Klaus Wolschner 

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Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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Politik
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Wenn der Pöbel
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Der kapitalistische Sozialcharakter

Das moderne „Ich“ ohne „Wir“: Es sind vorkapitalistische Gemeinschaftsbindungen,
die in den Gesellschaften des 20. Jahrhunderts verloren gehen
und den Menschen als flexible Arbeitskraft zurücklassen

2021/POP2-04

Warum vertrauen Menschen dem Anderen in ihrer eigenen Gemeinschaft und misstrauen Fremden? „Gemeinschaft“ bezeichnet eine soziale Umgebung, in der die Erwartung von Gegenseitigkeit herrscht. Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft bedeutet Zugehörigkeit zu einem „Wir“, einer kollektiven Identität.

Die „Familie“ als Gemeinschaft ist emotional vertraut, aber was ist eine größere Gemeinschaft? Solche Gemeinschaften sind gewachsen oder kulturell „konstruiert“.  In ihrem Zentrum steht etwas, das der Soziologe Émile Durkheim als ein „Heiliges“ beschrieben hat, etwas, das nicht infrage gestellt werden darf, ohne die Sanktionen der Wächter der Gemeinschaft zu provozieren, die mit dem Ausschluss aus der Gemeinschaft drohen. Gemeinschaften festigen sich mit imaginären Erzählungen, die durch beständiges Wiedererzählen vertraut gemacht werden.

Die Erzählungen spinnen eine Identität, in der das „Wir“ mit dem „Ich“ verwächst. In der kulturellen Identität der Gemeinschaft mischen sich Welt-Bilder mit einem sehr subjektiven Gerechtigkeitsempfinden, mit Glückserwartungen und dem Bedürfnis nach sozialer Anerkennung an dem zugewiesenen Ort.

Das Wir-Ich-Bewusstsein als Gefühl

Unser Gefühl von Freiheit entsteht, wenn wir uns vorstellen, dass wir dies oder jenes tun könnten und welche Folgen das hätte. Mit dieser „Welt-als-ob“ müssen wir unser wirkliches Verhalten dann in Einklang bringen und rechtfertigen – im Zweifelsfall Rechtfertigungen fabulieren. Zu dem Gefühl der Freiheit gehört, dass wir uns selbst gern als Helden unserer Lebensgeschichte begreifen. Passendes wird in die Erfolgsgeschichte eingearbeitet, Unpassendes möglichst „verdrängt“ und aus der bewussten Erinnerung ausgeschlossen. In der sprachlich erzeugten mentalen Analog-Welt spielt das „Ich“ die Hauptrolle. Das ist, soziologisch betrachtet, eine Ich-Illusion. Das meiste von dem, was wir als ganz individuelles „ich“ empfinden, entspricht in starkem Maße den Mustern, die andere neben mir ebenfalls als „ich“ empfinden, sodass sinnvollerweise von „Wir-Ich“ die Rede sein sollte. „Es gibt keine Ich-Identität ohne Wir-Identität. Nur die Gewichte der Ich-Wir-Balance, die Muster der Ich-Wir-Beziehung sind wandelbar“, hat Norbert Elias festgestellt. Aber das „Ich“ entwickelt sich, aufbauend auf dem Körper-Ich, zu einem mächtigen Gefühl und das Ich-Selbstbewusstsein hat das Potential der Abweichung vom Wir. Aus der Kette solcher Abweichungen schreiben wir unsere ganz individuelle Geschichte. Wir erleben dieses Ich-Bewusstsein nicht als mentales Konstrukt, sondern als Selbstverständlichkeit, als primäre Wirklichkeit.    

