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Respektlose Bemerkungen zu dem eingebildeten Universalgelehrten:
Oswald Spengler (1880-1936)
„Erstaunlich, mit welcher Treffsicherheit dieser kritische Geist den Ablauf der Ereignisse vorhergesehen hat. Sein Blick reicht bis in unsere jetzigen Tage … Wir halten dieses Werk für noch bedeutsamer als den ‚Untergang des Abendlandes‘“. So lobt die seriöse konservative „Neue Züricher Zeitung“ Spenglers Buch „Jahre der Entscheidung“ (1933). Spenglers „Untergang des Abendlandes“ (1918) hat in seiner Zeit vielen aus der Seele gesprochen. Selbst Thomas Mann zeigte sich (1924) von der „intuitiv-rhapsodische Art seiner Kulturschilderungen“ beeindruckt. Trotz seiner Nähe zum Nationalsozialismus wird dem konservativen Revolutionär Spengler bis heute viel Respekt entgegengebracht. Der Germanist Horst Thomé wertete Spenglers „Untergang“ noch 2002 als „Weltanschauung auf wissenschaftlicher Grundlage“. Der Philosoph Herbert Schnädelbach konnte darin nur „Metaphysik des Irrationalen“ erkennen.
Schon als 15-Jähriger füllte Oswald Spengler 1895 ganze Hefte mit Geschichten über die fiktiven Reiche „Afrikasien“ und „Großdeutschland“. Die Zweite Marokkokrise 1911 – Kaiser Wilhelm wollte mit einem Kanonenboot die deutschen Ansprüche in Marokko unterstreichen und scheiterte damit kläglich - erlebte Spengler als Demütigung des Deutschen Reichs und erklärte rückblickend, das sei der Anlass für die Arbeit an seinem Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes” gewesen. Darin schwadroniert er mit großer Geste über die Weltgeschichte und die Männer die Geschichte gemacht haben. (man gönne sich ein paar Minuten https://youtu.be/XqoVJBI3iEE) Kostprobe: „In der Schicksalsidee offenbart sich die Weltsehnsucht einer Seele, ihr Wunsch nach dem Licht, dem Aufstieg, nach Vollendung und Verwirklichung ihrer Bestimmung ... und erst der späte, wurzellose Mensch der großen Städte mit seinem Tatsachensinn und der Macht seines mechanisierenden Denkens über das ursprüngliche Schauen verliert sie aus den Augen, bis sie in einer tiefen Stunde mit furchtbarer, alle Kausalität der Weltoberfläche zermalmender Deutlichkeit vor ihm steht. Das Buch erschien im September 1918 wenige Wochen vor Ende des Ersten Weltkriegs und brachte offenbar die diffuse Stimmung des Untergangs zum Ausdruck. Es wurde zum Bestseller.
Gegen die moderne Erzählung, die Geschichte als Geschichte des Fortschritts versteht, vertritt Spengler eine biologistische Zyklentheorie. Kulturen sind für ihn quasi-organische Gebilde – auf den Aufstieg einer Kultur folgen Reifungs-, Vergreisungsprozess und dann Untergang - mit einer Lebensdauer von etwa 1000 Jahren. Die Zyklen prägen die das Denken und Handeln der Individuen. Politik ist für ihn dabei das Werk „großer Männer“, die aber dem Schicksal unterworfen sind. Das Volk betrachtete er als Ansammlung von Nörglern. Bereits 1919 verunglimpfte er die Volksvertretung als „Biertisch höherer Ordnung“. Die parlamentarische Republik erschien ihm nicht als Staatsform, sondern als Firma, da der Handel den Staat beherrsche.
