Klaus Wolschner                    Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

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III
Medien
-Theorie

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Wir seltsamen Menschen

Westliche Menschen kümmern sich mehr um sich selbst als um ihre Familie.
Westliche Gesellschaften sind individualistisch geprägt, während in den meisten Kulturen der Welt Verwandtschaftsstrukturen wichtiger sind.
„Wir sehen uns selbst als einzigartige Wesen, nicht als Knotenpunkte in einem sozialen Netzwerk, das sich durch Raum und Zeit erstreckt“, schreibt der Psychologe Joseph Henrich.
Im globalen Vergleich sind solche „seltsamen“ Menschen eine Minderheit.
Hier gibt es eine kurze Zusammenfassung seines Buches „Die seltsamsten Menschen der Welt. Wie der Westen reichlich sonderbar und besonders reich wurde“ (2020, dt. 2025)

09-2026

„Im Gegensatz zum Großteil der heutigen Welt wie auch zu den meisten Menschen, die je gelebt haben, sind wir Sonderbaren höchst individualistisch, selbstverliebt, kontrollorientiert, nonkonformistisch und analytisch eingestellt“, formuliert Henrich. Diese Menschen seien auch fleißiger, ehrlicher und selbstbeherrschter als andere. Ihre Gesellschaften sind westlich, gebildet, industrialisiert, reich und demokratisch - „WEIRD“ ist die Abkürzung für „Western, Educated, Industrialized, Rich, Democratic“.

„Wir konzentrieren uns mehr auf uns selbst - auf unsere Eigenschaften, Leistungen und Bestrebungen - als auf unsere Beziehungen und sozialen Rollen. Wir streben danach, in unterschiedlichen Kontexten ‚wir selbst‘ zu sein, und betrachten Inkonsistenzen im Verhalten anderer eher als Heuchelei denn als Flexibilität. Wie alle Übrigen neigen auch wir dazu, uns unseren Mitmenschen oder Autoritätspersonen anzupassen, aber wir sind dazu weniger willens, wenn das im Widerspruch zu unseren eigenen Überzeugungen, Beobachtungen und Vorlieben steht. Wir sehen uns selbst als einzigartige Wesen, nicht als Knotenpunkte in einem sozialen Netzwerk, das sich durch Raum und Zeit erstreckt. Wenn wir handeln, wollen wir die Kontrolle und das Gefühl haben, unsere eigenen Entscheidungen zu treffen.“ Und wir haben ganz andere Muster sozialer Beziehungen: „Wir können gegenüber Fremden oder Unbekannten ausgesprochen vertrauensvoll, ehrlich, fair und kooperativ sein. (…) Wir halten Vetternwirtschaft für falsch und fetischisieren abstrakte Prinzipien, während wir Kontext, Praktikabilität, Beziehungen und Zweckmäßigkeit vernachlässigen.“ Zu den Unterschieden gehören selbst kleine unbewusste Verhaltensweisen. Städter in individualistischeren Ländern neigen dazu, schneller zu gehen als die in weniger individualistischen Ländern.

Wir Sonderbaren denken auch anders: Wir suchen nach „universellen Kategorien und Regeln, nach denen die Welt organisiert werden kann. „Wir vereinfachen komplexe Phänomene, indem wir sie in Bestandteile zerlegen und diesen Eigenschaften oder abstrakten Kategorien zuweisen - seien es Typen von Partikeln, Pathogenen oder auch Persönlichkeiten. Oft übersehen wir dabei die Beziehungen zwischen den Teilen oder die Ähnlichkeiten zwischen Phänomenen, die nicht gut in unsere Schubladen passen: Wir wissen eine Menge über einzelne Bäume, sehen aber oft den Wald nicht mehr.“ Henrich berichtet über ein psychologisches Experiment: Ostasiaten und Amerikaner sahen gemeinsam ein Video mit Unterwasseraufnahmen. Blickverlaufsmessungen zeigten: Ostasiaten verwandten mehr Zeit auf die visuelle Erkundung von Teilen der Szene jenseits der zentralen Objekte, Amerikaner konzentrierten ihre Aufmerksamkeit auf das Objekt im Zentrum und erinnerten sich auch später weniger an den Hintergrund.

