Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Food-Medien

4-2016

Food-Medien sind eigentlich Futter-Mittel.
Wenn sie knapp sind, regelt die Hackordnung, wer den dicksten Brocken bekommt.
Daraus entstanden die Tischsitten.
Je weniger die Futtermittel knapp sind, desto mehr Theater wird darum gemacht.
Der Mensch im Überfluss inszeniert die Erinnerung an ihre existentielle Bedeutung.
Ess-Kultur wird kulturelles Distinktionsmittel, bedient sich des schnöden Essens als Medium.

Das gemeinschaftliche Essen ist eine alte Kulturtradition. Schon in der Tierwelt ist zu beobachten, wie bei Arten, die gemeinsam jagen, die Rangfolge des Verzehrs wichtig ist - wer zuerst essen darf, hat reichlich. Bei den Bonobos hat der Zugang zum Essen einen symbolischen Rang-Wert und manchmal auch einen praktischen Tauschwert - im Zweifelsfall wird getauscht gegen Sex.
Kultur beginnt dort, wo alle gemeinsam essen. Zu den Tischsitten gehört nicht nur, dass das gemeinsame Mahl vom Oberhaupt der Sippe eröffnet wird, dazu gehört auch der Dank für die Speise. Insbesondere der Verzehr des für die menschliche Ernährung wertvollen Fleisches wird in archaischen Kulturen mit Opferriten gefeiert und mit phantasievollen Vorstellungswelten belegt: Das wertvolle Tier wird den Göttern geopfert. Aber nur ein Teil des geschlachteten Tieres wird den heiligen Flammen übergeben, oft die nicht essbaren Teile, bevor die Menschen ihr Opferfest beginnen. In der Abendmahls-Formel „Dies ist mein Leib“ klingen solche Opferriten nach. In den griechischen Kulten war zur Ausformungszeit des christlichen Abendmahls die Überhöhung der tradierten Opfer-Feste durch Sakraments-Vorstellungen schon verbreitet. Die Versorgung mit den Nährstoffen wird eingebettet und überhöht mit einer lebensphilosophisch und religiös begründeten Ess-Kultur.

Kommunikativ essen

Bei den Opfer-Mahlen ging es immer um beides, um das Sattessen und um die kultisch gestiftete Gemeinschaft. Gemeinschafts-Feste waren immer Gelegenheiten zur Völlerei, in der Frühgeschichte des homo sapiens hatte das natürlich einen biologischen Sinn, weil es Phasen des Hungers (oder Schwangerschaften) gab, für die man vorausschauend Speck ansetzen musste. Auch heute noch gilt das Sprichwort: Einladungen machen nicht dick.

Die Rituale des Essens und seine Tabus dienen der Selbstdarstellung und der Selbstdefinition. Wer sich „koscher“, vegan oder „halal“ ernährt oder freitags kein Fleisch isst, beweist damit seine soziale Zugehörigkeit. Das gemeinsame Essens stiftet und bestätigt solche Gemeinsamkeiten. Ess-Gewohnheiten stiften Abgrenzungsmuster und Wertewelten – für Religionsgemeinschaften oder für die kulturellen und ideologischen Narrative profaner Lebens-Entwürfe.
Zur „Qualität“ eines Lebensmittels gehört somit eine kommunikative Botschaft – in der Abgrenzung zum „Einheitsfraß“ beweisen erlesene Lebensmittel, über deren Herkunft möglicherweise Geschichten erzählt werden können, den erlesenen Charakter des Genießers, seine individuelle Besonderheit und seinen Respekt vor der Natur, die er gerade seinem Hunger und Durst opfert. Der „Weinkenner“ und der Gourmet sind Prototypen für die zu signalisierende Besonderheit, teure Signale waren schon immer das Terrain von Hochkultur und Angeberei. Zur wahrgenommenen Qualität eines Lebensmittels gehört ganz entscheidend seine Eignung als Kommunikationsmittel. Mit dem Konsum des Lebensmittels sendet der Konsumierende Botschaften über sich selbst und sein Wertesystem.
Erst kommt das Fressen, dann die Ess-Kultur. Schon der europäische Adel hat seine Verschwendungssucht zelebriert – und sich damit demonstrativ abgegrenzt gegen die einfachen Leute, die den Unterschied spüren sollten. Das Bürgertum hat diese adelige Ess-Kultur als oberflächlich kritisiert und eine eigene Kultur der „feinen Unterschiede“ (Pierre Bourdieu) entwickelt, die deutlich mehr rückbezogen war auf das Individuum: Nicht nur für andere demonstriert der kultivierte Esser seine Besonderheit, sondern auch sich selbst spiegelt er damit ein spezifisches Selbstwert-Gefühl.
Heute kann er diese Selbstbespiegelung mit entsprechenden Lifestyle- und Ess-Zeitschriften genießen. Nicht nur populäre Koch-Shows im Fernsehen bieten Anregungen und Vorbilder für mögliche Inszenierungsformen der Ess-Kultur, auch hochwertig produzierte Magazine machen den Nahrungs-Konsum zu einem „System von Bedeutungen“ (Eco).