Auflösung vormoderner „Identität“

In traditionellen Gemeinschaften, in denen die sozialen Rollen der Menschen aufgrund von zwingenden sozialen Traditionen weitgehend festgelegt sind, ist „Identität“ kein Thema – man hat sie. Individuen in der modernen Gesellschaft „ererben“ ihre Identität nicht mehr.  Auf die Frage: „Wer bin ich?” gibt es nur provisorische Antworten. In einer Großstadt-Gesellschaft gibt es sogar „gemischte“ Identitäten. In wechselnden Interaktionen werden „Me’s“ produziert, wie Margaret Mead formulierte. Richard Sennet prägte 1998 das Wort vom „flexiblen Menschen“, es gibt sogar das Wort vom „flexiblen Charakter“, der das Paradox auf den Punkt bringt. Der „flexible Mensch“ wird von seiner sozialen Umgebung allein gelassen mit seinen Bedürfnissen nach Verlässlichkeit, Treue und dem Wunsch nach langfristigen, überschaubaren Entwicklungsprozessen.

Der „flexible Mensch“ ist aber kein „postkapitalistisches“ Phänomen, die Gesellschaft der „Singularitäten“ ist keine „postmoderne“. Es sind vorkapitalistischen Bindungen, die im 20. Jahrhundert verloren gehen, darauf hat der Soziologe Helmut Dubiel hingewiesen. Die Gesellschaften des  klassischen Kapitalismus haben sich für ihren sozialen Zusammenhalt auf vorkapitalistische, vormoderne soziale Bindungen gestützt. Die Arbeitsmoral lebte von dem alten Handwerkerstolz, die Fabriken versuchten sich als „Familie“ darzustellen, nicht als Zweckbündnisse beim Austausch der Arbeitskraft. Die Landwirtschaft war geprägt von vorbürgerlichen Bindungen an die Scholle, der Bauer hatte keinen „Job“ und auch keinen Achtstundentag. Das Bildungssystem war sozial strukturiert, höhere Bildung war ihrem Ideal nach vornehmlich zweckfrei, nicht Qualifikation der Arbeitskraft. Kaum jemand konnte außerhalb seiner Schicht seines Glückes Schmied werden. Und insbesondere die weibliche Hälfte des Himmels stand außerhalb der Logik von Lohnarbeit und Kapital, war in fast feudaler Weise dem jeweiligen Herrn verpflichtet. Die kulturellen Vergnügungen waren milieugebunden, bevor sie durch die Massenmedien für alle gleich zugänglich wurden. Die „Nation“ setzte der Gesellschaft geografische Grenzen, die für die Logik des Kapitals nur als willkürlich und störend erscheinen konnten.

Vormoderne Gesellschaften und politische Kulturen legitimieren ihre politische Ordnung mit religiösen oder religionsanalogen Erzählungen. Diese Herrschaftsordnungen organisieren die Loyalität ihrer Bürger nicht nur durch manifesten und latenten Zwang, sondern auch durch in den Herzen und Köpfen der Bürger verankerte Traditionen und Vorstellungen eines gerechten Lebens. Sie verfügten über einen Vorrat vorpolitischer „gemeinschaftlicher" Orientierungen. Dem Gläubigen hilft sein Gott, die Welt sinnhaft zu deuten und sein Leben als kohärente Lebensgeschichte zu begreifen. Wem sich dafür keine religiösen Überzeugungen anbieten, der suchte säkularen Ersatz, eine „Zivilreligion“, die für die eigene Identitätskonstruktion ein großes Dach stiftet. Die Zugehörigkeit zu einer imaginären Gemeinschaft wird gern mit den Metaphern der „natürlichen“ Zugehörigkeit zu einer Familie beschrieben und legitimiert.

Die Sozialgeschichte des 20. Jahrhunderts ist von der Auflösung dieser vormodernen Strukturen geprägt, neue Technologien haben Mobilität ermöglicht, neue Medienentwicklungen den geistigen Horizont erweitert, lokale und soziale Bindung werden flüchtig, das Gefühl für „Heimat“ fällt der geistigen Mobilität zum Opfer. Die soziale Globalisierung kappt alle Verwurzelungen, erst im späten 20. Jahrhundert werden die Menschen wirklich „flexibel“ im Sinne der Ökonomie des Marktes.

