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Der chinesische Traum - China total digital?
2026
„China“ ist eine Metapher für das unbegreifliche Asien. Die alten Griechen nannten die Bewohner des fernen Ostens „Seres“, Seidenleute. Sie stellten sich den äußersten Osten Eurasiens als Rand der Welt vor, bewohnt von wunderbaren oder monströsen Wesen. Auch nach Marco Polos Reisen am Ende des 13. Jahrhunderts faszinierte China vor allem, weil es mit den europäischen Augen nicht begreifbar schien. Jesuitenmissionare wie Matteo Ricci im 16. Jahrhundert waren vom Konfuzianismus beeindruckt, der die alte griechische Trennung von „Logos“ und Mythos“ nicht kannte. Der europäische Adel entwickelte seinen Geltungskonsum mit der chinesischen Seide, dem Porzellan und dem Tee, europäische Aufklärer wie Gottfried Wilhelm Leibniz, Christian Wolff oder Voltaire idealisierten China gleichzeitig als das ganz Andere. Und Gottfried Wilhelm Leibnitz meinte 1697, „eher müßte das verderbte Europa von chinesischen Theologen unterrichtet werden als umgekehrt”.
In der Mitte des 20 Jahrhunderts verbreitete die universitäre Intelligenz der westlichen Länder eine Ideologie über die Mischung aus chinesischen Bauern-Kommunismus und Kulturrevolution. China schien für die intelligenten, politisch engagierten Studenten, die die verkrusteten Strukturen der westlichen Demokratie kritisiert hatten und den Vietnamkrieg verdammten, einen ganz anderen Kommunismus zu versprechen – sie bewunderten den chinesischen Diktator Mao Zedong und schwenkten seine „Bibel”. Während im Westen die maoistische Ideologie verblasste, erschien die Mao-Tradition unerschütterlich und Hua Guofeng als der perfekte Nachfolger an der Partei, Staats- und Militärspitze – er übernahm nach Maos Tod 1976 die Ämter des Parteivorsitzenden, Ministerpräsidenten und Vorsitzender der Militärkommission und verkündete: „Alles, was Mao entschieden hat, ist richtig“.
Und dann kam vollkommen unerwartet die große chinesische Wendung des 20. Jahrhunderts, die sogar die chinesische künstliche Intelligenz sprachlos zu machen scheint. Auf die Frage nach der Bedeutung des Maoismus für China antwortete die chinesische „Deep Seek“: „Sorry, that’s beyond ma current scope. Let’s talk about something else.“ (Abfrage Januar 2026)
Mit dem Maoismus verbindet die neue chinesische Politik vor allem der absolute Machtanspruch der kommunistischen Partei und ihr Credo, dass die Gesellschaft durch staatliche Macht strukturiert wird. Der chinesische Volkskongress hat im März 2026 den neuen Fünfjahresplan – mit einer Gegenstimme. Darin wird Chinas Anspruch als führende Wirtschaftsmacht formuliert – in sechs Technologie-Bereichen will China führend sein: bei Chips, Raumfahrt, Biomedizin, bei der Bewirtschaftung des Luftraums unter 1000 Metern, in neuen Batterietechnologien und KI-gestützte Robotern. Und dazu gibt es sechs Bereiche, in denen China viel investieren will: Quantentechnologie, Bio-Manufacturing, grüner Wasserstoff, Kernfusion, Gehirn-Computer-Schnittstellen und der Mobilfunkstandard 6G. Die Plan-Phantasie ist beängstigend.
Dabei „sind die Chinesen um mich herum kaum anders als wir“, schreibt Lea Sahay in ihrem Bericht über das „Leben in Xi Jinpings neuem China: „Ob in der U-Bahn, im Kreis der Familien oder Freunde, unterhalten sie sich über ihre Arbeit, im Restaurant über das Essen. Sie freuen sich, wenn man sie wahrnimmt, und noch mehr, wenn man ihre Sprache spricht.” Der „chinesische Traum”, so Sahay, war der Traum von einem Konsum, der den Hunger überwinden würde. Das war schon das Versprechen von Maos gescheitertem „großem Sprung nach vorn” gewesen. Erst nach Maos Tod entstand eine wirtschaftlich begüterte „Mittelschicht“ mit einem Konsum nach europäischem Muster.
Die Zerstörung der traditionellen bäuerlichen Gesellschaft
Der maoistische Stalinismus hatte sich militärisch auf die Bauern gestützt und dadurch den Mythos eines bauernfreundlichen Systems verbreiten können. Nach stalinistischem Vorbild wurden allerdings bald die traditionellen bäuerlichen Bindungen zerstört und eine forcierte Industrialisierung durch die Ausbeutung der Bauern finanziert. Von 1953 an mussten die Bauern dem Staat ihr Getreide zu Dumpingpreisen verkaufen. Die Kehrseite der massiven Industrialisierung beim „Großen Sprungs nach vorn“ (1958 bis 1961) war eine Hungersnot, bei der zwischen 15 und 45 Millionen Menschen starben.
