Klaus Wolschner                    Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

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III
Medien
-Theorie

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Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
 Bild-Magie
ISBN 978-3-7418-5475-0
 

2 VR Titel

Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
menschliche
Wirklichkeits-Konstruktion
im  Jahrhundert
des Auges:

Virtuelle Realität
der Schrift
ISBN 978-3-7375-8922-2

2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen
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POP 55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

ISBN: 978-3-752948-72-1
 

cover KMB 230

Konsumismus   Macht  Geschichte. 
Wir konsumieren, also bin ich –  persönliche Identität und
gesellschaftliche Politik
im Zeitalter des Konsumismus
 
ISBN: 9783819058455

 

Respektlose Bemerkungen
zu der kulturellen Evolution des Menschen und zur Technikkritik insbesondere bei

Günther Anders (Stern)

Günther Anders und die „Antiquiertheit des Menschen“

Die Formel von der „Antiquiertheit des Menschen“ ist in den 1950er Jahren zu einem Schlagwort geworden, nachdem Günther Anders (Stern) sein gleichnamiges Buch veröffentlicht hat. Sie passte nicht in die technikbegeisterte Zeit, die Menschen lernten gerade die Waschmaschine und den Fernseh-Apparat lieben.  Anders kontert, aufgrund der Arbeitsteilung seien die Menschen nur noch Rädchen in einem großen Apparat, schreibt Anders, der Mensch mache sich abhängig von seinen Apparaten, denn er sei, „was Kraft, Tempo, Präzision betrifft, seinen Apparaten unterlegen. Er müsse eine geradezu „prometheische Scham“ empfinden. Und: „Sein Traum wäre es natürlich, seinen Göttern: den Apparaten, gleich zu werden.“ Anders sieht Mitte der 1960er Jahre gar ein „technisch-totalitäre Reich“ nahen. Jeder könne so zu einem Eichmann werden. Anders appelliert an den Menschen, seinen Subjektstatus gegenüber der Maschine zurückgewinnen.

Günther Anders und die „Antiquiertheit des Menschen“

Für Günther Anders (1902-1992), einen Schüler Heideggers, ist der Mensch geradezu antiquiert im Verhältnis zur Technik - unfähig, die Folgen seiner eigenen Schöpfungen zu überblicken oder zu beherrschen. Sein Lebenswerk über die „Die Antiquiertheit des Menschen“, im amerikanischen Exil begonnen und 1980 mit einer Kritik des Fernsehens fortgesetzt, blieb unvollendet.

Sein Grundgedanke, der die Technik-Kritik konservativer Kreise aufnimmt: Technik ist nicht einfach Mittel. Es gibt nicht die Freiheit, sie zu nutzen oder nicht zu nutzen. Mit jedem neuen Gerät setzt ein Nutzungs- und Konsumzwang ein, dem man sich kaum verschließen kann. Die Geräte sind keine Mittel mehr, die zu benutzen die Menschen frei wären. Die technisierte Welt macht den Erwerb immer neuer Geräte notwendig. Produkte stillen nicht Bedürfnisse, sondern wecken diese erst. Man kauft nicht, was man braucht, sondern man benötigt, was man gekauft hat. Der Mensch will mit der Maschine konform sein, doch der Leib spielt nicht mit. Der Mensch empfindet sich gegenüber seinen perfekten Produkten als eine fehlerhafte Konstruktion, als unvollkommen und antiquiert. Anders nennt das die „prometheische Scham“.

Günther Anders verbindet seine Technik-Kritik zudem mit der Kritik des Konsumzwanges: „Gerade in demjenigen Lande, in dem die Freiheit des Individuums großgeschrieben wird“, gebe es gewisse ‚Muß-Waren'. „Diese Rede von ,musts' ist aber vollkommen berechtigt: denn das Fehlen eines einzigen solchen ,,must"-Geräts bringt die gesamte Lebensapparatur, die durch die anderen Geräte und Produkte festgelegt und gesichert wird, ins Wanken; wer sich die ,Freiheit' herausnimmt, auf eines zu verzichten, der verzichtet damit auf alle und damit auf sein Leben.“

Ikonomanie

Anders thematisiert mit dem Fernsehen auch das Phänomen der Bildersucht. Die technische Bilderflut verdränge das reale Erleben: Der Mensch lebe nicht mehr aus eigener Erfahrung, sondern in der „Phantom-Welt“ der medial produzierten Bilder. Die Welt wird zu einem „Abbild der Bilder“. 