Menschen mussten lernen, anders – analytischer - zu denken, „um sich in einer Welt aus Individuen ohne enge soziale Verflechtungen besser zurechtzufinden“:  „Eher analytisch orientierte Denkerinnen ziehen es vor, Dinge zu erklären, indem sie Individuen, Sachverhalte, Situationen oder Objekte diskreten Kategorien zuordnen, die oft mit bestimmten Eigenschaften assoziiert sind, statt sich auf die Beziehungen zwischen den Individuen zu konzentrieren.“ Im Zentrum der Wahrnehmung anderer stand nicht mehr deren Netz-Zugehörigkeit, sondern das Individuum mit ihm zugeschriebenen Eigenschaften. „Als das Leben in wachsendem Maße von unpersönlichen Normen des Umgangs mit Nichtverwandten oder Fremden bestimmt wurde, fingen die Menschen an, unparteiische Regeln und unpersönliche Gesetze zu bevorzugen, die für alle in ihren Gruppen oder Gemeinschaften (ihren Städten, Gilden und Zünften, Klöstern und so weiter) galten, unabhängig von ihren sozialen Beziehungen, ihrer tribalen Identität oder gesellschaftlichen Klasse.“

Wir werden oft von Schuldgefühlen geplagt, wenn wir selbst auferlegten Normen und Bestrebungen nicht gerecht werden. „In den meisten anderen Gesellschaften dominiert hingegen nicht die Schuld, sondern die Scham. Menschen schämen sich, wenn sie, ihre Verwandten oder selbst ihre Freunde den Standards nicht gerecht werden, die ihnen von ihren Gemeinschaften auferlegt wurden.“ Der Unterschied ist kulturell fundamental: „Schuld hängt von den eigenen Maßstäben und der Selbsteinschätzung ab, Scham dagegen von gesellschaftlichen Normen und dem öffentlichen Urteil.“

Henrich versucht in einer kurzen Globalgeschichte einzelne Stationen der Entwicklung dieser besonderen Psychologie zu beschreiben. Die wesentliche Frage ist natürlich: Warum Europa? „Warum konnten die westeuropäischen Gesellschaften ab etwa dem Jahr 1500 so weite Teile der Welt erobern? Warum brach im späten 18. Jahrhundert in derselben Region ein Wirtschaftswachstum aus, das durch neue Technologien und die industrielle Revolution vorangetrieben wurde und jene Globalisierungswellen auslöste, die noch heute über den Erdball schwappen?“

Joseph Henrich untersucht verschiedene Faktoren der langen kulturellen Evolution des modernen, „seltsamen“ Menschen. Große Bedeutung schreibt er der jahrhundertelangen Predigt der katholischen Kirche gegen die Sitte der Verwandtenhochzeit zu. Eine wichtige Rolle spielte auch die Entwicklung der Marktplätze und der Städte. Schließlich waren die Reformation und die Alphabetisierung entscheidend.
Was im römisch-katholischen, „latein-europäischen“ Hochmittelalter in kleinen, aber einflussreichen Kreisen begann und mit der Reformation und ihrem neuen Menschenbild sich verbreitete, wurde – so Henrich – als psychologische Disposition „sonderbarer“ Menschen zur Voraussetzung von Aufklärung und industrieller Revolution.

Die Moralkampagne der Kirche

Henrich verfolgt die Geschichte der Individualisierung bis in die Spätantike. Denn da habe eine christliche Sekte ein Bündel sozialer Normen und Überzeugungen propagiert, die in ihrer Zeit ungewöhnlich waren und über die Jahrhunderte im lateinischen christlichen Mittelalter Ehe, Familie, Erbe und Eigentumsformen verändert.

„Die längste Zeit der Menschheitsgeschichte wuchsen die Menschen in dichten Familiennetzwerken auf, die entfernte Cousins und Cousinen und Schwiegereltern miteinander verbanden. In diesen verwandtschaftlich regulierten Welten hingen Überleben, Identität, Sicherheit, Ehe und Erfolg von dem Befinden und dem Wohlstand der auf Verwandtschaften basierenden Netzwerke ab, die oft Institutionen bildeten, die man als Clans, Geschlechter, Häuser oder Stämme kennt.“ Das ist die Kultur, die Ethnologen heute bei den Gesellschaften der Massai, der Samburu und der Cook-Insulanerinnen studieren. Verwandtschaftsbasierte Traditionen regeln den Wohnsitz frisch verheirateter Paare, sie schaffen auch gemeinschaftliches Eigentum (Land gehört dem Clan). Es gibt ein Leben nur in der Gemeinschaft, die Identifikation mit der Gruppe hat die Form weitreichender emotionaler Abhängigkeit. Zwischen der eigenen und den anderen Gruppen wird scharf unterschieden. Zu den Gemeinschaftsritualen, die dauerhafte zwischenmenschliche Bindungen schaffen, gehört die rhythmische Musik.

