Klaus Wolschner                         Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

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III
Medien-
Theorie

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen

3 AS neu 200

ISBN 978-3-7418-5475-0
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at)wolschner.de

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre Bedeutung für die
menschliche Wirklichkeits-Konstruktion im „Jahrhundert des Auges“

3 VR neu 200

ISBN 978-3-7375-8922-2
im Buchhandel oder beim Autor  klaus(at) wolschner.de

Wir Augentiere - Sehen und Denken

Über die visuellen Grundlagen der diskursiven Vernunft und die Sprache als
das besondere Medium für das menschliche Denken

2017

1. Die Frühformen des Denkens bei Menschenaffen haben sich ohne Sprache entwickelt. „Denken" bezeichnet bei Menschenaffen die mentale Verarbeitung, d.h. „Wahr-nehmung“ dessen, was sie sehen. Ihre komplexeren Möglichkeiten der Kommunikation basieren auf Gesten, nicht auf Lauten. Man kann davon ausgehen, dass auch die menschliche Sprache bis zu den sesshaften Kulturen der Jungsteinzeit nicht so differenzierte Strukturen entwickelt hatte, dass sie zur Grundlage von Denken werden konnte. Die ursprünglichen Mittel (Medium) der kognitiven Prozesse sind visuelle mentale Bilder.
2. Mit der Sprache als dem evolutionär neuen Medium entwickelt sich das spezifisch menschliche Denken. Die Sprache sortiert auch unser Sehen. Beim Menschen prägen die sprachlichen Formen das, was wir sehen, wenn wir die Augen aufmachen - neben den Tiefenschichten unserer emotionalen Wahrnehmung. Mit der Sprache potenzieren sich die Möglichkeiten, visuelle Einzelheiten aus dem sinnlichen Erleben herauszulösen und durch die Benennung im Gedächtnis als Muster zu fixieren und zur Grundlage des Denkens zu machen. In ihren Metaphern wirkt die Basis der körperlichen Wahrnehmung in der Sprache fort.
3. Die Kulturgeschichte des Sehens ist die Geschichte der Herauslösung einer rein visuellen Wahrnehmung aus dem für die Tierwelt normalen ganzheitlich-leiblichen sinnlichen Erleben – mit Hilfe der Sprache. Die Sprache sortiert unser Sehen.

Kein anderes Sinnesorgan hat in der Evolution ein derart großes Potential abstrakter Wahrnehmung entwickelt wie der Gesichtssinn. Das tastende Fühlen und das Riechen bleiben unmittelbar gebunden an die Leiblichkeit der Wahrnehmung. Tastend und fühlend spüren wir Weite, ein „Raum“ wird daraus erst, wenn die Grenzen der Weite visuell als Begrenzung wahr-genommen werden – wir sehen den Raum, dessen Weite wir abschreiten können.

Wahrnehmen ist aktives „nehmen“, also handeln: Wir richten die Aufmerksamkeit auf das, was wir wahrnehmen wollen, berühren Dinge, wenden uns dem Licht zu, schauen aus verschiedenen Blick-Winkeln auf ein Objekt. Zu dem aktiven Wahrnehmen gehören Körperbewegungen, Kopfbewegungen, Bewegungen der Augenmuskeln. Und je mehr die Gegenstände sprachlich fixiert werden, treten die praktischen Kontrollformen der Wahrnehmung zurück: Um ein rot-grünes Ding auf dem Tisch als Apfel zu identifizieren, muss der kultivierte Mensch nicht mehr tasten, den Duft durch die Nase einziehen und hinein beißen, er weiß aus Erfahrung: Was so rund aussieht und auf einem Tisch liegt, kann nur ein Apfel sein.

Für Säuglinge ist das Tasten und Riechen entscheidend und überlebenswichtig. Für den in die Kultur hineinwachsenden Menschen nimmt die Bedeutung des Riechens und Tastens ab. Ein Gefühl für die alte Ordnung der Sinne, in der das  Riechen und Tasten die Wahrnehmung stärker prägte, stellt sich bei dem - aus seiner biologischen Determiniertheit er-wachsenen - Menschen insbesondere bei den extrem körpergebundenen Akten ein, insbesondere bei der Liebe. Riechen und Tasten bleiben leibgebundene Sinneswahrnehmungen.

