Klaus Wolschner  Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

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III
Medien
-Theorie

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Wirklichkeits-Konstruktion
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Wie wir wahrnehmen,
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der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
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POP55

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Herrschafts-Kommunikation
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Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

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Tastende Sinnlichkeit - das gespürte Ich

Seit der griechischen Antike ist die westliche Philosophie vom Geist fasziniert.
Dieser edle Geist sollte von den Bedürfnissen des Leibes frei sein.
René Descartes fasste diese Haltung in seinem „Ich denke, also bin ich“ zusammen.
Völlig falsch, sagen und Biologen und Psychologen: „Ich taste, also bin ich“ wäre die bessere Formel. Dank des Tast-Sinnes sind wir uns unserer leiblichen Existenz bewusst. Denn der Tastsinn ist der erste Sinn und Berührung ist das, was Menschen zu Mitmenschen macht.

2022

Der visuelle Sinn gilt als der „erste“, aber er ist ein kultivierter. Der Tast-Sinn ist der (überlebens-)wichtigste Körpersinn – anders als Aristoteles und nach ihm viele Philosophen dachten. Dank des Tast-Sinnes sind wir uns unserer leiblichen Existenz bewusst: „Wir denken uns nicht selbst, sondern wir fühlen uns.“ (Martin Grunwald) Menschen können blind oder taub geboren werden, der Tastsinn ist dagegen für die embryonale und frühkindliche Entwicklung überlebenswichtig. Es ist das biologisch größte und einflussreichste Sinnessystem, übrigens nicht nur beim Menschen. Der Verlust eines größeren Teils der Haut durch Verbrennung ist lebensbedrohlich.

Die Haut nimmt nicht nur Eindrücke auf, Lust und Schmerz werden über die Haut kommuniziert wie Wärme und Kälte. Die Haut werden Gefühlszustände deutlich durch Erröten und Erblassen, durch Schwitzen und "Gänsehaut". In der Sinnlichkeit des Streichelns der Haut wird Intimität erzeugt, und ein Schlag schmerzt auf der Haut wie auf der „Seele“. Emotionen werden über die Haut vermittelt wie emotionale Störungen – ein guter Teil der Hauterkrankung haben psychische Ursachen. Der Zustand der Haut drückt oft etwas über das Wohlempfinden eines Menschen aus. Das drückt sich in unzähligen Metaphern aus - ein ausgeglichener Mensch fühlt sich wohl „in seiner Haut“, es gibt „eine ehrliche Haut“  und eine „einsame Haut“. Man widmet sich einer Sache „mit Haut und Haaren“ oder bekundet, man wolle „nicht in deiner Haut stecken“. Im Notfall muss man sich „seiner Haut erwehren“.

Der Tastsinn am Beginn des Lebens

Der Mensch wird nicht als Augentier geboren. Ein Embryo kann lediglich hell und dunkel unterscheiden, das gilt noch kurz nach der Geburt noch für den Säugling. Erst mit dem zwölften Lebensmonat sind die wesentlichsten biologischen Elemente des visuellen Systems ausgebildet. Die Ausreifung der Fovea centralis - der Ort des schärfsten Sehens – dauert bis ins vierte Lebensjahr. Für die Kultur mag der Sehsinn der entscheidende sein, nicht aber für die Biologie des Menschen. In der Kinderziehung ist es ein anstrengender pädagogischer Prozess, die Lust des Kleinkindes, die Welt mit seinen taktilen Nah-Sinnen zu erkunden, zu brechen und den Primat des visuellen Distanz-Sinnes durchzusetzen.

Schon wenige Wochen nach Befruchtung der Eizelle reagiert der Embryo auf Berührungsreize auf der Oberfläche seines gespürten Leibes. Ab der siebten Schwangerschaftswoche reagieren die neun bis 16 Millimeter großen Embryos mit einem Zucken auf Berührungsreize an den Lippen und ziehen den Kopf zurück. Kein anderes Sinnessystem ist so früh aktiv.

Warum diese Sensibilität für Berührungen? Sie wäre zum Schutz nicht notwendig in der weichen, schleimigen Schutzhülle des Uterus. Für jede Zelle in einem biologischen System gilt, dass sie auf den physischen Kontakt zu den Nachbarzellen und auf Veränderungen der Umgebung (Druck, Vibration, Wärme) reagieren muss. Es handelt sich also um einen grundlegenden biologischen Mechanismus, der sich zu der komplexen Kontakt-Sensibilität entwickelt, die wir als „Körpergefühle“ wahrnehmen. 

