Klaus Wolschner                    Texte zur Geschichte und Theorie von Medien & Gesellschaft

Über den Autor

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III
Medien
-Theorie

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Wie wir wahrnehmen,
was wir sehen:

Augensinn und
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Über die Mediengeschichte der Schriftkultur und ihre
Bedeutung für die
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Wirklichkeits-Konstruktion
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Virtuelle Realität
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2 GG Titel

Über religiöse Körpergefühle und die kommunikative Kraft
der großen Götter von Christentum, Islam und Moderne:
Wie Glaubensgefühle
Geschichte machen
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POP 55

Über traditionelle
Herrschafts-Kommunikation
und neue Formen der
Medien-Demokratie:
Wenn der Pöbel
online kommt

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Konsumismus   Macht  Geschichte. 
Wir konsumieren, also bin ich –  persönliche Identität und
gesellschaftliche Politik
im Zeitalter des Konsumismus
 
ISBN: 9783819058455

 

Respektlose Bemerkungen zu

Immanuel Kant 

2025-n

Aude sapere! „Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!" Der Philosoph Immanuel Kant machte den Satz zum Leitspruch der Aufklärung. „Selbstverschuldet“ sei die Unmündigkeit, ein zentraler Begriff in Immanuel Kants Aufklärungsschrift, beschreibt die Unfähigkeit des Menschen, wenn er aufgrund von „Faulheit, Feigheit oder Bequemlichkeit“ sein Denken anhängig macht von Autoritäten wie Staat oder Kirche. 

Kant und die Frau(en)

Aber wie denkt ein Philosoph wie Kant, wenn er nicht mit abstrakten Begriffen jonglieren kann, sondern über die Wirklichkeit nachdenken sollte? Zum Beispiel über die Frauen? Kant hatte sicherlich allen Grund, darüber nachzudenken und seine Vernunft zu erproben, blieb er doch sein Leben lang Junggeselle. 

In der Bewertung des Aufklärers Immanuel Kant und seines „aufgeklärten Denkens“ wird seine Misogynie meist wortlos übergangen. Auffallend sind seine hasserfüllten und verächtlichen Äußerungen selbst bzw. gerade über gelehrte Frauen. Offensichtlich hat er wahrgenommen, dass die meisten Frauen sich „unmündig“ verhalten, dass es aber durchaus nicht in ihrer Natur zu liegen scheint – es gab auch aufgeklärte Frauen! Was tun, was denken angesichts dieses Befundes?

„Was die gelehrten Frauen betrifft: so brauchen sie ihre Bücher etwa wie ihre Uhr, nämlich sie zu tragen, damit gesehen werde, daß sie eine haben; ob sie zwar gemeiniglich stillsteht...", heißt es in seiner „Anthropologie in pragmatischer Hinsicht“ (1798). Sein Vorurteil von den vernunftlosen Weibern war durch keine Vernunft zu erschüttern.

„Ein andermal in meinem Beisein, da eben ein Gespräch über Zubereitung der Speisen etwas ausführlich ward, sagte ihm eine würdige auch von ihm sehr geschätzte Dame: ‚Es ist doch, lieber Herr Professor, wirklich, als ob sie uns alle bloß für Köchinnen ansehen‘”, berichtet Kants Schüler, Freund und später Biograph Reinhold Bernhard Jachmann.

Kann man Kant mit dem Hinweis entschuldigen, er sei eben Kind seiner Zeit gewesen? Keineswegs. Sein Denken fasziniert bis heute, weil es eben weit über seine Zeit hinausging. Uns es gab in seiner Zeit laute Stimmen, die weniger rassistisch und frauenfeindlich waren.