Auch die Geräusche, die wir hören, sind Bestandteil einer komplexen Umwelt-Wahrnehmung, in der Regel können wir sie nicht mit Worten beschreiben, nicht analytisch differenzieren. Sie bleiben vom Typus her ganzheitliche sinnliche Wahrnehmungen. Wenn etwas auf den Boden fällt, macht es „platsch" oder „klirr", das Geräusch hat für uns keinen benennenden Details - ganz anders als ein Bild, das wir sehen. Musik ist Melodie, die emotional bewegt, und Rhythmus, auf dem der Leib unmittelbar reagiert, wippt und mitschwingt. Die Melodie ist „hinreißend schön", der Groove „stark", mitreißend. Mehr kann zur Faszination durch Musik eigentlich nicht gesagt werden. Die abstrakten musiktheoretischen Kategorien sind in der Schriftkultur entwickelt worden und werden auf die Klangwahrnehmung projiziert. Den meisten Menschen sagen die akademischen Texte über Musikkultur nichts.

Ganz anders beim Augen-Sinn. In ihrer kognitiven Entwicklung sind Menschen Augentiere. Es sind wahrgenommene visuelle Muster, die mit dem Instrument der Sprache geordnet werden und die Grundlage für das menschliche Denken bilden. Schrift-Bilder sind visuelle Zeichen und der Rohstoff der entwickelten Schrift-Sprache.

Wenn ich 15 Nüsse auf der Erde liegen sehe, sehe ich zunächst: Das sind viele. Kommunikationskulturen ohne Sprache und auch rein orale Sprachen haben für „15“ kein eigenes Wahrnehmungs-Muster, kein Wort - „viele“ reicht. Erst die Zeichen der Schriftsprache helfen uns zu unterscheiden zwischen „14“ und „15“. Diese Zeichen sind Wort-Bilder, die unserer Sprache ihren Stempel aufdrücken – Schriftsprache. Kinder, die Rechnen lernen, nehmen drei und drei und wieder und wieder und wieder drei und finden so durch rechnenden Nachdenken heraus, dass es 15 sind. Erwachsene sortieren die „vielen“ visuell in Gruppen und sehen dann auf den zweiten Blick, wie viele Nüsse es sind. Aus der spontanen visuellen Ungenauigkeit wird eine kognitive Eindeutigkeit, erst die Wort-Bilder lassen uns mühelos „sehen", was wir sehen und wissen. Die durch Schriftbilder kultivierte Sprache fixiert das körperlose, abstrakte Sehen.

Die Möglichkeit der selektiven Wahrnehmung und des abstrahierenden Sehens sind in der Funktionsweise des Nervensystems angelegt. Zum Beispiel selektiert auch das Frosch-Gehirn ganz spezifische optische Reize, Bewegung und Größe, aber es verarbeitet die visuellen Reize zu instinktiven Handlungs-Impulsen - Flucht oder Zuschnappen. Formen von Objekten nimmt das Froschgehirn nicht wahr, dafür hat es keine inneren Bilder. Objekte, die rund sind, machen für das Frosch-Gehirn keinen Sinn, er ignoriert sie als unwichtige Wahrnehmung, als visuelles „Rauschen“. Das menschliche Gehirn nimmt runde Formen dagegen als besondere wahr, der Mensch sinniert über den Mond nicht nur als Nacht-Licht. Er vergöttert den Mond, um Naturgewalten zu bannen, und nimmt ihn als reine Form wahr – rund.

In der antiken Sprach-Geschichte Griechenlands lässt sich nachvollziehen, wann ein spezielles Wort für „Kreis“ auftaucht, eine Bezeichnung für die abstrakte Idee einer Form, die man weder fressen noch anfassen kann. Das Gehirn kann sie nur als Strukturprinzip aus verschiedenen einigermaßen ähnlichen Objekten abstrahieren. Das abstrahierende, analytische Sehen macht Wahrnehmung unabhängig von ihrem emotionalen Kontext und ihren natürlichen Handlungs-Implikationen. Erst das Gehirn macht aus den verschwommenen Grau-Werten des optisch Sichtbaren ein klar, konkret benennbares Muster „rund“. Wir sehen mehr oder weniger runde Gegenstände, wir wissen: Das sind Varianten des Sprach-Bildes „Kreis“.

Schrift-Bilder - visuelle Schriftzeichen

Das abstrakte Sehen schafft Spielraum für die willkürliche Belegung von Bild-Symbolen mit Sinngehalten – symbolische Zeichen stehen für Gegenstände. Die symbolischen Zeichen sind der Rohstoff für die mentalen Konstruktionen der Kultur, die in der Sprache und insbesondere dann in der Schrift fixiert werden.

