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Der Mensch – ein Gemeinschaftswesen
Die US-amerikanische Anthropologin, Primatologin und Evolutionsforscherin Sarah Blaffer Hrdy (geb. 1946) hat im Jahre 2009 eine Studie über die Frage veröffentlicht, „wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat“. (Mothers and Others. The Evolutionary Origins of Mutual Understanding, 2010 unter dem Titel Mütter und andere erschienen.) Der folgende Text versucht, ihre Thesen kurz zusammenzufassen.
09/2026
Während in der evolutionären Psychologie und Soziobiologie gewöhnlich die Perspektive einer „Menschwerdung durch Jagd, Aggression und männliche Konkurrenz“ eingenommen wurde, betont Hrdy die Bedeutung von Kindheit, Fürsorge, Kooperation und sozialer Aufmerksamkeit.
Ein Schimpanse kann einen anderen auf eine Banane aufmerksam machen. Menschen können jedoch in wesentlich komplexerer Form ihre gemeinsame Aufmerksamkeit auf gemeinsame Ziele richten und kooperieren. Im Dienst der Kooperation stehen die Entwicklung der Sprache, das kulturelle Lernen und schließlich die Herausbildung von Normen und Institutionen. Diese Fähigkeiten, so haben Tomasello und seine Kollegen nachgewiesen, zeigen sich bereits sehr früh im zweiten Lebensjahr.
Der Leipziger Psychologe Michael Tomasello hat bei der Frage, „Warum beginnen Menschen, gemeinsam etwas zu tun, was einer allein nicht bewältigen kann?“, auf die Bedeutung der „shared intentionality“ – der geteilten Intentionalität – verwiesen. Sarah Hrdy stellt die Frage, wie diese geteilte Intentionalität entstanden ist. Sie fragt nach der besonderen menschlichen evolutionären Vorgeschichte der Fähigkeit, den „anderen“ als psychologisch relevantes Gegenüber wahrzunehmen.
Hrdy erklärt ihre Fragestellung an einem Gedankenmodell: Man stelle sich vor, eine Horde Schimpansen wolle mit dem Flugzeug reisen. Diese nahen Verwandten des Homo sapiens würden es nicht aushalten, in der Schlange zu stehen, sich abtasten zu lassen, in extremer Enge stundenlang in Sitzen eingeklemmt zu verharren und gegenüber den Mitreisenden großes Desinteresse oder gar freundliches Verständnis zu zeigen. Warum hat der Homo sapiens eine ganz andere Psychologie? Wie wurde er so anders?
Den Kampf aller gegen alle beziehungsweise den Kampf gegen Konkurrenten teilen Menschen mit anderen Primaten. Für Hrdy liegt der Ursprung des menschlichen sozialen Verhaltens jedoch in einem besonderen Angewiesensein auf die Gemeinschaft. Für die Vorfahren des Homo sapiens in der Steinzeit war angesichts knapper Ressourcen die Hilfe anderer bei der Aufzucht ihrer frühgeborenen Kinder von großem Vorteil. Und: Menschenbabys, die sich nicht an der Behaarung ihrer Mütter festklammern können, mussten ihre „Distanzsinne“ einsetzen, um die fehlende körperliche Nähe – Geruch und Berührung – zu kompensieren. Sie entwickelten sich zu wahren Stimmungsexperten, die visuelle Gesichtsausdrücke und differenzierte Vokallaute in ihrer Umgebung deuten mussten und zu deuten lernten. In den frühkindlichen Überlebensbedingungen liegt nach Hrdy der Ursprung der einzigartigen menschlichen Fähigkeiten zu Empathie und Kooperation.
Erst der aufrechte Gang ermöglichte die Entwicklung zum Werkzeug nutzenden Tier, zum „Homo faber“. Die wirklich großen Unterschiede zwischen Schimpansen und Menschen liegen aber nicht im Werkzeuggebrauch oder im Bereich des elementaren räumlichen Denkens oder des Gedächtnisses, auch wenn wir uns für noch so intelligent halten.