Die römische Kirche hat seit dem 4. Jahrhundert die arrangierte Verwandten-Ehe und damit die verbreiteten Sitten und Stammesloyalitäten bekämpft. Ihren Höhepunkt fand die kirchliche Polemik auf dem 4. Laterankonzil von 1215. Die kirchliche Moral zerstörte eine Form gesellschaftlichen Zusammenlebens, die seit der Jungsteinzeit auch in Europa die Norm gewesen war: den Clan. Für Kultuern, die die Ackerbau und Viehzucht betreiben, war die arrangierte Verwandtenheirat das probate Mittel, um den Besitz zusammenzuhalten und eine enge Kooperation im Familienverband sicherzustellen. Zum Selbstdenken wurde man dabei nicht ermuntert, dafür zum Misstrauen gegenüber allen, die nicht zur Familie gehören.

Sozialhistoriker stellen fest: Verwandtenheirat ist in den europäischen Regionen umso weniger üblich gewesen, je länger sie katholisch geprägt wurden. Offensichtlich hat die lange Polemik gegen die Vettern-Ehe die Chance zur Individualisierung verstärkt. Aber wie effektiv war diese Moralpredigt der katholischen Kirche? Sicherlich, die angedrohten Strafen für ein sündiges Leben waren hart, aber gleichzeitig hat die Kirche am „Dispens“ gut verdient. Die sozialen Bindungen insbesondere in abgelegenen ländlichen Gegenden waren bis ins 19. Jahrhundert so stark, dass die Verwandtenheirat erst mit der Verstädterung verschwand.
Joseph Henrich fragt nicht, was die Motive für die Position der Kirche waren. Er verweist darauf, dass 500 Jahre nach der Etablierung der katholischen Kirche als Staatskirche (also um das Jahr 900) etwa ein Drittel des kultivierten Landes in Westeuropa im Kirchenbesitz war. Sollte es eine Strategie gewesen sein, ein schlechtes Gewissen zu erzeugen, um sich am „Dispens“ und Seelgerätstiftungen zu bereichern? Warum wurde sie nicht in anderen Regionen der Welt wirksam, insbesondere nicht in der byzantinischen Welt?

Die alten asiatischen Kulturen, die Jahrhunderte später das westliche Erfolgsmodell übernehmen wollten, griffen auch auf die christliche Heirats-Ordnung zurück. Japan beispielsweise schaffte in den 1880er Jahren den Status der Konkubine und damit die polygame Ehe ab. Japan wollte sich nach der Meiji-Restauration als moderner „zivilisierter“ Staat darstellen. Damit wurde der Gedanke übernommen, dass das Nebeneinander von Ehefrau und Konkubine die Rechte der rechtmäßigen Ehefrau beeinträchtige und gegen „Natur“ und menschliches Empfinden verstoße. Es brauchte kaum eine Generation, bis sich dieser Umsturz alter Traditionen in der japanischen Gesellschaft durchgesetzt hatte.

Die kommunistische Regierung Chinas verkündete in den 1950er Jahren ein Programm zur Abschaffung der Polygynie, der arrangierten Ehen und der Heirat zwischen nahen Verwandten. Töchter wurden im Erbrecht gleichgestellt. Damit machte das Regime einen ersten Versuch, die Clans zu zerstören, der zweite folgte 1979 mit der Ein-Kind-Politik.

In Südkorea wurde 1957 per Gesetz die Zustimmung der Braut zur Eheschließung verkündet, die polygyne Ehe untersagt und die Eheschließung mit Verwandten bis zum dritten Grad verboten. Das Erbrecht wurde dann 1991 geändert. Henrich: „In allen drei Gesellschaften wurde das europäische Heiratsmuster, das im mittelalterlichen Europa unter der katholischen Kirche vorherrschend war, also rasch von oben nach unten durchgesetzt.“
Islamisch geprägte Gesellschaften haben dagegen die alte Clan-Kultur beibehalten, die ein wesentliches Hindernis für Modernisierung und Industrialisierung darstellt.

Schadchan - jüdische Heiratsvermittler

In der jüdischen Tradition gibt es kein Tabu der Vettern-Ehe, in den kleinen Gemeinden gehörte sie zu den Strategien des Zusammenhalts. Aber die gebildeten und kaufmännisch engagierten Juden hatten immer große Netzwerke und eine intensive Lesekultur.

Offenbar waren die jüdischen Familienkontakte nicht ausreichend, um für eine Reserve an möglichen Heiratskandidaten zu sorgen. Dafür gibt es die Tradition der Schadjen, Heiratsvermittler. Schon im Talmud wird der „shadkhan” erwähnt, seit dem frühen Mittelalter ist die Ehevermittlung als eigene soziale Tätigkeit dokumentiert. Der Heiratsvermittler war ein Vermittler zwischen zwei Familien. Der Vermittler hatte aber keine religiöse Amtsfunktion. Ehen konnten auch ohne ihn zustande kommen. Die jüdische Ehe ist nicht von einem kirchlichen Eheverbotssystem abhängig. Es gibt ein religiöses Ritual, aber die Ehe ist kein Sakrament. Scheidungen sind als religiöser Rechtsakt möglich. Im jüdischen Recht blieb die Ehe zwischen Cousin und Cousine grundsätzlich zulässig. Der hohe kulturelle Bildungsgrad der jüdischen Bevölkerung basierte also nicht auf restriktiven Eheregeln, sondern auf der religiösen Schrift-Kultur.