Ab der zehnten Schwangerschaftswoche beginnt der Fötus mit Streckbewegungen und Eigenberührungen des Gesichts seinen eigenen Körper zu ertasten. Ab der zwölften Schwangerschaftswoche beginnt er einzelne Finger zu bewegen sowie die Hände zu öffnen und zu schließen. Ab der 15. Schwangerschaftswoche beginnt er, seinen Daumen in den Mund zu führen und den Saugreflex zu stimulieren. 

Noch in der 17. Schwangerschaftswoche kann der dann 13 Zentimeter Fötus kann nichts hören, der Lebensraum ist dunkel, er verfügt über keine sensorischen Systeme für geschmackliche oder Geruchs-Wahrnehmungen. Körperlich stimulieren kann ihn nur sein Tastsinn – aber diese Stimulation ist notwendig, wenn sich ein sensorisches System entwickeln soll.

Lanugohaar, 14. SchwangerschaftswocheLanugohaar, 14. Schwangerschaftswoche

Aus Millionen von Einzelinformationen muss das neuronale System lernen, die räumliche Lage und die Position der Körperglieder in ihrer Beziehung zum Gesamt-Organismus zu ermitteln und schließlich jede Bewegung zu steuern und zu überwachen (Propriozeption). In dieser Phase wachsen dem Fötus am ganzen Körper fünf bis sieben Millimeter lange Härchen, die man „Lanugohaar“ nennt. Die kleinste Krümmung eines dieser Härchen führt zu Impulsen an das Gehirn. Sogar Schwankungen des Fruchtwassers registrieren die Sensoren dieser Haarzellen. Damit entsteht für den Fötus eine permanente körperliche Stimulationsumgebung, die für eine neuronale Stimulation sorgt. Diese Stimulation fördert das fötale Wachstum. Kopf, Hände, Füße, Rumpf und die Gesichtsmuskeln können dann einzeln und relativ koordiniert im engen Raum des Uterus bewegt werden. „Diese neuronale Erregungskette im Gehirn löst die Ausschüttung des Wachstumshormons Oxytocin aus, das ab der 16. Schwangerschaftswoche im Hypothalamus von Föten nachgewiesen werden kann.“ (Grunwald) Erst ab der 33. Schwangerschaftswoche bildet sich dieses feine Haarkleid zurückbildet.

Ab der 24. Schwangerschaftswoche reifen dann die für das Hören zuständigen Rezeptoren und neuronalen Systeme, auch dafür nutzt der heranwachsende Körper die Sensibilität von Härchen auf der Basilarmembran des Ohres. Grundwald bezeichnet vor diesem Hintergrund das Hören als „eine spezialisierte und auf eine bestimmte Körperregion begrenzte Form der Tastsinneswahrnehmung“. Die Sensibilität des Hörsystems hat vermutlich nicht den Sinn, dass uns Musik „unter die Haut“ gehen kann, sondern dient der Orientierung in einem dreidimensionalen Schall-Raum. Die zunehmenden Eigenberührungen im Gesicht führen zu einer physiologischen und emotionalen Beruhigung des Fötus als Reaktion auf Stress-Signale seitens der Mutter. Der Fötus führt vor allem seine linke Hand zum Gesicht - umso öfter, je gestresster die Mutter sich fühlt.

Auch bei Erwachsenen sind die Gesichtsberührungen die häufigste Form von Selbstberührungen, sie passieren meist unbewusst zwischen 400- und 800-Mal am Tag, vor allem in stressigen Situationen wie einer mündlichen Prüfung. Diese Selbst-Berührungen dienen der Selbst-Beruhigung. Der kurze Berührungsreiz bändigt emotionale Schwankungen und hilft sogar dem Arbeitsgedächtnis, einen Informationsverlust zu vermeiden.