„Der entscheidende Unterschied zwischen der Kognition des Menschen und der anderer Arten [ist] die Fähigkeit, an gemeinschaftlichen Aktivitäten mit gemeinsamen Zielen und Intentionen mitzuwirken“, so formulierte Michael Tomasello, der amerikanische Leiter der Leipziger Forschergruppe für Entwicklungspsychologie, im Jahre 2005 die Trennlinie zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Menschenaffen. Menschen, betont Tomasello, „sind Weltmeister in der Kognition mentaler Zustände anderer“, und sie sind viel stärker als alle anderen Menschenaffenarten biologisch dazu prädisponiert, mit Artgenossen zusammenzuarbeiten. Menschliche Säuglinge und Kleinkinder sind nicht nur soziale Geschöpfe wie andere Primaten; sie sind „ultrasozial“. Der eigentümliche Drang des Menschen, die Gefühle und Anliegen anderer zu verstehen, das Streben nach intersubjektivem Austausch und wechselseitigem Verstehen bilden die Grundlage für ein ausgeprägteres prosoziales Verhalten, so betont Tomasello. Sprache ist ein Element in diesem Bündel hypersozialer Merkmale, die es uns erlauben, uns kommunikativ auf die mentalen Zustände und Gefühle anderer Menschen zu beziehen.
Zusammen mit Tomasello haben Esther Herrmann und andere Forscherinnen und Forscher vom Max-Planck-Institut in Leipzig die Fähigkeiten zweieinhalbjähriger Kinder mit denen von Schimpansen und Orang-Utans verglichen. Das Ergebnis: Kinder sind den Menschenaffen bei bestimmten sozial-kognitiven Fähigkeiten deutlich überlegen („Cultural Intelligence Hypothesis“), während die Unterschiede bei Aufgaben zur physischen Welt wesentlich geringer sind. Die menschliche Besonderheit liegt offenbar nicht einfach in einer allgemein größeren Intelligenz, sondern in den sozialen Fähigkeiten, andere als soziale Akteure zu verstehen und mit ihnen Wissen zu teilen. Das hat den Erwerb und die Weitergabe kulturellen Wissens ermöglicht. Tomasello hat dies den „Wagenheber-Effekt“ der menschlichen Kulturevolution genannt.
Den Schimpansen fehlt schon die für den Menschen typische Bereitschaft zum Teilen. Bei Schimpansen sind beide Geschlechter „instinktiv fremdenfeindlich“; sie greifen ein gleichgeschlechtliches fremdes Tier eher an, als dass sie es tolerieren. Bei den Bonobos (Pan paniscus), auch Zwergschimpansen genannt, ist dies anders: Bonobos versorgen auch die Nachkommen ihrer weiblichen Freunde mit Nahrung. In genetischer Hinsicht sind beide dem Menschen gleich nah.
Wie entstand die Fähigkeit zu geteilter Aufmerksamkeit?
Hrdy stellt die Frage, welche Folgen sich aus der kooperativen Jungenaufzucht für die Bindungstheorie ergeben und was sie für die menschliche Evolution bedeutet.
Die Sprache ist ein einzigartiges Merkmal des Menschen. Die Frage stellt sich, warum die vielfältigen Möglichkeiten tierischer Kommunikation für unsere Vorfahren nicht ausreichten. Die Sprache sei als „verbales Kraulen“ entstanden, sagt der englische Psychologe und Anthropologe Robin Dunbar, als sozialer Kitt in größeren Gruppen.
„So etwas wie ein Baby gibt es nicht“, pflegte der Kinderpsychiater David Winnicott zu sagen, „es gibt ein Baby und noch jemanden.“ Eben die Mutter. Schon im Alter von zwei Monaten pflegen Babys zu ihrer Mutter lange, intensive Blickwechsel und können ein unwiderstehliches „soziales Lächeln“ auf ihr Gesicht zaubern, das der Mutter Liebkosungen abverlangt. Babys nehmen sehr empfindlich wahr, wie feinfühlig die Mutter auf ihre Bedürfnisse reagiert. Und Mütter reagieren in einzigartiger Weise auf ihre Säuglinge.
In Gemeinschaften, in denen Menschen dicht zusammenwohnen, richten sich die rhythmischen, spielerischen Gesichtsausdrücke der Babys nicht nur an die Mutter, sondern auch an andere Personen der näheren Umgebung. Auch andere Frauen, die mit Säuglingen interagieren (Alloeltern), nehmen einen hohen, melodischen Tonfall an. Das ist typische Distanzkommunikation. Schimpansen-, Orang-Utan- und andere Menschenaffenjunge sind darauf nicht angewiesen, da sie permanenten Körperkontakt zu ihrer Mutter haben.