Spengler skizziert seine Idee von Geschichte so: „Wer weiß es, daß zwischen der Differentialrechnung und dem dynastischen Staatsprinzip der Zeit Ludwigs XIV., zwischen der antiken Staatsform der Polis und der euklidischen Geometrie, zwischen der Raumperspektive der abendländischen Ölmalerei und der Überwindung des Raumes durch Bahnen, Fernsprecher und Fernwaffen, zwischen der kontrapunktischen Instrumentalmusik und dem wirtschaftlichen Kreditsystem ein tiefer Zusammenhang der Form besteht?“ Robert Musil hat sich schon 1921 mit einer vernichtenden Persiflage über Spenglers Stil lustig gemacht: „Es gibt zitronengelbe Falter, es gibt zitronengelbe Chinesen. In gewisser Weise kann man also sagen, der Falter ist der geflügelte mitteleuropäische Zwergchinese. Falter und Chinese sind bekannt als Sinnbilder der Wollust. Zum ersten Mal wird hier der Gedanke an die noch nie beachtete Übereinstimmung des großen Alters der lepidopteren Fauna und der chinesischen Kultur gefasst. Dass der Falter Flügel hat und der Chinese keine, ist nur ein Oberflächenphänomen!“
Oswald Spengler hat dank einer Erbschaft den verhassten Schuldienst aufgeben können und sich zehn Jahre lang seinem großen Werk gewidmet. Spengler präsentierte sich darin als Universalgelehrter, doziert in langen, verschachtelten Sätzen eine Parade berühmter Namen. Seine Sprache ist orakelhaft. Das liest sich etwa so: „Eine unübersehbare Masse menschlicher Wesen, ein uferloser Strom, der aus dunkler Vergangenheit hervortritt, dort, wo unser Zeitgefühl seine ordnende Wirksamkeit verliert und die ruhelose Phantasie – oder Angst – in uns das Bild geologischer Erdperioden hingezaubert hat, um ein nie zu lösendes Rätsel dahinter zu verbergen; ein Strom, der sich in eine ebenso dunkle und zeitlose Zukunft verliert: das ist der Untergrund des faustischen Bildes der Menschengeschichte.“ Oder so: „Man ist der Geldwirtschaft müde bis zum Ekel. Man hofft auf eine Erlösung irgendwoher, auf einen echten Ton von Ehre und Ritterlichkeit, von innerem Adel, von Entsagung und Pflicht. Und nun bricht die Zeit an, wo in der Tiefe die formvollen Mächte des Blutes wieder erwachen, die durch den Rationalismus der großen Städte verdrängt worden sind.“
Die Fülle von Namen und die Ausflüge in Wirtschaft, Kunstgeschichte oder Biologie drängten den Eindruck auf, dass man es mit einem klugen Kopf zu tun haben müsse. Dass vieles in den Details falsch ist, tat der Begeisterung keinen Abbruch – bis 1926 wurden allein in Deutschland 100.000 Exemplare von Spenglers „Untergang des Abendlandes“ verkauft. Seine Botschaft, so schlicht und wenig fachlich begründet sie war, traf den Zeitgeist: Der Niedergang der Monarchie ist für ihn schicksalhaft, die Herrschaft des Geldes und der Presse in der Demokratie sind für ihn Symptome der Dekadenz des Untergangs.
In seinem 1933 erschienen Buch „Jahre der Entscheidung“ führt weder die Theorie der Dekadenz noch den wolkigen Stil fort, sondern argumentiert deutlich konkreter. Das im Juli 1933 abgefasste Vorwort beginnt mit dem Satz: „Niemand konnte die nationale Umwälzung dieses Jahres mehr herbeisehnen als ich.“ Und das Buch endet mit den Sätzen: „Die faschistischen Gestaltungen dieser Jahrzehnte werden in neue, nicht vorauszusehende Formen übergehen und auch der Nationalismus heutiger Art wird verschwinden. Es bleibt als formgebende Macht nur der kriegerische, ‚preußische‘ Geist, überall, nicht nur in Deutschland. Das Schicksal, einst in bedeutungsschweren Formen und großen Traditionen zusammengeballt, wird in der Gestalt formloser Einzelgewalten Geschichte machen. Die Legionen Cäsars wachen wieder auf. Hier, vielleicht schon in diesem Jahrhundert, warten die letzten Entscheidungen auf ihren Mann. Vor ihnen sinken die kleinen Ziele und Begriffe heutiger Politik in nichts zusammen. Wessen Schwert hier den Sieg erficht, der wird der Herr der Welt sein. Da liegen die Würfel des ungeheuren Spiels. Wer wagt es, sie zu werfen?“
Da für Spengler die Geldwirtschaft, der Konsum und die Demokratie die Symptome der Dekadenz sind, analysiert er die USA als das dekadente Land schlechthin. Er fragt: „Sind die Vereinigten Staaten eine Macht, die Zukunft hat?“ Seine Analyse: „Flüchtige Beobachter redeten vor 1914 von unbegrenzten Möglichkeiten, nachdem sie sich ein paar Wochen lang umgesehen hatten, und die neue ‚Gesellschaft‘ Westeuropas nach 1918, aus Snob und Mob gemischt, schwärmt vom jungen, starken, uns weit überlegenen und schlechtweg vorbildlichen Amerikanertum, aber sie verwechseln Rekorde und Dollars mit der seelischen Kraft und Tiefe des Volkstums, die dazugehören, wenn man eine Macht von Dauer sein will, den Sport mit Gesundheit der Rasse und geschäftliche Intelligenz mit Geist. Was ist der ‚hundertprozentige‘ Amerikanismus? Ein nach dem unteren Durchschnitt genormtes Massedasein, eine primitive Pose oder ein Versprechen der Zukunft?“ Mit den Amerikanern ist kein Staat zu machen: „Sicher ist, daß es hier bisher weder ein wirkliches Volk noch einen wirklichen Staat gibt. (…) Der Amerikaner redet wie der Engländer nicht von Staat oder Vaterland, sondern von this country. In der Tat handelt es sich um ein unermeßliches Gebiet und um eine von Stadt zu Stadt schweifende Bevölkerung von Trappern, die in ihm auf die Dollarjagd gehen, rücksichtslos und ungebunden, denn das Gesetz ist nur für den da, der nicht schlau oder mächtig genug ist, es zu verachten.“ Um die Mitte des 20. Jahrhunderts, so prophezeit Spengler, wird „Amerika zerfallen sein“.