Zeichen essen - Metaphern der „geistigen Nahrung“

Metaphern der Art, dass ein neuer Gedanke ordentlich „verdaut“ sein will oder dass der Mensch mehr brauche als „geistiges Fast-Food“, sind bis heute verbreitet. Schon für die alten Römer und Griechen war die gemischte Frucht-Schale, „satura lanx“, das Vorbild für die Wortschöpfung der „Satire“.
Seneca verglich in seinem Bienengleichnis die Auswahl und selbständige Verarbeitung von Lesefrüchten mit der Arbeit der Honigbienen. Die alte biblische Vorstellung von der gegessenen Schriftrolle, die sich im Buch Hesekiel und in der Johannesoffenbarung findet, setzte Albrecht Dürer 1498 in einem Kupferstich um.

Die Vorstellung, wie „geistige Nahrung“ im Körper verarbeitet wird, lehnte sich immer eng an die Kenntnisse über die körperliche Verarbeitung von Nahrung an. Vor dem zunehmenden ungesteuerten Lesekonsum im späten 18. Jahrhundert in Folge der „Bücherfluth“ wurde von Medizinern und Pädagogen gewarnt mit Hinweis auf die Gefahr einer Austrocknung des Gehirns. Melancholie und Wahnsinn wurden als direkte Folgen des Lesewahns gesehen. Bei ungebildeten Menschen, denen die Anleitung im Umgang mit den fiktionalen Zeichenwelten fehlt, könne die Verwechslung von Romanfiktion und Wirklichkeit den Geist verwirren.

Der Oldenburger Kultursoziologe Thomas Kleinspehn hat das moderne unersättliches Ess- und Konsumverhalten gedeutet als Folge eines zunehmenden Gefühls der geistigen Leere, des Mangels an unmittelbarer Weltteilhabe. Der Theologe Friedrich Schleiermacher (1768-1834) hatte in seinen Reden „Über die Religion" die Nahrungs-Metapher geprägt: Religion sei „Sinn und Geschmack fürs Unendliche", erklärte er, wobei das „Unendliche“ hier ein Platzhalter ist für rational nicht Strukturierbares, für Unbegreifliches, für meta-physische Sinn-Konstruktionen und ein Sich-Eingebunden-Fühlen in Größeres. Dieses Bedürfnis, das das phantastische Gehirn des homo sapiens seit der „Achsenzeit“ treibt und prägt, lässt sich nur in Zeichensystemen befriedigen. In archaischen Kulturen wurde der Sinn „geschmeckt“ und sinnlich-rituell gepflegt. Frühe philosophisch-religiöse Erzählungen erklärten die leiblich spürbaren und erlebbaren Riten.

In der aufgeklärten modernen Welt hat sich das Verhältnis zwischen Riten und Erzählungen fortentwickelt: Das Gehirn akzeptiert „vernünftige“ philosophische Erzählungen als Antworten auf die Fragen, die es sich bei der Konstruktion einer „sinnvollen Existenz“ seines Körpers stellt. Aber die Philosophie der Vernunft wird rituell inszeniert – mit einer Aura besonderer Gesten und akademischer Sprech-Haltungen. Auf jeden Fall lässt sich nur mit vollem Bauch gut philosophieren.