Ein „Z“ auf einem Blatt Papier repräsentiert zum Beispiel einen Zischlaut, der für Zärtlichkeit wie für Zorn brauchbar ist. Die Zeichenfolge „Zorn“ repräsentiert und benennt eine ideale Emotion – vollkommen abstrahierend von konkreten Menschen, die diese Emotion empfinden oder ausstrahlen könnten. Primaten erkennen zornige Artgenossen an ihrem konkreten Gesicht auch ohne die Fähigkeit zur Sprache und erkennen nach entsprechenden Erfahrungen das Muster „Zorn“ als Beispiel für eine ihnen gefährliche Emotion.

Das emotional-visuell Erlebte wird im Gehirn als Muster fixiert und seine Bedeutung als Kontur auf wahrgenommene bildliche Farb- und Grauwerte projiziert. Ohne den emotionalen Kontext kann der Zorn in einem abgebildeten Gesicht aber erst dann wahr-genommen werden, wenn er mit einem Substantiv und dem entsprechenden Schrift-Bild bezeichnet wird. Tiere können auf zornige Gesichtsausdrücke reagieren, Menschen können auch über den Zorn philosophieren. Die Komplexitätserhöhung der mentalen Verarbeitung visueller Eindrücke ist grundlegend für die kulturelle Entwicklung des Menschen.

Die sprachlichen Formen lösen sich mit ihrer schriftlichen Fixierung von den visuellen Eindrücken, die sie ursprünglich nur repräsentieren wollten, und beginnen ein Eigenleben in einer Welt der Undinge – das ist der Anfang des abstrakten Denkens. In dem von der Außenwelt weitgehend abgeschirmten Gehirn, in das nur wenige undeutliche Sinneseindrücke hineingelangen, entsteht schließlich durch die Ordnung der Schriftsprache ein komplexes Sinngefüge, auf das das Gehirn zurückgreift, wenn neue verschwommene Eindrücke interpretiert und einsortiert werden müssen. Das Begreifen hat in einer Schriftkultur nichts mehr mit „greifen“ zu tun. Wir „begreifen“ Wasser als Verbindung von Sauerstoff und Wasserstoff und wundern uns nicht mehr darüber, warum sich die Verbindung von zwei Gasen flüssig anfühlt – das Wort „Wasser“ macht eine gedankliche Einheit aus drei vollkommen getrennten Welten: der leiblichen Erfahrung, dem Anblick und den Schrift-Symbolen der chemischen Formeln.

Visuelle Intelligenz

Zum Verständnis der visuellen Wahrnehmungsprozesse eignet sich besonders schön die Frage, „was das Froschauge dem Froschhirn mitteilt“. Das Wirklichkeitsbewusstsein, der Wahrnehmungsapparat des Frosches selektiert nämlich die materielle Realität nach vier „Typen“ von Phänomenen: 
- deutliche Kontrastlinien (die zum Beispiel erkennen klassen, wo der Horizont ist), 
- plötzliche Veränderungen der Lichtverhältnisse (die zum Beispiel darauf hindeuten, dass sich ein Storch nähert), 
- Ränder, die sich bewegen (die zum Beispiel etwas über die Bewegungen des Storches aussagen), und 
- die Randkrümmung kleiner, dunkler Objekte (quasi also Insekten-Detektoren)

Der Frosch nimmt so von der Welt nur das wahr, was für sein Überleben wichtig ist. (Im Zeitalter elektronischer Bewegt-Bilder ist er desorientiert - siehe das Video „Frosch vor Smartphone” 
Link)
Das Froschauge kennt keinen Bereich der gröβten Sehschärfe, auf die er einen Teil des Bildes zentrieren müsste. Seine Augen kompensieren äußere Bewegungen aktiv, etwa wenn er auf einem schaukelnden Wasserlilienblatt sitzt, Bewegung sieht er, wenn es Bewegung seiner äußeren Umwelt ist. Inmitten von unbeweglich dasitzenden Fliegen würde ein Frosch also verhungern. Die eingebaute Selektivität seiner Wahrnehmungsweise spart aber Energie und die Wahrnehmungsverengung hilft dem Frosch, schnell und zuverlässig zu reagieren. Ein Mensch kann bekanntlich mit dem Maul oder der bloßen Hand keine Fliege fangen.