Die Menschen werden Konformisten. Die Einzigartigkeit jedes Menschen wird durch die Medien abgeschliffen und gleichgeschaltet. In der Bilderwelt werde der Mensch zum Massenmenschen. Die „Masseneremiten“ können sich kaum noch zu einer gemeinsam agierenden Menge zusammenschließen. Sie werden passiv und unfähig zur Revolution. Ihre Knechtschaft wird Ihnen als Genuss verkauft, während die eigentlichen Genießer diejenigen sind, die am Konsum verdienen. Eine Flut von Ratgebern hilft dabei, mit sinnlosen Hobbys die Zeit zu vertreiben - verkauft als „Sinnsuche“. 

Fernsehen und Radio machen uns glauben, direkt das Geschehen übermittelt zu bekommen. Doch das Gerät lässt keine Interaktion zu. Wir können zuhören, aber nicht antworten.  „Das wirkliche Heim ist nun zum ‚Container‘ degradiert, seine Funktion erschöpft sich darin, den Bildschirm für die Außenwelt zu enthalten.“ Der Fernseher ist der neue Mittelpunkt des Heims, auf den sich die Familienmitglieder ausrichten. Die Ereignisse werden ins Haus geliefert, aber es sind keine echten Ereignisse mehr, sondern nur Bilder von Ereignissen. Das Ereignis wird durch seine Reproduktion zur Matrize für das Fernsehbild oder die Meldung. Die Schablone der Wirklichkeit wird also als Wirklichkeit ausgegeben. 
Nachdem Günther Anders 1936 in die USA emigriert war, verdiente er mit verschiedenen Jobs seinen Lebensunterhalt. Unter dem Eindruck der Arbeit am Fließband in einer Fabrik begann er Die Antiquiertheit des Menschen zu verfassen. Er stellte das Werk in den 1950er-Jahren in Wien fertig und bemerkte rückblickend, dass „überhaupt die falschen Jobs die richtigsten sind“, weil sie besondere Erfahrungen ermöglichen, die in akademischen Berufen nicht möglich wären. Nach dem Einsatz von Atombomben in Hiroshima und Nagasaki wurde für Anders die Atom-Technologie zum zentralen Gegenstand seiner Technik-Philosophie und -Kritik und in der technischen Nutzung der Atomphysik das Sinnbild seiner Technikkritik gesehen. Anders arbeitete über Jahre noch einen dritten Band, den er nicht vollendete. Die österreichische Zeitschrift Forvm veröffentlichte zu Anders’ Lebzeiten einige Artikel, die für diesen dritten Band vorgesehen waren.

Der Irrtum der Technikkritik

Insbesondere in der Debatte um die Künstliche Intelligenz, mit der die Sprache als humaner kultureller Kern-Kompetenz der Technik überantwortet wird, wird auf die Aktualität der Technik-Philosophie von Günther Anders verwiesen. Das zugrundeliegende Gedankenmuster, dass mit neuen technischen Entwicklungen ein gesellschaftlicher Zwang verbunden ist, sie zu nutzen, trifft allerdings schon für indogermanischen Ursprung von Technik zu, den Bau fester Wohnstätten – die Vorteile von Ackerbau und Vieh-Domestikation waren zwingend. Menschliche Gemeinschaften, die weiter als Wildbeuter lebten, galten vermutlich vor 10.000 Jahren schon als „antiquiert“.
Und nicht erst die Nutzung der Kernenergie, schon die Nutzung des Feuers war als Technik ambivalent – es konnte nützlich sein und zerstörerisch.