Der Geschmack fürs Unendliche - Animismus und Abendmahl

Die Überlagerung materieller Gegenstände mit zeichenhaftem Sinn gehört zur mentalen Kultur der Menschen. Selbst Steine haben übersinnliche Kräfte im Geiste des Menschen, und dass solche Phantasien die aufgeklärte Vernunft übersteigen, tut ihrer populären Verbreitung keinen Abbruch. Auch das Christentum bedient sich solcher animistischen  Denkfiguren – in den Reliquien-Verehrungen und Bild-Anbetungen und im zentralen Verwandlungs-Mythos des Abendmahls. Die Begründer des Christentums haben diese mythischen Figuren in den ersten beiden Jahrhunderten nach dem Kreuzes-Tod des jüdischen Wanderpredigers Jesus konstruiert – mit deutlichen Anleihen bei  griechischen Denk-Traditionen und damals verbreiteten vorderasiatischen Kulten. Nach diesem Muster ist die Figur des gekreuzigten Menschen Jesus, der gleichzeitig Gottessohn ist, gestrickt: Das körperlich Erfahrbare verschmilzt mit dem Unsagbaren, der Schleiermacherschen „Unendlichkeit“ und soll denen, die daran glauben, als Vorgeschmack auf ihre eigene Seelenrettung dienen.  
Das Abendmahl, eines der erfolgreichsten Rituale der Geschichte, erlaubt es, diese paradoxe Identifikation vom Scheitern des fleischlichen, historischen Jesus und der überhöhenden Auferstehungs-Interpretation durch den Gottessohn Christus immer wieder neu geistig aufzurufen und körperlich spürbar zu machen. Das Wort Gottes wird – wie Luther im Augsburger Bekenntnis von 1530 formulierte, zum „leiblichen Wort". Das Brot will geschmeckt und zerkaut werden. Der Wein will gerochen, auf der Zunge gespürt und mit dem Brot geschluckt werden. Das Abendmahl spricht gleichzeitig unseren „Sinn und Geschmack fürs Unendliche“ an. Es ist ein Sakrament, ein sichtbares und spürbares Zeichen, das die unsichtbare Wirklichkeit Gottes aufruft, und diesen Zeichen geht durch über den Gaumen und durch die Nase. 

Brot und Wein sollen Leib und Blut des Gekreuzigten versinnbildlichen. Das Johannesevangelium berichtet, wie anstößig dieser Gedanke den Juden war: „Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch“, lässt der Autor Jesus sagen, „da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben? Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.“
Brot und Wein gehören im Judentum zu den Speisen des Sederabends. Jesus feierte mit seinen Jüngern dieses jüdische Sedermahl am Vorabend des Pessach-Festes. Die Einsetzungsworte wurden ihm nachträglich in den Mund gelegt. Wir dürfen davon ausgehen, dass Jesus wie die Juden gedacht hat – der Autor des Johannes-Evangeliums legt seinem „Christus“ diese Gedankengänge aus der hellenistischen Mystik in den Mund. Der Alkoholgehalt ist dabei nur eine schwache Erinnerung an ekstatische Erfahrungen des Mithras-Kultes, von dem sich das Urchristentum mit seinen abstrakten Riten absetzen wollte. Auch von der Völlerei der archaischen Opferfeste bleibt mit dem „Brot und Wein“ des Abendmahls nur ein symbolischer Rest. Paulus selbst, der gern an „heidnischen“ Opferfesten mit reichlich Fleisch teilnahm, hat dagegen gewettert, dass es beim Abendmahl in den frühen Gemeinden offenbar wirklich Futter gab - das lockte arme Menschen an. Paulus wollte dagegen durchsetzen, dass das Abendmahl in Erinnerung an Jesus nur spirituell sein sollte - ein Erlebnis für Satte, das die Gemeinschaft im Hinblick auf das ewige Leben vorwegnehmend symbolisieren und körperlich spürbar machen sollte. Im Ritus des Abendmahls verschmilzt das Zeichen-Essen mit dem Zeichen-Lesen. 