Der „Zeitgeist“ kann Kants Gedankenlosigkeit nicht entschuldigen. Vielleicht hat Kant die französische Diskussion über die Gleichberechtigung der Frau nicht gekannt, vielleicht nicht Olympe de Gouges, die 1791 die „Die Rechte der Frau und Bürgerin" proklamieren wollte. Aber diese Gedanken sind bis Königsberg gekommen, sicher Kant den Stadtpräsident von Königsberg gekannt, den Schriftsteller und Sozialkritiker der Aufklärung. Er gilt als Freund Kants. Und schrieb in 1792 „Über die bürgerliche Verbesserung der Weiber“. Da heißt es ganz schlicht und vernünftig: „Wenn die Weiber mit den Männern von der Natur zu gleichen Rechten berufen sind; wenn sie sich im Besitz von gleichen Körper- und Geistesanlagen befanden und zum Teil noch befinden: wo, wann und wie entstand denn die Überlegenheit des Mannes über das Weib?“

In der „Anthropologie” äußert er sich über das weibliche Geschlecht wie folgt:
„Weibliche Tugend oder Untugend ist von der männlichen, nicht sowohl der Art als der Triebfeder nach, sehr unterschieden.- Sie soll geduldig, er muß duldend sein. Sie ist empfindlich, er empfindsam.- Des Mannes Wirtschaft ist Erwerben, die des Weibes Sparen. – Der Mann ist eifersüchtig, wenn er liebt; die Frau auch ohne daß sie liebt; weil so viel Liebhaber, als von anderen Frauen gewonnen worden, doch ihrem Kreise der Anbeter verloren sind. – Der Mann hat Geschmack für sich, die Frau macht sich zum Gegenstande für jedermann. – ‚Was die Welt sagt, ist wahr, und was sie tut, ist gut‘, ist ein weiblicher Grundsatz, der sich schwer mit einem Charakter, in der engen Bedeutung des Wortes vereinigen läßt.” (S.654).

Auffallend ist, dass seine Erörterung von der „Natur“ der Frau und zur Ehefrage in demselben Duktus formuliert sind wie die über Geist und Vernunft.

In seiner Metaphysik der Sitten (1797) heißt es in § 26:
„Wenn daher die Frage ist: ob es auch der Gleichheit der Verehlichten als solcher widerstreite, wenn das Gesetz von dem Manne in Verhältnis auf das Weib sagt: er soll dein Herr (er der befehlende, sie der gehorchende Teil) sein, so kann dieses nicht als der natürlichen Gleichheit eines Menschenpaares widerstreitend angesehen werden, wenn dieser Herrschaft nur die natürliche Überlegenheit des Vermögens des Mannes über das weibliche in Bewirkung des gemeinschaftlichen Interesse des Hauswesens und des darauf gegründeten Rechts zum Befehl zum Grunde liegt, welches daher selbst aus der Pflicht der Einheit und Gleichheit in Ansehung des Zwecks abgeleitet werden kann.“

Aufschlußreich für die Anschauungen Kants über das weibliche Geschlecht ist der dritte Abschnitt der „Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen” (1764), wo er im Rahmen seines Themas den Gegensatz zwischen dem Erhabenen und Schönen auf die Charakteristik der Geschlechter anwendet. Das „Frauenzimmer” hat ein angeborenes und stärkeres Gefühl für das Schöne und Zierliche, liebt Scherz und Heiterkeit, Sittsamkeit und feinen Anstand, zieht das Schöne dem Nützlichen vor, hat einen schönen Verstand. Gleichzeitig macht er sich etwas lustig über gelehrte Frauen, indem er meint, dass ihre Wissenschaft nicht Mathematik oder Mechanik oder abstrakte Spekulationen, sondern vielmehr „der Mensch, und unter den Menschen der Mann”; ihre Weltweisheit „nicht Vernünfteln, sondern Empfinden” sein soll.