Neue Techniken waren immer schon zwingend, jedenfalls die, die der Menschheit Vorteile versprochen haben. Techniken, die sich nicht verallgemeinernd durchgesetzt haben, kennen wir normalerweise nicht.
Der weise Platon erklärte über die Schrift:
„Diese Erfindung wird der Lernenden Seelen vielmehr Vergessenheit einflößen aus Vernachlässigung des Gedächtnisses“,  „sie (werden) sich vielwissend dünken“, sind aber „dünkelweise geworden statt weise."
Der Name von Platon wäre allerdings heute keinem Schüler bekannt, hätte er mit seiner Ablehnung der Schrift-Kultur Erfolg gehabt.
Die katholische Kirche hat im 16. Jahrhundert verzweifelt versucht, die Folgen des Buchdrucks zu kontrollieren und einzudämmen – das biblische Motto „Selig sind die Armen im Geist" hatte keine Chance gegenüber der Eigendynamik der neuen Drucktechnik.
Und wer das „Weltwissen“ eines im Fernsehzeitalter aufgewachsenen Menschen vergleicht mit dem Allgemeinwissen von Menschen um die Wende zum 20. Jahrhundert, wird die Rede von der „Phantom-Welt“ der medial produzierten Bilder kaum nachvollziehen können. Übrigens: Auch die Menschen früherer Epochen bezogen nur einen winzigen Ausschnitt ihres Weltwissen aus der eigenen Erfahrung und eigenen Anschauung. Der wesentliche Teil des Wissens kam aus den Erzählungen anderer und letztlich aus Bücher-„Matrizen“.
Und auch die „Ikonomanie“ ist keineswegs ein neues Phänomen: Jeder herrschaftliche Bau, jede prunkvolle Kirche nutzt die „Ikonomanie“ der Menschen und schafft eine Phantomwelt der Bilder, in der eine technisch produzierte Schablone der Wirklichkeit als Wirklichkeit ausgegeben wird. 

Mit jeder neuen Technik erweitert der Mensch seine Möglichkeiten. Ohne Technik wäre er ein besonderes Tier. Das hat übrigens schon Protagoras formuliert: Der Mensch ist mit der natürlichen „technischen Weisheit“ nicht anders ausgestattet als ein Tier mit seinen Organen, erklärte er. Das bedeutet. Die technischen Geräte sind ein wesentliches Element der kulturellen Evolution des Menschen. Wer den Faustkeil der Technik zurechnet, muss das Bärenfell auch als Technik gelten lassen. nicht. Und auch die Fertigkeit, spezielle Schallwellen mit der Trommel zu erzeugen oder mit dem Mund so zu formen, dass komplexe Botschaften damit verbreitet werden können, gehört zu den frühen technischen Fertigkeiten, mit denen der Mensch seine organischen Mängel kompensiert und sich über die Tierwelt erhoben hat. Ohne seine Technik ist der Mensch nicht wirklich Mensch.

Typisch für die Technik-Kritik ist zudem, dass die Ergebnisse technischer Revolutionen früherer Epochen mit großer Selbstverständlichkeit als Teil eines menschlichen Naturzustandes vorausgesetzt werden. Auch Anders kritisiert nicht die Schriftkultur und oder die Erfindung des Feuers. Die kritischen Einwände beziehen sich auf die jeweils aktuellen Veränderungen, deren Folgen kaum überschaubar sind. Die Technikkritik reflektiert die Angst vor der offenen Frage, wie wir mit dem kaum Überschaubaren leben können. 

Geschichte der Technik und der Technik-Kritik

Der Mythos des Prometheus ist ein frühes Beispiel technischer Revolution und Technik-Kritik: Prometheus brachte den Menschen das Feuer - gegen den Willen der Götter (Zeus). Der Mensch eignete sich göttliche Kräfte an - die Kritik der menschlichen Hybris wurde den Göttern in den Mund gelegt.
Das ist ganz ähnlich wie beim Mythos der Vertreibung aus dem Paradies, die von Archäologen im Kontext des Übergangs vom Wildbeutertum zu Ackerbau und Viehzucht verortet wird. Adam und Eva begnügen sich nicht mit dem, was Gottes paradiesische Natur ihnen bot, sondern setzten auf eigenes Wissen und Können (beim Ackerbau). Das interpretierte die jüdische und dann die christliche Tradition als Gottferne, Verderbtheit und Sünde.
Mit seiner kulturellen Evolution macht sich der Mensch auf den Weg zum „Prothesengott”, hat Sigmund Freud 1930 formuliert
.