Die „Ein-Kind-Politik” (1979 bis 2015) hat schließlich den Zerfall traditioneller großfamiliärer Gemeinschaften nachhaltig vollendet. Auch heute wollen chinesische Paare sich nicht mehr als ein Kind leisten. Die chinesische Gesellschaft ist daher eine alternde Gesellschaft, aktuelle Prognosen gehen davon aus, dass im Jahre 2035 rund 400 Millionen der 1,4 Milliarden Chinesen über 60 Jahre alt sein werden. Schon heute gibt es eine erhebliche Altersarmut, das soziale System ist nicht auf eine alternde Gesellschaft eingerichtet, genauso wenig wie die Gesundheitsversorgung.
Viele der 200 bis 300 Millionen Wanderarbeiter lassen ihr Kind bei den Großeltern. Jedes fünfte Kind wuchs im Jahre 2020 nicht bei seinen Eltern auf, sie werden „liúshǒu értóng“ genannt, die Zurückgelassenen. Viele ältere Bauern sind dabei Analphabeten, ohne staatliche Rente müssen die meisten auch im hohen Alter noch arbeiten. In der Schule herrscht derweil ein rigider Leistungsdruck. Kinder müssen gehorchen, Kreativität und Individualität werden nicht gefördert. Die Belastung zeigt sich in einer hohen Suizidrate von Jugendlichen vor allem in ländlichen Gegenden, die sich zwischen 2010 und 2021 vervierfacht hat.
Die repressive neue Ordnung – ohne Zivilgesellschaft
Aber anders als in Europa war der Konsumismus nicht mit der Entwicklung einer Zivilgesellschaft verbunden. „Sich nur mit Dingen zu beschäftigen, die einen unmittelbar betreffen, ist menschlich und in China eine Art Lebensversicherung.“ (Sahay) Der staatliche Repressionsapparat organisiert eine kollektive Amnesie – viele Chinesen wissen wenig bis nichts Genaues über die Kulturrevolution, über die Unterdrückung der Uiguren, über die Toten auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“. „Wer im modernen China ungestört leben will, muss über das Verbrechen schweigen“, schreibt Sahay.
Wie effektiv die Zensur und die Unterdrückung der freien Meinungsäußerung funktionieren, wurde in den Jahren der Corona-Epidemie deutlich, als am Ende diejenigen, die früh gewarnt hatten, noch bestraft wurden. Weltweit bekannt geworden ist der Name des 34-jährigen Augenarztes Li Wenliang. Er berichtete als einer der ersten schon am 30. Dezember 2019 in einer Chatgruppe vor einem neuartigen gefährlichen Erreger, vier Wochen vor der offiziellen WHO-Warnung. Die Polizei suchte ihn nachts zu Hause auf und wies ihn an, zu schweigen. Er infizierte sich wenig später selbst. „In einer gesunden Gesellschaft sollte es nicht nur eine Art von Stimme geben" schrieb Li Wenliang von seinem Krankenhausbett in dem Weibo-Hashtag „#IchwillMeinungsfreiheit“. Millionenfach wurde der Hashtag geklickt, bevor er gelöscht wurde. Die Polizei nötigte Li Wenliang im Krankenhaus, eine Erklärung zu unterschreiben, in der es hieß, er habe unwahre Behauptungen aufgestellt und die gesellschaftliche Ordnung ernsthaft gestört. „Wir wünschen, dass Sie sich beruhigen und sorgfältig nachdenken, und möchten Sie ernsthaft warnen: Wenn Sie weiter halsstarrig bleiben, ihre Vergehen nicht bedauern und mit diesen illegalen Aktivitäten fortfahren, werden Sie strafrechtlich zur Rechenschaft gezogen werden - haben Sie das verstanden?“ Li unterschrieb: „Ich habe verstanden.“ Wenige Wochen später starb er im Krankenhaus.
Wie konsequent die chinesische Repressionsappart unbequeme Wahrheiten auslöscht, wurde auch 2022 bei einem Feuer im 15. Stock eines Hochhauses in Ürümqi deutlich. Wohlhabende Geschäftsleute mit ihren Familien wohnten dort. Die Feuerwehr kam spät und hatte keinen Zugang zu vielen Wohnungen, weil die von den Corona-Behörden verschlossen waren, um die Bewohner in Quarantäne zu zwingen. Nach offiziellen Angaben starben zehn Menschen, die Videoaufnahmen von der Brandkatastrophe machen den Eindruck, dass es deutlich mehr gewesen sein müssen. Die Handy-Videos wurden verbreitet – bis systematisch jeder Verweis auf „Ürümqi“ aus den sozialen Medien verschwand. Und jede Anspielung auf die Feuerkatastrophe wurde geahndet. Schließlich schraubten die Behörden sogar im 4000 Kilometer fernen Shanghai das Straßenschild mit dem Namen „Ürümqi-Straße“ ab.