Auch das menschliche „Sehen” ist selektiv und wählerisch. Wahrnehmung ist Reizempfang, aber kein passives Abbilden einer gegebenen Außenwelt, sondern ein selektives Reiz-„nehmen“. Die Fülle der Reize, die auf die Wahrnehmungsorgane treffen, würde nur als Rauschen interpretiert werden können. Aus dieser Fülle entnimmt sie Wahrnehmung einige Reize, die Bedeutung haben könnten. Aus dem „gesehenen“ diskontinuierlichen und zweidimensionalen Netzhautbild macht das Gehirn eine gegliederte dreidimensionale Umwelt mit klaren Formen und Farben und drängt damit gleichzeitig dem Verstand interpretierende Wahrnehmungshypothesen auf. Die Experimente der optischen Täuschung sind beredtes Zeugnis dafür. 

Die „gesehenen“ Objekte werden dabei normalerweise in sinnstiftende Beziehungen zueinander gesetzt. Einen Punkt, der auf einer Fläche einem anderen hinterher wandert, sehen wir als „Verfolger“. Beim bloßen Sehen spielt interpretierendes Wissen genauso eine Rolle wie Erwartungen und Wünsche. Durch Handeln werden Wahrnehmungshypothesen überprüft und gegebenenfalls korrigiert.

Für die Evolutionsbiologie ist das selbstverständlich: Ein Organismus interessiert sich für Beziehungen und Kräfte, für ihren Ort, ihre Stärke und Größe, ihre Richtung und für die überlebenswichtige Frage, ob sie zuträglich oder feindselig sein könnten. Wahrnehmung wird daher von Emotionen gesteuert - in ihrer unwillkürlich primären und ihrer kulturell entwickelten Form. 

Die Wahrnehmung selektiert nach dem Kriterium des praktischen Nutzens: Lebewesen selektieren die punktförmigen Farb- und Helligkeitswerte so, dass ihr Gehirn aus Veränderungen in definierten Reizfeldern blitzschnell auf das Vorhandensein von Bewegung schließen kann. Lebewesen erkennen in den Helligkeits-Veränderungen „Bewegungen“ und nehmen Veränderungen weit intensiver und besser wahr als Konstantes, Bekanntes. Tiere nutzen diese Selektion zur Identifikation von Fressfeinden – und zur Täuschung.

Die Wahrnehmung kann das Beobachtungsobjekt von seiner Umgebung trennen: Trotz aller Eigenheiten der Netzhaut „sehen“ Mensch - wie auch andere Lebewesen - die Objekte ihrer Begierde als weitgehend konstante Gegenstände, selbst wenn sich (entfernungsbedingt) die Größe, die Farbschattierung und (aufgrund von Drehungen) die Form ändern. „Wir sehen die Dinge so, wie es unserer Erwartung entspricht.“ (Arnheim) 

Die Photochemie des Auges sortiert zudem das kontinuierliche Farbspektrum in Variationen und Kombinationen von Grundfarben – offenbar bevor die Sprache dafür die Farbbegriffe prägt. Nicht die Sprachen teilen dabei das Spektrum auf, sondern sie differenzieren nur eine Einteilung, die im Zwischenhirn von der Farbwahrnehmung vorgenommen werden –  in der Netzhaut gibt es drei verschiedene Typen von Zapfen, die unterschiedlich auf  die Wellenlängen von rot, blau und grün reagieren.
Auch die besonderes klare Wahrnehmung von geraden Strukturen scheint im Gehirn verankert – als Voraussetzung des Form-Sehens. 
Die Selektion findet auch in der Tiefenwahrnehmung statt. Die Akkommodation der Augenlinsen folgt der Aufmerksamkeit: In jedem Augenblick kann die Wahrnehmung nur einen bestimmten Ausschnitt des Gesichtsfeldes fixieren. 
Die Wahrnehmung „sammelt“ also nicht unendlich viele Einzelheiten und Einzelfälle, sondern möglichst wenige Typen, wiederkehrende und bereits bekannte Grundformen. Dieser Drang zur Abstraktion scheint in den Mechanismen des Gehirns zu liegen. Schon fünf Tage alte Säuglinge können einfache Formen von Zahlvorgängen begreifen, wie die Wahrnehmungspsychologin Karen Wynn herausgefunden hat. Das Säuglingsgehirn sortiert schon seine ersten Sinneseindrücke nach Stabilität, Regelhaftigkeit und Kontrollierbarkeit.

Kopf in Landschaft

 


 


Jedes Erkennen ist also eine selektive Strukturierung der gegebenen Reiz-Fülle und schützt den Geist vor einer Überschwemmung mit unnützen oder unverdaulichen Informationen. Eine Ratte kann einen Kreis nicht von einem Quadrat unterscheiden, das braucht sie auch nicht zu können. Manche Kulturen machen sprachlich keinen Unterschied zwischen Blau und Grün. In Wahrheit sind die Naturformen viel komplizierter als geometrische Konstruktionen und als die Kategorien, die mit den für das Auge erfundenen Zeichen repräsentiert werden können. 