Menschliche Babys entwickeln Bindungen an unbelebte Objekte wie Schmusedecken oder Teddybären als Ersatz, wenn belebte und kommunikativere Quellen der Sicherheit unerreichbar sind. Lange bevor Kinder über Wörter verfügen, um einen Begriff wie Hilfsbereitschaft zu bezeichnen, unterscheiden sie bereits zwischen jemandem, der vermutlich gefällig sein wird, und einem anderen, der potenziell gemein ist, und sie suchen um Hilfe nach.
Hrdy entfaltet in ihrem Buch Mütter und andere die These, „dass im Fall der Homininen das Brabbeln wie auch die Babysprache deshalb entstanden sind, weil Babys und ihre Betreuer (Mütter oder Allomütter) Kontakt halten mussten, während die Babys von anderen gehalten wurden. Die Babysprache beruhigte die Babys, was den Aufenthaltsort und die Absichten ihrer Mütter betraf, während Brabbeln in gleicher Weise die Aufmerksamkeit von Müttern und Allomüttern auf sich zog.“
Gerade die körperlichen Trennungen von der Mutter und andere Ungewissheiten führten dazu, dass junge Menschenaffen die Gesichtsausdrücke von Artgenossen lesen lernen mussten. Michael Tomasello und andere sprechen von der „Neunmonatsrevolution“ – als dem Zeitpunkt, an dem Babys beginnen, ein tieferes „Verständnis von anderen Personen als intentionalen Akteuren ähnlich ihnen selbst“ zu entwickeln. In einer langen Evolutionsgeschichte hat sich diese Fähigkeit als Anpassung an komplexe frühe Lebensräume entwickelt.
Jäger und Sammler leben in fest gefügten Gruppen und verbringen viel Zeit in ihrem Lager. In einer Umgebung ohne Computer und Fernsehen sind die Kapriolen der Kleinen der wichtigste Zeitvertreib für Erwachsene. Väter in heutigen Jäger-und-Sammler-Gesellschaften verbringen gewöhnlich mehr Zeit mit Säuglingen und Kleinkindern, als dies Väter in den meisten westlichen Gesellschaften tun, und viel mehr Zeit als Väter in traditionellen Ackerbaugesellschaften. Das hat Folgen für die Entwicklung des Ich-Bewusstseins, das sich im Rahmen früher Erfahrungen mit anderen Menschen bildet. Babys, die von mehreren Betreuern umsorgt werden, sind darauf angewiesen, die mentalen Zustände dieser Artgenossen gut zu erfassen und Informationen über deren Absichten zu bewerten.
Schon Charles Darwin ging davon aus, dass die Haupttriebfeder für die Evolution unserer großvolumigen Gehirne mit ihren erheblichen Stoffwechselkosten darin lag, dass Jäger und Sammler langsam reifende Kinder versorgen und schützen mussten. Die Nachkommen von Jägern mit „größerer intellectueller Kraft und stärkerem Erfindungsvermögen“ hätten die besten Überlebenschancen gehabt, so Darwin.
Fleisch war ein wichtiger Energielieferant während der langen Kindheit, die notwendig war, um größere Gehirne zu entwickeln. Dies führte langfristig dazu, dass aus dem relativ kleinen Gehirn des Australopithecus das großvolumige Gehirn des Menschen entstand. So wurde die „Jagd-Hypothese“ zu einem einflussreichen Modell in der Anthropologie.
Aber Paläoanthropologen, die auch die Subsistenzstrategien noch lebender Jäger und Sammler erforschen, stellen fest, dass diese Gemeinschaften in der Regel äußerst egalitär sind. Wenn Jäger ein großes Huftier erlegt haben, gibt es ein Festmahl – Proteinzufuhr für die ganze Gruppe. Es bleibt den Frauen überlassen, Nüsse, Knollen und Beeren oder auch kleinere Beutetiere wie Schildkröten für den Alltag zu sammeln. Von der Anthropologin Kristen Hawkes stammt die „Show-off-Hypothese“ („Angeber-Hypothese“), nach der die Großwildjagd eher als eine Art Sport und weniger als Subsistenzsicherung zu betrachten sei: Erfolgreiche Großwildjäger hatten großes Ansehen bei anderen Männern und konnten Frauen beeindrucken.