Ürümqi ist eine Stadt im Gebiet der rund zehn Millionen Uiguren, die im äußersten Nordwesten Chinas leben. An jeder Fußgängerzone stehen dort Busse voller Soldaten. Überwachungskameras erfassen jeden Winkel, an den Straßenecken sind Polizeiposten aufgebaut. Aus Lautsprechern dröhnen kurze Vorträge über die Unteilbarkeit Chinas mit der Nationalhymne. Nicht Aldous Huxley, sondern George Orwell formulierte das Muster für diese Dystopie. Das Schicksal der englischen Kronkolonie Hongkong zeigt, wie schnell eine freie Gesellschaft durch moderne diktatorische Kräfte vollkommen zerstört werden kann.
Das gesellschaftliche Klima hat sich unter Xi Jinping (geb. 1953) seit den 2020er Jahren verschärft. Das Land schottet sich wieder mehr ab. Zwischen 2020 und 2022 hat sich die Zahl der Ausländer in China halbiert – allein in Berlin mit seinen vier Millionen Einwohnern leben doppelt so viele Menschen mit ausländischem Pass als in China.
Die Abschottung Chinas ermöglicht es der chinesischen Propaganda, gegenüber der westlichen Welt eine gewisse Distanz zu dem russischen Krieg in der Ukraine zu signalisieren und gleichzeitig im Inneren bedingungslose Solidarität mit Russland zu verbreiten und den Krieg zum Anlass für nationalistische Militär-Propaganda zu nehmen. China rüstet auch intern auf. Das Verhältnis zwischen Russland und China scheint so eng wie seit dem Konflikt zwischen Stalin und Mao in den 1950er-Jahren nicht mehr, als Mao Zedong sich noch dem russischen Diktator fügte. Die größten Kinoproduktionen sind mittlerweile Kriegsfilme, der Koreakrieg (1950) wird als reine Notwehr Chinas gegen die amerikanische Invasion in Nordkorea dargestellt. Das ist mehr als eine harmlose Geschichts-Klitterung. 2019 nannte Xi Jinping die „Wiedervereinigung“ mit Taiwan als „historisch unvermeidbar“. Taiwan in China einzugliedern, scheint der heute 73-Jährige als Teil seines Lebenswerks zu verstehen.
Das Beispiel Jack Ma und Alibaba
Alibaba, der chinesische Technologiekonzern aus Hangzhou, der heute über 200.000 Mitarbeiter hat, ist ein Symbol für den chinesischen Fortschritt wie für seine autoritäre Wendung. Alibaba wurde 1999 von Jack Ma gegründet. Jack Ma wurde über lange Jahre zu einer Kultfigur für den chinesischen Traum von wirtschaftlicher Stärke und privatem Reichtum. Er stammt aus ärmlichen Verhältnissen und hat als junger Mann kostenlose Führungen für Ausländer angeboten, um sein Englisch zu verbessern. Und als erfolgreicher Unternehmens-Chef verschwand er im Jahre 2020 plötzlich. Jack Ma hatte im Oktober 2020 scharf das chinesische Finanzsystem und die Regulierungsbehörden als verkrustet und innovationsfeindlich kritisiert. Ma warf den staatlichen Banken vor, eine „Pfandleihhaus-Mentalität“ zu haben, die Finanzaufsichtsbehörden seien ein „Club der alten Leute“, die strengen Vorschriften bremsten die Innovationen in China. Daraufhin wurde der Börsengang der Alibaba-Finanztochter „Ant Group“ gestoppt. Ma musste sich aus dem Tagesgeschäft von Alibaba zurückziehen und verlor einen großen Teil seines Vermögens. Seit dem Jahr 2023 trat Ma wieder sporadisch in China auf. Im Februar 2025 wurde Ma schließlich gemeinsam mit anderen Tech-Größen von Präsident Xi Jinping in der Großen Halle des Volkes empfangen – Alibaba investierte Milliarden in die KI-Forschung und durfte sich als zentraler Akteur in Chinas KI-Wettlauf darstellen. In einer früheren Diskussion in einer Schule in Hangzhou hatte Ma noch erklärt: „Wir müssen KI einsetzen, um Probleme zu lösen, und nicht, um von KI kontrolliert zu werden.“ Jack Ma hat die Steuerung seines Konzerns abgegeben und lebt inzwischen unauffällig in Tokio. Neuer Chef des Alibaba-Konzerns ist Joseph Tsai. Der ist 1964 in Taiwan geboren, ging er auf eine Schule in New Jersey und studierte an der Yale University. Er wurde 1991 in New York als Anwalt zugelassen, ging dann nach Honkong. Er war 1999 einer der Mitgründer von Alibaba. Er gehört heute zu den reichsten Personen der Welt.