Der Mund als Tast-Organ

Für einen Säugling ist der Mund das wichtigste Werkzeug zur haptischen Erkundung der Welt. Mit seinen Lippen, mit der Zunge und den Schleimhäute kann er die allerkleinsten Strukturunterschiede ertasten. In einem frühen Stadium lernt der Säugling das Zusammenspiel zwischen Hand und Mund. (siehe dazu meinen Text Orale Sinnlichkeit )  

Die neuronale Vernetzung des Körperschemas ist die Voraussetzung dafür, dass der Säugling nicht versucht, mit seinen Ohrmuscheln Nahrung aufzunehmen. Im Uterus war der Fötus verschmolzen mit dem Mutterleib, nach der Geburt ist er allein auf dieser Welt. Er muss sich in seiner Ferne orientieren und sucht die alte Nähe. Anfangs kommt seine Umwelt zu ihm, aber er muss – und will – lernen, sich seine Umwelt körperlich und geistig anzueignen. Dass die nahe Umwelt anders als im Uterus nicht warm und weich und gut ist, sondern auch garstig, kalt und hart sein kann, muss eine traumatische Erfahrung für den Säugling sein. Vielleicht erklärt sich aus diesem Schock, dass Erwachsene nichts so sehr schützen wie den Nahraum ihres Leibes. Neugeborenen sollte daher sofort nach der Geburt der Hautkontakt mit der Mutter ermöglicht werden, ungeachtet aller hygienischen Distanz-Zwänge. 

Das Nähebedürfnis der Neugeborenen ...

Isolations-Experimente an Tieren zeigen, wie sich Kontaktmangel nach der Geburt auf die verschiedenen Wachstumsbereiche und das Verhalten auswirkt. Diese Erfahrung wird schon dem spätrömischen Kaiser Friedrich II. zugeschrieben, der nach einer Chronik des Franziskaner-Mönches Salimbene von Parma herausfinden wollte, ob die „Ursprache“ hebräisch, griechisch oder gar arabisch sei. Er soll dafür im Jahre 1285 zwölf neugeborene Kinder in einem Turm isoliert haben, die Ammen durften nur Milch geben und auf keinen Fall die Säuglinge liebkosen oder zu ihnen sprechen. Keines der Kinder habe überlebt, so der Chronist. Der Verhaltensforscher Harry Harlow hat das Experiment mit Affen wiederholt.

Für die Neugeborenen führen Hautverformungen und Wärmereize, also die Berührungen beim Tragen, Streicheln, Stillen, zu Reizen, die die zellulären Wachstumsprozesse anregen. Im Gehirn der Mutter wird durch das Saugen an der Brust das Signalmolekül Oxytocin ausgeschüttet, das den Milchfluss fördert und zu einem Gefühl der Entspannung führt. Es trägt zu dem Bindungserleben bei. Das Nähebedürfnis eines Neugeborenen verschwindet natürlich nicht, wenn es schläft, im Gegenteil – gerade die körperliche Nähe hilft Neugeborenen, wegzudämmern. Eine ganze Nacht ohne Körperkontakt ist eine Zumutung für den Säugling.

... und die Entwicklung der Kultur der Distanz-Sinne

Erst langsam entwickelt sich der Sehsinn für die Erkundungen in der Ferne. Zunächst begreift der Säugling sehend vor allem das, was er körperlich greifen und tastend erkunden kann. Das visuelle System orientiert sich an den Tasterfahrungen. Deutlich wird das auch an den Experimenten, räumlichen Tiefe und Sehschärfe zu entwickeln. Hier braucht sein wachsendes Gehirn viele Übungseinheiten, um zu lernen, aus visuellen Eindrücken unbegreifliche Entfernungen zu schätzen und eine Vorstellung vom dreidimensionalen Raum zu entwickeln. Das gelingt letztlich erst, wenn er selbst sich aktiv bewegen lernt. Genauso erkundet der Säugling übrigens die Eigenschaften der Gegenstände und die Wirkungen der Gravitation durch umfangreiche Bruch- oder Schlagtests. Die Tastsinn-Erkundungen sind auch wichtige Herausforderungen für Aufmerksamkeits- und Gedächtnisprozesse. In der sensiblen Phase der ersten drei Jahre werden die grundlegenden neuronalen Netze unseres Gehirns gestaltet. Die Zentren der feinmotorischen Koordination sind übrigens auch die Zentren der Sprachentwicklung, spätere Sprachentwicklungsstörungen korrelieren mit Störungen der taktilen und haptischen Wahrnehmung.