Marktplätze und Städte

In den mittelalterlichen kleinen Städtchen begannen die verwandtschaftsbasierten Bindungen sich zu lockern, insbesondere unter gebildeten Ständen. Auch waren die kirchlichen Regeln der Ehe leichter zu kontrollieren als auf verstreuten Bauernhöfen und in abgelegenen Dörfern.

Marktplätze setzen Vertrauen gegenüber Fremden voraus. Der römische Autor Herodot erzählt in seinen Historien eine Geschichte, die einen Eindruck von den Problemen vermittelt, die das Misstrauen gegenüber Fremden für den frühen Handel bedeutete: Die Karthager trieben mit einem ihnen fremden Volk Handel. Sie fuhren mit ihren Schiffen an die Küste und legen ihre Waren am Strand aus. Dann gingen sie wieder an Bord und entzünden ein Rauchzeichen. Die Bewohner des Landes sahen den Rauch, kamen zum Strand und legten Gold neben die Waren. Anschließend entfernen sie sich wieder. Nun kommen die Karthager an Land und betrachten das Gold. War die Menge ausreichend, nahmen sie das Gold und fuhren davon. Fanden sie die Summe zu gering, gingen sie wieder auf ihre Schiffe zurück und warten. Dann kamen die Einheimischen und legten weiteres Gold dazu. So lange, bis die Händler mit dem Preis zufrieden waren. Herodot schlussfolgert: Keiner betrügt den anderen. Die Karthager nehmen das Gold nicht an sich, bevor es ihrer Meinung nach dem Wert der Waren entspricht; die Einheimischen nehmen die Waren nicht, bevor die Karthager das Gold weggenommen haben.

Schon die Marktplätze setzten die psychischen Bedingungen unpersönlicher Prosozialität voraus und beförderten sie gleichzeitig. Die Stadt wirkt auch auf ihr Umland. In einer Studie über Äthiopische Oromo-Gemeinden hat Devesh Rustagi zeigen können, wie sogar die Nähe eines Dorfes zu einem Markt die Dorfbewohner daran gewöhnt, mit Fremden außerhalb ihrer eigenen Gemeinschaft zu kooperieren und neue Formen von Vertrauen zu entwickeln. Aber sicherlich gibt es auch den umgekehrten Einfluss. Henrich führt gleichzeitig eine Erfahrung an, die er bei den chilenischen Mapuche im Süden Chiles gemacht hat: Marktbesucher aus umliegenden Dörfern kauften nicht unbedingt an den Ständen, an denen die Preise günstig waren, sondern an Ständen von Händlern, denen sie in irgendeiner traditionellen Weise verbunden waren. Die hohe Dichte interpersoneller Beziehungen schränkte die Marktkonkurrenz ein.

In Agrargesellschaften entwickeln sich Märkte meist im Niemandsland zwischen Stammesgruppen. Das Verhalten ist durch Normen geregelt. So ist das Mitführen von Waffen auf dem Markt tabu. Wenn Frauen, die zum Markt reisten, zu ihrem Schutz von bewaffneten Verwandten begleitet wurden, warteten die am Rande des Marktplatzes.

Fahrende Händler gehören oft zu einem eigenen Stammesverband oder einer eng verbundenen religiösen Gruppe, das hat den jüdischen Händlern in Europa ihren Vorteil gebracht. In China gab es seit dem 12. Jahrhundert die Händlergilde der Hui, einen Superclan, der sich aus vielen patrilinearen Erblinien zusammensetzte. Auch im europäischen Mittelalter gab es familienbasierte Handelsunternehmen.

Grafen, Herzöge und der Kaiser vergaben städtische Privilegien, weil durch Handel und Gewerbe wirtschaftlicher Wohlstand entstand und weil sie damit ihre Finanzen aufbessern konnten.
Auch Universitäten und andere Bildungsstätten haben das Wirtschaftswachstum in den Städten beflügelt. Die neue gebildete soziale Schicht war in der Lage, aus dem Mischmasch bestehender Bräuche oder Gesetze abstrakte Prinzipien abzuleiten und anschließend Regularien für ihre urbanen Kommunen zu formulieren. Dazu gehörte der Gedanke, dass jede Person Rechte hat, die von ihrer Abstammung unabhängig sind.