Der Anthropologe Donald W. Pollock hat (2002) die Rituale der gemeinschaftlichen Jagd am Beispiel der Kulina im peruanischen Amazonasgebiet sehr eindrucksvoll so beschrieben: „Am Ende des Tages kehren die Männer in einer Gruppe zum Dorf zurück, wo die erwachsenen Frauen einen großen Halbkreis bilden und erotisch aufreizende Lieder singen ... und ihr ‚Fleisch‘ verlangen.“ Wobei „Fleisch“ offenbar auch eine Metapher für das männliche Geschlechtsorgan war. Der Bericht geht weiter: „Die Männer werfen ihre Beute auf einen großen Haufen in der Mitte des Halbkreises, oft mit dramatischen Gesten und selbstzufriedenen Lächeln. Nach dem Kochen und gemeinsamen Essen des Fleisches zieht sich jede Frau mit dem Mann zurück, den sie als Partner für das sexuelle Stelldichein ausgewählt hat. Die Kulina vollziehen dieses Ritual mit großem Humor und regelmäßig.“
Männliche Fürsorge kennen nur wenige Säugetiere. Primatenmännchen sind ein Muster an Fürsorglichkeit: Sie beschützen die Jungen nicht nur, sondern umsorgen sie auch. Bei vielen Primaten bleiben Männchen das ganze Jahr in derselben Gruppe wie die Weibchen, mit denen sie sich gepaart haben. Nach Primatenmaßstäben sind daher die fürsorglichen Verhaltensweisen mancher Männer nicht ungewöhnlich, wohl aber für die Untergruppe der Menschenaffen. Anders als die Orang-Utans kümmern sich die Väter bei den Springaffen, kalifornischen Mäusen oder Zwerghamstern vorbildlich um ihre Nachkommen. Aber das Ausmaß dieser Unterschiede in der Tierwelt ist gering im Vergleich zu der immensen Schwankungsbreite, die man innerhalb der einen Art Homo sapiens findet.
Aka-Väter etwa im zentralafrikanischen Regenwald verbringen viel Zeit im Lager und halten sich in der Regel in Sichtweite der Babys auf. Sie praktizieren den höchsten väterlichen Nahaufenthalt, der jemals bei einer menschlichen Gesellschaft beobachtet wurde. Bei den Aka leben Kinder nicht primär in einer isolierten Kernfamilie. Die Betreuung ist auf viele Personen verteilt. Neben der Mutter kümmern sich Väter, Geschwister, andere Verwandte und weitere Mitglieder der Gruppe um das Kind. Barry Hewlett bezeichnet solche Betreuung als allo-maternale beziehungsweise allo-parentale Betreuung.
Bei den Aka findet zudem das kulturelle Lernen in hohem Maß horizontal statt – also unter Kindern – und von anderen Erwachsenen als den Eltern. Kinder beobachten, imitieren und beteiligen sich an Tätigkeiten der Erwachsenen. Aka-Kinder erhalten relativ viel Autonomie. Erwachsene greifen nicht ständig steuernd ein. Gleichzeitig lernen Kinder sehr früh, dass das Leben der Gruppe auf Teilen und Kooperation beruht. Bei den Aka ist zu beobachten, wie eine kooperative Kultur bereits in der Kindheit praktisch hergestellt und weitergegeben wird. Autonomie des Individuums und Kooperation mit anderen sind dort keine Gegensätze.
Aus Not ausgesprochen kooperativ ist die Aufzucht der Jungen übrigens auch bei den Varis, einer kleinen Art von Lemuren (Varecia), also den Varis oder auch Kattas, die in Madagaskar in den Bäumen leben und nur wenige Kilogramm schwer sind. Die Mütter gebären meist mehrere Junge und können sie nicht ständig am Körper tragen. Die Jungen sind bei der Geburt noch sehr hilflos. Schon vor der Geburt baut das Weibchen mehrere Nester in Bäumen, mehrere Meter über dem Boden. Die Mutter trägt ihre Jungen mit dem Maul von Nest zu Nest. Sie lässt ihre Jungen allein in einem Nest zurück, während sie auf Nahrungssuche geht.
Bei wildlebenden Varis kümmern sich dann auch andere Tiere um die Jungen. „Allo-Eltern“ bewachen die Jungen, putzen und wärmen sie, säugen sogar fremde Junge und spielen mit älteren Jungtieren. Auch Männchen beteiligen sich erheblich an der Betreuung. In einer Studie wurde beobachtet, wie ein Männchen an einem einzigen Tag sieben Junge von drei verschiedenen Weibchen betreute. Diese Phase ist kurz – nach etwa zwei bis drei Monaten können die Jungen den erwachsenen Tieren folgen.