    Wörtlich im Kontext:
    „Zur Schönheit aller Handlungen gehört vornehmlich, daß sie Leichtigkeit an sich zeigen und ohne peinliche Bemühung scheinen vollzogen zu werden; dagegen Bestrebungen und überwundene Schwierigkeiten Bewunderung erregen und zum Erhabenen gehören. Tiefes Nachsinnen und eine lange fortgesetzte Betrachtung sind edel, aber schwer und schicken sich nicht wohl für eine Person, bei der die ungezwungene Reize nichts anders als eine schöne Natur zeigen sollen. Mühsames Lernen oder peinliches Grübeln, wenn es gleich ein Frauenzimmer darin hoch bringen sollte, vertilgen die Vorzüge, die ihrem Geschlechte eigenthümlich sind, und können dieselbe wohl um der Seltenheit willen zum Gegenstande einer kalten Bewunderung machen, aber sie werden zugleich die Reize schwächen, wodurch sie ihre große Gewalt über das andere Geschlecht ausüben. Ein Frauenzimmer, das den Kopf voll Griechisch hat, wie die Frau Dacier, oder über die Mechanik gründliche Streitigkeiten führt, wie die Marquisin von Chastelet, mag nur immerhin noch einen Bart dazu haben; denn dieser würde vielleicht die Miene des Tiefsinns noch kenntlicher ausdrücken, um welchen sie sich bewerben. Der schöne Verstand wählt zu seinen Gegenständen alles, was mit dem feineren Gefühl nahe verwandt ist, und überläßt abstracte Speculationen oder Kenntnisse, die nützlich, aber trocken sind, dem emsigen, gründlichen und tiefen Verstande. Das Frauenzimmer wird demnach keine Geometrie lernen; es wird vom Satze des zureichenden Grundes, oder den Monaden nur so viel wissen, als da nöthig ist, um das Salz in den Spottgedichten zu vernehmen, welche die seichte Grübler unseres Geschlechts durchgezogen haben. Die Schönen können den Cartesius seine Wirbel immer drehen lassen, ohne sich darum zu bekümmern, wenn auch der artige Fontenelle ihnen unter den Wandelsternen Gesellschaft leisten wollte, und die Anziehung ihrer Reize verliert nichts von ihrer Gewalt, wenn sie gleich nichts von allem dem wissen, was Algarotti zu ihrem Besten von den Anziehungskräften der groben Materialien nach dem Newton aufzuzeichnen bemüht gewesen. Sie werden in der Geschichte sich nicht den Kopf mit Schlachten und in der Erdbeschreibung nicht mit Festungen anfüllen; denn es schickt sich für sie eben so wenig, daß sie nach Schießpulver, als für die Mannspersonen, daß sie nach Bisam riechen sollen.
    Es scheint eine boshafte List der Mannspersonen zu sein, daß sie das schöne Geschlecht zu diesem verkehrten Geschmacke haben verleiten wollen. Denn wohl bewußt ihrer Schwäche in Ansehung der natürlichen Reize desselben, und daß ein einziger schalkhafter Blick sie mehr in Verwirrung setze als die schwerste Schulfrage, sehen sie sich, so bald das Frauenzimmer in diesen Geschmack einschlägt, in einer entschiedenen Überlegenheit und sind in dem Vortheile, den sie sonst schwerlich haben würden, mit einer großmüthigen Nachsicht den Schwächen ihrer Eitelkeit aufzuhelfen. Der Inhalt der großen Wissenschaft des Frauenzimmers ist vielmehr der Mensch und unter den Menschen der Mann. Ihre Weltweisheit ist nicht Vernünfteln, sondern Empfinden.“

Kants Antisemitismus

Von primitiven Vorurteilen und vulgären Anekdoten ist auch Kants Antisemitismus geprägt: „Die unter uns lebenden Palästiner sind durch ihren Wuchergeist... in den nicht ungegründeten Ruf des Betruges gekommen. ...eine Nation von lauter Kaufleuten..., deren bei weitem größter Teil, durch einen alten, von dem Staat in dem sie leben, anerkannten Aberglauben (!) verbunden, keine bürgerliche Ehre sucht, sondern dieser ihren Verlust durch die Vorteile der Überlistung des Volks, unter dem sie Schutz finden, und selbst ihrer untereinander ersetzen wollen..." (Anthropologie) 