Auch andere bedeutende chinesische Unternehmer leben im Ausland, vor allem Singapour ist sehr beliebt. Dort lebt Zhang Yiming, der Gründer von ByteDance, dem Mutterkonzern von TikTok. Als reichster Singapourer gilt der chinesische Milliardär Li Xiting, Mitgründer von dem Medizintechnik-Unternehmen Mindray Bio-Medical. Offenbar wollen sich erfolgreiche chinesische Unternehmer dem Zugriff der „kommunistischen“ Bürokratie wenigstens teilweise entziehen und gleichzeitig scheint diese Bürokratie nicht nur mit reiner Repression die kapitalistischen Konzerne zu disziplinieren. Das Modell eines „Kapitalismus ohne Liberalismus“ scheint auf Kompromisse mit erfolgreichen Unternehmern angewiesen.
Warum Europa und nicht China?
Diese Beobachtung führt auf die alte Frage, warum China den technologischen und zivilisatorischen Vorsprung, den es im 10. Jahrhundert hatte, nicht zu einer erfolgreichen Modernisierung ausbauen konnte. Warum gab es Renaissance, Aufklärung und kapitalistische Modernisierung in Europa und nicht einmal in Ansätzen in China?
Das fragt zum Beispiel der Historiker Christian Meier. In Europa wurde das Wasserrad erfunden, die Brille, die mechanischen Uhr und der Buchdruck mit beweglichen Lettern. Aber China kannte lange vorher Verfahren zur Eisenverhüttung, das Schießpulver, den magnetischen Kompass, das Papier. Das chinesische Imperium war um das Jahr 1.000 dem Ottonischen Reich weit voraus. China verfügte 1420 über eine Flotte, die 1.350 Kriegsschiffe zählte. Kolumbus verfügte dagegen nur über drei Caravellen. China war in der Zeit der Ming-Dynastie (1368–1644) ein im damaligen Vergleich blühendes Land. Die Verbotene Stadt wurde gebaut, das höfische Leben war geprägt von Prunk, Fülle und Prachtentfaltung. Es kam zu einem bemerkenswerten Aufschwung des Handels und Handwerks mit technischen Neuerungen z. B. in der Weberei und beim Buchdruck. Es gab Manufakturen mit mehr als 1.000 Arbeitskräften, der früher den Muslimen überlassene Überseehandel wurde von chinesischen Kaufleuten mit Hochseeschiffen übernommen. Der Handel mit den europäischen Kolonialmächten war verlockend, weil chinesische Produkte von den Portugiesen und Spaniern mit mexikanischem Silber bezahlt wurden. Offenbar war das politische und soziale Klima in China nicht so, dass aus einzelnen Erfindungen eine Kette von Entwicklungen wurde. Einzelne Neuerungen wurden sogar in ihrer Anwendung vom Kaiser verboten, die Flotte verrottete. Der Buchdruck war eine herrschaftliche Technik, keine wirtschaftliche. In China fehlte der dezentrale Flickenteppich konkurrierender Zentren mit konkurrierenden, selbstbewussten Händlern und Bürgern. Die Kultur blieb „höfisch“, die Wirtschaft staatlich kontrolliert. Die chinesische Geschichte war immer stark von den zentralistischen Machtapparaten geprägt war, für „Europa“ war gerade die Vielfalt der kleinen Mächte mit ihren zivilgesellschaftlichen Dynamiken entscheidend war. „Europa“ gab es eigentlich nicht, nur im Rückblick: Im 16. Jahrhundert waren die italienischen Stadtstaaten die Zentren der Entwicklung, im 17. Jahrhundert dann das protestantische Flandern, im 18. Jahrhundert England. Im 19. profitierten schließlich die „Vereinigten Staaten“ von Amerika von ihrer politischen und kulturellen Traditionslosigkeit.
Der autoritäre Kapitalismus entspricht also durchaus einer chinesischen Tradition, und die Skeptiker gegenüber dem Eindruck vom chinesischen Erfolgsmodell können darauf verweisen, dass der Aufstieg Chinas nah Maos Tod auf der Ausnutzung billiger Arbeitskräfte und dem Prinzip „copy and paste“ beruhte. Noch heute fördert das chinesische Bildungssystem nicht die individuelle Kreativität, „Nach zwölf unmenschlichen Schuljahren sind die meisten jungen Menschen so ausgebrannt und gleichzeitig planlos, dass sie nicht wissen, was sie mit ihrem Leben anfangen sollen“, schreibt Lea Sahay. Die Frage ist durchaus offen, wie in dieser staatlichen Veranstaltung eine chinesische Zivilgesellschaft wachsen soll. Durch die europäische Brille gesehen erinnert das chinesische Wirtschaftswunder an die „ursprüngliche Akkumulation“, die auch in Europa durch einen merkantilistischen Staat befördert und gelenkt wurde.