Die meisten Menschen lebten auch in den Städten bis in die frühe Neuzeit in Gemeinschaften. Aber das waren schon nicht mehr ausschließlich Verwandtschafts-Gemeinschaften, sondern zum Beispiel religiöse Gemeinschaften oder Auswanderergemeinschaften, Gilden und Zünfte. Die Gemeinschaften sind einerseits Ausdruck davon, dass die Großfamilien nicht mehr ausreichenden Zusammenhalt boten und dass doch noch ein Bedürfnis vorhanden war, innerhalb eines lockeren Verbandes zu leben. Ein Beispiel für die städtische Kultur ist Baruch de Spinoza (1632–1677), Kind portugiesisch-jüdischer Auswanderer in Amsterdam. 1656 wurde er wegen seiner eigenwilligen Gedanken von der jüdischen Gemeinde Amsterdams mit dem Bann (Cherem) belegt und musste die Stadt verlassen – er lebte in Rijnsburg bei Leiden.

Warum Europa?

Im Jahre 1000 gab es keinen Grund, die Völkerstämme und die Herrschaftsformen Europas für besonders entwickelt zu halten. China war, was Handelsformen, Technik und Herrschaftsstrukturen angeht, sehr viel „moderner“. In Toledo im andalusischen Spanien lebte der muslimische Gelehrten Said ibn Ahmad. Der teilte im Jahre 1068 die Welt in zwei große Gruppen ein: diejenigen, die zu Wissenschaft und Bildung beigetragen hatten - die „Zivilisierten“ -, und die „Barbaren“.
Inder, Juden, Ägypter, Perser, Griechen und die Byzantiner zählte er zu den zivilisierten Völkern. Chinesen und Türken nannte er die Oberschicht der Barbaren, den Rest bildeten die „schwarzen Barbaren“ im Süden der arabischen Besiedlung und die „weißen Barbaren“ im Norden, die Europäer. Über Engländer und die Niederländer schrieb er: „Die anderen Völker dieser Gruppe, die die Wissenschaften nicht kultiviert haben, sind eher wie Tiere als wie Menschen
. Für diejenigen von ihnen, die am weitesten im Norden leben, zwischen der letzten der sieben Klimazonen und den Grenzen der bewohnten Welt, macht die übermäßige Entfernung der Sonne im Verhältnis zum Zenit die Luft kalt und den Himmel bewölkt. Ihr Temperament ist daher eisig, ihre Körpersäfte sind roh, ihre Bäuche dick, ihre Gesichtsfarbe fahl und ihr Haar lang und schütter. So fehlt es ihnen an Schärfe des Verstandes und Klarheit der Intelligenz, und sie werden von Unwissenheit und Apathie, mangelnder Urteilsfähigkeit und Dummheit beherrscht.“

Während der Urbanisierungsgrad der islamischen Länder am südlichen Mittelmeer und auch in China nach dem 10. Jahrhundert weitgehend konstant blieb, wuchs der Anteil der Stadtbevölkerung in Europa auf ein Drittel im 19. Jahrhundert. Die Verstädterung ging mit der Entstehung von Institutionen einher, die mit den dörflichen Traditionen konkurrierten. Im Jahre 965 etwa vermerkte eine kirchliche Aufzeichnung, dass „eine Gruppe von Juden und anderen Händlern“ sich in Magdeburg an der Elbe am Rande des alten Karolingerreiches niedergelassen habe. Schon ein Jahrzehnt später erteilte der römisch-deutsche Kaiser Otto I. dieser Gemeinde offiziell städtische „Privilegien“. Die Regulierung der Zünfte und Gilden wurde später als „Magdeburger Recht“ bekannt und wurde von vielen anderen Städten übernommen. Dazu gehörte ein Strafrecht, das die Haftung der Familien für die Taten ihrer gewalttätigen Angehörigen einschränkte. Im 13. Jahrhundert erließ sogar der Deutsche Orden das „Magdeburger Recht“ für eroberte Städte in Preußen.

Im Gegensatz zu den individualisierenden juristischen Normen im mittelalterlichen Europa hingen die Strafen für Verbrechen in China zur selben Zeit immer noch von der Beziehung zwischen den beteiligten Personen ab. Tatsächlich konnten chinesische Väter noch bis ins 20. Jahrhundert hinein ihre Söhne umbringen und dafür nur eine Verwarnung erhalten, während ein Sohn, der seinen Vater oder älteren Bruder angriff, mit viel härteren Strafen rechnen musste.