Was in der Sozialkritik oft als Krise der Identität in der kapitalistischen Gesellschaft beschrieben wird, bedeutet im Grunde erst ihre Durchsetzung gegen die vormodernen Relikte des Sozialen. Amerikanische Soziologen wie David Riesman oder auch Daniel Bell haben beschrieben, wie elementare vormoderne kulturelle Voraussetzungen der kapitalistischen Marktgesellschaft verloren gehen. Riesman unterscheidet in seiner Studie „Die einsame Masse“ (1956) den „außengeleiteten“ Charakter der modernen Massengesellschaft von dem tradierten Typ des „innengeleiteten“ Charakters, der an eine religiös fundierte individuelle Gewissensorientierung gebunden und von einer protestantischen Idee der Berufsarbeit erfüllt ist. Dieses „innen“ war natürlich in einer kulturellen Tradition verankert und in keiner Weise eine individuelle Besonderheit. Der „außengeleitete“ Typ lässt sich leiten von der Frage, was verdiene ich in meinem Job und was kann ich mir kaufen. Die „flexiblen“ Menschen vereinsamen in der Masse und klammern sich an Konsum und Unterhaltung, sie bleiben auf Produkte der Kulturindustrie für ihre Identitätsfindung und ihre Suche nach einer „sozialen Haut“ verwiesen. Die Kommerzialisierung der Medien, über die sich „geistige Heimat“ vermittelte, treibt die Auflösung der alten mentalen Horizonte voran. Der Knecht trägt dieselbe Hose wie der Herr und es gibt keine „Arbeiterkultur“ mehr.

Daniel Bell hat die „kulturellen Widersprüche des Kapitalismus“ (1976) darin gesehen, dass vor allem die permissive Erziehungskultur zu einer hedonistischen Selbstbeziehung des modernen Individuums führe. Die kulturrevolutionären Bewegungen der 1960er Jahre stünden im Widerstreit zu den politisch-ökonomischen Funktionsbedingungen des Kapitalismus, es sei eine „populistische“ Revolte gegen die Funktionselite der „nachindustriellen Gesellschaft“. Der konsumorientierte Hedonismus und die egozentrischen Nutzenkalküle der Individuen untergrabe zudem die kollektive Identität von Gesellschaft.

Dagegen verweist Helmut Dubiel darauf, dass frühe Denker der kapitalistischen Gesellschaft wie Adam Smith oder auch Alexis Tocqueville schon der neuen Logik der Marktvergesellschaftung vorgehalten haben, wie wenig sie von sich aus soziale Bindungen schaffen kann. Die Ethik und Kultur, die den selbstsüchtigen Individuen Grenzen setzt, entstammt nach Smith den überkommenen religiösen Überzeugungen und Wertorientierungen. Tocqueville formulierte: „Die Selbstsucht dörrt alle Tugenden im Keim aus, der Individualismus legt vorerst nur den Quell der öffentlichen Tugenden trocken... mit der Zeit aber greift er alle anderen an und versinkt schließlich in die Selbstsucht.“ Die amerikanische Gesellschaft werde von der Kultur der lebendigen protestantischen Gemeinden und dem regen nichtkommerziellen Vereins- und Clubleben stabilisiert, beobachtete er, nicht von dem neuen Unternehmergeist. Wenn Firmen Wert darauf legen, eine Vorstellung von „Betriebsfamilie“ durch vielfältige kulturelle Aktivitäten zu fördern, dann bedienen sie sich bis heute vorkapitalistischer Wertmuster, die den nackten Verkauf der Arbeitskraft kulturell einhegen sollen.

Man muss nur die Frage stellen, welche Bevölkerungsgruppen ihre Arbeit im rein kapitalistischen Sinn als „Verkauf der Arbeitskraft“ und insofern als „Job“ betrachten. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts gilt dieses Selbstverständnis nur für eine Minderheit. Die Bauern mit ihren tradierten Bindungen gehörten jedenfalls nicht dazu, die Frauen in ihrer Identifikation mit ihrer Familie und ihren Bindungen an die nicht-kapitalistische „Dienstmädchen“-Hausarbeit auch nicht, die Handwerker nicht, die qualifizierten Arbeiter mit ihrem Handwerker-Stolz sicherlich nicht. Für die kleinen Angestellten gab es kein greifbares Produkt ihrer Arbeit mehr und ihre Arbeitsprozesse wurden austauschbar, in der Angestelltenkultur schwanden die vormodernen Bindungen an die Arbeit zuerst.

Erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts verbreitete sich die vorwiegend instrumentelle Einstellung zur Berufsarbeit. Was Ulrich Beck als „Risikogesellschaft“ (1986) beschreibt, ist die kulturelle Durchsetzung des Kapitalismus - die
„Enttraditionalisierung der industriegesellschaftlichen Lebensformen“, die „Entstandardisierung der Erwerbsarbeit“ und die Individualisierung von Familienbildern und Biografie-Mustern. Bildung wird für die Karriere wichtiger als familiäre Herkunft. Höhere Bildung dient nicht mehr im alten humanistischen Sinne einer Selbstentwicklung der Persönlichkeit, sondern wird Berufsausbildung, die Kosten der Bildung werden verrechnet mit dem erwarteten höheren Einkommen. Die neue Massenkultur, die das Fernsehen verbreitet, führt alle möglichen sozialen Muster vor Augen, aus denen die Zuschauer wählen können wie im Supermarkt. Der für die frühe kapitalistische Gesellschaft stabilisierende vorkapitalistische Rahmen des Nationalstaats gerät unter die Räder der Globalisierung.

Was in der zeitgenössischen Kulturkritik als Symptom einer Krise und als Übergang zu „post“- oder „nach“-kapitalistischen Formen der Gesellschaft interpretiert wird, bedeutet eigentlich die Durchsetzung zweckrationaler, marktkonformer Verhaltensweisen. Reste der tradierten Kultur werden überwunden, wenn dem Kapital keine nationalen Grenzen mehr gesetzt werden, wenn die Frauen dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen und keine Familienbindung mehr ihren Einsatz nach den  Erfordernissen der jeweiligen Produktion bremst. Wenn Individuen weniger Bindung an den Inhalt ihrer Arbeit und ihre menschliche Arbeitsumgebung haben als an den Lohn als Preis für ihre Arbeitskraft, dann entspricht das der Logik des Kapitalismus.

Die kapitalistische Wirtschaftslogik schafft aus sich heraus keine sittlich verpflichtenden Motive für die moderne Gesellschaft mehr.  Nach ihrer liberalen Idee soll die moderne Gesellschaft ihre Einheit „allein durch den moralisch neutralen, vom Staat gesetzten Rechtszwang und durch die individuellen Nutzenkalküle ihrer Bürger“ (Dubiel) finden.

In modernen Gesellschaften stehen grundsätzlich alle kulturellen Traditionen zur Disposition, das betrifft auch die Maßstäbe der Sittlichkeit. Wo die öffentliche Diskussion über eine richtige und gerechte Gesellschaftsordnung zu einem partiellen Konsens führt, wird der gleich wieder infrage gestellt. Die ökonomischen, sozialen und kulturellen Verwerfungen gehören zum Alltag moderner Gesellschaften; wer in sie einwandert, unterliegt kaum noch einem Zwang zur Integration – es gibt in der Großstadt Echokammern ethnischer Subkulturen.

Nach der liberalen Philosophie solle, so Helmut Dubiel, die moderne Gesellschaft einen „ethischen Konsens“ auch nicht anstreben: „Die demokratische Gesellschaft sollte auf jede — und noch so schwache — Suggestion von Einheit verzichten.“ Es sei eben eine Gesellschaft, die sich einzig in der „institutionalisierten Anerkennung ihrer normativen Desintegration integrieren kann“. Da wird die innere Zerrissenheit als Bedingung für die Freiheit des Einzelnen zur eigentlichen Qualität dieser Gesellschaften. Die Spaltung der Gesellschaft in unversöhnliche Gruppen wird in der Theorie der demokratischen Republik nur überwunden durch das System ihrer Repräsentation auf der politischen Bühne, auf der die Kompromisse ausgehandelt werden.