Aufgrund seines großen, sehr „kostspieligen“ und noch unreifen Gehirns bleiben menschliche Babys über viele Jahre von anderen abhängig. Die Mutter muss viel Nahrung beschaffen und kann nicht jahrelang ausschließlich mit dem Kind beschäftigt sein. Kein Säugetier auf der Erde hat Junge hervorgebracht, deren Entwicklung zur Reife länger dauert oder die so lange auf die Unterstützung so vieler anderer angewiesen sind wie die Menschen im Pleistozän.
Es gibt eine andere Besonderheit weiblicher Menschen: Abgesehen von einigen Walen lebt kein anderes Säugetier nach dem Ende seiner Fortpflanzungsfähigkeit noch Jahrzehnte weiter. Menschenfrauen leben im Durchschnitt sogar länger als Männer. Der evolutionäre „Sinn“ scheint darin gelegen zu haben, dass die Hilfe noch lebender älterer Frauen die Überlebenschancen ihrer Verwandten erhöht. Die US-amerikanische Anthropologin Kristen Hawkes hat die entsprechende „Großmutter-Hypothese“ formuliert.
Die Frage, welchen evolutionären Vorteil das große Gehirn haben konnte, stellt sich insbesondere, weil das Gehirn ein extrem teures Organ ist: Was seinen Energiebedarf anlangt, wird es nur vom Herzen übertroffen. Nur gut genährte Kinder – wie etwa jene, die von Allomüttern recht zuverlässig mit Nahrung versorgt wurden – konnten es sich leisten, zu wachsen und ein so kostspieliges Organ zu unterhalten.
Aber das Gehirnvolumen nahm im Verlauf der Evolution nur ganz allmählich zu. Das bedeutet: Der Vorteil, ein geringfügig größeres Gehirn als ein Konkurrent zu besitzen, konnte am Anfang kaum den großen Nachteil ausgleichen, dass die Entwicklung zur Geschlechtsreife fast zwei Jahrzehnte dauert. Eine schneller geschlechtsreif werdende – wenn auch „dümmere“ – Konkurrentin kann mehr Nachkommen hervorbringen. Nur Menschenaffen, die von anderen mit Nahrung versorgt wurden, konnten sich die allmähliche Zunahme des Gehirnvolumens und die Kosten einer so späten Fortpflanzungsfähigkeit leisten.
Aus dieser Überlegung folgert Hrdy: Die Homininen hätten ohne gemeinsame Versorgung der Jungen keine großen Gehirne entwickelt. Aber die kooperative Aufzucht muss zuerst gekommen sein.
Die Frage, wann diese Form der kooperativen Aufzucht bei den Homininen entstand, führt in die Welt der anthropologischen Spekulationen. Bislang hat die Analyse der Fossilien keine Antwort erbracht. Niemand weiß, wann Homininen mit der gemeinsamen Jungenfürsorge begannen, wann sie begannen, die kognitiven und emotionalen Veränderungen zu durchlaufen, die die Grundlagen für höherstufige Kooperation legten.
Hrdys Überlegung beginnt mit der Feststellung, dass zu Beginn des Pleistozäns – anderthalb Millionen Jahre, bevor Menschen mit dem Gehirnvolumen des Homo sapiens die Bühne betraten – der durchschnittliche afrikanische Homo erectus doppelt so groß war wie der frühere Australopithecus afarensis. Männliche Individuen wogen etwa 130 Pfund, und einige von ihnen erreichten eine Körpergröße von fast 1,80 Meter. Ihre Gehirne hatten mit einem Volumen von 800 bis 1100 Kubikzentimetern fast doppelt so viel Volumen wie die der Australopithecinen oder Schimpansen. Aller Wahrscheinlichkeit nach zeichneten sich die Jungen dieser Homininen des Altpleistozäns bereits durch jene verlängerte Periode der Abhängigkeit nach dem Abstillen aus, die wir bei einer kooperativ züchtenden Art erwarten würden.
Bei den früheren Australopithecinen waren die Männchen noch doppelt so groß wie die Weibchen. Die Homo-erectus-Männer waren nur noch 18 Prozent größer als die Frauen. Der Unterschied ist nur geringfügig ausgeprägter als beim modernen Menschen.