Nikolaus Kopernikus zum Beispiel

Für die Bedeutung des abstrahierenden Denkens ist die Geschichte des Nikolaus Kopernikus interessant, der Doktor für kanonisches Recht war und 1543 das heliozentrische Modell des Sonnensystems veröffentlichte. Islamische Astronomen hatten die wesentlichen Bestandteile des kopernikanischen Modells bereits lange vorher berechnet. Kopernikus Berechnungen waren im Kern falsch, da er glaubte, dass die Planeten auf kreisförmigen Umlaufbahnen die Sonne umkreisen müssten – ein klassischer Glaube, der darauf beruhte, dass der perfekte Schöpfer die perfekte Kreisform verwendet haben müsse. Die islamischen Berechnungen waren genauer als seine. Erst Johannes Kepler konnte mit den alten gedanklichen Traditionen brechen und in seiner Astronomia nova (1609) elliptische Umlaufbahnen der Planeten unterstellen. Die Kirche erhob sieben Jahrzehnte lang keinen ernsthaften Einspruch gegen Kopernikus' Vorstellungen und interpretierte sie als reine Berechnungen. Um die Zeit Keplers begann man in Europa, Erkenntnisse und Erfindungen nach ihren Begründern zu benennen. Das Wort „Plagiator“ tauchte im Jahr 1598 auf und wurde vom lateinischen Wort „Menschenräuber“ abgeleitet.

Wie die Alphabetisierung uns verändert hat

Diese psychologischen Eigenschaften sind in der westeuropäischen Geschichte zunächst bei gebildeten Persönlichkeiten zu beobachten, also bei Menschen, deren wesentliche Kommunikations-Umwelt nicht mehr die Großfamilie war, sondern die sich einsam – als „Individuen“ – in einer Welt der Schriften orientiert und begriffen haben.

Für Henrich ist die Alphabetisierung, die Umstellung des Gehirns auf das Lesen-Lernen, ein entscheidender Faktor der kulturellen Evolution des modernen, „seltsamen“ Menschen. Die Optimierung des Gehirns auf Schrift-Kultur ist verbunden mit einer Verschlechterung der Fähigkeiten zur Gesichtserkennung. „Die Alphabetisierung ist somit ein Beispiel dafür, wie die Kultur Menschen unabhängig von genetischen Unterschieden biologisch verändern kann. Sie modifiziert unser Gehirn, unsere Hormone und unsere Anatomie ebenso wie unsere Wahrnehmungen, Motivationen, Persönlichkeiten, Emotionen und viele weitere Aspekte unseres Geistes.“ Was im europäischen Hochmittelalter in kleinen, aber einflussreichen Kreisen begann und mit der Reformation sich verbreitete, wurde – so Henrich – als psychologische Disposition „sonderbarer“ Menschen zur psychologischen Voraussetzung der Aufklärung und der industriellen Revolution.

Henrich spricht von einem „kollektiven Gehirn“.  Der größere Individualismus, das unpersönliche Vertrauen und die Mobilität bedeuteten, dass Einzelne dazu neigten, Beziehungen zu fremden Menschen zu suchen und aufzubauen.  Die Universitäten trugen seit dem Ende des 12. Jahrhunderts dazu bei, „das kollektive Gehirn Europas zu stimulieren. Die Universitäten erschufen eine Klasse von hochgebildeten und mobilen Intellektuellen und Experten, die in den Städten der ganzen christlichen Welt Positionen als Anwälte, Ärzte, Beamte, Professoren und Notare annahmen.“ Das Netzwerk individualistischer und analytisch orientierter Denker verstand sich im 16. Jahrhundert als „Res publica literariae“, Gelehrtenrepublik. Durch tausende von handschriftlich verfassten Briefen waren die Denker zwischen dem Königreich Frankreich, dem Königreich England, den Fürstentümern des Heiligen Römischen Reichen Deutscher Nationen, der Republik der Vereinigten Niederlande und den italienischen Stadtstaaten und Fürstentümern miteinander verbunden. Der Mathematiker Marin Getaldic in Kroatien konstruierte den ersten Parabolspiegel, Getaldic wurde Briefpartner von Galilei. Es gab eine Vielzahl von philosophischen und wissenschaftlichen Vereinigungen. Zu dem „kollektiven Gehirn“ gehörten selbstverständlich die Druckwerke, die Bücher, Flugschriften, technischen Handbücher, Zeitschriften und schließlich die wissenschaftlichen Journale. Die informelle Gruppe von Ärzten und Naturphilosophen, die sich in London regelmäßig traf, wurde im Jahre 1660 von König Karl II. in den Rang der Royal Society erhoben.
Als Reaktion auf den Drang der Protestanten nach Bildung und praktischem Wissen förderten die Jesuiten die Schulbildung, handwerkliche Fähigkeiten und das wissenschaftliche Denken. Descartes, Voltaire, Diderot und Condorcet und andere französische Aufklärer waren in Jesuitenschulen ausgebildet.