Dass die chinesische Entwicklung stockte und mit Europa nicht mithalten konnte, lag an der traditionellen Staatsfixierung der chinesischen Ökonomie und einer traditionellen bäuerlichen Mentalität.
Konfuzianismus als chinesische Philosophie
Der französische Philosoph und Sinologe François Jullien stellt fest, dass schon die Griechen - Parmenides, Platon, Aristoteles - „jenseits der Natur“ spekulierten. In der der chinesischen Philosophie fehlt dagegen der Übergang aus dem naturalistischen „Logos“ (λόγος, „Ideen“) zur Vernunft (νόησις). In der Han-Zeit (rund um Christi Geburt) wurde der Konfuzianismus zur allgemein anerkannten Lebensphilosophie, von zentraler Bedeutung war die Bewahrung der Werte und Weltanschauungen der Vergangenheit. Zu den Werten gehört nicht der Individualismus, sondern zum Beispiel „das Gesicht wahren“. Mit dieser Metapher wird der Respekt von der hierarchischen Ordnung bezeichnet. Hierarchien herrschen in der Familie, bei der Arbeit und im öffentlichen Leben. „Privatheit“ hat ein geringeres Gewicht als in der westlichen Kultur.
Die chinesische Kultur ist eine „Schamkultur“. Beziehungen zu pflegen ist das soziale Kapital für Chinesen: „Schenkst du mir Gesicht, schenk ich dir Gesicht.“ lautet ein verbreitetes Sprichwort. Gefälligkeiten müssen erwidert werden, bei seinen sozialen Beziehungen handeln Chinesen kalkulierend. So wie der Kosmos sich in einem harmonischen Gleichgewicht befindet, sollen auch die Beziehungen unter den Menschen von Harmonie geprägt sein. Kritik ist tabu. Konflikte werden als Störung empfunden und eher umschrieben als benannt. Ein schroffes „Nein“ gilt als unhöflich. Für das heutige China ist „Konfuzius“ eine Ideologie. Daoismus und Konfuzianismus sind keine philosophischen Lehren nach westlichem Verständnis, sondern philosophische Spruch-Sammlungen. Diese Spruchweisheiten haben über die Jahrhunderte eine große interpretationsbreite erfahren. Sie wurden immer wieder zur Legitimation verschiedener Herrschafts-Systeme modifiziert. Die Sprüche entstammen vorrationalen Traditionen, darin liegt die Faszination und Provokation für das westliche Denken. Westliche Aussteiger behandeln die Sprüche als kleine Münze und bedienen sich skrupellos, aber auch Manager-Kurse nach der Devise: „Es ist besser, eine Kerze anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen." Daoismus und Konfuzianismus haben keine systematische philosophische Tradition begründet, es gab keinen Anselm von Canterbury, keinen Thomas von Aquin, keinen Wilhelm von Ockham. Noch heute sind die Schriften von Gebildeten aus dem europäischen Mittelalter bekannt, die die antike Philosophie fortentwickelt haben und die Voraussetzungen für die Renaissance schufen. Dazu kommen die Denker aus dem arabischen Raum, Avicenna (Ibn Sina), Averroes (Ibn Ruschd) oder der jüdische Philosoph Moses Maimonides.
Die Lehre von Mao Zedong steht daher nicht im Kontext einer chinesischen Philosophiegeschichte, sondern verbindet einzelne Positionen der europäischen Kommunismus-Theoretiker mit traditionellen chinesischen Bauernweisheiten.