Food-Medien

Der Mensch nutzt die Medien manchmal rational, aber immer emotional, aus dem Bauch heraus. Medienkonsum ist von Gewohnheiten geprägt. Hin und wieder lassen wir uns gern überraschen, suchen das ganz Andere. Meist aber suchen wir Bestätigung, alte Bekannte. Zeitschriften können „gute Freundinnen“ sein, sie leisten einen  Beitrag zur Stabilisierung der Identität - zum Identitätsmanagement. Medien helfen, mit den Grenzen der Identität zu spielen. Medien helfen der Phantasie, sich in andere, schönere, reizvollere und interessantere Welten zu versetzen – als risikoloses „Probehandeln“ für ein besseres Leben, aber auch zur Kompensation frustrierender Alltags-Erfahrungen. Medien-Erleben führt die Phantasie in Situationen, in denen man sich noch nie befunden hat (oder auch nie befinden möchte). 
Am liebsten erfahren Menschen etwas über das Glück oder Unglück anderer. Das macht neugierig, es kann in einer traurigen Stimmung ablenken, eine gute Stimmung verstärken, es dient der Orientierung und Selbstbewertung: Wo stehe ich im Vergleich zu anderen? Welche Rolle spiele ich, welche wird mir zugeschrieben? Das mediale Rollenspiel gibt Hilfestellung bei der Deutung und Bewertung der eigenen Situation in Orientierung an der Gruppe. Für den Alltag hat die reine „Information“ der Medien meist keine Bedeutung.
Mediale Erlebnisse helfen bei der Sinndeutung in der eigenen Lebenswelt. Medienrezeption als Mittel, sich im sozialen Raum zu definieren und seinen eigenen Lebensstil zu finden und zu begründen. Medial angebotene Muster  verdrängen familiäre Vorbilder.   Medien helfen, sich in einer Gemeinschaft zu sehen, ermöglichen parasoziale Interaktion: Fiktionale Gestalten kann ich als Freunde wahrnehmen, ohne aber wirklich reagieren zu müssen – die parasozialen Freunde wahren die Distanz, das Probehandeln ist risikolos.
Mediengeschichten schmücken meist bestimmte Erzähl-Kerne immer wieder anders aus. Die erfolgreichsten Erzähl-Kerne ranken sich um Gewalt und Liebe, um Erfolg Glück – und ohne Sättigung gibt es kein Glück. Koch-Geschichten sind daher Glücks-Geschichten. Sie haben keine Nachricht, keine Handlung – sie sind Überbringer eines phantastischen Sub-Textes pur. Sie sind das Fenster zum eigenen emotionalen Erleben – und ein Instrument, das emotionales Erleben gesellschaftlich normt. Food-Medien liefern solche Erzählungen – mehr oder weniger zielgruppengenau. Wie Filme. Menschen suchen darin emotionale Zustände, die ihre kognitiven Mechanismen deutlich mehr aktivieren als normale Alltags-Erfahrungen. Es gibt einen Hang zu großen Gefühlen, eine Lust an der medialen Stimulation der Affekte und da scheint es kaum einen Ermüdungseffekt zu geben – bestimmte Bilder wollen wir immer wieder sehen. Illustrierte bieten eine in der Wirklichkeit nicht anzutreffende Häufung von emotionalen Glücks-Bildern, die den Vorteil haben, nach Belieben verfügbar zu sein – man kann vor- und zurückblättern. Menschen wollen offenbar bestimmte emotionale Zustände erleben, und zwar viel konzentrierter als im wirkliche Leben.

 

Literaturtipps:

    Klaus Dürrschmid, Lebensmittel als Kommunikationsmittel – Die semiotische Lebensmittelqualität;
        in: „Ernährung/Nutrition“ Heft 3/2007
    Jochen Hörisch, Brot und Wein. Die Poesie des Abendmahls (1992)   
    Hans-Josef Klauck, Herrenmahl und hellenistischer Kult (1986)
    Bernhard Lang, „Das ist mein Leib – das ist mein Blut.“ Das Rätsel des Abendmahls aus religionsgeschichtlicher Sicht;
        in: Knus/Groß (Hg): Blut. Die Kraft des ganz besonderen Saftes in Medizin, Literatur, Geschichte und Kultur (2010)
    Christine Ott, Feinschmecker und Bücherfresser. Esskultur und literarische Einverleibung als Mythen der Moderne (2011)