Die Wahrnehmung sortiert nicht nur das Wahrgenommene nach den ihm vom Gedächtnis zur Verfügung gestellten Zeichen, sondern ergänzt unvollkommene oder unvollständige Sinnes-Eindrücke auch entsprechend seinen Erwartungen. Sehen ist aktiv, es handelt sich immer um Seh-Akte.


Was Affen sehen und was man nur mit Sprache sehen kann

Menschenaffen können denken ohne über Sprache zu verfügen – ihr Denken ist ganz auf ihre vor allem visuellen Wahrnehmungen bezogen. (L) Ihre komplexeren Möglichkeiten der Kommunikation basieren auf Gesten, nicht auf Lauten. Sie können die Absichten ihrer Artgenossen erraten, sie können erkennen, wenn eine interessante Futterstelle für den Blick ihrer Artgenossen verdeckt ist, und sie können ihre Artgenossen in der Konkurrenz um Futter täuschen.
Wenn Schimpansen eine Bananenstaude sehen, dann „sehen“ sie gleichzeitig, dass kein Leopard in der Nähe ist und dass sie gegebenenfalls von der Bananenstaude auf einen nahen Baum flüchten könnten. Sie erfassen das Bild der Bananenstaude mit einem Muster, in dem die Attraktivität des Futters mit den Risiken der konkreten Situation abgeglichen wird
.

Wenn man die Frage aufwirft, wie Affen die Welt sehen, dann muss man zunächst feststellen, dass ihr Sehorgan Auge sich wenig von dem menschlichen Auge unterscheidet. Das Affengehirn kann das Gesehene in einer komplexen Weise, die Psychologen wie Michael Tomasello als frühe Form des Denkens bezeichnet, analysieren und projiziert die gedachte Bedeutung auf das sichtbare Objekt. Das, was ein Affe so wahr-nimmt, bleibt aber gebunden an die unmittelbaren körperlichen Bedürfnisse des Affenlebens in seiner Gruppe. Affen können in einer Strichzeichnung keine Struktur ihrer Landschaft erkennen. Der Affe kann durchaus im Labor symbolische Zeichen erkennen und sein Verhalten daran ausrichten - aber nur, wenn er dafür als Belohnung etwas zu fressen bekommt. Affengruppen kennen fürsorgliche und feindliche Beziehungen, Affen können Gesichter so gut lesen wie Menschen, aber sie scheinen nicht in der Lage zu sein, über ihre unmittelbaren körperlichen Bedürfnisse hinausweisende symbolische Ordnungen zu bilden.

Das komplexe denkende Abwägen der Affen findet vor allem auf der Grundlage dessen statt, was sie visuell wahrnehmen. Ihre akustischen Signalrufe tragen für ihre Wahrnehmung wenig bei, es sind nur einfache körpernahe Überlebens-Zeichen, keine abstrakten symbolischen Zeichen. Sie verfügen nicht über Sprachlaute, die es ihnen ermöglichen würden, symbolische Zeichen aneinander zu reihen und eine symbolische Kultur zu entwickeln, die ihnen zum Beispiel die Erkenntnis ermöglichen könnte, dass die Sonne ebenso kreisrund ist wie ein Wassertropfen. Sie wissen, dass ein großes Stück Fressen mehr sein kann als drei kleine, sie „sehen“, dass vier gleichgroße Nüsse mehr sind als drei, aber sie haben keine Vorstellung von Mengen, die größer sind als das, was ein Blick erfassen kann.

Das menschliche Zählen setzt voraus, dass die visuelle Aufmerksamkeit von einer Nuss zur nächsten wandert und dass es symbolische Zeichen gibt, mit denen man die Blick-Schritte summieren und speichern kann – bündelnde Laut-Zeichen oder bündelnde Schrift-Zeichen. Dass 15 Nüsse mehr sind als 14, kann nicht das Ergebnis eines ganzheitlichen Blickes sein, es setzt ein abstrahierendes Sehen voraus, das die Nüsse als Zeichen betrachtet und rein quantitativ wahr-nimmt.