Kants Hautfarben-Rassismus

Durch den Hinweis auf den Zeitgeist ist auch der Hautfarben-Rassismus des Königsberger Denkers nicht zu rechtfertigen: In seiner Vorlesung über „Physische Geographie“ (1755 und 1796) dozierte er: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent“. Schwarze Menschen seien noch „weit tiefer“ angesiedelt, „und am tiefsten steht ein Theil der amerikanischen Völkerschaften“. Kaum vorstellbar, dass Kant nichts wusste von dem Doktor der Philosophie Anton Wilhelm Amo (1727-1747), dem ersten schwarzen Philosophen an einer deutschen Universität. Unter seinen Zeitgenossen war der eine bekannte und geschätzte Persönlichkeit. Ein schwarzer Gelehrter an einer deutschen Universität wie Halle oder Jena, das war eine Sensation im Europa des 18. Jahrhunderts – und des Nachdenkens zur Überwindung selbstverschuldeter Unmündigkeit wert.

Als Kant 1785 den Aufsatz „Bestimmung des Begriffs einer Menschenrasse“ veröffentlichte, reagierte der damals 32-jährige Georg Forster mit einer heftigen Kritik. Forster, ein berühmter Ethnologen, Reiseschriftsteller, Revolutionär und der wohl meistgereiste Deutsche des 18. Jahrhunderts, warf Kant vor, der sei nie aus dem verschlafenen Königsberg herausgekommen sei. Kant habe sich in Dinge gemischt, von denen er nichts verstehe. Zudem kränkte Forster, dass Kant behauptet hatte, man könne sich von der „Hautfarbe der Südseeinsulaner“ keine Vorstellung machen – Forster hatte sie auf der Grundlage seiner Feldforschung beschrieben. Forster konnte mit Kants Transzendentalphilosophie nichts anfangen, er tat sie als „Ausgeburten des Verstandes ab und unterstrich die die Bedeutung von Anschauung, Erfahrung und Erleben.

Kant setzte sich in den Jahren nach 1786 mit der Kritik von Forster nicht auseinander, er ignorierte sie. Seine rassistische Sichtweise hat Kant später noch einmal vorgetragen. Den schwarzen Philosophen seiner Zeit, Anton Wilhelm Amo, ignorierte er geradezu und schwieg ihn tot. Kant setzte mit jener Institution, die in Preußen als „Leibeigenschaft“ bezeichnet wurde, auseinander: In der „Metaphysik der Sitten“ lehnte Kant Kriegsgefangenschaft als Grund für Leibeigenschaft grundsätzlich ab, umso mehr eine gar erbliche Leibeigenschaft der Nachkommen Kriegsgefangener. Umso erstaunlicher, dass Kant sich nie explizit mit der Sklaverei auseinandersetzte. Auch in seiner Vision eines Weltbürgerrechts (1795) gibt es keinen Gedanken an diejenigen, denen er in seinen Überlegungen über Frauen, Juden und nicht-weiße Menschen von der Mündigkeit ausgeschlossen hatte. Kant postulierte das angeborene Recht jedes Menschen auf Freiheit: „Eine jede Handlung ist recht, die oder nach deren Maxime die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetz zusammen bestehen kann. Kein Wort zu der Frage, ob diese Freiheit auch für Frauen, Juden oder nicht-weiße Weltbürger gilt.

Dieser weiße Fleck in Kants Denken verweist auf ein grundlegendes Defizit, die Reduktion des Menschen auf seine Vernunft. Für die soziale Einbettung der Menschen hat Kant keinen Sinn, nur daher kann er davon ausgehen, dass die

 Unmündigkeit (etwa der Frauen) selbstverschuldet sei. Welche Arroganz eines Mannes, der das Glück einer akademischen Bildung genießen konnte! Ein kurzer Gedanke an Anton Wilhelm Amo hätte ihn auf die Idee bringen können, dass die Hautfarbe nicht ursächlich sein kann für fehlender Bildung. Seine abfälligen Bemerkungen über die gebildeten Frauen als „Bartträger“ zeigen, dass Kant jedes Nachdenken über die Vorurteile seiner Zeit angewidert abgelehnt hat.