Mit der Reformation und der Verbreitung der Lesefähigkeit bekam dann das, was Henrich die „sonderbare“ Psychologie nennt, einen großen Impuls, qualitativ und vor allem quantitativ. Henrich hält die Bedeutung der katholischen Predigt gegen die Vetternheirat für entscheidend und wertet die Reformation weniger als Ursache denn als Folge: „Die protestantischen Strömungen verbreiteten sich unter anderem deshalb so rasant, weil ihre grundlegenden religiösen Werte und Weltanschauungen sich mit der proto-sonderbaren Psychologie deckten, die in der damaligen Zeit vorherrschend war.“ Henrich beschreibt diese Psychologie mit Stichworten wie Individualismus, Unabhängigkeit, nichtrelationale Moral, Vorrang von Schuld vor Scham, harte Arbeit, Selbstbeherrschung und unpersönliche Prosozialität (die Gleichheit aller Fremden). Diese psychologischen Merkmale waren die Voraussetzung für die Verweigerung gegenüber Traditionen.

Reformation und Alphabetisierung

Schriftsysteme existieren in mächtigen und erfolgreichen Gesellschaften seit etwa 5.000 Jahren, aber lange konnten nur sehr wenige Menschen in einer Gesellschaft lesen. Und dann begann sich die Alphabetisierung im Westeuropa des 16. Jahrhunderts auszubreiten. Um 1750 konnte die Hälfte oder mehr der dortigen Bevölkerung der Niederlande, Großbritanniens, Schwedens und Deutschlands lesen. In Europa und Amerika bildete sich lange vor dem Aufkommen der staatlichen Schulen und der Schulpflicht ein großes Bedürfnis nach Alphabetisierung. 

Alles begann gegen Ende des Jahres 1517 in der kleinen deutschen Stadt Wittenberg. Tief im Protestantismus verankert ist die Vorstellung, dass der Einzelne eine persönliche Beziehung zu Gott und Jesus entwickeln muss und dass er dazu die Bibel oder wenigstens den Katechismus lesen können muss. Luther fertigte nicht nur eine deutsche Bibelübersetzung an, sondern predigte auch die Alphabetisierung und Schulbildung. Noch um 1900 war die Alphabetisierungsrate eines Landes umso höher, je größer der Anteil seiner protestantischen Bevölkerung war. Sogar in Afrika weisen Regionen mit früher protestantischer Mission im Durchschnitt etwa 16 Prozentpunkte höhere Alphabetisierungsraten auf.

Die Alphabetisierung ist ein Beispiel dafür, wie die Kultur Menschen unabhängig von genetischen Unterschieden biologisch verändern kann. Sie modifiziert unser Gehirn, unsere Hormone und unsere Anatomie ebenso wie unsere Wahrnehmungen, Motivationen, Persönlichkeiten und Emotionen.

Das Training, das man Lesen lernen nennt, hat die Gehirne neurologisch neu verkabelt. Der „Corpus callosum” (auch: „der Balken“), die Informationsautobahn, die die linke und rechte Hemisphäre Ihres Gehirns verbindet, wird dicker. Die Gesichtserkennungsverarbeitung wird in die rechte Hemisphäre verlagert und verschlechtert sich. Ein Teil des präfrontalen Kortex spezialisiert sich auf die Sprachproduktion (Broca-Areal). Und die „normale“ Neigung zur ganzheitlichen Verarbeitung visueller Eindrücke reduziert sich zugunsten einer analytischeren Verarbeitung. Zur Verarbeitung von Buchstaben und Wörtern entwickelt sich in der linken ventralen okzipitotemporalen Region eine Art Briefkasten. Hirnverletzungen dieses Bereichs verursachen Analphabetismus, ohne die Fähigkeit zu beeinträchtigen, Zahlen zu erkennen und mathematische Berechnungen durchzuführen. Während Menschen, die Deutsch lesen gelernt haben, lateinische Schriftzeichen geradezu automatisch und spontan „erkennen“, können sie chinesische Schriftzeichen als interessante Strichmuster studieren. Für die eigene Sprache gibt es ein unterschwelliges Priming – wir bemerken nicht einmal, wenn wir tatsächlich lesen und verarbeiten, was wir lesen. Die Alphabetisierung verändert also die Biologie und Psychologie des Menschen, ohne den genetischen Code anzutasten.