Anders als die hörbare oder riechbare Umwelt erscheint unserem Gehirn die sichtbare Umwelt zerlegbar in einzelne Teile oder einzelne, abstrahierbare „Eigenschaften“. Schon bei Lazarus Geiger (1868) gibt es den Hinweis, dass die Abstraktionsleistung, die zur Herausbildung von Sprachlauten führt, nicht vorstellbar ist als Klangnachahmung oder als symbolisches Fixieren von Tast-Erfahrungen. Sprache, so unterstrich Fritz Mauthner in seiner „Kritik der Sprache“ um die Wende zum 20. Jahrhundert, bezeichnet nicht etwas bloß Gehörtes, repräsentiert nicht das Gehörte, sondern in erster Linie das Gesehene. Das Wort „Löwe“ ist keine Lautmalerei aus der Panik der Erscheinung eines Löwen, sondern ein emotionslos konstruiertes Lautzeichen und ein Wort-Bild, dem ein inneres Bild entspricht. Die Sprache übersetzt aus einer Sinnengruppe in die andere und dabei geht viel von den Emotionen verloren, die in der ursprünglichen sinnlichen Wahrnehmung vorhanden waren. Seine leiblichen Empfindungen kann der Mensch akustisch unmittelbar nur als Lautmalerei ausdrücken, etwa im Schrei. In seiner Sprache erscheint die leibliche Empfindung in abstrakte Klangformen übersetzt, die Sprache benennt sehr eindeutig auch die uneindeutigen Elemente der Lebensumwelt und reduziert damit ihre diffus-vielfältige Bedeutung. Das ist der Unterschied zwischen einem Affektlaut und den Worten: „Das hat mir sehr weh getan.“

Raum-Wahrnehmung

An den Versuchen der kindlichen Welt-Aneignung ist deutlich ablesbar ist, wie sehr das „Erkunden“ zunächst auch ein tätiges Erkunden ist, solange die mentalen Bilder nicht ausgeprägt sind. Was ein Raum ist, begreift ein Kind, wenn es sich aktiv im Raum bewegen oder Dinge im Raum bewegen kann. Auch für die Baumaffen war das Begreifen des dreidimensionalen Raumes überlebenswichtig. Jeder Rabe beweist ein grundlegendes Verständnis von perspektivischem Sehen, wenn er vor dem nahenden Radfahrer drei kleine Hüpfer an den Wegesrand macht und das Ungetüm dann ungerührt an sich vorbeiradeln lässt. Die bewusste Vorstellung eines geometrisch-dreidimensional vorgestellten Raumes entsteht aber nicht schon beim Ausweichen oder „Sich-Bewegen“ im Raum oder beim Fressen, sondern beim abstrahierenden visuellen Betrachten verschiedener Räume. Das Raum-Verständnis hat sich gebildet als „Fußraum des laufenden Tieres“ oder als „Maulraum“, das wäre eine befremdlichen Vorstellung, stellte Mauthner fest. Für das Be-greifen des Raumes ist der Gesichtssinn entscheidend. Unser heutiges Raum-Verständnis ist geprägt von den visuellen Modellen der Geometrie – das Wort-Bild „Raum“ ist ein Wort, mit dem die Bilder der geometrischen Konstruktion die visuelle Wahrnehmung prägen.

Die erfahrungsunmittelbare Sprache am Beispiel der Pirahã …

Nach den Berichten des Ethnologen Daniel Everett kennt das kleine Amazonas-Indianervolk der Pirahã keine abstrakten Farb-Bezeichnungen und keine abstrakten Zahlwörter. Sie kennen Worte, die „undurchsichtig“ bedeuten und mit denen sie schwarze Gegenstände bezeichnen, für „grün“ verwenden sie dasselbe Wort wie für unreif, für „rot“ haben sie das Wort, das auch Blut bezeichnet. Pirahã kennen nicht rechts oder links – orientieren sich aber mühelos mit stromabwärts oder stromaufwärts. Sie unterscheiden die Farben nach den Objekten, mit denen sie umgehen – ohne abstrakten Farb-Begriff. Ähnlich ist es beim Zählen: Eine überschaubare Anzahl von Kindern benennen Mütter als Aufzählung, nicht mit einem abstrakten Zahlwort. Sie kennen keine Zahlwörter und können daher auch nicht zählen. Welches ist das Älteste Kind? Für die Pirahã-Mutter ganz klar das, das „an der Spitze aus dem Bauch geworfen“ wurde. Bei diesem Indianerstamm hat Everett in besonderer Weise die Charakteristika einer erfahrungsunmittelbaren Sprache studieren können.

