Klaus Wolschner                    Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

www.medien-gesellschaft.de


III
Medien
-Theorie

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Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
 Bild-Magie
ISBN 978-3-7418-5475-0
 

2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert
des Auges:

Virtuelle Realität
der Schrift
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2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen
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POP 55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

ISBN: 978-3-752948-72-1
 

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Konsumismus   Macht  Geschichte. 
Wir konsumieren, also bin ich –  persönliche Identität und
gesellschaftliche Politik
im Zeitalter des Konsumismus
 
ISBN: 9783819058455

 

Zu

Fritz Mauthner

2026

Fritz Mauthner, ein Bewunderer von Ernst Mach, war der erste Denker des 20. Jahrhunderts, der radikal die Erkenntnisfunktion der Sprache infrage gestellt und Metaphysik und Philosophie als bloßen Wortaberglauben kritisierte.

Geboren 1849 in Horschitz (Hořice) im nordöstlichen Böhmen wuchs er in Prag auf. Er wurde Theaterkritiker, übersiedelte 1876 nach Berlin, wo er für verschiedenen Zeitungen arbeitete. Daneben entstand sein Hauptwerk „Beiträge zu einer Kritik der Sprache“, das 1901 und 1902 in drei Bänden erschien. Später lebte er bis zu seinem Tode 1923 am Bodensee in Meersburg.

Zu Lebzeiten war er mehr für seine früheren „Parodistischen Studien - Nach berühmten Mustern“ bekannt (1878 und 1880) und für seine historischen Romane, etwa „Hypatia”.

Mauthner steht in die Tradition der großen philosophischen und meist materialistischen Außenseiter, die das neunzehnte Jahrhundert hervorgebracht hat: Schopenhauer, Feuerbach, Marx, Nietzsche. Schon bei Lazarus Geiger (1868) gibt es den Hinweis, dass die Abstraktionsleistung, die zur Herausbildung von Sprachlauten führt, nicht vorstellbar ist als Klangnachahmung oder als symbolisches Fixieren von Tast-Erfahrungen.

Sprache, so unterstrich Fritz Mauthner in seiner „Kritik der Sprache“ (1901/2), bezeichnet nicht etwas bloß Gehörtes, repräsentiert nicht das Gehörte, sondern in erster Linie das Gesehene. Das Wort „Löwe“ ist keine Lautmalerei aus der Panik der Erscheinung eines Löwen, sondern ein emotionslos konstruiertes Lautzeichen und ein Wort-Bild, dem ein inneres Bild entspricht. Die Sprache übersetzt aus einer Sinnengruppe in die andere und dabei geht viel von den Emotionen verloren, die in der ursprünglichen sinnlichen Wahrnehmung vorhanden waren. Seine leiblichen Empfindungen kann der Mensch akustisch unmittelbar nur als Lautmalerei ausdrücken, etwa im Schrei. In seiner Sprache erscheint die leibliche Empfindung in abstrakte Klangformen übersetzt, die Sprache benennt sehr eindeutig auch die uneindeutigen Elemente der Lebensumwelt und reduziert damit ihre diffus-vielfältige Bedeutung. Das ist der Unterschied zwischen einem Affektlaut und den Worten: „Das hat mir sehr weh getan.“

Die Sprache ist für Mauthner also nicht ein Abbild, sondern schon Prägung, Weltbild, das uns in bestimmte Gedankenbahnen drängt, auch wenn das nicht bewusst wird: „Die Sprache ist ein Werkzeug, mit dem sich die Wirklichkeit nicht fassen läßt."

Die Sprache ist dabei ein - wenn auch unvollkommenen – Mittel der Verständigung, Menschen verleihen der Sprache ihre Bedeutung: „Zwei Individuen verständigen sich miteinander, weil die Sprachgewohnheiten eines jeden von ihnen denen des anderen ähnlich sehen.“ Sprache und Vernunft seien etwas „zwischen den Menschen“, also „soziale Erscheinungen. Vielleicht auch nur: als wie eine Spielregel. Kritik der Vernunft muß Kritik der Sprache werden. Alle kritische Philosophie ist Kritik der Sprache."

Vor allem die Substantive hatte Mauthner im Visier, sie schaffen eine „substantivische Scheinwelt, von der das Gedächtnis der Menschheit nichts wusste, bevor es sich das Wort angeschafft hatte“. Die Welt der Substantive ist die Welt der metaphysischen Dinge, der Götterdinge und der Teufelsdinge, der personifizierten -heiten”, „-keiten” und „-schaften” und der personifizierten Kausalursachen. Mit Hilfe der Sprache projizieren wir „empirische Dinge" auf diese Substantive. Mauthner nimmt als Beispiel das Substantiv „Zeit”. Das Wort  spiegelt uns ein Medium vor, es kann „uns in die Irre führen“, ist ein Phantom.  Mauthner nennt das „Wortrealismus“. Begriffe wie „Seele”, „Geist” und ähnliche Worte schaffen eine rein mentale, modern würde man sagen: virtuelle Realität.

