Klaus Wolschner                    Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

www.medien-gesellschaft.de


III
Medien
-Theorie

2 AS Cover

Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
 Bild-Magie
ISBN 978-3-7418-5475-0
 

2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert
des Auges:

Virtuelle Realität
der Schrift
ISBN 978-3-7375-8922-2

2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen
ISBN 978-3-746756-36-3

POP 55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

ISBN: 978-3-752948-72-1
 

cover KMB 230

Konsumismus   Macht  Geschichte. 
Wir konsumieren, also bin ich –  persönliche Identität und
gesellschaftliche Politik
im Zeitalter des Konsumismus
 
ISBN: 9783819058455

 

Zu

Frith Mauthner

Schon bei Lazarus Geiger (1868) gibt es den Hinweis, dass die Abstraktionsleistung, die zur Herausbildung von Sprachlauten führt, nicht vorstellbar ist als Klangnachahmung oder als symbolisches Fixieren von Tast-Erfahrungen. Sprache, so unterstrich Fritz Mauthner in seiner „Kritik der Sprache“ um die Wende zum 20. Jahrhundert, bezeichnet nicht etwas bloß Gehörtes, repräsentiert nicht das Gehörte, sondern in erster Linie das Gesehene. Das Wort „Löwe“ ist keine Lautmalerei aus der Panik der Erscheinung eines Löwen, sondern ein emotionslos konstruiertes Lautzeichen und ein Wort-Bild, dem ein inneres Bild entspricht. Die Sprache übersetzt aus einer Sinnengruppe in die andere und dabei geht viel von den Emotionen verloren, die in der ursprünglichen sinnlichen Wahrnehmung vorhanden waren. Seine leiblichen Empfindungen kann der Mensch akustisch unmittelbar nur als Lautmalerei ausdrücken, etwa im Schrei. In seiner Sprache erscheint die leibliche Empfindung in abstrakte Klangformen übersetzt, die Sprache benennt sehr eindeutig auch die uneindeutigen Elemente der Lebensumwelt und reduziert damit ihre diffus-vielfältige Bedeutung. Das ist der Unterschied zwischen einem Affektlaut und den Worten: „Das hat mir sehr weh getan.“

Die „Wortkunst“ (Fritz Mauthner) des abstrahierende Denken wurde in der Achsenzeit zum Kennzeichen und symbolischen Herrschaftsmittel von religiösen und politischen Eliten, sie wurde gleichzeitig aber auch zum Charakteristikum der griechischen Philosophie, die sich als argumentative Kultur entwickelte und so die Grundlagen des modernen Denkens schuf.

Fritz Mauthner (1849 - 1923) postulierte, Erkenntniskritik sollte ganz zur Sprachkritik werden: „Kritik der Vernunft muß Kritik der Sprache werden. Alle kritische Philosophie ist Kritik der Sprache."
Die „Philosophie" war für Mauthner eine Arbeit an abstrakten Begriffen, die es einem leicht mache, in „skeptische Resignation" darüber zu verfallen, was wir überhaupt wissen können. Hoffnungslos der Versuch,  „seine Welt von der Tyrannei der Sprache erlösen“ zu wollen. 
In der Tradition des mittelalterlichen Nominalismus untersuchte Mauthner die sprachlichen Abstraktionen, die sich dennoch in der Realität bestimmend auswirken; er nannte das Wortaberglauben. Mauthner bekämpfte „die absurden Ungeheuer der Sprache". Der Fortschritt der Menschheit (Aufklärung) hänge davon ab, wie sehr sie ihre eigenen Wortfetische erkennen und damit ihre gesellschaftliche Konstruiertheit durchschauen kann.

Fritz Mauthner hat (1919) die Frage aufgeworfen, „was in der Seele derjenigen Leute vorgegangen sein mag, die die Sprache ihres Volkes zum ersten Mal mit Hilfe eines auswärtigen Alphabets niederschrieben.“
Die neue Schriftsprache war für das ungebildete (Land-)Volk die Sprache der städtischen Gebildeten und bedeutete eine Erweiterung seines Horizonts. Die „mueterliche“ Volkssprache war auf die Lebensumstände im „Unmittelbaren und Lokalen“ beschränkt, der Sprachlernprozess eines (normal, also nicht lateinisch gebildeten) Erwachsenen des späten Mittelalters war mit sieben Jahren abgeschlossen. Das ist das Alter, in dem heute Kinder für schulreif erklärt werden.

Karl Bühler sprach von der „Verselbständigungstreppe“ der Symbolbedeutungen: Besondere Sprachwerke sind dann die abstrakten Überlegungen auf der Basis von Sprachgebilden. „Wortrealismus“ (Fritz Mauthner) entsteht. Nach der platonischen Ideenlehre haben abstrakte Vorstellungen eine objektive Wirklichkeit. Für Platon hatten „Ideen“ Wirklichkeit, die Phänomene waren für ihn nur Beispiele für die Ideen. „Das Schöne an sich“, „das Gerechte“, „der Kreis an sich“ oder „der Mensch an sich“ bezeichnen die eigentliche metaphysische Wirklichkeit dar, der sich der Mensch nicht betrachtend, sondern nur philosophierend nähern kann. Voraussetzung für dieses Denken war die Emanzipation der Sprache aus der Welt des Sichtbaren durch das phonetische Alphabet.

„Wir haben nur Worte, wir wissen nichts" (Mauthner). Es gibt weder eine Ursprache noch eine Idealsprache, nur der jeweilige Gebrauchsaspekt der Sprache zählt. Damit stellte sich Mauthner in die Tradition der großen philosophischen und meist materialistischen Außenseiter, die das neunzehnte Jahrhundert hervorgebracht hat: Schopenhauer, Feuerbach, Marx, Nietzsche.