Dass die USA den von dem aufstrebenden Deutschland entfesselten Krieg gewinnen und ihre „dekadente“ Kultur so attraktiv ist, dass sie seit den 1920er Jahren weltweit dominant werden sollte, war für den eingebildeten Universalgelehrten unvorstellbar.
Spengler ist kein überzeugter Nazi. Schon 1925 hatte Spengler das Angebot von dem NSDAP-Gauleiter Gregor Strasser erhalten, an den „Nationalsozialistischen Monatsheften“ mitzuwirken. Er lehnte ab. In privaten Aufzeichnungen bezeichnete er die nationalsozialistische Rassenideologie als Weltanschauung für die „geistig Minderbemittelten“. Er vertrat eine eigene Rassentheorie – er spricht von Rasse „nicht in dem Sinne, wie er heute unter Antisemiten in Europa und Amerika Mode ist, darwinistisch, materialistisch nämlich. Rassereinheit ist ein groteskes Wort angesichts der Tatsache, daß seit Jahrtausenden alle Stämme und Arten sich gemischt haben“ (1933) Gerade „kriegerische, also gesunde, zukunftsreiche Geschlechter“, stellt er fest, hätten „von jeher gern einen Fremden sich eingegliedert … Es kommt nicht auf die reine, sondern auf die starke Rasse an, die ein Volk in sich hat.“ Der Fortschritt der Medizin „verhindert die natürliche Auslese und steigert dadurch den Rasseverfall“.
Trotz seiner deutlichen Nazi-kritischen Inhalte wird sein Buch Jahre der Entscheidung (erschienen im August 1933), nicht verboten. In Notizzettel für einen zweiten Band der Jahre der Entscheidung stellt Spengler den Nationalsozialismus auf eine Stufe mit dem Bolschewismus, der für ihn die größte Bewegung war, die für den Untergangs des Abendlandes stand. Im Juni 1933 erhielt Spengler einen Ruf an die Universität Leipzig, lehnte aber ab. Im Juli 1933 fand in Bayreuth eine Unterredung zwischen Spengler und Adolf Hitler statt, bei der aber nur eine gegenseitige Abneigung deutlich wurde. Spengler verachtete die Nazis wegen ihrer plebejischen Manieren, er verabscheute Gewalt in der Praxis.
Verzweifelt redet Spengler gegen den Trend der Emanzipation der Frau an. Schon im „Untergang des Abendlandes“ philosophiert er: „Der Mann erlebt das Schicksal und begreift die Kausalität, die Logik des Gewordnen nach Ursache und Wirkung. Das Weib aber ist Schicksal, ist Zeit, ist die organische Logik des Werdens selbst. (…) Der Mann macht Geschichte, das Weib ist Geschichte.“ 1933 erläutert er dann, dass mit der Emanzipation der Frau das Volk von Rasse untergeht: „Es kommt nicht auf die reine, sondern auf die starke Rasse an, die ein Volk in sich hat. Das zeigt sich zunächst in der selbstverständlichen, elementaren Fruchtbarkeit, dem Kinderreichtum, den das geschichtliche Leben verbrauchen kann, ohne ihn je zu erschöpfen. (…) Die Millionen Gefallener des Weltkrieges waren rassemäßig das Beste, was die weißen Völker hatten, aber die Rasse beweist sich darin, wie schnell sie ersetzt werden können. (…) Das Weib von Rasse will nicht ‚Gefährtin‘ oder ‚Geliebte‘ sein, sondern Mutter, und nicht die Mutter eines Kindes als Spielzeug und Zeitvertreib“. Schon „das bloße Nachdenken über die gewünschte oder gefürchtete Kinderzahl verrät den erlöschenden Trieb der Rasse. (…) Der Mann will tüchtige Söhne haben, die seinen Namen und seine Taten über den eigenen Tod hinaus in die Zukunft dauern und wachsen lassen“. In der Großstadt gehe es um „erotischen Appetit“, als „Genussmittel“, die „weibische Nächstenliebe“ verdrängt den kriegerischen Männergeist. „Der Sinn von Mann und Weib geht verloren, der Wille zur Dauer. Man lebt nur noch für sich selbst, nicht für die Zukunft von Geschlechtern. Die Nation als Gesellschaft, ursprünglich das organische Geflecht von Familien, droht sich von der Stadt her in eine Summe privater Atome aufzulösen, deren jedes aus seinem und dem fremden Leben die größtmögliche Menge von Vergnügen – panem et circenses – ziehen will.
Nicht mit allen spekulativen Prophezeiungen lag Spengler daneben. Einen Krieg gegen Russland, so prophezeit er 1933, könne Deutschland nicht gewinnen.
1936 starb er an Herzversagen.
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