Die Alphabetisierung, das Lesen-Können, hat die Entwicklung zum „sonderbaren Menschen" erheblich gefördert. Wer lesen lernt, muss Wörter und Sätze selbstständig entschlüsseln und verstehen. Wissen entkoppelt sich von dem, was in der sozialen Gruppe erzählt wird. Lesen fördert daher die Individualisierung des Denkens. Schriftsprache ermöglicht es, Dinge zu analysieren, zu vergleichen und zu kategorisieren. Das Verständnis komplexer Texte fördert und erfordert logisches Schlussfolgern, Perspektivübernahme, explizites Begründen von Aussagen. Alphabetisierung fördert daher abstraktes, analytisches Denken. Schriftliche Kommunikation ermöglicht Beziehungen zwischen fremden Menschen. Und Lesen fördert die innere Selbstbeobachtung. Das stille Lesen ist eine außergewöhnlich individualisierte Tätigkeit. Das Buch wird zum Gesprächspartner – auch für das Nachdenken über Gott. Die Kirche ist nicht mehr die Vermittlerin zwischen dem Individuum und Gott. 

Kurz: die Alphabetisierung ist ein Element in einem Bündel von Veränderungen, durch die die Menschen aus ihren unmittelbaren sozialen Verwandtschaftsbeziehungen herausgelöst und „frei“ gemacht wurden für stärker individuelle Entscheidungen, abstrakte Regeln und unpersönliche Institutionen.

Japanische Schamkultur

Japan ist ein modernes, industrialisiertes Land mit einem hohen Grad an Alphabetisierung. Zwar ist die Heirat zwischen Cousin und Cousine ersten Grades erlaubt, spielt aber gesellschaftlich kaum eine Rolle. Es wären also alle Voraussetzungen für „sonderbare“ Menschen im Sinne von Henrich erfüllt.

Allerdings hat Japan eine ausgeprägte Schamkultur. Die moralische Beurteilung hängt von der Art der Beziehungen zwischen den beteiligten Parteien ab. Japans rechtliche Institutionen sind beinahe eine Kopie der amerikanischen, die zugrunde liegende Psychologie der Menschen ist aber eine andere. 

Die amerikanische Anthropologin Ruth Benedict hat die stark schamorientierte Gesellschaft Japans in ihrem Buch „The Chrysanthemum and the Sword“ (1946) beschrieben. Entscheidend ist, wie das eigene Verhalten von anderen gesehen und bewertet wird. Scham entsteht durch Gesichtsverlust, Bloßstellung oder die Verletzung sozialer Erwartungen.

Benedict stellte Japan dabei dem christlich geprägten Westen gegenüber. Auch „enryo“ (Zurückhaltung/Rücksicht) und die Orientierung an sozialen Erwartungen spielen eine wichtige Rolle. Welche sozialen Mechanismen führen in Japan dazu, dass Menschen sich regelkonform verhalten?

Für Erving Goffman ist jede soziale Begegnung eine Art Aufführung. Menschen versuchen dabei, ein bestimmtes Bild von sich aufrechtzuerhalten – ihr „face“ (Gesicht). In Japan hat die Wahrung dieses Gesichts traditionell eine besonders große soziale Bedeutung. Man möchte nicht nur selbst „ein guter Mensch“ sein, sondern vor allem die soziale Beziehung nicht beschädigen und den anderen nicht in eine peinliche Lage bringen. Das Entscheidende ist also nicht bloß das innere moralische Urteil, sondern die soziale Sichtbarkeit des Fehlers.

Die soziale Verpflichtung bzw. moralische Verpflichtung gegenüber anderen wird mit dem japanischen Konzept des „giri“ bezeichnet. Entscheidend ist die Frage: „Was bin ich diesem Menschen bzw. dieser Beziehung schuldig?“ Zum Beispiel wegen eines Geschenkes, das mir diese Person einmal gemacht hat.

Japaner unterscheiden „honne“ die tatsächlichen persönlichen Gefühle und Wünsche von „tatemae“ dem, was man nach außen sagt bzw. was sozial angemessen ist. Die Aufrechterhaltung einer funktionierenden Beziehung ist wichtiger als die unmittelbare Äußerung der persönlichen Meinung. Natürlich kennen auch die Kulturen Deutschlands oder Österreichs Scham, Gesichtsverlust und soziale Kontrolle. Insbesondere ist aber die gespielte Freundlichkeit der österreichischen Kultur sprichwörtlich. Der Unterschied liegt darin, wie stark die Verteilung von Scham-Kultur und Schuld-Kultur in einer Gesellschaft ist. Japan wäre dann nicht eine völlig andere menschliche Psychologie, sondern eine Gesellschaft, in der bestimmte Mechanismen der Gesichtswahrung besonders stark institutionell und kulturell ausgeprägt sind.

 

    siehe auch meine Blog-Texte zu
    Wie wir zu Gemeinschaftswesen wurden (Sarah Hrdy)  MG-Link
    Soziale KI-Akteure   MG-Link