Die Erscheinungsformen des modernen Populismus, so Dubiel in seinem „Gespenst“-Aufsatz 1985, werfen aber die Frage auf, ob der Verweis auf demokratische Verfahren, der Appell an einen „Verfassungspatriotismus“ wirklich die ethnisch-kulturelle Gemeinsamkeiten ersetzten kann, die bisher die „bürgerliche“ Gesellschaft mit Elementen eines vorbürgerlichen Sozialethos zusammengehalten haben. Offenbar sehnen sich viele Menschen nach den vormodernen Mustern des sozialen Zusammenhalts. „Multikulturelle Gesellschaft“ ist zu einem Negativ-Stichwort geworden mitten im Prozess der ökonomischen und kulturellen Globalisierung. Beim Gedanken an die Verfassung wird es keinem Patrioten warm ums Herz.

Eine Gesellschaft braucht für ihren Zusammenhalt „eine stärkere emotionale Bindefestigkeit als die Liebe zum Grundgesetz“ und das Bekenntnis zum Pluralismus, das ist das Fazit von Jan Plamper in seinem Buch „Das neue Wir“ (2019), einer Studie über die Migrationsgeschichte der Deutschen. Nicht nur weil eine moderne Gesellschaft immer auch eine der Einwanderer ist, braucht sie ein Identitätsangebot, das das der Einwandernden ablösen kann. Egal ob „Leitkultur“, „Heimat“ oder „Patriotismus“, die Menschen wollen sich mit ihrem Gemeinwesen mit mehr Emotionen verbinden als der nüchterne „Verfassungspatriotismus“ enthält. Wer das nicht anbietet, überlässt das Feld denen, die den totalitären Irrtum verbreiten, sie könnten aus einer pluralistischen Gesellschaft eine homogene „(Volks-)Gemeinschaft“ machen.

Säkularisierungslegende

Der Verzicht auf religiöse oder quasi-religiöse Bindungen fällt offenbar sehr schwer. „Die alten vielen Götter, entzaubert und daher in Gestalt unpersönlicher Mächte, entsteigen ihren Gräbern, streben nach Gewalt über unser Leben und beginnen untereinander wieder ihren ewigen Kampf“, stellte Max Weber (1917/1919) fest. Die sozialistische Bewegung lebte lange Zeit von einer Mischung aus Religionsfeindlichkeit und eigenen quasireligiösen eschatologischen Visionen. Der Verzicht auf nationale Identität als Ersatzreligion fällt den Deutschen trotz der Verbrechen des Nationalsozialismus schwer. Der öffentliche Stellenwert von Religion und Religionsgemeinschaften ist zwar seit dem „Zeitalter der Aufklärung" kontinuierlich gefallen, seit den 1970er Jahren spielen institutionalisierte „Konfessionen“ im alltäglichen Leben kaum noch eine Rolle. Die tiefe Sehnsucht nach Transzendenz scheint aber geblieben, die Suche nach einer bedeutungsgesättigten Lebensführung. Eine Individualisierung des religiösen Bekenntnisses findet statt, ein Wandel des Religiösen. Die alten Kirchen forderten die Mitgliedschaft der ganzen Person und ihrer Familie, die neue Religiosität ist lebbar als eine Facette des flexiblen Individuums. Das Bekenntnis zu transzendenten Wahrheiten findet nicht mehr als öffentlich sichtbares Ritual statt, es verbirgt sich in psychischen Prozessen des Individuums. Aber wem sollen diese Individuen vertrauen? Vertrauen, das wissen Mediziner, ist ein wesentlicher Resilienz-Faktor - egal wem der geschwächte Mensch vertraut.  Denn Vertrauen hilf, die gegebene Situation in ein Sinngefüge einzuordnen und sich mit kleinen Problemen zu arrangieren, weil es nicht sofort um alles geht.

Das unrettbare Individuum – die Jahrhundertwende

An der Wende zum 21. Jahrhundert sind die Menschen von der Intelligenz der Computer und der totale Vernetzung der Kommunikation zwischen Menschen und Maschinen fasziniert und beängstigt gleichzeitig.

