlichen Erfahrungen – diese Ebene der körpersinnlichen Erfahrungen war für die Mehrheit der Bevölkerung bis ins 20. Jahrhundert in ihrem alltäglichen Leben dominant gewesen. Was sich verschiebt, ist die Wahrnehmung des Weltwissens über Bilder. Allein aufgrund der Bilder von Vietnamkrieg hat die Mehrheit der Bevölkerung verschiedener Länder in den späten 1960er Jahren das Vertrauen in ihre gewählten politischen Führer verloren – während früher gewöhnlich die Außenpolitik einer „Nation“ breite Unterstützung erfuhr. Dieser erstaunliche Gesinnungswandel beruhte nicht auf klassischem Wissen, auf der Kenntnis der komplexen Realität, wie sie durch die Lektüre von Büchern gewonnen werden kann, sondern auf Anschauungs-Empfinden.

Genauso beziehen die „populistischen“ Protestströmungen des 21. Jahrhunderts, die immun zu sein scheinen gegen alle guten Argumente und alle Appelle an den „klaren Menschenverstand“, ihre Kraft auf der Macht schlichter Bilder und der entsprechenden Bild-Interpretationen. Während die Mehrheit der Bevölkerung am Beginn des 20. Jahrhunderts, was ihr „Weltwissen“ angeht, noch keine andere Wahl hatte als den gebildeten Führern zu vertrauen, Demokratie daher von Max Weber zu Recht als „Wahl der Führer“ beschrieben wurde, führt die suggestive Macht der massenmedial verbreiteten Bilder zu einem Vertrauensverlust in die modernen Schriftgelehrten, das trifft speziell die Politiker und Journalisten.

Der Duisburger Medienpsychologe Siegfried Frey hat das mit einer kleinen Anleihe an die Evolutionsbiologie so formuliert: „Die Natur holt sich das an die Kultur verlorene Terrain zurück.“

 

    Anmerkungen und Literaturhinweise:
    (1) Fichtel bezieht seine Überlegungen auf die von Michel Foucault aufgeworfenen Fragen. Der französische Philosoph hat diese Frage nach seiner selbstkritischen Wende nicht aufgegriffen, sondern sich wieder auf das vertraute Terrain mit den antiken Schriften befasst. Auch die Wende der „iranische Revolution“, in deren populären Protest-Charakter er große Hoffnungen gesetzt hatte, hat er  nicht weiter öffentlich thematisiert. siehe dazu meine Notiz unter „Techniken des Selbst”  MG-Link
    (2) Mehr zu der Begrifflichkeit des „spürbaren Leibes“ bei Hermann SchmitzDer Leib (2011),
                s.a. die zusammenfassende Buchbesprechung in literaturkritik
    , s.a. Körper haben, Leib sein
     MG-Link
    (3) Siegfried Frey, Das Bild vom Andern: Funktionsprinzipien der visuellen Eindrucksbildung,
                in: Ralf Schnell (Hg.) Wahrnehmung – Kognition – Ästhetik (2005), S. 131

    vgl.a. die Texte
    Kultbild-Verehrung in der Antike 
    MG-Link
    Kultgeschichte des Geschnitzten, Geritzten und Gemalten  MG-Link
    Unser Gehirn liebt die virtuelle Realität
    MG-Link