„Erst nach Abschluss sensibler Reifungsphasen des Gehirns entwickelt sich eine Abstraktionsfähigkeit ohne direkten körperlichen Bezug zur gegenständlichen Umwelt“, fasst Grunwald zusammen – und warnt davor, Kleinkindern diese Lernprozesse vorzuenthalten, indem sie dazu verführt werden, sich mit dem Flackern des Touch-Bildschirme zu begnügen: „Digitale Welten sind für Kleinkinder daher nicht Angebote, sondern Einschränkungen der körperlichen und sinnlich erfassbaren Erfahrungswelt.“

In der späteren Entwicklung zum Jugendlichen bekommen die Distanz-Sinne - vor allem das visuelle System - eine größere Bedeutung. In der kulturellen Geschichte werden die gehobenen Vergnügen solche der Distanz-Sinne, das nennt Norbert Elias den „Prozess der Zivilisation“, körperliches Erleben bleibt niederes Vergnügen. Man hört selbst „ernste“ Musik in einer körperdisziplinierten Haltung. Die  ursprüngliche Verbindung von Musik und Tanz, die Verankerung des auditiven Fernsinnes mit der haptischen Bewegung des eigenen Körpers und der taktilen Begegnung mit dem Körper des anderen, wird zur Kultur der „Popularmusik“ herabgestuft. Mitzuklatschen oder zu schunkeln gilt als niederes  Bierzelt-Vergnügen.

Die Haut als Organ des Fühlens tritt in den Hintergrund, sie wird in der kulturellen Entwicklung wichtig als visuelles Objekt, als gesehene Haut. Die fühlende Haut wird bedeckt, bekleidet. Bekleidung wird zum wesentlichen Medium der Distanzierung, die die Möglichkeit der Berührung einschränkt. Die „künstliche Haut“ wird zum visuellen Objekt der Begierde und lässt die nackte Haut darunter nur vorblitzen, sie ist in der Kultur der Scham ein Objekt verbotener Schau- und noch strenger verbotener Berührungs-Lust.  Die zweite Haut wird zur narzisstischen Hülle verdrängter Berührungslust.

Der Scham-Kultur unterworfen wird auch der Umgang mit den Körperöffnungen und den natürlichen Ausscheidungen. Wenn etwas den Körper durch diese Öffnungen verlässt, Schleim, Schweiß oder Blut, Urin oder Kot, ist das nicht gesellschaftsfähig. Die Löcher in der Haut, über die Inneres nach außen und Äußeres nach innen gelangt, sind Zonen besonderer Aufmerksamkeit, Scham und Verletzlichkeit. 

700 Millionen tastsensible Rezeptoren

Reize brauchen, damit sie als Signale im Körper weitergeleitet werden, Rezeptoren. Die visuellen Rezeptoren finden sich in der Netzhaut, die für das Hören wichtigsten Rezeptoren im Innenohr, man riecht mit der Nase und schmeckt die Unterschiede von süß, sauer, salzig, bitter und würzig mit der Zunge, die „Färbung“ des Geschmacks passiert in der Nase. Im Unterschied zu diesen vier Sinnen sind die Rezeptoren des Tastsinnessystems überall im Körper verteilt. Nur das Gehirn hat keine - ebenso wie Knorpel- und Hornhautgewebe und bestimmte innere Organe. Auf seinen zwei Quadratmetern Haut hat der Mensch hundertausende tastsensibler Rezeptoren, auch die Bindegewebsstrukturen im Körper sind mit tastsensiblen Rezeptoren ausgestattet, die Schleimhäute, die Wände von Venen und Arterien, die Muskeln, die Sehnen und Gelenke. Auf jeden Kubikmillimeter des menschlichen Körpers kommen oft Tausende von Rezeptoren. Die Rezeptoren sind dabei hoch spezialisiert, einige reagieren auf Druck, andere auf Temperatur, Geschwindigkeitsveränderung, andere auf Spannungsänderungen von Muskeln oder Bindegewebe. Allein der aufrechte Gang des Menschen erfordert die Koordination von Hunderten von Muskeln und Sehnen und tausenden solcher Rezeptoren – vollkommen selbstverständlich und natürlich unbewusst.