Weshalb ist dieser Wachstumssprung bei den Weibchen wichtig? Um größere Körper und insbesondere Gehirne hervorzubringen, benötigten insbesondere Homo-erectus-Mütter und ihre Kinder hochwertige Nahrung. Bei zweifüßigen Menschenaffen in einem trockenen Habitat, das aus einer Mischung aus Savanne und Waldland bestand, waren frisch entwöhnte Individuen auf Nahrungsmittel angewiesen, die von anderen beschafft, verarbeitet oder vorgekaut wurden. Um zu überleben, waren sie darauf angewiesen, dass Erwachsene in ihrer Gruppe Nahrung mit ihnen teilten.
Jungtiere waren abhängig von männlichen Jägern, die begierig auf Fleisch und Prestige waren, aber auch von Sammlerinnen, die für verlässliche Mahlzeiten sorgten. Es bestand damit eine doppelte wechselseitige Abhängigkeit. Solche Umstände dürften die Arbeitsteilung verstärkt haben, sagt Hrdy. Gleichzeitig dürfte die Unterstützung durch matrilineare Verwandte in der Nähe den frischgebackenen Müttern ein Gefühl der Sicherheit vermittelt haben. Soziale Unterstützung durch matrilineare Verwandte bedeutet, dass ein Weibchen mehr Einfluss auf das Sammeln von Nahrung, die Fortpflanzung und die Aufzucht von Jungen nehmen konnte.
Die kooperative Aufzucht hatte große Auswirkungen auf die kognitive und emotionale Entwicklung. Hrdy schreibt: „Ich glaube nicht, dass Menschen deshalb eine größere interindividuelle Toleranz, Mentalisierungs- und Lernfähigkeit und damit auch eine größere Kooperationsfähigkeit als die anderen Menschenaffen entwickelten, weil sie bereits Gehirne von Homo-sapiens-Größe besaßen, über symbolisches Denken und eine hochentwickelte Sprache verfügten. Vielmehr bin ich überzeugt davon, dass die Menschenaffen in der Linie, die zu Homo sapiens führte, aufgrund einer beispiellosen Konstellation eine ganz andere Entwicklung nahmen – der Entstehung alloelterlicher Versorgung bei einem Menschenaffen, der bereits die Schlauheit, die machiavellistische Intelligenz und die ersten Ansätze einer Theory of Mind besaß, wie sie für alle Menschenaffen typisch ist. Die Menschenaffenlinie, von der wir abstammen, zog ihre Jungen ganz anders auf und hatte sich in emotionaler Hinsicht sehr weit von dem letzten gemeinsamen Vorfahren von Menschen und Schimpansen entfernt. Die Vorfahren des Menschen hatten eine andere Ausgangsposition und unterschieden sich bereits grundlegend von Menschenaffen wie Schimpansen.“
Menschliche Kleinkinder brauchen wie alle Primatenjungen das Gefühl der körperlichen Verbundenheit. Während Primatenjunge durch engen Körperkontakt getröstet werden, wurde bei Menschen die Übermittlung emotionaler Signale in einer Gemeinschaft zu einem wichtigeren Teil des Strebens nach anhaltender Zuwendung.
Wann passiert das in der Evolution? „Wenn sie dann andere als intentionale Akteure wie sich selbst verstehen“, schreibt Michael Tomasello, „beginnt sich eine ganz neue Welt intersubjektiv geteilter Wirklichkeit für sie zu öffnen. Eine Welt, die von materiellen und symbolischen Artefakten und von sozialen Praktiken bevölkert ist, die Angehörige ihrer Kultur sowohl in der Vergangenheit als auch in der Gegenwart für den Gebrauch anderer geschaffen haben.“
Es gibt Hinweise darauf, dass Homininen schon vor 250.000 Jahren anthropomorphe Figuren aus Ton formten. Die ersten Belege dafür, dass sich Menschen in ihrer Welt umsahen und Materialien auswählten, um ihnen „einen besonderen Touch zu geben“, stammen aber aus dem Mittelpaläolithikum, etwa 150.000 Jahre später. Zu diesen Funden gehören mit Widerhaken versehene Speere oder vielleicht auch Harpunenspitzen aus Knochen sowie durchlöcherte Muschelperlen, die als frühe Schmuckstücke interpretiert werden. Seit etwa 30.000 Jahren zeugen dann Höhlenmalereien und Schnitzereien von der unverkennbaren Kreativität der Menschheit.