Scheitern des Maoismus
Der Maoismus hat die traditionelle bäuerliche Sozialstruktur Chinas zerstört, gegenüber seinem eigenen Anspruch ist er aber wie der sowjetische Sozialismus daran gescheitert, dass es keinen direkten Übergang von einer bäuerlich geprägten Wirtschaft zum „Sozialismus“ gab. Kern der kommunistischen Idee ist der Gedanke, auf Grundlage einer kollektiven Organisation der Arbeit müsse die alte vorindustrielle Sehnsucht nach Gemeinschaft neu verwirklicht werden. Aber am Ende des 20. Jahrhunderts zeigte sich, dass die eigentliche Triebfeder der Geschichte der Wille zum egoistischen Konsum ist – auch in China. Der Maoismus kannte zwei große Versuche, die staatliche Planung nach sowjetischem Vorbild zu dynamisieren - den „Großen Sprung nach vorn“ und die „Kulturrevolution“. Beide scheiterten. Beim „Großen Sprung nach vorn“ wird die Zahl der Opfer durch Hungersnot, Überarbeitung, Folter und Hinrichtungen auf rund 50 Millionen geschätzt, bei der Kulturevolution gab es Todesopfer durch Gewalt, Massaker und Folter und ebenso viele durch Suizide. (Die chinesische KI antwortet auf die Frage, wie viele Tote es in der Kulturrevolution gab, mit dem Stereotyp: „Sorry, that’s beyond my current scope. Let’s talk about something else.“)
Den „Großen Sprung nach vorn" hatte Mao Zedong 1959 als Industrialisierungskampagne verkündet. China sollte innerhalb von fünfzehn Jahren Großbritannien einholen. „Töpfe, Pfannen und Werkzeuge wurden in Hinterhöfen in primitiven Hochöfen eingeschmolzen, um die Stahlproduktion des Landes zu erhöhen, denn diese galt als magischer Maßstab für den Fortschritt", schreibt Frank Dikötter in seinem Standardwerk über den „großen Sprung nach vorn“. Für das Scheitern ist besonders die Kampagne gegen die Spatzen typisch. Als Teil der „Ausrottung der vier Plagen“ wurden Milliarden Spatzen getötet, da sie die Getreidekörner auf den Feldern fraßen. Aber dies führte zu einer Vermehrung der Insekten, die die Ernten vernichtete und die Hungersnot verschärfte.
Wenige Jahre später erlebte China den Beginn der Kulturrevolution (1966). Rund hundert Millionen Menschen wurden schikaniert oder öffentlich gedemütigt. Es kam zu Folter, Verschleppungen und Mord. Tausende wurden in den Selbstmord getrieben, Tempel und Kultureinrichtungen zerstört. Deng Xiaoping wurde entmachtet. Selbst der derzeitige starke Mann Chinas, Xi Jinping wurde als 15-Jähriger 1969 zur „Umerziehung" in ein Dorf in der Provinz Shaanxi verbannt, wo er sieben Jahre unter harten Bedingungen lebte. Das hat offenbar seinen Charakter und seine politische Haltung geprägt. Xis Halbschwester war von Roten Garden in den Suizid getrieben worden. Aber auch davon spricht man in China nicht ungestraft. Nur einen Monat nach Maos Tod, im Oktober 1976, konnten sich pragmatische Kräfte in der Führung Chinas durchsetzen. Die „Viererbande“, darunter Maos Witwe Jiang Qing, wurde verhaftet. Ihnen wurde vorgeworfen, das Land ins Chaos gestürzt zu haben. Deng Xiaoping konnte sich 1978 als neuer starker Mann durchsetzen. Er stand für eine wirtschaftliche Modernisierung. Die Kommunistische Partei Chinas beschloss 1981 ein offizielles Dokument, in dem die Kulturrevolution als „große Katastrophe“ für Volk und Partei bezeichnet wurde, Mao Zedong wurde mit der Formel „70 % gut, 30 % schlecht“ zur Geschichte erklärt.
Erst der staatlich organisierte Raumtierkapitalismus nach Maos Tod hat die extreme Armut in China überwunden.
Wird der Konsumismus die chinesische Denkweise revolutionieren?
China ist in den 1990er Jahren eine „Konsumgesellschaft“ geworden. Nach Angaben der Weltbank stieg das reale Bruttoinlandsprodukt (BIP) Chinas zwischen 1978 und 2014 um das 48fache, die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätiger erhöhte sich von 1980 bis 2012 um das Neunfache. Im Jahre 2023 wurden in China über 30 Millionen Autos produziert. Das entspricht fast 40 Prozent aller weltweit gebauten Pkw. Nur 800.000 Autos wurden importiert, davon ein Viertel aus Deutschland. In keinem anderen Land der Welt wird mehr Schweinfleisch gegessen als in China - inzwischen gibt es 13-stöckige Hochhäuser für die Schweinezucht.
China ist wurde im 21. Jahrhundert zum umsatzstärksten E-Commerce-Markt der Welt. Sogar der Umsatz mit Outdoor-Ausrüstung und Camping steigt steil an. Besonders die jüngere Generation verhätschelt Haustiere wie Kinder – mit Konsumartikeln. Die App „Alibaba“ ermöglicht es, Marken virtuell durch spielähnliche Erlebnisse zu erkunden, Kleidung von Avataren anprobieren zu lassen. Die digitale Welt soll den Verbrauchern bessere Einkaufserlebnisse bieten als die reale Welt, das ist das Ziel.