Jeder Rezeptor sendet übrigens auch ein Ruhepotenzial, es entsteht ein permanentes  Hintergrundrauschen. Das Gehirn muss lernen, diese gigantische Flut von Milliarden elektrischer Impulse zeitnah zu verarbeiten. Die Anzahl der tastsensiblen Rezeptoren wird auf 700 Millionen geschätzt. Für das Sehen reichen dagegen pro Auge 120 Millionen Stäbchenzellen und sechs Millionen Zapfenzellen. Für das Riechen brauchen erwachsene Menschen zehn bis 100 Millionen Rezeptoren, für das Hören „nur“ 20.000 pro Ohr. Die Geschmacksknospen verfügen nur über rund 50 Rezeptor-Zellen. Alle diese Rezeptoren müssen kooperieren.

Alltag heißt Berührung

Über keinen anderen Sinneskanal - und auch nicht über Worte - können Menschen untereinander so schnell und unmissverständlich positive emotionale Botschaften vermitteln wie durch Körperberührungen: Zuneigung, Verzeihen, Freude, anerkennendes Lob, Wertschätzung. Unbewusst wird unsere Wahrnehmung anderer Menschen durch kurze Körperinteraktionen beeinflusst. Wenn Ärzte und Pflegekräfte ihre Patienten im Vorfeld einer Untersuchung wertschätzend berühren, erzielen sie eine schnellere Genesungsrate. KellnerInnen erhalten mehr Trinkgeldhöhe, wenn sie ihre Gäste beim Überreichen der Rechnung und scheinbar unabsichtlich am Arm berühren. Auf harten Stühlen sind wir weniger empathisch und verhandeln härter. Auf harten Stühlen sind wir weniger empathisch dem anderen gegenüber, weniger nachgiebig und beurteilen unser Gegenübers harscher. Legt zum Beispiel eine Person ihre Hand auf unserem ruhenden Leib, spüren wir Wärme, Gewicht und Größe der Hand und die motorische Ruhe. Gleichzeitig liefert unser visuelles Gedächtnis die Informationen darüber, ob die Person bekannt und vertrauenswürdig und ihre Nähe erwünscht ist oder nicht.

Ein erwachsene Mensch berührt sich täglich bis zu 800 Mal, Gesichtsberührungen sind die häufigste Form von Selbstberührungen und tragen in stressigen Situationen – beim Poker-Spiel oder in einer Prüfung – zur Selbstberuhigung bei.

Störungen der neuronalen Verarbeitung des Tast-Sinnes

„Polyneuropathie” nennt man in der Medizin eine Erkrankung der Nervenfasern, durch die die elektrische Leitungsfunktion gestört ist. Als Folgen können Muskelerschlaffungen (Lähmungen) auftreten und eine Verringerung der Empfindungsfähigkeit für Druck, Vibration, Temperatur und Schmerz. Die Wahrnehmung der Stellung der betroffenen Gliedmaßen kann irritiert sein oder die Schweißproduktion gestört. Als Folge eines Schlaganfalls kann die Körperwahrnehmung gestört sein. Auch wenn die linke Körperseite nicht gelähmt und bewegungsfähig ist, kann es sein, dass Patienten ihre linke Körperseite nicht mehr wahrnehmen und aktiv bewegen können. Auch wenn sie  sie einzelne Berührungsreize auf der linken Körperseite spüren, stellen jedoch keinen Bezug zum eigenen Körper her.

Als „Anosognosie“ bezeichnen Mediziner das Phänomen, dass infolge einer Störung eines bestimmten Hirngebiets Menschen ihren unvollständigen Körper als unversehrte körperliche Einheit empfinden. Sie nehmen die Bewegungseinschränkung nicht wahr.

 

    Siehe auch meine Texte
    Körper haben – Leib sein  MG-Link
    Orale Sinnlichkeit 
     MG-Link
    Das gespürte und das gedachte Ich MG-Link


    Kommunikatives Kraulen  
    MG-Link

    Food-Medien   MG-Link
    Kommunikation konstruiert Wirklichkeits-Bewusstsein  MG-Link
    Sprache der Gefühle   MG-Link


    Lit.: Martin Grunwald, Homo hapticus: Warum wir ohne Tastsinn nicht leben können (2017)
    Elisabeth von Thadden, Die berührungslose Gesellschaft (2018)
    Didier Anzieu, Das Haut-Ich (1996, frz. Le Moi-peau, 1985)