… und die Lust an der Abstraktion

Bei Tieren treffen Sinnesreize - etwa Warnrufe oder das Piepsen der Jungen bei der Mutter -  auf abgespeicherte Erfahrungen, die deutlich komplexer sind als der Reiz, der sie auslösen kann. Tiere verfügen offenbar über ein Bild-Gedächtnis. Der Anblick eines sie fütternden Menschen erinnert an das Futter, das sie wieder erwarten, sie bauen eine soziale Bindung auf Basis des Bildes des gewöhnlich fütternden Menschen und seiner Stimme. 
Aber in der Tierwelt gibt es keine künstlichen Abbildungen, mit denen Tiere zur Unterstützung des Gedächtnisses Abwesendes sichtbar machen würden, vergleichbar mit den gehauenen Skulpturen In den alten Kulturen. Eine Maus, die eine Katze sieht, „
weiß“ sofort, dass sie gefressen werden soll. Wahrnehmen ist immer eine Interpretation von realen Phänomenen mit ihrem „Sinn“ für den Wahrnehmenden. Bilder, Momentaufnahmen werden als Momente von Handeln „verstanden“, Verursacher und Folgen hineinphantasiert. Mäuse machen sich bekanntlich aber keine Gedanken über das, was nach ihrem Tod sein wird. Der spezifischen menschlichen Kultur reicht es nicht, im Hier-und–Jetzt glücklich zu sein, sondern sich phantasiert über Ursprung und Ziel und reduziert damit den Augenblick auf ein flüchtiges zeitliches Moment eines abstrakten Größeren. 

Am Übergang von den Kommunikationsformen der Affen auf die der Menschen stehen Zeigegesten auf nicht präsente Objekte oder Ereignisse, wie Tomasello betont. Vor allem sind es dann aber die Bezüge von Lauten auf Gesehenes oder Erinnerungen an Gesehenes, also die Übertragung von visuellen Mustern auf Wort-Lautmuster, die die menschliche Kommunikation  dann qualitativ von der der Menschenaffen unterscheidet. In dieser Übertragung liegen die Ursprünge der sprachlichen Laute.

Wer mit offenen Sinnen die Natur erlebt, muss beeindruckt sein von der Vielfalt der fühlbaren Oberflächen, der riechbaren Düfte und der sichtbaren Formen. Wie kann man da auf die Idee kommen, die Reduktion dieser Vielfalt zum Maßstab der Erkenntnis zu machen und behaupten, alle Natur sei auf ein Element, das „Wasser“ (Thales von Milet) reduzierbar? Oder auf vier, Wasser, Erde, Feuer, Luft wie der vorsokratische griechische Philosoph Empedokles meinte? Oder nach der Lehre der daoistischen Denker auf die fünf Elemente Holz, Feuer, Metall, Wasser und Erde? Offenbar verbreitete sich seit der „Achsenzeit“, und das nicht nur im klassischen Athen, eine Lust an der Abstraktion, am mentalen Spiel, das auch mit Sozialprestige belohnt wurde. Erde kann man fühlen, darauf treten, darin einsinken, sie beackern – Erde als gedachtes Ur-Element ist keine Zusammenfassung der verschienen Erfahrungen mit der Erde, sondern eine Idee, die aus der Lust der Abstraktion entsprungen ist.
Empedokles lebte und dachte an der Schwelle von einem archaischen Denken, das leibnahe Kräfte als wirkende Ursachen unterstellte, zu einem von der Liebe zu abstrakten Erkenntnis-Urformen geprägten Denken. Als Formen der Wahrheit galten ihm nur kreisrunde oder dichotomische Muster. Gott musste daher für Empedokles abstrakt und „rund“ sein. Auch der Mensch, so die Erzählung, von der Aristophanes berichtet, wurde von Gott als „Kugelmensch“ geschaffen, rund und vollkommen. 

Jeder, der einmal versucht hat, einen Speer weit zu werfen, lernt, dass er beim Abwurf leicht nach oben über das Ziel hinweg „zielen“ muss, weil der Speer sich senkt. Auf die Idee, sich eine Flugbahn als Linie vorzustellen und als „Parabel“ zu kategorisieren, die steiler oder weniger steil verlaufen kann, kommt aber nur einer, der Wurf-Wege als abstrahierte Flugbahnen aufzeichnen und mit einem symbolischen Strich visuell-bildlich repräsentieren kann. Die Parabel ist eine mentale Erfindung der griechischen Mathematiker. Erst wenn man das Bild auf dem Papier kennt und das Wort dafür, kann man die abstrakte Form in der Natur „erkennen”.
Die Kognitionspsychologie unterscheidet heute das „analoge“ Denken, das eher intuitiv, assoziativ, leiblich-visuell gebunden und erfahrungsbezogen stattfindet, von einem in der visuellen Schriftkultur verankerten analytischen Denken, das regelhaft stattfindet und eindeutige begriffliche, kategoriale Zuordnungen vornimmt und damit einen komplexeren Kontext oft ignorieren muss wie der Physiker die Reibungskräfte und das Rauschen.  