Krise der Menschlichkeit?
Im Pleistozän erwarb jedes Kind, das das Glück hatte, heranzuwachsen, automatisch ein Gefühl emotionaler Sicherheit. Heute gilt dies nicht mehr, und die unabsichtlichen Folgen entfalten sich unmerklich, sagt Hrdy. Denn ungenutzte Merkmale, die von der natürlichen Selektion nicht länger begünstigt werden, gehen, rein aus Gründen der somatischen Sparsamkeit, über Jahrtausende verloren, sodass somatische oder neurologische Ressourcen für anderweitige Zwecke genutzt werden können.
Moderne Lebensbedingungen mit ihrem Individualismus und der Betonung persönlicher Unabhängigkeit, die konsumorientierten Volkswirtschaften mit ihren abgeschotteten Wohnverhältnissen, anonymen Hochhäusern oder Eigenheimen in Stadtrandbezirken führen dazu, dass die soziale Einbindung und der Gemeinschaftssinn untergraben werden.
Schon das Ende des Pleistozäns markiert eine Trennlinie in der Art und Weise der Kinderaufzucht, da Menschen an einem Ort sesshaft wurden, Zäune um ihre Wohnstätten zogen und sich hinter Mauern zurückzogen. Die Nutzpflanzen und Nutztiere brachten eine sichere Nahrungsversorgung und ermöglichten damit ein Bevölkerungswachstum. Es ergab sich die Notwendigkeit, Nahrungsvorräte und Eigentum zu verteidigen und, mehr noch als früher, auch Frauen zu verteidigen.
Eigentum, höhere Bevölkerungsdichten und größere Gruppen setzten Männer in einer bislang nicht da gewesenen Weise unter Druck, bei Vätern und Brüdern zu bleiben, ihren zuverlässigsten Verbündeten. „Das Pflegen von Freundschaften in der Eigengruppe“ als eine Strategie, um angesichts der drohenden „Feindschaft von Fremdgruppen“ zu überleben, gewann an Bedeutung.
Wenn die Männer in der Nähe ihrer Verwandten bleiben, müssen die Frauen zu ihren Männern umziehen. In dem Maße, wie die Residenzmuster patrilokal wurden, wurden die Erbregeln patrilinear. Männliche Erben waren besser in der Lage, intergenerationell weitergegebene Ressourcen zu bewahren. Diese Entwicklungen führten dazu, dass die Gewissheit über die Vaterschaft an Bedeutung gewann. Der Keuschheit der Frau wurde ein hoher Stellenwert beigemessen, mit der Folge, dass die Bewegungsfreiheit von Frauen eingeschränkt wurde. Frauen konnten ihre Sexualität nicht länger dazu nutzen, zusätzliche „Väter“ zu gewinnen.
Die Struktur der Kleinfamilie verändert das, was unter Kindeswohl verstanden wird und was für das Kind wichtig ist. Auch den besten Kindertagesstätten gelingt es nicht, das fürsorgliche Umfeld einer Großfamilie zu simulieren und damit auch den eigentümlichen Drang des Menschen zu belohnen, die Gefühle und Anliegen anderer zu verstehen und die einzigartigen menschlichen Fähigkeiten zu Empathie und Kooperation zu entwickeln.
Hrdys skeptische Prognose: „Ich habe keinen Zweifel daran, dass unsere Nachkommen in Tausenden von Jahren (ob auf diesem Planeten oder einem anderen) zweibeinige Menschenaffen sein werden, die Symbole gebrauchen und erzeugen. Sie werden vermutlich Technologien beherrschen, von denen wir heute nicht einmal träumen. Sie werden genauso konkurrenzorientiert und machiavellistisch sein, wie es die Schimpansen heute sind, und sie werden vermutlich noch intelligenter sein als die heutigen Menschen. Doch ist ungewiss, ob sie noch immer jene Attribute besitzen werden, die wir heute als typisch für unsere Spezies erachten, nämlich Empathie und das Bestreben, die Emotionen anderer zu verstehen – Eigenschaften, die von unserem uralten evolutionären Erbe gemeinschaftlicher Fürsorge geprägt wurden.“
Mitgefühl und das Streben nach emotionaler Verbundenheit könnten genauso schwinden wie das Sehvermögen bei höhlenbewohnenden Fischen.
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