Elisabeth Leinfellner nimmt als Beispiel den Satz: „Der Mond geht über dem Fluss auf.“ Eine tausendfach beobachtete und beschriebene Selbstverständlichkeit. Und doch geht der Mond nicht „auf“ und schon gar nicht über dem Fluss. Gerade mit den traumhaft-irrationalen Worten und Sätzen beschreiben Menschen ihre Wirklichkeit, davon lebt die Dichtung. Die Idee einer rationalen Gesetzlichkeit des sprachbasierten Denkens muss all diese Menschlichkeit der Kommunikation aus der Sprache verbannen.  

Die „Wortkunst“ (Fritz Mauthner) des abstrahierende Denken wurde in der Antike („Achsenzeit“) zum Kennzeichen und symbolischen Herrschaftsmittel von religiösen und politischen Eliten, sie wurde gleichzeitig aber auch zum Charakteristikum der griechischen Philosophie, die sich als argumentative Kultur entwickelte und so die Grundlagen des modernen Denkens schuf. Für Platon hatten „Ideen“ Wirklichkeit, die Phänomene waren für ihn nur Beispiele für die Ideen. „Das Schöne an sich“, „das Gerechte“, „der Kreis an sich“ oder „der Mensch an sich“ bezeichnen die eigentliche metaphysische Wirklichkeit dar, der sich der Mensch nicht betrachtend, sondern nur philosophierend nähern kann. Voraussetzung für dieses Denken war die Emanzipation der Sprache aus der Welt des Sichtbaren durch das phonetische Alphabet.

In der Tradition des mittelalterlichen Nominalismus untersuchte Mauthner die sprachlichen Abstraktionen, die sich dennoch in der Realität bestimmend auswirken; er nannte das „Wortaberglauben“. Mauthner bekämpfte „die absurden Ungeheuer der Sprache". Der Fortschritt der Menschheit (Aufklärung) hänge davon ab, wie sehr sie ihre eigenen Wortfetische erkennen und damit ihre gesellschaftliche Konstruiertheit durchschauen kann.

Fritz Mauthner hat (1919) die Frage aufgeworfen, „was in der Seele derjenigen Leute vorgegangen sein mag, die die Sprache ihres Volkes zum ersten Mal mit Hilfe eines auswärtigen Alphabets niederschrieben.“
Die neue Schriftsprache war für das ungebildete (Land-)Volk die Sprache der städtischen Gebildeten und bedeutete eine Erweiterung seines Horizonts. Die „mueterliche“ Volkssprache war auf die Lebensumstände im „Unmittelbaren und Lokalen“ beschränkt, der Sprachlernprozess eines (normal, also nicht lateinisch gebildeten) Erwachsenen des späten Mittelalters war mit sieben Jahren abgeschlossen. Das ist das Alter, in dem heute Kinder für schulreif erklärt werden.

Mauthner schrieb später ein mehrbändiges Buch mit dem Titel: „Der Atheismus und seine Geschichte im Abendlande" (1920/23), und fand seine Zuflucht in einer gottlosen Mystik des Tao. 1924 erschien sein letztes Werk: „Gottlose Mystik".

Mauthner und Wittgenstein

Ludwig Wittgenstein hat Mauthners Werk besser gekannt als er zugibt.  In seinem „Tractatus“ formulierte er eher beiläufig einen negativen Bezug auf Mauthner: „Alle Philosophie ist ‚Sprachkritik‘. (Allerdings nicht im Sinne Mauthners.)“ (Tractatus 4.0031)  Aber Wittgenstein hat bekanntlich seine Ansichten über die Sprache zwischen dem „Tractatus” und seinen späteren Schriften revidiert und sich der Sprachkritik Mauthners weitgehend angenähert. Wittgenstein vertrat im „Tractatus” die These, dass es ein logisches Bild der Welt gäbe, und dass die logische Struktur der Sprache eben dieses Bild sei. In den „Philosophischen Untersuchungen“ formulierte er 15 Jahre später: „Je genauer wir die tatsächliche Sprache betrachten, desto stärker wird der Widerstreit zwischen ihr und unserer Forderung. (Die Kristallreinheit der Logik hatte sich mir ja nicht ergeben; sondern sie war eine Forderung.) (...) Wir sind aufs Glatteis geraten, wo die Reibung fehlt (...) Wir wollen gehen; dann brauchen wir die Reibung. Zurück auf den rauhen Boden!“ (Philosophische Untersuchungen, Teil 1, § 107)