Natürlich gab es einen elitären Konsum von Luxusgütern schon immer in China. Der Philosoph Yang Zhu hatte im vierten Jahrhundert v.u.Z. eine hedonistische Lebensauffassung gepriesen mit der Begründung, dass das Leben kurz sei. Dem agrarischen China entsprach derweil eine Ethik der Sparsamkeit, die in der „maoistischen“ Phase der Jahre 1949 bis 1979 auch für die neue herrschende Elite propagiert wurde. Hedonismus, Konsumismus und Individualismus wurden zu geschmähten Begriffen – aber nur für wenige Jahre.
Offenbar wurde nach Maos Tod die „kommunistische“ Politik als gescheitert angesehen. Sonderwirtschaftszonen und Gemeinschaftsunternehmen mit ausländischen Firmen sollten ausländisches Kapital und Wissen in die Volksrepublik locken. Als die „Sonderwirtschaftszone“ Shenzhen wenige Jahre nach Maos Tod 1980 eingerichtet wurde, gab es da nur eine kleine Fischerstadt an der Grenze zu Hongkong mit etwa 30.000 Einwohnern. Heute leben in der Region fast 18 Millionen. Hier wurden High-Tech-Unternehmen wie Huawei gegründet. In den Debatten um den „Shekou-Sturm“ ging es um den kulturellen Boden für die Konsumkultur in China – um die Legitimierung des Individualismus und des Rechtes der Menschen, die Früchte ihrer Arbeit zu genießen. Unter der Herrschaft von Deng Xiaoping wurden die Volkskommunen aufgelöst und durch ein System ersetzt, in dem die Bauern wieder für sich alleine verantwortlich waren. Auch in Industrie und Handel konnten private Firmen gegründet werden. 1979 veranstaltete Pierre Cardin seine erste Modenschau in Peking.
Der chinesische Luxuskonsum integriert aber alte Rituale und Gewohnheiten, insbesondere in sozialen Schichten mit niedrigerem Einkommen. Die traditionelle chinesische Kultur zelebriert die Anerkennung des sozialen Status anderer Menschen. Teure Geschenke suggerieren einen höheren Status. Zur Wahrung des Gesichtes müssen Luxus-Geschenke entsprechend erwidert werden. Die Motivation für demonstrativen Konsum ist das Signal, das sie aussenden. Das gilt für vor allem für die breite chinesische Mittelschicht. Es gibt viele arme Regionen in China, in denen man sich demonstrativen Geltungs-Konsum nicht leisten kann.
Der Nixon-Besuch und die Frage: Kann man China demokratisieren?
Vier Jahre vor Maos Tod, 1972, machte ein spektakuläres symbolisches Ereignis Weltgeschichte – der amerikanische Präsident besuchte China und den Super-Kommunisten Mao Zedong. Das konnte sich damals nur der stramme Antikommunist Richard Nixon leisten. Es war der erste Besuch eines US-Präsidenten in der Volksrepublik - nicht erst seit 1949, sondern überhaupt in der Geschichte – eine diplomatische Sternstunde. In den USA hat es eine Euphorie ausgelöst – es gab Mao-Sticker, Mao-Anzüge, Warenhäuser schalteten Zeitungsanzeigen in chinesischer Schrift. Nixon erinnerte bei seiner Rückkehr an die Gedenktafel, „die unsere Astronauten bei ihrer ersten Landung auf dem Mond dort zurückgelassen haben: ‚Wir kamen in Frieden, für die gesamte Menschheit‘.“ Seit dem Korea-Krieg Anfang der 1950er-Jahre hatten nicht einmal offiziellen diplomatische Beziehungen mehr bestanden. Der greise Revolutionsführer Mao Zedong gab Nixon eine Audienz. Vier Jahre später begann mit dem Tod Maos und dem mit dem Herrscherwechsel zu Deng Xiao Ping (1978) die Wende zu einem autoritären Raubtier-Kapitalismus, 1982 wurde das Bekenntnis zum Maoismus aus der chinesischen Verfassung gestrichen.
Der europäische Liberalismus geht davon aus, dass es Eliten aus den urbanen Mittelschichten gibt, die in der Lage sind, die demokratischen Entscheidungen des Volkes zu lenken. Die chinesische Elite bezieht sich mit ihrer Skepsis gegenüber der Demokratie auf die Erfahrungen der chinesischen Revolution. Das chinesische Volk – Bauern wie Wanderarbeiter (Mingong) als anfällig für Manipulationen aller Art, weil sie ihren Leidenschaften und Instinkten ausgeliefert seien und nicht rational handelten. Das erinnert an die konservative europäische Theorie der Masse nach Gustave Le Bon. Für chinesische Intellektuelle ist es unvorstellbar, dass das Volk als demokratischer Souverän die politische Macht innehat. Selbst Liu Xiaobo, der Friedensnobelpreis-Träger des Jahres 2010, der wegen seiner Schriften ins Gefängnis kam und dort 2017 gestorben ist, hat einmal formuliert: „Was die Massen wollen, ist banales und materielles Glück.“ Das klingt nach Adorno.