Das Wort „Technik“ geht auf das griechische „techne“ zurück, das ein breites Bedeutungsfeld von Kunst, Handwerk, Fertigkeit und Wissen hatte. Die indogermanische Wurzel bedeutet eher „flechten", „zusammenfügen", „verbinden". In seinen indogermanischen Ursprüngen bezog sich das Wort auf die Bearbeitung von Stein und Holz beim Bau eines Hauses, es ging darum, das Holzwerk des Hauses zusammenzufügen bzw. zu flechten. Die Etymologie verweist somit auf die neolithische Revolution, den Übergang von einer Gesellschaft der Jäger und Sammler zu einer Gesellschaft der Bauern mit fester Behausung. In den Häusern konnte man Vorräte sammelten, es wurden technische Instrumente für die Bearbeitung des Bodens erfunden und Tieren domestiziert.
Schon die neolithische Revolution entspricht also dem, was die Technikkritik des 19. und 20. Jahrhunderts beschreibt: Der Mensch erfindet Techniken, die größer sind als seine Hand und sein Geist, deren Folgen er weder körperlich noch geistig beherrschen kann – Kulturtechniken, die sich hm aufzwingen und ohne die das gemeinschaftliche Leben bald kaum noch denkbar ist.
Mit ihren handwerklichen Techniken beschaffen sich die Menschen ihre Nahrung. Zur kulturanthropologischen Technik gehört aber ganz wesentlich die Sprache (Klang und Wort) und die Kunst, Bildnisse der Götter herzustellen.

Die Technikkritik ist also alt wie die Technik, und warf immer die Frage auf, wie sehr sich der Mensch über sein traditionelles Menschsein erhebt. Schon die Nutzung des Feuers ist dabei keine Imitation von Naturprozessen, sondern eine freie Schöpfung, mit der der Mensch sich über die Natur erhebt.
Die Erfindung der Räder-Uhr im Mittelalter war eine technische Revolution, die das koordinierte Zusammenleben der Menschen in größeren Gemeinschaften ermöglichte. Noch wichtiger war die philosophische Dimension – das neue lineare Verständnis von Zeit. Die Uhr war zudem ein Mechanismus, der, einmal angestoßen, ohne äußere Eingriffe lief. Die Metapher vom Uhrmacher wurde zu einem neuen theologischen Sinnbild einer Schöpfung, die nicht dauernder göttlicher Eingriffe bedarf.

Die meisten philosophischen antiken Denker sahen die praktische Technik als minderwertig an im Verhältnis zu „ihrem“ theoretischen Wissen (Philosophie, Mathematik). Platon etwa äußerte Bedenken, dass Techniken das Leben zu sehr vereinfachen und die Menschen träge machen könnten. Er formulierte die Sorge, dass technischer Fortschritt zu Luxus damit zu einer Abhängigkeit führen könne, der moralischen oder politischen Verfall bedeute.

Mit der neuzeitlichen Industrialisierung wurde die Technik-Kritik zu einer wichtigen philosophischen Strömung des 20. Jahrhunderts. Friedrich Georg Jünger, der Bruder von Ernst Jünger, veröffentlichte 1939 seine „Perfektion der Technik". Technik war für ihn entfesselte Macht sieht, die den Menschen überrollt und die Welt entzaubert.

Zehn Jahre später formulierte Martin Heidegger in seinem Bremer Vortrag (Die Frage nach der Technik, 1949) sein Konzept des „Gestells“. Modernen Technik sei nicht einfach Werkzeug, sondern eine grundlegende Art und Weise, wie sich der Mensch alles verfügbar machen will und damit in eine instrumentelle Weltsicht gedrängt wird. Das „wahre“ Wesen der Dinge und des Seins werde, so Heidegger, dadurch verdeckt.

Adorno und Horkheimer hatten schon in der „Negativen Dialektik (1944) festgestellt, dass die Technik nicht neutral sei, sondern untrennbar mit Herrschaft verbunden. In Form der „Kulturindustrie" untergrabe die moderne Technik das kritische Denken der Menschen und ersetzt Subjektivität durch Konsum. Die reine „instrumentelle Vernunft" führe zu Selbstzerstörung und Barbarei.

Günther Anders hat sich seit dem Einsatz von Atombomben in Hiroshima auf die Kampagne gegen die Nutzung der Kernenergie konzentriert und in der technischen Nutzung der Atomphysik das Sinnbild seiner Technikkritik gesehen, weil die das Potential der Zerstörung und Auslöschung des Menschen hat.