Das war in der geistigen Krise der letzten Jahrhundertwende nicht anders. Manchmal hilft ein historischer Vergleich, eine neue Situation einzuordnen. Der kulturelle Umbruch der Jahrhundertwende um „1900“ war auch eingebettet in eine Revolution der Kommunikationsmittel: Massenpresse, Fotografie, Film und neue Tontechniken faszinierten die Menschen, weil sie die primäre Kommunikation vom Körper ablösten. Man konnte Menschen ganz nah auf der Leinwand spazieren sehen, die nicht „da“ waren, und Stimmen hören, wo keine Sprecher waren. Die elitäre, aufklärerische, bildungsbürgerliche Kultur fremdelte mit der neuen Kulturindustrie. In den Großstädten gingen die traditionellen Bindungen des Menschen unter, nicht mehr seine Herkunft bestimmte seine Identität, sondern das, was er aus sich macht. Die Naturwissenschaften revolutionierten das Wissen und lehrten, dass die menschlichen Sinne nur trügerische  Wahrheiten zeigen konnten. Ernst Mach verkündete: „Das Ich ist unrettbar.“ Siegmund Freud postulierte die Herrschaft des Eros über den Charakter. Die Avantgarde der Künstler dokumentierte in Musik und Malerei das Gefühl der Orientierungslosigkeit – insbesondere im Wechselbad der Gefühle des Ersten Weltkrieges. Futuristen und Wandervögel, Industriearbeiter und Stahlunternehmer suchten neuen Halt und fanden ihn in einer kollektiven Gemeinschaftsidentität: Der Nationalismus versprach die schwindenden geistigen Ordnungsmächte der Kirche und der feudalen Herrschaftsordnung zu kompensieren. Die alten Eliten der Arbeiterbewegung setzten dem „Faschismus“ ihre heilsgeschichtliche Hoffnung auf den Sozialismus entgegen. Beides waren Erfindungen der Eliten, „Nation“ und „Sozialismus“ wurden die zentralen Begriffe für populistische Kommunikationsstrategien, die den Massen Heimatbewusstsein versprachen. Und sie befriedigten die Machtphantasien der Männer in einer Zeit, in der die großen Maschinen den Mann klein gemacht und die Entdeckung des Eros ihn erniedrigt hatte.

Gemeinschaftsideologien des 20. Jahrhunderts

Der Nationalsozialismus bzw. Faschismus zerbrach nicht an inneren Zweifeln, sondern an der Übermacht der äußeren militärischen Gegner. Der Kommunismus konnte als Teil der siegreichen Anti-Hitler-Koalition überleben, erst die Unfähigkeit, Technologie und Produktivität in dem versprochenen Maße zu entwickeln und zu organisieren, ließ ihn scheitern. Das machtpolitische Scheitern des Kommunismus ließ Nostalgie nur bei denen zu, die ihn nicht erlebt hatten. Der Nationalsozialismus war wegen seiner Verbrechen diskreditiert, nicht als Ideologie der Volksgemeinschaft.

Warum können Trümmerstücke dieser antidemokratischen Identitätsangebote des 20. Jahrhunderts dennoch überleben? Die aktuellen populistischen Erzählungen versuchen keine Antwort zu sein auf große Existenzfragen, wie sie in der Krise um „1900“ gestellt wurden. Ihre Popularität verweist auf die eine Integrations-Schwäche der westlichen Demokratien. Besonders deutlich ist das geworden, seitdem die liberalen Gesellschaften ihre Identität nicht mehr wie in den Jahrzehnten des „Kalten Krieges“ aus der Ablehnung des Kommunismus aufbessern können.

 

    siehe auch die Texte zu
    Konsumismus oder Communis-mus
      
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    Individualität und Sozialität  MG-Link
    Techniken des Selbst    MG-Link

    Körper haben, Leib sein   MG-Link
    Kommunikatives Kraulen   MG-Link
    Bewusstsein des Selbst - über das  ICH-Erleben im Verlauf der Evolution des Bewusstseins MG-Link
    Wie kommen Menschen zu Bewusst-Sein? MG-Link
    Das Ich hat auch eine Mediengeschichte: Schrift, Buchdruck-Kultur
         und die Gesellschaft der Individuen  MG-Link
    Selbst im Netz - Identitätskonstruktionen des „Wir-Ich” und Techniken des Selbst
           in der digitalen Medien-Gesellschaft   MG-Link

    Wie kommen Menschen zu Bewusst-Sein?   MG-Link