Geschichte des Sehens

Das „Sehen“ ist nicht einfach da, es entwickelt sich mit der Kultur der Nutzung unserer optischen Seh-Werkzeuge. Natürlich versuchen menschliche Lebewesen neue Reize zunächst mit ihren alten visuellen Wahrnehmungsmustern zu be-greifen. Eine Spiegelung – sei es im Wasser, im Glas oder in dem im 14. Jahrhundert erfundenen metallenen Glasspiegel lässt Körper dort erscheinen, wo keine Körper sind, aber so einfach lassen wir uns nicht täuschen. Die kulturelle Geformtheit (oder auch: Willkür) dieses „Sehens“ wird auch deutlich, wenn man sich klar macht, dass im Gehirn die durch den visuellen Sinn aufgenommenen Detail-Informationen wieder in einen Kontext eingefügt werden müssen. 
Immer wieder auffallend  ist die Aufregung, die entsteht, wenn mediengeschichtlich ungewohnte, „neue“ Bilder vor die Augen geführt werden und mental verarbeitet werden müssen - sei es in der Geschichte der Fotografie und des Films oder bei der wissenschaftlichen Bild-Konstruktion, bei den Mikroskop-Bildern wie neuerdings bei den Computeranimationen. Die Aufregung legt sich gewöhnlich nach einiger Zeit – es gibt einen kulturellen Lernprozess auch des Gehirns im Umgangs mit „neuen“ Bildern. Um die Wende zum 20. Jahrhundert erzählte man gern, dass Variete-Besucher vor der einfahrenden Lokomotive in dem Streifen der Brüder Lumière richtig Angst hatten. Die – vermutlich erfundene - Geschichte demonstrierte zumindest, dass man eine angemessene Verarbeitung dieser medialen Fiktion gelernt hatte.
Wiederholte Auseinandersetzung hilft den Sinn für die Grenze von Attrappe und Realität zu schärfen. Immer schon haben sich Menschen mit der Wirkkraft von Bildern auseinandergesetzt. Bilder wurden verehrt oder verboten wegen der ihnen innewohnenden Kräfte. Als „Beweis“ für die Realität eines Sinneneindruckes galt die Kombination von Hören und Sehen.
Neu im Zeitalter elektronischer Medien ist die kulturelle Erfahrung von beweglichen audio-visuellen Attrappen. Der Ort, an dem die Worte und Bilder als Kommunikations-Macht wirken, ist und bleibt der Kopf. Der Ort, an dem visuelle Realitäten der alten und der neuen elektrischen Art wahr-genommen werden, ist das Gehirn. Virtuelle Welten sind Phantasiewelten, die aus dem Realen aufsteigen. Es gehört zur kulturellen Entwicklung, dass die Wahrnehmung der neuen Fiktions-Ebenen und neuen Medien „gelernt“ werden muss.
 

 

    Mehr zur Geschichte des Sehens und zur Kulturgeschichte des Bildes:  M-G-Link

    Zum Themenkomplex Bildkultur gibt es auf Medien-Gesellschaft.de  u.a. folgende Texte:

    Das Gehirn spinnt Sinn - Gehirngespinste    M-G-Link
    Kraft der Bilder - Unser Gehirn liebt die virtuelle Realität: Herrschafts-Bilder, Bilder für Unsagbares   M-G-Link
    Bilder im Kopf - Über die neurologisch vermittelte Realitätswahrnehmung    M-G-Link  
    Bilddenken, Bildhandeln - Wort-Laute, Gebilde und Gebärden      M-G-Link
    Bild gegen Schrift - Wortfetischismus und die Klagen der Schriftkultur über die Macht der Bilder  M-G-Link
    Denken ohne Sprache - Wie denken Menschenaffen?  M-G-Link

    Sprache der Metaphern   M-G-Link
    Sehen der Moderne - Neue Bilder in der neuen Medienkultur  M-G-Link
    Bewegende Bilder - über die Geschichte des Films im 19. Jahrhundert  M-G-Link
    Reizflut, Reizschutz, Inhibition, Neurasthenie      M-G-Link
    Aufmerksamkeit - Über Neurologie und Soziologie einer knappen Ressource  M-G-Link
    Bigger than life - Mammutjäger vor der Glotze   M-G-Link
    Über die Realität der medialen Fiktion  M-G-Link