Der Soziologe Jean-Louis Rocca beschrieb die chinesische „Massentheorie“ so: „Den Angehörigen dieser gesellschaftlichen Klassen traut man nicht zu, ihre Rolle als Staatsbürger auszufüllen, weil ihnen die ‚Eignung‘ (suzhi) dazu fehlt. Dieser Begriff bezieht sich vor allem auf das Bildungsniveau, meint aber auch guten Geschmack, anständiges Benehmen, Höflichkeit, Hygiene, Zivilisiertheit und geistiges Niveau.“ Das ist die alte kulturelle Unterscheidung zwischen den (gebildeten) „Städtern“ und dem (ungebildeten) „Landbewohner“, heute Wanderarbeitern. Diese Skepsis gegenüber dem Volk gab es in Russland oder in Frankreich noch in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts genauso. Hatten die Bauern nicht Louis-Napoléon Bonaparte unterstützt? Der Hinweis auf angebliche chinesische Traditionen mystifiziert chinesische Besonderheiten.
Die Ohnmacht der chinesischen Soft Power
Auf der Basis des „Konfuzianismus“ konnte sich in China keine der Aufklärung vergleichbare intellektuelle Tradition herausbilden. Kaum ein Amerikaner oder Europäer kann heute erklären, was es bedeuten würde, „Konfuzianist“ zu sein. Und es gibt keine chinesische Kulturindustrie, die populär übersetzen könnte, was „an Konfuzius orientieren“ bedeuten würde.
Die Betonung von Harmonie und der Mangel an Innovation, an Individualismus und an Kreativität erklärt Chinas schwache „Soft Power“. Chinas Lebensstandard, Kultur und Unterhaltung sind in der globalisierten Welt nicht attraktiv, nicht einmal für die asiatischen Nachbarn. Chinesische Kulturprodukte – Filme, Musik, Lifestyle – haben global kaum Zugkraft. Es gibt kein chinesisches „Hollywood“, das Filme für die ganze Welt produzieren würde. Während Englisch als globale Wissenschafts- und Kultursprache dominiert, bleibt Mandarin relativ isoliert. Chinesische Universitäten und Think Tanks haben international deutlich weniger Einfluss als ihre westlichen Pendants. Japan kann auf Einwanderung setzen, um den dramatischen Bevölkerungsschwund zu kompensieren, Einwanderung nach China ist derzeit undenkbar und auch für die meisten asiatischen Völker äußerst unattraktiv.
Staaten kooperieren zwar mit China, Misstrauen und kulturelle Distanz prägen auch die zwischenstaatlichen Beziehungen. Ohne die freiwillige Anziehungskraft der „Soft Power“ muss China häufiger auf wirtschaftlichen Druck oder militärische Stärke setzen, was wiederum Widerstand erzeugt. China muss mit Krediten, Infrastruktur und Sicherheitskooperation kompensieren, wo kulturelle Attraktivität oder normative Anziehungskraft fehlen. Die strenge staatliche Kontrolle über Kunst und Medien verhindert oft die Authentizität, die für kulturelle „Soft Power“ wesentlich ist. Der aggressive, konfrontative Stil der chinesischen Außenpolitik (Taiwan, Hongkong, territoriale Ansprüche im Südchinesischen Meer) schürt Misstrauen.
siehe auch meine MG-Texte Asien digital - die alternative Art, modern zu sein? MG-Link Japan digital - die alternative Moderne? MG-Link
Notizen zu Konfuzius MG-Link Alain Bihr, Warum nicht China? Link Warum Europa? Warum nicht der Islam? MG-Link
Selbst im Netz MG-Link Individualität und Sozialität MG-Link Kommunikatives Kraulen MG-Link
Lit.: Frank Dikötter Maos Großer Hunger: Massenmord und Menschenexperiment in China (2014), engl. „Mao‘s Great Famine. The History of China‘s most devastating Catastrophe, 1958–62“ (2011) Frank Dikötter war Professor an der Universität Hongkong, lebt heute in Kalifornien als Senior Fellow am Hoover Institution an der Stanford University. François Jullien (Vom Sein zum Leben : euro-chinesisches Lexikon des Denkens 2018) François Jullien (* 1951) ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen französischen Sinologen. Er ist Direktor des Institut de la Pensée Contemporaine. Christian Meier, Von Athen bis Auschwitz (2002) Jean-Louis Rocca, China demokratisieren – aber wie? (erschienen im März 2017 in der deutschen Ausgabe von Le Monde diplomatique) Lea Sahay, Das Ende des chinesischen Traums. Das Leben in Xi Jinpings neuem China“ (2024)
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